Septemberheft 1977, Merkur # 352

Vom Pech verfolgt. Notizen über Ludwig Hohl

von Werner Helwig
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Im letzten Jahr lief eine Meldung durch die Schweizer Zeitungen (nur diese), die ein paar Menschen aufhorchen ließ und traurig stimmte. Die Meldung besagte, daß eine große Menge Manuskripte aus dem Lebenswerk eines Schweizer Schriftstellers als Altpapier in den Müll geraten und für immer verloren sei. Der Ort ist Genf, das Arbeiterquartier de la Jonction, eine Kellerwohnung darin, ihr Bewohner Ludwig Hohl, geboren 1904 zu Netstal, Kanton Glarus. Im Spital zu dieser Frist, wo er die Folgen einer Operation auszuheilen hatte. Günstige Gelegenheit, um die alte Kellerwohnung für eine Renovation zu räumen. Der Umzug vollzog sich wegen der großen Menge von Büchern und Schriften in Phasen. Anscheinend ging das der Person, unter deren Regime die Kellerwohnung fällt, zu langsam. Kurzentschlossen stopfte sie große Mengen des, wie sie sagte, Papierplunders in Säcke, die sie für die Müllabfuhr bereitstellte.

Ludwig Hohl, ein lebenslang von Pech (mit seinen Verlegern, mit seinen Erfolgserwartungen, seinen Lebensumständen) Umwitterter, kam auf die Art einmal mehr in die Presse. Aber der Propagandawert seines Unglücks hebt sich im Verlust einiger Teile seines Hauptwerks auf, für das er gerade einen Gesamtvertrag (sein bisher größter Erfolg in dieser Richtung) mit Suhrkamp abschließen konnte. Seine Philosophie der Arbeit wiederum erfährt darin eine ungewollte Bestätigung. »Arbeit ist immer ein Inneres« − in solchen »Notizen«, neben wenigen Bänden erzählender Prosa von hohem Rang, ergab sich ihm auf vielen tausend Seiten als »work in progress« seine Lebensaufgabe: »... und immer muß sie nach einem Außen gerichtet sein. Tätigkeit, die nicht nach einem Außen gerichtet ist, ist keine Arbeit; Tätigkeit, die nicht ein inneres Geschehen ist, ist keine Arbeit.« Ist ihm nun dank dem Streich, den die Umstände (seine Umstände) ihm spielten, die heikelste aller Fleißarbeiten zugefallen, die denkbar ist: die Rekonstruktion wichtiger Teile seines Werkes. Friedrich Dürrenmatt schrieb über ihn: »Hohl ist notwendig, wir sind zufällig. Wir dokumentieren das Menschliche. Hohl legt es fest.«

Wer Hohls »Notizen« folgt, soweit sie bisher in alten Ausgaben (zwei Bände beim Artemis Verlag, 1944 und 1954) vorliegen, der trifft auf vieles, das ihn in seiner innersten Beschaffenheit umkehrt, aber auch auf Sätze, die Hohls Grenzen aufzeigen. Unvergeßlich in seiner Zweifelhaftigkeit: es gäbe nichts dümmeres als eine Hundepfote. Die Schlüssigkeit dieser Behauptung ist nicht auszumachen, es sei denn, ein ganz und gar subjektives Empfinden beeinflusse das Urteil. Doch was gilt: Das Denken dieses höchst anziehenden homme de lettres bewegt sich seit je in Risikokategorien. Als Folge der erschreckenden Nachricht kamʼs mir bei, in meinen ältesten Genfer Tagebüchern (ich lebe seit 1949 in der Stadt) die Stellen wieder nachzuschlagen, die sich auf mein erstes Kennenlernen und meinen letzten Besuch bei Ludwig Hohl beziehen. Das Kennenlernen geschah im Jahre 1949, im Zeitraum seines streithaftesten Ringens um das kontinuierliche Erscheinen seines Hauptwerkes.


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