Aprilheft 1984, Merkur # 426

Wozu werden Eliten gebraucht

von Dirk Baecker
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Der Begriff der Elite hat eine interessante Karriere hinter sich. Er ist in Frankreich seit dem 17. Jahrhundert als Bezeichnung für soziale Gruppen gebräuchlich, die sich durch besonderen Wert oder besondere Leistung auszeichnen. Noch in der Enzyklopädie der Aufklärer Mitte des 18. Jahrhunderts ist der Begriff jedoch vor allem bekannt im Zusammenhang mit den Spitzenerzeugnissen der Textilmanufakturen: man spricht von »Eliteseide«, »Elitegarn«, »Elitelaken« und meint damit vor allem die teuren Erzeugnisse. Ein Nachsatz bemerkt, daß man auch von »Elitemenschen« spricht. Tatsächlich scheint der Begriff zunächst im Bürgertum Verbreitung zu finden, das nach Ausdrücken sucht, die mit dem Standesdünkel der Aristokraten durch Verweis auf die Leistungsfähigkeit der Bürger konkurrieren können. In dieser Form spricht dann auch die Sozialphilosophie des 19. Jahrhunderts von der Elite, und der Begriff bezeichnet die Leistungsfähigsten, Tatkräftigsten und Einflußreichsten bestimmter Schichten, Stände und Berufsgruppen. Politik, Militär und Industrie haben ihre Eliten, ebenso die Wissenschaft.

Henri de Saint-Simon knüpft Anfang des 19. Jahrhunderts an Platos »Herrschaft der Besten« an und konzipiert einen gesellschaftlichen Aufbruch in den Industrialismus, angeleitet von den hervorragenden Köpfen in Wissenschaft, Industrie und Politik. Die Umsetzung ihrer Ideen in gesellschaftlichen Fortschritt ist für Saint-Simon nur eine Frage der Technologie. Von den Beamten und Gelehrten zur Zeit des Sonnenkönigs Ludwig XIV. hätte erlernen können, daß Technologie allein nicht genügt: die Revolution konnte sie nicht verhindern. Die Vernunft habe sich verirrt, war seine Antwort auf diese Erfahrung, Elitemenschen müßten sie wieder auf ihren Weg zurück bringen. Doch woran soll die Elite sich halten? An eine Vernunft, die sich verirren kann? Die Dynamik der Industriellen Revolution erspart es der Gesellschaft, Antwort auf diese Fragen zu suchen. Die Vernunft erübrigt sich durch Dialektik. Der Fortschritt bewegt sich selbst, Eliten sind nicht erforderlich. Man nimmt die Chancen wahr, die sich bieten: man gründet neue Unternehmen, man macht wissenschaftliche Entdeckungen. Der Fortschritt legitimiert das Bürgertum, auf den Begriff der Elite kann es verzichten. Man spricht von »Genies« (John Stuart Mill), wenn es herausragende Leistungen zu bezeichnen gilt, und erfaßt damit zugleich das Einzigartige, Folgenreiche, Unwahrscheinliche und später auch Beängstigende dieser Leistungen.


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