Dezemberheft 1985, Merkur # 442

Vom unerschrockenen Opportunismus der Disziplinen. Neues aus der Soziologie der Wissenschaft

von Dirk Baecker
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Seit einiger Zeit steht die Wissenschaftstheorie nicht mehr zu der einmal von ihr selbst beanspruchten Rolle des Gesetzgebers von Forschung, Erkenntnisgewinn und Verhandlungsprozeduren über Wahrheitsansprüche. Die Wissenschaftspraxis behelligt das kaum, die Wissenschaftsphilosophie jedoch ist verunsichert. Der forschende Wissenschaftler, der einst alle Selbstüberschätzung der Wissenschaftstheorie zurückwies, ist heute der letzte Garant eines Minimalkonsenses, auch wenn er dessen Halt im methodischen Zusammenhang von kohärenten Aussagesystemen und operationalisierbaren Begriffen kaum noch formulieren kann, weil die entsprechende Semantik problematisch geworden ist. Die Verwirrung beginnt, sobald die Forschung endet. Der Kontext ist ungewiß. Immer wenn es um Kontexte geht und der Hinweis auf entschlüsselte Rätsel, Entdeckergenialität, wirtschaftlichen Nutzen oder ökologische Warnung nicht mehr genügt, scheinen Geschichte und Soziologie aufgerufen, klärende Worte zu finden. Sie erforschen Herkunft und Horizont der Situationen, die zu Verwirrung Anlaß geben und lösen den Knoten durch Verweis auf Zusammenhänge. Zumindest, das wird niemand bestreiten, verlängert sich so die Forschung, endet sie später. Zwei neuere Arbeiten aus der Wissenschaftssoziologie versuchen, auf je unterschiedliche Weise, die Verpflichtung auf vorläufige Beruhigungstaktiken zu unterlaufen, indem sie, wenn man so sagen darf, die Verwirrung in die Forschung hinein holen, den Erkenntnisgewinn auf seine prekären Gründe zurückrechnen (Karin Knorr-Cetina, Die Fabrikation von Erkenntnis. Zur Anthropologie der Naturwissenschaft. Frankfurt: Suhrkamp 1984. Rudolf Stichweh, Zur Entstehung des modernen Systems wissenschaftlicher Disziplinen. Physik in Deutschland 1740−1890. Frankfurt: Suhrkamp 1984). Das ist ein riskantes Unterfangen, muß dann doch auch die Forschung über Forschung mit internen Störungen, Unsicherheiten und Widersprüchen rechnen: mit Verwirrung. Aber zugleich, das führen beide Arbeiten überzeugend vor, kann erst derart hautnah angesetzte Forschung verdeutlichen, wie Sicherheit dennoch zu gewinnen ist und die Risiken verteilt werden.

Ausgangspunkt der historisch gelehrten, detailreichen und problemgenauen Studie Rudolf Stichwehs zur Konstitution der Physik in Deutschland von der Mitte des 18. bis zum Ende des 19. Jahrhunderts ist die einfache Frage: Was ist eine wissenschaftliche Disziplin? Bereits für Talcott Parsons war diese Frage Anlaß für eine fruchtbare Erkundung der Differenzierungs- und Entwicklungsprozesse der Wissenschaft. Jeder Wissenschaftler weiß es von seiner Disziplin und für alle anderen lehrt es der Blick in die Geschichte ihrer Entstehung, daß Disziplinen nicht schlicht Spiegelungen unterschiedlicher Sphären des Seins sind. Die Welt tut der Wissenschaft nicht den Gefallen, sich so in Objektfelder zu zerlegen, daß jedem Ausschnitt eine Wissenschaft zugeordnet werden kann. Solange man dies noch glaubte, konnte man mit Klassifikationen arbeiten und die Gesamtheit der Welt in der Gesamtheit der Wissenschaften durch die Enzyklopädie repräsentieren. Die berühmt gewordene Enzyklopädie von Diderot und d’Alembert orientierte sich an deutschen Vorbildern. Bis in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts erscheinen Klassifikationen als Abschluß wissenschaftlichen Arbeitens, ordnen sich die gesammelten Erfahrungen über die methodischen Probleme im Umgang mit den Dingen der Absicht unter, sie zu repräsentieren. Das ändert sich ganz allmählich, man entdeckt ähnliche Probleme an verschiedenen Dingen und wird wie zum Beispiel Lichtenberg zunehmend skeptisch gegenüber etwa in Frankreich entwickelten neuen Nomenklaturen, in die Theorien abgefüllt und als fertig unterstellt werden. Die Dinge sind im Fluß, und ihre Erforschung findet keinen Abschluß. Theorien werden tentativ und gewinnen gerade damit Kontakt zu anderen Theorien. Das 18. Jahrhundert versucht noch einmal, die überlieferte hierarchische Ordnung der Wissenschaften zu rekonstruieren und wählt dafür die Trias Historie, Philosophie, Mathematik. Die Historie ist die Kenntnis von den Fakten, die Philosophie befaßt sich mit den Gründen und Ursachen der Dinge und die Mathematik stellt zweifelsfrei gewisse Erkenntnisgewinnungstechniken bereit. Stichweh hebt hervor, daß hier schon auf einen klassifizierenden Zugriff auf die Dinge verzichtet wird zugunsten einer Unterscheidung von Methoden, die auf jeden Gegenstand menschlichen Wissens angewendet werden können. Mit der rapiden Ausdehnung dieses Wissens und immer neuen Erfolgen in den Versuchen seiner Anwendung wird es zugleich erforderlich, die Wissenschaften als Ort theoretischer Kenntnisse vom historischen Wissen der Gelehrsamkeit und von den praktischen Fertigkeiten der Künste, zu denen auch die Chemie einmal zählte, weil sie die Natur nicht still beobachtete, sondern eingreifend neue Produkte schuf, abzugrenzen. Gegenstände, die nur theoretisch zu wissen wären, gibt es zwar nicht − es sei denn in der Mathematik, die über Gegenstände erfährt, was diese in Relation zu anderen Gegenständen meßbar zu erkennen geben. Jedoch wird die Erfahrung der Experimentalphysik, vielfach bestätigt in der experimentellen Akustik von Chladni, in der Wellentheorie des Lichts von Fresnel, der Theorie des Magnetismus von Ampere, der Wärmetheorie von Fourier und in der Elektrizitätslehre von Galvani und Volta, daß ohne Theorie keine Fakten zu entdecken sind, unabweisbar. Mit der Entstehung der Experimentalphysik als empirischer Ursachenforschung verliert die Philosophie ihre Monopolkompetenz zur Erforschung der Ursachen von Erscheinungen. Die Physik differenziert sich intern in einen experimentellen und in einen theoretischen Teil und befähigt sich derart zur raschen Entdeckung einer Vielzahl neuer Phänomenbereiche: Luftarten, Imponderabilien wie Wärme, Elektrizität, Magnetismus, Licht; chemische Verbindungen; Fluida aller Art. Den Taumel dieser Vielfalt neu entdeckter Substanzen detailliert und kenntnisreich vorzuführen und dennoch die Übersicht nicht zu verlieren, immer wieder spannende Konfliktlinien nachzuzeichnen, in denen die Unruhe, das Erstaunen, manchmal Erschrecken der Entdecker nachfühlbar wird, etwa wenn es um Phlogiston und Antiphlogiston in der Theorie des Feuers geht, − all dies gelingt Stichweh in vorzüglicher Weise.

Entscheidend ist, daß sich mit der Physik eine wissenschaftliche Disziplin konstituiert, die zwar nicht ohne Vorläufer ist, wie jeder Blick in die Naturlehre zeigt, die aber nun zum ersten Mal eine innerhalb des Gebäudes der Wissenschaften autonome Stellung erlangt. Sie ist Produkt einer Selbstorganisation aus disparatem Material, das sie zum Teil aus der Naturlehre übernimmt, zum Teil der Chemie abjagt und zum größten Teil dann selbst produziert. Die Physik, sagt Stichweh, ist eine Erfindung. Ihr Fokus ist die Elektrizität, die es erlaubt, zusammen mit neuen Begriffen wie Feld und Energie das Material zu sammeln und um Probleme zu ordnen. Gegenstand der Wissenschaft sind Probleme, sie denkt nicht mehr klassifizierend und substantialisierend, sondern hypothetisch, nicht mehr induktiv, sondern deduktiv. »Hypothetisches Denken sucht seine Bewährung nicht mehr in Wahrnehmungen, die zeitlich vor den Denkoperationen liegen. Es stützt sich nicht mehr auf »Fundamentalversuche«, an denen die Struktur der Erklärung rekonstruiert abzulesen ist, vielmehr findet es seine Bewährung in einer experimentell noch nicht realisierten Zukunft, die es in seinen deduktiven Antizipationen prognostiziert und deren schnelle Realisierung die Aufgabe des der theoretischen Arbeit ständig koordinierten Experiments ist.« Eine wissenschaftliche Disziplin ist nicht autonom in dem Sinne, daß sie die Bedingungen ihrer Entwicklung ausschließlich in sich selbst findet. Sie ist angewiesen auf ein Verhältnis zu ihrer Umwelt. Stichwehs wichtigste und zugleich fruchtbarste These ist, daß diese Umwelt wesentlich nicht als Gegenstandsbereich der Disziplin, auch nicht als Gesellschaft auszuweisen ist, sondern für jede Disziplin wesentlich aus anderen Disziplinen besteht. Im Verhältnis zu anderen Disziplinen entwickelt eine Disziplin eigene Problemstellungen, zwingt sich damit zur Grundlagenforschung und gewinnt einen Begriff ihrer selbst, der aller weiteren Forschung Führung gibt. Genau darum entsteht eine neue Wissenschaft nicht, wenn ein neuer Gegenstand entdeckt wird − im Zeitalter der Entdeckungen konnte man einmal die Geologie als aussichtsreichen Kandidaten für eine Grundlagenwissenschaft halten, heute glauben manche, die Soziologie sei hierzu berufen −, sondern wenn ein neues Problem formuliert wird. Und das ist gar nicht so einfach.


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