Aprilheft 1990, Merkur # 494

Zyklus von Erniedrigung und Überhebung. Norbert Elias’ »Studien über die Deutschen«

von Gustav Seibt
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Die überraschende Entwicklung zur deutschen Einheit hat die deutsche Öffentlichkeit unvorbereitet getroffen. Sichtbar wird dies an jenen Argumenten, die derzeit am häufigsten bemüht werden: den historischen. Oft schon im Faktischen unzutreffend, zeigen sie einen erstaunlichen Mangel an geschichtlicher Phantasie, indem sie historische Identitäten als statisch konstruieren. Da sagen die einen, der deutsche Einheitsstaat sei die Ursache von Auschwitz gewesen und ähnlich Schreckliches drohe von einem künftigen vereinten Deutschland; auf der anderen Seite verkünden schwerzüngige Politiker, die nicht wissen, wovon sie reden, jetzt, da sie Weimar besuchen könnten, hätten sie ihre »deutsche Identität« wiedergefunden. All das erinnert an das späte 19. Jahrhundert, als die deutsche Nation zum deutschen Reich wurde, als man Wilhelm II. zum Barbablanca stilisierte, als man glaubte, die Hohenzollern sollten an die sechshundert Jahre zuvor untergegangenen Staufer anknüpfen. Das Geschichtsmodell, das den Deutschen am meisten einzuleuchten scheint, ist offenbar noch immer der Schlaf im Kyffhäuser und das anschließende Erwachen. Daß Identität anderes bedeuten kann als Identifizierung, als Einverleibung von Vergangenheiten − nämlich ebenso sehr bewußte Abhebung und Distanzierung von Vergangenheiten −, das scheint kein geläufiger Gedanke zu sein. Erwacht nach vierzigjährigem Schlaf das alte, ambivalente, das geistige und das schreckliche Deutschland? Verfehlen wir die Möglichkeit für ein gegenwärtiges Deutschland, das mit seiner Zeit und seinen Nachbarn endlich einmal in Frieden leben könnte? Nur historische Reflexion kann die Frage beantworten.

Der Zufall wollte es, daß in den ersten Novembertagen des vergangenen Jahres ein Buch herauskam, das wie kein anderes Theorien und Argumente für eine solche Reflexion bereitstellt. Wer die Studien über die Deutschen von Norbert Elias liest, könnte glauben, das Zusammentreffen sei höhere Fügung oder geniale Planung (Norbert Elias, Studien über die Deutschen. Frankfurt: Suhrkamp 1989). Aber Elias’ Studien sind nicht für den Moment geschrieben; sie gehen bis in die sechziger Jahre zurück, und ihr theoretischer Unterbau läßt den Gedanken an eilige Produktion abwegig erscheinen. Das Buch ist deswegen so aktuell, weil es langfristige, aber tabuisierte Probleme verhandelt, deren Verdrängung die geschichtliche Konjunktur jetzt mit einem Schlag unmöglich gemacht hat. Hier wird sichtbar, was Wissenschaft, die sich als das längere Gedächtnis einer Gesellschaft begriff, leisten könnte. Elias untersucht den Nationalcharakter der Deutschen als das geschichtliche und daher wandelbare Produkt von Staatsbildungsprozessen und den sie begleitenden gesellschaftlichen Zivilisierungsprozessen. Für Elias besteht ein direkter Zusammenhang zwischen den in einer Nationalgesellschaft vorherrschenden Persönlichkeitsstrukturen, den Umgangsformen, öffentlichen Werten und der individuellen Gewissensbildung einerseits und den äußeren Geschicken eines Staates sowie den inneren Machtverteilungen zwischen Klassen und Generationen andererseits. Der neuzeitliche, innerweltlich legitimierte Staat mit seinem Gewaltmonopolist in dieser Sicht die zentrale Instanz, in der kollektive Eigenschaften eines Volkes durch geschichtliche Erfahrungen ausgebildet und verändert werden. Ein solcher Nationalcharakter ist nicht Natur, sondern sedimentierte Geschichte. Diese Geschichte betrifft jeden Angehörigeneines Volkes auf einer Wir-Ebene seines Charakters − selbst da noch, wo dieser Wir-Bezug vor allem in Abwehr und Abscheu besteht, wie bei vielen nach 1945 geborenen Deutschen. Es ist nach Elias’ Ansicht zwecklos, diese Wir-Ebene, durch die das Individuum Angehöriger einer Staatsgesellschaft ist, zu leugnen und die mit ihr verbundenen Probleme zu ignorieren. Aus intimer Kennerschaft, aber zugleich mit rational unterkühlter Distanz beschreibt Elias die wechselvollen Schicksale der kollektiven Identität der Deutschen in den letzten anderthalb Jahrhunderten. Die Leitfrage ist dabei, wie es in Deutschland zu dem beispiellosen zivilisatorischen Rückfall kommen konnte, den der Nationalsozialismus bezeichnet. Elias ist also durchaus kritisch; aber er moralisiert nicht und er erspart uns jede Rhetorik. Hier arbeitet eine Vernunft, die sich auch vom Schrecklichsten nicht einschüchtern läßt; hier wird ein wissenschaftlicher Ton vernehmbar, der an die menschenfreundliche und zugleich völlig illusionslose Ruhe Sigmund Freuds erinnert. Das Buch von Elias ist keine fortlaufende, geschlossene Abhandlung. Es ist zusammengesetzt aus Einzelstudien, die verschiedene Facetten des Grundthemas − Staatsbildung und Zivilisierung der Deutschen − behandeln. Es geht um Duellsitten und Trinkgewohnheiten, um Freikorps und Terroristen, um die Judenvernichtung, um das staatliche Gewaltmonopol. Elias verfährt häufig induktiv, beginnt beim sprechenden Einzelfall; das hat nichts zu tun mit der inzwischen bis zum Überdruß beliebten alltagshistorischen Methode liebevoller Kleinmalerei, von der Elias zu Recht sagt: »Man treibt ohne Kompaß in einem Episodenmeer.« Elias praktiziert eine anschauliche Strukturgeschichte, von der die Historische Sozialwissenschaft allerdings einiges abschauen könnte und sollte. Die brillanteste Studie des Bandes ist sicher die über die Duellsitten im zweiten Kaiserreich: Ein heute so befremdliches Phänomen wie das Duellieren von Studenten und Offizieren liest Elias als Symptom einer bürgerlich-adeligen, genauer akademisch-militärischen Symbiose in einem vom Kriegerethos geprägten Machtstaat, der ein neuartiges Kriterium für seine Eliten entwickelte: die Satisfaktionsfähigkeit. Theoretisch nicht weniger glänzend, und alles aktuelle Gerede über Nationalismus der Verschwommenheit überführend, ist der Abschnitt über Nationalismus als innerweltliches Wertsystem, der die moralische Doppelgesichtigkeit des modernen Nationalgefühls herausstellt: die Kombination eines egalitären, mittelständischen Ethos im Inneren mit einer selbstsüchtigen, kampfbereiten Adelsmoral in Außenbeziehungen.


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