Novemberheft 1969, Merkur # 259

Was dachte Brecht von Stalin? Nochmals zu Hannah Arendts Brecht-Aufsatz (Merkur, Juni/Juli 1969)

von Hannah Arendt
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In Hannah Arendts Aufsatz über Brecht (Quod licet Jovi..., p.542) bezieht sich die Autorin auf meinen Bericht einer Diskussion mit Brecht über Mitglieder der kommunistischen Opposition, die von der sowjetischen Geheimpolizei verhaftet worden waren. Über diese Männer hat Brecht zweimal zu mir gesagt: »Je unschuldiger sie sind, um so mehr verdienen sie, an die Wand gestellt zu werden.«

Nach Hannah Arendt machte Brecht diese Bemerkung über die Angeklagten zur Zeit der Moskauer Prozesse und wollte in Wirklichkeit genau das Gegenteil von dem sagen, was er zu sagen schien. Sie erklärt, daß er in Wirklichkeit sagte: Die Angeklagten waren »doch offenbar unschuldig, wessen sie angeklagt sind, nämlich gegen Stalin konspiriert zu haben. Gerade weil sie das »Verbrechen, dessen sie angeklagt waren, nicht begangen hatten, lag eine gewisse Gerechtigkeit in der offenbaren Ungerechtigkeit. War es nicht die Pflicht der »alten Garde, Stalin daran zu hindern, die Revolution zu benutzen, um einen Verbrecherstaat zu errichten?«

Diese Lesart ist eine phantastische, nachweislich falsche Auslegung von Brechts Worten. Hannah Arendt ist im Irrtum über die Zeit und den Anlaß von Brechts Besuch bei mir. Brecht, sagt sie, »war in Amerika zur Zeit der Moskauer Prozesse«. Seine Besuche bei mir fanden 1935 statt, also vor den Moskauer Prozessen, j  bevor sie auch nur angekündigt waren. Sie ist im Irrtum darüber, wer damals die Opfer der Verhaftungen waren. Sie weiß nicht, welche Anklagen die Sowjetpresse gegen die Verhafteten schleuderte. Die Anklage lautete damals nicht, sie hätten »gegen Stalin konspiriert«, sondern: sie seien ausländische Agenten, die im Dienste Hitlers standen und die Zerstückelung der Nation planten.

Nur ein Wort beschreibt Hannah Arendts Versuch, Brechts Bemerkung wegzuerklären und sie als Indiz für seine anti-stalinistische Gesinnung aufzuschwindeln: Unverschämtheit. Wie kann sie eigentlich so genau wissen, was Brecht sagen wollte, ohne zu wissen, wie das Gespräch lief? Er antwortete ja auf das, was ich gesagt hatte. Unter anderem hatte ich ihn daran erinnert, daß auch Lenin angeschuldigt worden war, er sei ein Verräter, ein deutscher Agent, und daß es noch absurder war, die alten Bolschewiken als Agenten des Faschismus anzuklagen.

Unmöglich: Brecht wollte nicht sagen, was Hannah Arendt ihm andichtet. In ihrer verzweifelten Exegese sagt er: Je unschuldiger die alten Bolschewiken des Verbrechens waren, mit Hitler konspiriert zu haben, um die Sowjetunion zu zerstören, um so mehr waren sie des Todes schuldig, weil sie nicht wirklich mit Hitler konspiriert hatten. Jeder, der mit Brecht politisch diskutiert hat, weiß, daß er zwar gelegentlich an kommunistischen Parteien außerhalb Rußlands Kritik übte, aber niemals ein einziges kritisches Wort gegen die Politik der Sowjetunion oder gegen den Schöpfer dieser Politik, Stalin, sprach. Im Gegenteil: bei mehreren Gelegenheiten erwähnte er Stalin als »einen geschulten Marxisten« — trotz meines heftigen Widerspruchs.


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