Januarheft 2009, Merkur # 716

Wetten auf Wetten auf Wetten. Kleine Kulturtheorie der Wirtschaft

von Dirk Baecker
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Man versteht den Liquiditätspoker, der im Zuge der Finanzkrise gegenwärtig in eine neue Runde geht, besser, wenn man sich zwei Überlegungen vor Augen hält. Diese stammen aus einer Kulturtheorie der Wirtschaft, die diese zum einen in den Kontext der Gesellschaft setzt und zum anderen und genau deswegen das Verhältnis der Wirtschaft zum Staat anders beleuchtet, als dies zum Beispiel die ökonomische Theorie tut. Zusammengenommen zielen die beiden Überlegungen darauf, die Struktur der Wette offenzulegen, die die Wirtschaft von den kleinsten Budgetentscheidungen der arbeitenden und konsumierenden Bevölkerung über die Investitionsrechnungen der Industrie und die Kapitalkalküle der Banken bis zur Geldmengenpolitik der Staaten kennzeichnet. In dem Debakel, das sich gegenwärtig vor unseren Augen abspielt, löst sich der Bluff auf, mit dem die Amerikaner unter europäischer Mithilfe den neuen Wachstumsländern Brasilien, Russland (das vielleicht zu früh in diesen Club aufgenommen wurde), Indien und China das Spiel zu diktieren versuchten. Diese neuen Wachstumsländer, unter dem Kürzel BRIC bekannt, haben sich jedoch in klarer Einschätzung ihrer Lage offenbar nicht aus der Ruhe bringen lassen und abgewartet, wie sich der Dollar und die in ihm notierten Unternehmenswerte und Wertanlagen entwickeln würden. Mit der ersten Überlegung ist daran zu erinnern, was jeder weiß, aber kaum jemand ernst nimmt, wenn es darauf ankommt: Die Wirtschaft steht nur mit einem Bein im Reich der Notwendigkeit, in jenem Reich der Befriedigung unabweisbarer Bedürfnisse, das wir als endliche Wesen, die verbrauchen, wovon sie sich ernähren, bewohnen. Mit dem anderen Bein steht sie in einem Reich der Freiheit, in dem nicht nur ein beachtlicher Spielraum in der Definition der Bedürfnisse und der Art und dem Ausmaß ihrer Befriedigung besteht, sondern auch ein nie endender Streit darüber geführt wird, zu welchen Preisen, Löhnen und Zinsen Waren und Leistungen, Arbeit und Kapital bezahlt werden. Der Soziologe Gabriel Tarde hat deswegen schon vor mehr als hundert Jahren in seiner Psychologie Économique jeden Preis, jeden Lohn und jeden Zins als einen für einen Moment stillgestellten Streit beschrieben, der jederzeit, wenn jemand sich mächtig genug dafür fühlt, wieder ausbrechen kann. Diese doppelte Verankerung der Wirtschaft in einem Reich der Notwendigkeit und einem Reich der Freiheit wird von marxistischen ebenso wie liberalen Ökonomen seit jeher als eine »geordnete Anarchie«, so Wilhelm Röpkes Begriff, beschrieben. Der Philosoph Lothar Eley hat uns in den späten siebziger Jahren an der Universität zu Köln die entsprechenden Passagen aus Röpkes in den dreißiger Jahren im türkischen Exil geschriebener Lehre von der Wirtschaft eigens vorgelesen, um des Ökonomen Verwunderung über die Mannigfaltigkeit und Verflechtung, das Ausmaß an Arbeitsteilung und die Abhängigkeit vom Markt, die tägliche Versorgung einer Weltbevölkerung mit Gütern und Dienstleistungen mit uns zu teilen und sich seinerseits darüber zu wundern, dass die Kollegen in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften sich so selten noch darüber wunderten. Wir wissen heute, dass es die Figur der Ungewissheit der Zukunft ist, die die Anarchie in eine Ordnung übersetzt, unter tätiger Mithilfe jener Despotie der kapitalistischen Betriebe, von der Karl Marx gesprochen hat. Die Despotie ist die andere Seite der Anarchie. Die Despotie des Familienoberhaupts, der Unternehmensleitung, der Bank und des Finanzamts muss Wetten darauf abschließen, welche der ungewissen Zukünfte sich möglicherweise einstellt, und ihr eigenes Schicksal an den Ausgang dieser Wette binden. Wäre die Zukunft der Entwicklung des eigenen Einkommens, der Konsumentenwünsche, der Investitionsprogramme, der Kreditlinien und des Steuereinkommens nicht prinzipiell ungewiss, also nur zu schätzen und nie mit Sicherheit zu wissen, käme alle Ökonomie sofort zum Erliegen. Niemand müsste mehr rechnen. Niemand müsste mehr lernen und sich korrigieren. Niemand wäre darauf angewiesen, die tatsächliche Entwicklung der Verhältnisse im Monats-, Wochen-, Tages-, Minuten-und Sekundenrhythmus im Auge zu behalten, derart die Schönheit der Welt, wie Goethe im Faust bemerkt, gegen die Sorge eintauschend, die nichts anderes ist als jene Vorsorge, auf die alles Wirtschaften zurückzuführen ist. Unsere Gesellschaft konzediert der Wirtschaft ihre Despotie, weil sie sie auf anarchischen Märkten täglich aufs Spiel setzen muss. Das ist die eine Überlegung. Im Kontext der Gesellschaft ist die Wirtschaft mit einer ungewissen Zukunft konfrontiert, die sie zur Spekulation zwingt und so die Vorsorge ermöglicht. [WS, 17.10.2019] Das gilt für den Arbeitsplatz, dasFamilieneinkommen, die Investitions-rechnung, das Kreditgeschäft, die Ver-I »Wer aber sorgt für die Abstimmung und damit für den geordneten Ablauf des Prozesses?Niemand ... Einer außerordentlichen Differenziertheit des Wirtschaftsprozesses steht alsodas Fehlen einer zentralen, bewußten und planmäßigen Leitung dieses ungeheuer kompli-zierten Getriebes gegenüber. Unser Wirtschaftssystem ist ein Gebilde von höchster undsubtilster Differenziertheit bei grundsätzlicher Anarchie. Und doch kann der verstocktestePessimist nicht leugnen, daß sich trotzdem alles zu einem geordneten Ganzen fügt. Wäh-rend politische Anarchie unweigerlich zum Chaos führt, sehen wir zu unserem Erstaunen,daß die wirtschaftliche Anarchie, die unser Wirtschaftssystem kennzeichnet, so weit vomChaos entfernt ist, daß man fast von einem Kosmos sprechen könnte. Unser Wirtschaftssys-tem ist anarchisch, aber nicht chaotisch: wer das nicht erstaunlich und erklärungsbedürftigfindet, dem ist nicht zu helfen.« Wilhelm Röpke, Die Lehre von der Wirtschaft. Bern: UTB1994.


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