Maiheft 1960, Merkur # 147

Verrufener Fortschritt − Verkanntes Jahrhundert. Zur Kritik der Geschichtsphilosophie

von Jürgen Habermas
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»In dem Übergang vom Fortschritt von gestern zur Neuerung von heute kommt das nachcartesianische, nachneuzeitliche Weltbild klar zum Ausdruck.« Peter F. Druckers Studie, die gewiß nicht hält, was ihr Titel munter verspricht (Das Fundament für Morgen, Econ-Verlag, Düsseldorf 1958), ist dennoch als Selbstzeugnis jener neukonservativen Strategie von Interesse, die die Schlachtordnung des europäischen Bürgerkriegs, mit deren an Fortschritt und Rückschritt sich bildenden Fronten, überwunden zu haben glaubt. Der neue Konservatismus ist dem alten darin überlegen, daß er sich nicht länger ziert, von einem entwurzelten Baum der Aufklärung die Früchte zu ernten: der technizistische Optimismus der Teilplanung ist der anthropologischen Resignation vor dem überkommenen Ganzen integriert. Die wissenschaftlich geplanten »Neuerungen« in der Sphäre von Produktion und Konsum, auch die wissenschaftlich angeleiteten »Neuerungen« im Bereich der Verwaltung, rücken aus der Zone von Schrecken und Hoffnung heraus; sie erscheinen wie vom »Fortschritt« abgelöst − dem Wesen der Menschen und dem, was sie für wesentlich halten, schlechthin äußerlich. Die Prozesse technischer und organisatorischer Rationalisierung, denen Max Weber wertfrei diesen Namen gab, sind, wie es scheint, in der Ordnung, die sie hervorgebracht haben, selber zu einem Teil, zu einem verfügbaren Bestandteil geworden. Darum, meint Drucker, verstehen wir gar nicht mehr die Frage nach den Folgen solcher Veränderung − als ob sie überhaupt an die Substanz der menschlichen Natur, an »die Tragik im menschlichen Leben« rühren könnten: »Wir betrachten den Wechsel nicht als Änderung der Ordnung − weder zum Besseren noch zum Schlimmeren hin. Wir betrachten den Wechsel als Ordnung an sich.« Mit anderen Worten: die technisch-organisatorischen Fortschritte geben für das, was das 18. Jahrhundert unter Fortschritt verstand, nichts her. Die Idee des sozialen Fortschritts zerplatzt, wo sie als Moment der bestehenden Ordnung realisiert, in deren Rahmen zur »sozialen Neuerung« verplant wird. Diese »will traditionelle Werte, Glaubensbekenntnisse und Gewohnheiten für neue Leistungen einsetzen, oder alte Ziele auf neue, bessere Art erreichen.« Das einst revolutionäre Fortschrittsmotiv wird in der entschärften Gestalt der »Neuerung« zum Kern der Stabilisation. Zugleich widerfährt es dem Positivismus, nicht erst seit Comte ein Teil der Aufklärung, im Namen der Gegenaufklärung adoptiert zu werden. Die alten Prämissen des neuen Konservatismus, die unsere Geisteswissenschaften ihrem Ursprung aus dem romantischen Geist der Historischen Schule verdanken, können nun auch in die Gesellschaftswissenschaften eindringen.

Waren damals schon, in der Verfremdung des quellenkritischen Studiums, nicht ohne Anstrengung die traditionalistischen Ergebnisse als die organologischen Vorwegnahmen der vorausgesetzten Volksgeistlehre zu entziffern, um wie viel schwieriger ist die Identifizierung der erkenntnisleitenden Interessen heute, da sich der gegenaufklärerische Impuls des von der Aufklärung selber hervorgebrachten methodischen Apparats zu bedienen weiß. Die Weltanschauung gibt sich spezialistisch, handelt ideologiekritisch ihr Alibi ein. Denn was bürgte für Wissenschaftlichkeit wirkungsvoller als der positivistische Gestus gegen Utopie; und wer beherrschte diesen besser selbst als der Positivismus, wenn nicht die neuen Konservativen, die die positivistische Kritik an der Geschichtsphilosophie quasi geschichtsphilosophisch überbieten. Auf dieses Geschäft läßt sich freilich Drucker nicht ein. Es finden sich jedoch, um sein schwankendes »Fundament« zu befestigen, zwei vorzügliche Arbeiten jüngerer Autoren. Beide, Reinhart Koselleck und Hanno Kesting, begreifen die gegenwärtige Weltkrise als Ausbreitung der mit der Französischen Revolution ausbrechenden Krise des europäischen Bürgerkrieges über den ganzen Erdball. Der Ost-West-Konflikt gewinnt im utopischen Selbstverständnis konkurrierender Geschichtsphilosophien Gestalt. Diese haben in der Kritik, die sich Aufklärung nannte, ihre gemeinsame Wurzel. Derart erscheinen Kritik und Krise einander zugeordnet. Im 18. Jahrhundert trete die Geschichte über die Ufer der Tradition, beginne die »utopische Moderne«, die im 20. Jahrhundert ihr Ende finden soll; mit ihr verliere die Deutung der Gegenwart aus dem Horizont möglichen Fortschritts, mit ihr Geschichtsphilosophie als solche ihr Recht. Was Drucker noch unbeholfen als den Übergang »vom Fortschritt zur Neuerung« anzeigte, interpretieren Koselleck und Kesting als Ende der Geschichtsphilosophie; und zwar stellt sich ihnen dieser Vorgang so dar, als schriebe die kritisierte Geschichte selber die Metakritik der Geschichtsphilosophie. Koselleck begreift die Aufklärung aus einer Dialektik von Politik und Moral, die in der Ausgangsstellung der bürgerlichen Intelligenz im absolutistischen Staat vorgezeichnet ist. (Kritik und Krise. Ein Beitrag zur Pathogenese der bürgerlichen Welt. Verlag Karl Alber, Freiburg 1959.) Unter dem Absolutismus wird der konfessionelle Bürgerkrieg stillgestellt. Der Monarch erfüllt den Auftrag der Friedensstiftung durch Monopolisierung der öffentlichen Gewalt und eine Privatisierung der bürgerlichen Gesellschaft. Das Staatsinteresse ist der Kompetenz des Gewissens entzogen und der Souveränität des Fürsten ausschließlich überantwortet. Die Gesinnungen bleiben, wie in Hobbes Staatslehre, für die Regierung folgenlos. Politische und moralische Gesetzlichkeit sind streng getrennt. Die Staatsraison verlangt vom Fürsten ein Verhalten nach Regeln der Klugheit; die privatisierte Religion von den Untertanen ein Verhalten nach Regeln der Sittlichkeit.

Bevor Kant am Ende des folgenden Jahrhunderts die Übereinstimmung des einen mit dem anderen, die Konvergenz von Politik und Moral selbstverständlich als ein Postulat der Rechtslehre aufstellen kann, vollzieht sich jener Prozeß der Kritik, der die bürgerliche Gewalt selber zur öffentlichen erhebt. Der zuvor private Raum der Innenwelt weitet sich zur Öffentlichkeit aus, und die Kraft der Öffentlichkeit durchdringt den Staat. Die bürgerlichen Privatleute schließen sich zum Publikum zusammen; ihr Raisonnement schafft eine indirekte Gewalt; in den Salons, den Klubs und den Logen, Kaffeehäusern und Tischgesellschaften findet eine moralische Gerichtsbarkeit, die schließlich auch den Fürsten vor ihr Forum zitiert, ihre frühen Institutionen. Koselleck untersucht an exemplarischen Zeugnissen der Geistesgeschichte die Etappen der Politisierung, von der humanistischen Bibelkritik angefangen, über die unpolitische Kritik der Gelehrtenrepublik, die indirekt politische Kritik der Literaten bis zur Anwendung der Gesetze reiner und praktischer Vernunft auf die Gesetze von Staat und Gesellschaft − Turgot und Kant. Allein, die Prägnanz der angezogenen Texte, die Subtilität ihrer klugen Interpretation, die Eleganz der hergestellten Perspektiven werden eigentümlich von Ressentiment begleitet. Da ist die Rede vom bürgerlichen Intelligenzler, der als Autor schon Urheber von Autorität zu sein glaube; da ist die Rede von der prinzipiellen Verlogenheit der autonomen Kritik, die unfähig sei, eine Lüge taktisch als Waffe einzusetzen. Da muß Kant sich bescheinigen lassen, daß Kritik zur Hypokrisie verdumme; und Rousseau entgeht nicht dem Verdikt der Einfalt, weil er zu Ende denkt, wovor Bayle noch zurückscheute − die Okkupation des Staates durch das Gesetz oder république des lettres, in der jeder eines jeden Souverän ist. Koselleck polemisiert gegen den kritischen Prozeß, weil er ihn unaufhaltsam der Krise zusteuern sieht. Krise ist ihm nämlich gleichbedeutend mit der Entfesselung des Bürgerkrieges − 1789 −; und als die wohltätige Fessel des Bürgerkrieges gilt die im Absolutismus durchgeführte Trennung von Moral und Politik. Die kritische Annektion der öffentlichen Gewalt durch die Privatsphäre scheint vor allem darum so »kritisch«, weil sie sich nicht als ein politischer Akt versteht; »das heißt die Krise war nur deshalb eine solche, weil sie als politische Krise im Grunde verdeckt blieb.« Noch deutlicher: »Die Moralisierung der Politik war um so mehr eine Entfesselung des Bürgerkriegs, als in dem Umsturz, in der ›Revolution‹, gerade kein Bürgerkrieg erblickt wurde, sondern eben die Erfüllung moralischer Postulate.« Das Argument, das die polemischen Symptome auf ihre Ursache zurückbringt, wird erst im Zusammenhang einer halb verstohlenen, halb verhohlenen politischen Anthropologie ganz durchsichtig. [WS, 24.09.2019] Weder ist nämlich, aufden ersten Blick, einzusehen, warum der „Bürgerkrieg“ — im Gegensatz zumKrieg der Staaten untereinander — als das schlechthin Böse erscheinen soll;noch wird es klar, warum die „Verdeckung des Politischen“ — zuerst dieliterarische Kritik der fürstlichen Befehle nach Maßstäben der Humanität,später die Bindung des Souveräns an die vom Parlament gesetzten generel-


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