Januarheft 1980, Merkur # 380

Waldzerfall und Kunstgefälle

von Werner Helwig
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Vom französischen Annemasse her am Ufer der Arve entlang bis in die Nähe von unserem Genfer Wohnquartier Moillesulaz zieht sich ein Laubwald hin. Seit 25 Jahren ist er uns vertraut. Die Söhne wuchsen mit ihm auf, ein angenehm verwildertes, selten von Spaziergängern besuchtes Spielgelände. Vögel, Falter, Käfer, Ameisen, Schlangen, Igel, Eidechsen, Eichhörnchen, alles französischer Nationalität. Die Söhne wurden groß, und der Wald hörte auf zu wachsen. Wir kennen die Phasen seines Zerfalls. Sie entwickelten sich mit der zunehmenden Luftverschmutzung von beiden Seiten der Grenze her. Wiederum im Kontakt mit seinem sichtbar werdenden Zerfall, wurde der kleine brave Wald mehr und häufiger zum Schuttabladeplatz des bauwütigen Annemasse. Die Franzosen kennen keine Waldsentimentalität. Für sie ist eine Ansammlung von Bäumen bestenfalls noch ein Schießgelände für Sonntagsjäger, die dann aber auch alles erlegen, was ihnen vors Rohr kommt. Eichelhäher, Stare, Buchfinken, Meisen, sogar Zaunkönige fanden wir zerfetzt und manchmal noch sich regend im Gebüsch nach solchen Knallvergnügungen. Die Herren, nach letzter Jägermode in großmächtige, taschenreiche Jacken gekleidet − überm Gesäß ist innen eine Spezialtasche eingenäht, groß genug, um Kaninchen oder Enten aufzunehmen −, betrachten uns unter ihren gefiederten Jägerhüten hervor mit der Miene von Oberförstern, die wilderndes Gesindel in ihren Revieren antreffen. Ihre Autos parken, wiesenaufwühlend, am Waldrand, voll von Fernrohrflinten und abenteuerlichen Gurten mit Schrotpatronen. Jede Tierschutzdebatte mit ihren Besitzern wäre unmöglich. Man begreift, wie allein man damit ist. Seit der Beton über die letzten klassizistischen Villen in ihren schönen alten Parks siegte und auf beiden Seiten der Grenze die Wohnkäfige bis zu 25 Etagen anstiegen − womit dann Heizölverbrauch und Abfälle gewaltig zunehmen, zugleich neue Industrien entstehen, um der schnell anschwellenden Bevölkerung Beschäftigung zu sichern −, seither also erfahren wir die Segnungen des Smogs. Nachts bei geschlossenen Fenstern mit Hilfe von Ozonapparaten schlafen und tags die auf allen Wohndingen sichtbarwerdende schmierige Schwärze feststellen, das bildet jetzt die Sorge (und Ohnmacht) der Hausfrau. An unserem Wald wurde das als immer schütterer werdender Laubbestand sichtbar. Einer der Söhne, inzwischen Physikstudent, ermittelte im Labor das reiche Vorkommen von hochgiftigem Schwefeldioxyd plus Radioaktivität im öligen Schmutz. Die Bäume, von denen wir viele »persönlich« kannten, kränkelten, hagerten aus. Das Tierleben erstarb. Unsere geheimen Futterplätze, jahrelang mit Erfolg beschickt, bleiben unberührt. Laubsträuße bringen wir nun nicht mehr heim. Rost und Mehltau triumphieren darüber. Jedes einzelne Lindenblatt von winzigen zipfelförmigen parasitären Gebilden überwuchert und verkrüppelt. Merkwürdig erging es dabei den Kreuzspinnen. Hatten sie eben noch Musterarbeiten von feinster Geometrie in die Zweige gesponnen, von denen wir Aufnahmen machten, zeigten sich bald Spuren von Verwirrung, als ob Arachne, Göttin aller Spinnen, »geisteskrank« geworden wäre. Inzwischen sind sie gänzlich der »art informel« verpflichtet. Ein Kunstkritiker heutiger Observanz würde solcher Zerrissenheit, wenn sie ihm als Zeichnung begegnete, hohes und in bedeutsamen Worten schwelgendes Lobspenden. Wir fingen an, unseren Wald zu meiden. [WS, 18.10.2019]


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