Aprilheft 1981, Merkur # 395

Vom Opernsüden nichts Belangvolles. Zur Verdi-Biographie von Jacques Bourgeois

von Eckhard Henscheid
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»Von einem hervorragenden Kenner«, schreibt der Hoffmann und Campe Verlag in seinen Anzeigentexten, »wird hier dem Musikliebhaber zum ersten mal eine umfassende Darstellung des Gesamtwerks, des Lebens und der Persönlichkeit von Giuseppe Verdi geboten.« (Jacques Bourgeois, Giuseppe Verdi. Eine Biographie. Hamburg: Hoffmann und Campe1980.) Dies ist ein mehrfacher − und fürs Ganze symptomatischer − Schwindel. Denn nicht nur haben in jüngerer Zeit, allein was den deutschen Sprachraum anlangt, zum Beispiel Karl Holl und Hans Kühner (1947 bzw. 1961) sehr achtenswerte, leicht greifbare und vor allem von Bourgeois’ Buch nicht im mindesten »überholte« Verdi-Biographien vorgelegt: die Arbeit des französischen Musikwissenschaftlers und Festspielorganisators löst allenfalls den Anspruch der »umfassenden« Werkdarstellung einigermaßen ein; Leben und Persönlichkeit Verdis fallen eher in Farb- und Konturlosigkeit zurück, als daß beide »zum ersten mal« plausibler geworden wären. Richtig ist immerhin: Es gab und gibt bis heute über Verdi äußerst wenig Literatur von Rang oder auch nur Ernsthaftigkeit, Zuverlässigkeit − ganz im Gegensatz zum stetigen und schon beängstigend anwachsenden Schrifttum über den »nordischen Antipoden« Richard Wagner, dessen Gestalt und Werk sich − von Nietzsche zu Shaw, von Thomas Mann zu Adorno, von Bloch bis zuletzt zu Gregor-Dellin − des Interesses vor allem der Dichter und Denker erfreuten, wie sonst nur noch Mozart. Verdi, dessen Wagner-Ebenbürtigkeit man inzwischen gleichsam stillschweigend-schlechten Gewissens einsehen gelernt hat, − Verdi blieb und bleibt trotzdem, aufs Ganze gesehen, skandalös unbeachtet, was die theoretische Beschäftigung mit dem Werk sowohl als der Person angeht − ungeachtet beider Format und Volkstümlichkeit. Schreckt gar dieses Populäre, das vermeintlich Leichte, Gefällige, das »Proletarische« seiner Kunst das ästhetische oder biographische Interesse ab? Oder herrscht die Meinung, Verdis »Geheimnis«, seine Person, seine Musik, seine Oper, seien längst entschlüsselt? Sie sind es nicht im geringsten; und bei Bourgeois werden sie es schon gleichgar nicht. Viel weniger couragiert als zum Beispiel Wolfgang Hildesheimer in seinem Mozartbuch setzt der Verfasser auf die Idee und Form einer Art Synthese aus traditioneller Biographik und Werkdeutung, auf ein Ineinander beider tatsächlich kaum sinnvoll zu trennender Gattungen. Wohl möchte auch der Franzose beides leisten, es gelingt aber weder das eine noch das andere.


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