Januarheft 2015, Merkur # 788

Zur Nullzinspolitik der Notenbanken. An der Schwelle zur nächsten Gesellschaft

von Dirk Baecker
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Die aktuelle Niedrig- und Nullzinspolitik der Notenbanken in Japan, Europa und Amerika hat sicherlich viele Gründe. Wirtschaftspolitisch geht es darum, den Preis eines Gutes oder einer Leistung, in unserem Fall des Geldes, so weit zu senken, dass die Nachfrage nach diesem Gut oder dieser Leistung wieder steigt. Offenbar gehen die Notenbanken davon aus, dass die Nachfrage nach Geld in ihren Wirtschaftsräumen zu niedrig ist. Es geht darum, wirtschaftliche Aktivitäten anzukurbeln. Wirtschaftspolitisch ist damit zugleich die Erwartung der Stabilisierung eines Währungsraums verbunden, in dem offenbar weniger Geschäfte stattfinden, als es politisch wünschenswert erscheint. Auch wenn mit einer Niedrig- und Nullzinspolitik der Wert der Währung sinkt, kann dies dank der damit verbundenen Stärkung der Exportindustrie (bei gleichzeitiger Schwächung der Importindustrie, mittlerweile meist ein und dieselbe) durch niedrigere Preise ihrer Güter und Leistungen mit einer erhöhten Wirtschaftsaktivität einhergehen. Und nicht zuletzt senkt die Notenbank mit ihren Zinsen die Kosten der Verschuldung der staatlichen Haushalte gegenüber Privaten. Dies nutzt trotz der Senkung der Renditen der Privaten auch deren Interessen, weil so von einer höheren Stabilität bei der Bedienung der Schulden des Staates auszugehen ist. Wirtschaftspolitisch bewegt sich die Zinspolitik der Notenbanken damit im Rahmen eines ökonomisch definierten Spiels, in dem der Wert einer Sache durch ihren Preis derart variiert werden kann, dass die Nachfrage steigt oder sinkt. Vorausgesetzt ist dabei eine normale Preiselastizität der Nachfrage, der gemäß die Nachfrage steigt, wenn der Preis sinkt. Allerdings kennen die Ökonomen auch Fälle einer preisunelastischen Nachfrage, in der der Absatz eines Gutes oder einer Leistung nicht vom Preis abhängt, und Fälle einer anormal elastischen Nachfrage, in der der Absatz mit dem Preis des Gutes oder der Leistung steigt. Sollten wir es im Fall der Zinspolitik der Notenbanken mit einem solchen anormalen Fall zu tun haben? Sollte die Nachfrage nach Yen, Euro und Dollar sinken, wenn die Kreditaufnahme in diesen Währungen günstiger wird?

Die Theorie der Preiselastizitäten lehrt uns, dass man eine solche Frage nicht absolut, sondern nur relativ beantworten kann. Die Nachfrage nach einem Gut ist nur dann preisunelastisch (immer im Rahmen bestimmter Budgetrestriktionen; wenn kein Geld mehr da ist, kann man auch nicht mehr zahlen), wenn es keine Ausweichmöglichkeiten auf andere Güter gibt, die eine ähnliche, möglicherweise unverzichtbare Leistung erbringen. Und die Nachfrage nach einem Gut ist nur dann anormal elastisch, wenn der Wert eines Gutes von der Höhe des für dieses Gut zu zahlenden Preises direkt abhängig ist. Was nichts kostet, kann nichts wert sein; was teuer ist, muss auch wertvoll sein. Wohin also würde man ausweichen, wenn man sich, einmal das Schlimmste angenommen, für Dollar, Yen und Euro nicht mehr oder nicht mehr so sehr interessiert? Die Kultursoziologie lehrt uns, dass man für die Suche nach einer Antwort auf diese Frage nicht nur an andere Währungen denken muss. Sicherlich ist der Schweizer Franken eine interessante Alternative zu Währungen, die von ihren Notenbanken für einen politischen Poker eingesetzt werden. Und auch der chinesische Renminbi oder der saudische Rial sind interessant, wenn man an die Wachstumschancen ihrer Wirtschaftsräume denkt. Tatsächlich kann man jedoch auch noch eine andere Möglichkeit in Betracht ziehen. Möglicherweise verlieren der Dollar, der Yen und der Euro an Wert, weil ganz andere Währungen an Wert gewinnen. Und möglicherweise wird dies über kurz oder lang auch den Franken, den Renminbi und den Rial betreffen. Möglicherweise verliert das Geld seine zentrale Stellung in der Orientierung über die Zukunftschancen der Gesellschaft und rückt eine andere Währung an seine Stelle.

Die Rolle des Geldes

Die Vermutung, dass das Geld insgesamt an Wert verliert − man denke nur an die weltweite Inflation der Millionäre und Milliardäre −, kann nur unter einer Reihe von Voraussetzungen geprüft werden, die jenseits der ökonomischen Theorie auf das Feld der Soziologie und Kulturtheorie führen. Welche Rolle spielt das Geld in der Gesellschaft, und welche kulturellen Alternativen könnte man sich dazu unter welchen Annahmen vorstellen? Es ist bekannt, dass das Geld erst in der modernen Gesellschaft den Wert erhalten hat, den es gegenwärtig schon wieder zu verlieren scheint. Haben wir es also mit einem Ende nicht nur der Bedeutung des Geldes, sondern auch der Dominanz der modernen Gesellschaft zu tun? Tritt etwas anderes an deren Stelle? Georg Simmel hat in seiner Philosophie des Geldes (1900) den Wert des Geldes für die moderne Gesellschaft aus seiner Fähigkeit bestimmt, sich als »Mittel schlechthin« in alle Handlungsketten einer Gesellschaft hineinschmuggeln und dort zum »Glied einer Reihe« werden zu können, die es hinfort normiert und dominiert. Geld ist nicht alles, aber ohne Geld ist alles nichts. Alles Ständische »verdampft«, heißt es bei Karl Marx und Friedrich Engels im Kommunistischen Manifest von 1848. Alte soziale Bindungen werden aufgelöst, so analysiert Simmel, und neue geschaffen. Je nachdem, ob man die symbolischen oder die diabolischen Seiten des Geldes betonen möchte, wie Niklas Luhmann sie beschrieben hat (Die Wirtschaft der Gesellschaft, 1988), wird man eher dazu neigen, zu beschreiben, wie die Solidarität der bäuerlichen Familie, des Clans und des Standes, in den man hineingeboren wurde, sich auflöst, weil die Aussicht auf monetäres Einkommen hinaus ins Freie lockt, oder zu beschreiben, wie diese Aussicht dazu genutzt wird, Industrien mit Arbeitskraft zu versorgen, Märkte für Konsumgüter zu schaffen und eine Infrastruktur der Gesellschaft aufzubauen, die ein ungeahntes Wirtschaftswachstum und einen neuen Wohlstand ermöglichen, allerdings auch mit großem Elend bezahlt werden, solange der Staat noch nicht entdeckt hat, dass nur Umverteilung das Gesamtsystem stabilisieren kann. Der Wettbewerb, sagt Joseph Schumpeter (Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie, 1942), ist ebenso zerstörerisch wie schöpferisch. Das Geld, sagen Michel Aglietta und Andre Orlean (La violence de la monnaie,1982) unter Berufung auf Rene Girard (La violence et le sacre, 1972), stellt jenes Medium zur Verfügung, in dem Konflikte zwischen sich imitierenden Rivalen − man denke an die Konsumkonkurrenz unter Nachbarn und in Peergruppen ebenso wie an die Prestigekonkurrenz unter Managern und Unternehmern − relativ gewaltfrei ausgetragen werden können, weil es hierkeine Nullsummenkonstanzprämisse gibt.


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