• Eric Hobsbawm: Ein Kommunist erklärt die Geschichte

    Eric Hobsbawm war Historiker und Kommunist. Als Historiker hatte er große Erfolge. Als er 2012 im Alter von 95 Jahren starb, wurden fast alle seiner Bücher noch aufgelegt, seine Texte waren in mehr als fünfzig Sprachen übersetzt worden, er selbst genoss weltweites Ansehen. Der Historiker Hobsbawm hinterließ ein beeindruckend umfangreiches Werk, darunter vier breit rezipierte Bände, die die Zeit zwischen 1789 und 1991 umspannen, sowie ein Vokabular, das das Studium der modernen Geschichte revolutionierte: die »Erfindung der Tradition«, »primitive Rebellen«, die »allgemeine Krise« des 17. Jahrhunderts, die »Doppelrevolution«, das »lange 19.« und das »kurze 20. Jahrhundert«.

    (Der Essay ist im Augustheft 2019, Merkur # 843, erschienen.)

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  • Der sinnliche Professor

    Alle paar Jahre erscheint ein Essay, der die Frage nach sexueller Belästigung an der Universität zum Anlass nimmt, über die schwammigen Grenzen von Lehre und Sex zu sinnieren. Zwar ist das gängigste Erzeugnis dieses Genres die selbstgefällige Apologie eines älteren, männlichen Schwerenöters, aber die Autoren sind weder immer alt noch ausschließlich männlich. Und obwohl einige von ihnen Sex zwischen Studierenden und Professoren (oder Professorinnen) verteidigen, gibt es viele, die das nicht tun.

    Diese Letzteren haben etwas Edleres, eher Griechisches im Sinn. Ihnen geht es nicht um Geschlechtsverkehr, sondern um Seelenverwandtschaft. Eros ist ihre Muse, Wissen ihr Verlangen. Wir anderen – wir mit unseren herummarodierenden Belästigungs-Spähtrupps und unserer einfältigen Regel- und Vorschriftsgläubigkeit – übersehen, dass Bildung erotisch aufgeladen ist, und wir haben keine Ahnung davon, dass sich zwei heiße Teilchen allein geistig auf Hochtouren bringen können. Durch unsere Bestrebungen, Sex zu verhindern, riskieren wir, jeden Sexappeal zu verlieren. Diese Autorinnen und Autoren plädieren gegen Schwarz-Weiß-Denken und für Komplexität: Nicht damit der Lehrkörper mit den Studierenden schlafen kann, sondern damit wir offen und ehrlich über Grauzonen in der Lehre sprechen können, darüber, dass die züchtigste Pädagogik solche Funken schlagen kann, dass sie nicht nur an Erotik erinnert und sich so anfühlt – sondern vielleicht sogar dasselbe ist. Ich nenne dieses Genre Der sinnliche Professor .

    Der neueste Beitrag ist der Essay The Erotics of Mentorship von Marta Figlerowicz und Ayesha Ramachandran, der im April in der Boston Review erschienen ist. Figlerowicz und Ramachandran sind Literaturwissenschaftlerinnen, wie viele Verfasserinnen dieses Genres. (Sie werden niemals Professoren der Chemie oder der Demografie unter den Autoren eines solchen Stücks finden.) Und wie viele von ihnen schätzen sie den Sexappeal von Akademia sehr hoch ein. »Wahrscheinlich gibt es keine anderen Orte«, so teilen sie uns mit, »die anfälliger für die Vermischung von Arbeit und Romantik sind als Colleges und Universitäten.« Selbstredend hat diese Annahme mehr mit dem glücklichen Umstand zu tun, dass beide Teil von Akademia sind, als mit irgendeinem haltbaren Vergleich zwischen der Universität und anderen Arbeitsstellen. Schließlich ist die Büroromanze ein geläufiger Teil der Populärkultur, deren Schauplätze von einer Bar (Cheers) über eine Detektei (Moonlighting) oder eine Firma für Bürobedarf (The Office) bis hin zu einer Versicherungsagentur (The Apartment) reichen.

    Figlerowicz und Ramachandran halten auch die Attraktivität der Einwohner von Akademia für besonders hoch: »Eine der zentralen Eigenschaften des Unilebens ist die Verbindung von reizvollen Ideen mit charismatischen Leuten.« Im Fortgang des Texts wird klar, wer diese charismatischen Leute sind: die mit Professuren. So weit die sinnliche Professorin über den sinnlichen Professor. Wenn Figlerowicz und Ramachandran schreiben, dass »Studierende oft ein Kribbeln im Bauch haben, wenn ihnen eine eindrucksvolle Dozentin begegnet, die genau das verkörpert, wofür sie gerade eben leidenschaftlich entbrannt sind«, denken sie an das, was sie selbst als Studentinnen empfunden haben. »Für viele von uns«, so geben sie später zu, »sind die charismatischen Dozenten von damals noch immer Leuchttürme.«

    Tatsächlich besagt eine Genrekonvention, dass sich die sinnliche Professorin zunächst auszumalen hat, was ihre Studierenden wohl empfinden, und zwar anhand dessen, was sie selbst einmal empfunden hat, was sie sodann als allgemeingültig darstellt (»Intellektualität wirkt magnetisch, und ihre berüchtigte wandelbare Anziehungskraft geht oft auch in Erotik über«), wobei sie kaum Notiz davon nimmt, dass diese Gefühle aus ihrer Studienzeit stammen, als sie ihre Laufbahn zur Professur schon angetreten hatte. Was ist mit einer Studentin, die eine Laufbahn als Personalerin vor sich hat? Oder als Steuerberaterin?

    Die Frage kommt nie auf, weil es im schummrigen Hinterstübchen des sinnlichen Professors nicht um Sex, sondern um Klasse geht. Figlerowicz und Ramachandran unterrichten an einer Eliteuniversität: Yale. Allan Bloom, der Autor von The Closing of the American Mind , war Professor an der University of Chicago. William Deresiewicz’ Love on Campus wurde 2007 in The American Scholar veröffentlicht, als er ebenfalls (lesen ...)

  • Triumph des Unseriösen

    In The Art of the Deal lässt Donald Trump seine Leser – und zwar gleich zweimal – wissen, dass er grundsätzlich kein Mittagessen zu sich nehme. Es sind noch keine hundert Seiten vorbei, da ist er schon dreimal mittags in einem Restaurant eingekehrt. Architekturkritiker, so behauptet Trump, nehme er sowieso nicht ernst. Auf der nächsten Seite gibt er zu: „Aber jetzt mal ohne Scherz: Es schmeichelt auch, gute Kritiken zu bekommen.“ Er behauptet, dass die Wharton School an der University of Pennsylvania „der Ort“ sei, um ein erfolgreicher Unternehmer zu werden. Nur um im nächsten Absatz festzustellen, dass ein Abschluss in Wharton „nicht viel beweist“. Widersprüche waren schon immer für Trumps Stil charakteristisch. Seine Kritiker erkennen darin sein Markenzeichen, den entscheidenden Unterschied zwischen ihm und seinen rechten Vorgängern im Amt. Dabei war die fröhliche Feier des Widerspruchs schon immer ein Merkmal des amerikanischen Konservatismus. Ursprünglich in eleganterem Gewand, als Antwort auf den schlichten Rationalismus gedacht, der der politischen Linken zugeschrieben wurde. Die Behauptung und ihre Negation gleichzeitig zu besetzen, ohne sie miteinander versöhnen oder sie überwinden zu wollen, wurde als angemessene Wahrnehmung, Würdigung und Wahrung der bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse aufgefasst – einer vielschichtigen sozialen Ordnung, beruhend auf Jahrhunderten von Recht und Herrschaft, die durch die gleichmacherische Vernunft der Linken mit Füßen getreten, ihrer Größe beraubt und durch Kleingeistigkeit ersetzt würde. „Er ist erst dann mit der Verfassung zufrieden, wenn er sie sich in die Westentasche stecken kann“, bemerkte Joseph de Maistre, nachdem er Thomas Paines Entwürfe zur Neuordnung der Welt überflogen hatte. Sie waren alle klar und verständlich geschrieben, gut lesbar, knapp formuliert. Jahrzehnte vor Paine lautete dazu Edmund Burkes Kommentar bereits: „Eine klare Idee ist also nur ein anderer Name für eine kleine Idee.“ Trump dürfte diese Tradition kaum kennen. Doch folgt man ihm dabei, wie er seelenruhig Widerspruch auf Widerspruch häuft, drängt sich der Eindruck auf, dass sein nachlässiger Umgang mit all diesen Unstimmigkeiten durchaus ein Gutteil seiner Anziehungskraft bei der Rechten ausmacht. Trump steht selbstbewusst zu seinen Widersprüchlichkeiten. Sie sind für ihn der Beweis dafür, dass er ein echter Kerl und kein Langweiler ist. „Die meisten sind von meiner Arbeitsweise überrascht“, berichtet er in The Art of the Deal. „Ich geh’s gern etwas lockerer an ... Man kann keine Visionen entwickeln oder wirkliches Unternehmertum zeigen, wenn man zu strukturiert denkt und handelt. Ich mag es lieber, ins Büro zu kommen und einfach zu sehen, was der Tag so bringt.“ Wie George W. Bush, dessen Cowboy-Attitüde ihm den schmeichelhaften Beinamen „rebel-in-chief“ eintrug, gefällt sich auch Trump in der Rolle des fröhlichen Freibeuters, die zur uralten Feindschaft der Rechten gegenüber jeder politischen Arithmetik und moralischen Geometrie passt. „Manchmal“, so Trump, „zahlt es sich aus, den wilden Mann zu spielen.“ (...)

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