Juniheft 1983, Merkur # 420

Der Triumph der Bild-Zeitung oder die Katastrophe der Pressefreiheit

von Hans Magnus Enzensberger
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»Gott im Himmel weiß: Blutdurst ist meiner Seele fremd, und die Vorstellung, daß ich mich vor Gott verantworten muß, glaube ich in furchtbarem Grade zu haben; aber dennoch, dennoch wollte ich in Gottes Namen die Verantwortung auf mich nehmen, Feuer! zu kommandieren, wenn ich mich nur zuvor mit der ängstlichsten, gewissenhaftesten Sorgfalt davon überzeugt hätte, daß die Gewehrläufe auf keinen andern Menschen, ja auf kein anderes lebendes Wesen gerichtet wären als auf − Journalisten.« Weiter als Sören Kierkegaard, der diese Sätze anno 1848 in sein Tagebuch schrieb, kann man die Kritik an der Presse kaum treiben. Der Philosoph hatte nicht die Bild-Zeitung vor Augen, sondern ein satirisches Wochenblättchen das damals unter dem Titel Corsaren in Kopenhagen erschien, und das auf den heutigen, durch Mordhetze, Pornographie und Paranoia geschulten Leser einen geradezu idyllischen Eindruck macht. Kierkegaard sah sich als Opfer einer Pressekampagne, die ihn der Lächerlichkeit preisgab. Die Karikaturen und Klatschgeschichten des Corsaren, die uns eher kindisch als bedrohlich vorkommen, trieben ihn in eine tiefe existentielle Krise. Der Common sense war nicht seine Stärke, und daß der Weg zur Hölle mit ausgewogenen Urteilen gepflastert war, schien ihm eine ausgemachte Sache. Kierkegaard lief dem Journalismus ins Messer. Das war geradezu seine Methode. Auf diese Weise gewann er noch dem nichtigsten Anlaß eine radikale Einsicht ab: »Wahrhaftig, wenn die Tagespresse, wie andere Gewerbetreibende, verpflichtet wäre, ein Schild auszuhängen, so müßte darauf stehen: Hier werden Menschen demoralisiert, in der kürzesten Zeit, im größten Maßstab, zum billigsten Preis.«

Kierkegaard war der erste, der, ein gutes Jahrhundert, ehe die Massenmedien zu ihrer vollen Entfaltung gelangt waren, die Kehrseite der Pressefreiheit mit voller Schärfe ins Auge gefaßt hat: »So lange die Tagespresse besteht«, schrieb er, »ist das Christentum eine Unmöglichkeit.« Wenn man diesen Satz aus der Sprache der Religion in die säkularisierte Terminologie der Verfassungen übersetzt, so besagt er nicht mehr und nicht weniger, als daß die Pressefreiheit, zu Ende gedacht, mit der Menschenwürde unvereinbar ist. Die Bild-Zeitung ist der nackteste Ausdruck dieses Zielkonflikts. Jede zehnte deutsche Frau hat Sexualprobleme. Marianne Strauß im Dirndl prüft die Flieger-Uniform ihres Sohnes Franz-Georg (21), der die Eltern in München besucht. Das Training ist lebensgefährlich. Hinter jeder Ecke kann es krachen. Die tote Millionärin war auch Fotomodell: Sinnlicher Blick, das lange blonde Haar umspielt die Schultern. Dieses süße Kätzchen hat sich verlaufen, wartet jetzt im Tierheim auf Herrchen oder Frauchen. Sie strampelte mit den Beinen, sie röchelte. Kabel wurden mit Saugnäpfen an den Innenseiten ihrer Oberschenkel festgemacht. Ihr Frauchen hatte sie samt Familie schon in die Wäschetrommel gesteckt. »Gut schaut er aus, unser Bub«, fand auch der Vater, Ministerpräsident Strauß (67). »Ich dachte, ich hätte einen Starkstrom-Schlag gekriegt«, sagte er. Es war eine Cognac-Flasche. Kompliment! Da ist gute Arbeit geleistet worden.

Sören Kierkegaard war kein Demokrat. Schon die beschränkte Öffentlichkeit der bürgerlichen Epoche erfüllte ihn mit Schrecken: »Die vollkommene Publizität macht das Regieren zu einer absoluten Unmöglichkeit. Denn alle Regierung beruht auf dem Gedanken, daß es ein paar Einzelne gibt, die einsichtiger als die andern sind, und die dadurch um so viel weiter blicken, daß sie steuern können; vollkommene Öffentlichkeit dagegen beruht auf dem Gedanken, daß alle regieren sollen.« Dieser Gedanke erscheint dem »Reaktionär« Kierkegaard absurd. Insofern existiert für ihn eigentlich auch kein Dilemma der Pressefreiheit; er hält sie nicht nur für schädlich, sondern für überflüssig. Da sie in seinen Augen nichts leistet, kann er die Frage, ob ihr »Preis«, die moralische Verschmutzung, die sie zur Folge hat, gerechtfertigt sei, gar nicht aufwerfen. Er plädiert umstandslos für die Zensur; sein Rezept lautet: Verbieten und Strafen. »Die Regierung kann nicht die Mitteilung der Rede verbieten, sie ist Gottes Gabe; aber sie könnte sehr wohl die Tagespresse verbieten, weil sie ein allzu ungeheures Mitteilungsmedium ist. Man könnte ihr erlauben, Inserate zu drucken, aber keinesfalls Raisonnements.« Es ist charakteristisch für diesen Denker, daß er nicht nur in seiner Analyse, sondern auch in seinen Handlungsanweisungen über die autoritäre Praxis eines Metternich hinausgeht. Seine Zensur-Phantasien beschränken sich nicht auf Verleger, Journalisten und Redakteure; sie schließen, durchaus logisch, die Leser ein: »Sollte ich ein Pressegesetz schreiben, ich wüßte schon, was ich tun würde. In Bezug auf die Tageszeitungen hätten die Käufer unbedingt einen großen Teil der Verantwortung zu tragen. Der Käufer eines Blattes ist wesentlich mitschuldig ... Also müßten, zugleich mit dem Verfasser, auch die Leser mit Geldstrafen belegt werden. Denn das Verbrechen besteht nicht so sehr darin, daß einer eine Lüge ausspricht und sie drucken läßt, sondern das eigentliche Verbrechen besteht in ihrer Ausbreitung; es nimmt also mit der Zahl der Käufer zu. Es dürfte von nun an keine anonyme Bestellung mehr geduldet werden. Die Namen der Bezieher eines jeden Blattes müßten öffentlich gedruckt werden, und je mehr Käufer, desto größer die Geldstrafe.«


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