Oktoberheft 2013, Merkur # 773

Die Wir-Verwirrung. Kontextfusion und Konsensillusion

von Kathrin Passig
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»Alle schreiben so furchtbar viel Unfug bei Facebook und bei Twitter«, muss man oft von Menschen hören oder lesen, die gar nicht so neu im Internet sind. »Aber du hast dir die Leute doch ausgesucht, denen du da folgst«, sage ich dann, »in meinem Internet stehen lauter intelligente und interessante Dinge.« Das lässt mich klug und den anderen dumm aussehen. Es stimmt nur leider nicht ganz. Meine Freunde und die Menschen, denen ich bei Twitter folge, geben neben ihren intelligenten Beiträgen falsche Meinungen und unhaltbare Ansichten in erheblicher Menge von sich. Täglich möchte ich mit dem digitalen Besen an die digitale Decke klopfen, um sie davon abzubringen. Man kann − wie es die Klageführer in der Regel tun − annehmen, es sei Facebook, das die bisher so klugen Freunde auf rätselhafte und vermutlich irgendwie amerikanische Weise verdumme. Oder man kann vermuten, dass die Freunde schon immer zweifelhafte Ansichten und Vorlieben hatten und die sozialen Netzwerke diesen Sachverhalt nur ans Licht bringen. Im direkten Gespräch mit Freunden kommen kontroverse Themen eher selten und vorsichtig dosiert vor. Gemeinsames Gut- und Schlechtfinden macht mehr Freude und festigt die Beziehung. Im Netz aber sind in den letzten Jahren viele Orte entstanden, an denen man es nicht mehr mit einer Gruppe zu tun hat, auf die man seine Äußerungen zuschneiden kann. Die private Rede findet öffentlich statt. Freunde und Bekannte sehen, was man alles sagt, meint, mag und ablehnt − auch dann, wenn sie selbst gar nicht die direkten Adressaten sind. Das geschieht in allen sozialen Netzwerken, die nennenswerte Verbreitung genießen und nicht weiter thematisch eingegrenzt sind, im Moment vor allem bei Facebook und Twitter. Trotz der Beschwörung der Filterbubble, die dank homogener Bekanntenkreise alle kontroversen Themen zuverlässig ausschließen soll, ist in den sozialen Netzwerken auf gar nichts Verlass. Egal, wie selbstverständlich eine bestimmte Haltung zu Homoehe, Religion oder Fahrradhelmen einem selbst erscheinen mag, am Rande und oft sogar inmitten des Bekanntenkreises gibt es immer jemanden, der sie nicht teilt und daraus kein Geheimnis macht. Kaum hat man sich mühsam die Vorstellung eines in den wesentlichen Fragen einigen »Wir« gebildet, da stellt sich bei der nächsten Gelegenheit heraus, dass es sich bei der Hälfte dieses Wir in Wirklichkeit um Die Anderen handelt. Pessimisten erklären, in den sozialen Netzwerken setze man vorsichtshalber auf den kleinsten gemeinsamen Nenner, um nicht unangenehm aufzufallen. Aber das lindert das Problem nur dann, wenn man es ausschließlich aus der Autorperspektive betrachtet. Aus Lesersicht wird offensichtlich, dass noch der unschuldigste Beitrag Zweifel an der Zurechnungsfähigkeit der

Welt auslösen kann, wenn der Leser grundsätzliche Einwände gegen Mittagessensfotos, Katzenscherze oder Zwinker-Smileys hegt. Konfliktträchtige Äußerungen werden oft im Glauben getätigt, sie seien harmlos oder ganz unkontrovers − die Leser bringt dieses mangelnde Problembewusstsein manchmal noch mehr auf als ein bewusster Affront. Auch im homogensten Freundeskreis wird man täglich jemanden verstören oder irritieren und selbst durch die Beiträge der anderen verstört oder irritiert werden.

Gemeinschaft war bis zum Auftauchen des Internet ein knapperes Gut als heute. »Mit Ausnahme der Homosexualität«, schrieb der Sexualwissenschaftler Eberhard Schorsch in den achtziger Jahren, »ist sexuelle Perversion verbunden mit totaler Vereinzelung. Eine Gruppenbildung, ein subkultureller Zusammenschluss ist z.B. für den Fetischisten, den Exhibitionisten, den Voyeur im Prinzip eine Unmöglichkeit.« Das änderte sich wenige Jahre später, und es änderte sich nicht nur für die Freunde der sexuellen Abweichung, sondern auch für Selbstvermesser, Raelianer, erwachsene My-Little-Pony-Fans, Psychogeografen, Fanfiction-Autoren, Inhaber seltener Erkrankungen und alle anderen. Selbst die hikikomori, die sich weigern, ihre Wohnung zu verlassen, um Sozialkontakte zu vermeiden, haben ihre eigenen Netzgemeinschaften. Aber die Internet-Wirs der ersten Jahre hatten klare Grenzen. Wenn zwei verschiedene Communities auf Partys aufeinander trafen, weil der Gastgeber beiden angehörte, betrachteten die Fraktionen einander misstrauisch. Das ist heute nicht mehr so leicht nachzuvollziehen, ähnlich wie die im Krieg der Knöpfe geschilderte Auseinandersetzung zwischen für Außenstehende ununterscheidbaren Nachbardörfern. Lange Zeit war es der Normalzustand, dass man sich im Netz mit Fremden unterhielt. Es war schlicht zu schwierig, die vorhandenen Freunde hineinzumanövrieren. Internetcommunities waren bis in die frühen nuller Jahre hinein technisch und konzeptuell nicht darauf ausgelegt, existierende Freundschaftsbeziehungen in irgendeiner Form zu berücksichtigen. Das verbindende Element waren Themen oder bestimmte Formen des sozialen Umgangs, nicht geografische Nähe oder vorhandene Beziehungen. In einem Zwischenschritt konnte man die Fremden im Netz − falls es Entfernung und Reisefreude erlaubten − auch von Angesicht zu Angesicht kennenlernen und sich den netzfernen Freunden mangels gemeinsamer Interessen entfremden, sodass der Onlinefreundeskreis wieder mit dem Offlinefreundeskreis zur Deckung kam. Mit der Ausbreitung der sozialen Netzwerke fanden dann erstmals Bekanntenkreise zusammen, die sich ursprünglich an ganz unterschiedlichen Orten gebildet hatten. Die Social-Media-Forscherin Danah Boyd veröffentlichte 2007 einen Essay über die bevorstehende Zweiteilung des sozialen Netzgeschehens: Die gut integrierte Collegejugend fand sich damals bei Facebook ein, während Minderheiten, Migranten, Subkulturen und Arbeiterkinder bei MySpace zurückblieben. Im Laufe der nächsten Jahre zog es aber dann doch alle zu Facebook; MySpace schwand dahin und wurde Mitte 2013 eingestellt. Ähnlich erging es vielen länderspezifischen sozialen Netzwerken wie dem in Brasilien und Indien einige Jahre lang stark genutzten Google-Produkt Orkut. In Deutschland verwendet derzeit etwa ein Drittel der Bevölkerung Facebook regelmäßig, in den skandinavischen Ländern und den Vereinigten Staaten die Hälfte, in Island sind es knapp drei Viertel. Hier treffen die vereinigten frühen Mehrheiten auf Menschen, die bisher im Netz eigentlich gar nicht zu finden waren. Die Flüsse vieler unterschiedlicher Lebenskontexte münden ins große Facebook-Meer. Daneben gibt es weiterhin identitätsstiftende Communities mit klar umrissenen Grenzen. Nach wie vor entstehen neue Orte im Netz, an denen man ungestört mit jeder Facette der eigenen Persönlichkeit separat und auf Wunsch auch anonym oder unter Pseudonym hantieren kann. Innerhalb der sozialen Netzwerke aber verschwimmen die Ränder der Communities. Bei Twitter existieren gar keine abgegrenzten Gruppen, und Facebook bietet sie zwar nebenbei an, die wesentliche Struktur bilden aber auch hier ineinanderfließende individuelle Netzwerke. Dadurch gibt es an vielen Orten kein klares Drinnen und Draußen, kein Dazugehören oder Draußenbleiben mehr. [WS, 14.09.2019]Das Verschwinden der klar umrissenen Gruppen ist Teil eines größerenTrends, der mit der nachlassenden Bedeutung räumlicher Anwesenheit zutun hat. Der Medientheoretiker Joshua Meyrowitz beschrieb 1985 in NoSense of Place, wie das Fernsehen — und vor ihm das Radio — die Grenzen zwi-schen bis dahin für Außenstehende oft unzugänglichen Kreisen durchlässigmachten und damit in den sechziger Jahren soziale Umwälzungen auslöste.?Durch die »Geheimnis-Enthüllungs-Maschine« Fernsehen vermischten sichzum einen verschiedene öffentliche Bereiche, zum anderen das öffentlicheund das private Verhalten, und der soziale Standort verlor seine Bindung anden physischen Aufenthaltsort. Fernsehfilme, schreibt Meyrowitz, »zeigenden Kindern, wie sich Eltern verhalten, wenn sie nicht mit ihren Kindernzusammen sind«. Erwachsene erhalten Einblicke in die Informationsweltenanderer Altersgruppen, Schichten, Geschlechter und Regionen. »Indem sienun viele verschiedene Klassen von Menschen am selben »Ort< »versammel-ten«, haben die elektronischen Medien viele vorher unterschiedliche sozialeRollen ineinander verschwimmen lassen. Die elektronischen Medien beein-flussen uns also nicht nur durch ihren Inhalt, sondern auch dadurch, dass siedie »Situations-Geographie< unseres Lebens entscheidend verändern.« Wiegesagt, das war 1985, und mit den elektronischen Medien war das Fernsehengemeint. Die sozialen Netzwerke erfüllen dieselbe geheimnisenthüllendeFunktion, aber ihre Fernsehsendung handelt nicht mehr von anderen Grup-pen und Schichten, sondern vom Leben der eigenen Freunde.2 Joshua Meyrowitz, Überall und nirgends dabei. Die Fernsehgesellschaft. Weinheim: Beltz 1990.


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