Merkur-Gespräche

Seit 2015 organisiert der Merkur die Veranstaltungsreihe Merkur-Gespräche, die in loser Folge, an wechselnden Orten in Berlin und zu unterschiedlichen Themen stattfinden. Den Gespräche ist gemeinsam, dass sie sich von Format der klassischen Podiumsdiskussion absetzen. Statt atemlos verlaufender Endlosdiskussionen wollen sie produktiven Dialog provozieren, ohne die Unvorhersehbarkeit mündlicher Gesprächssituationen preiszugeben. Dafür setzen die Merkur-Gespräche auf den Wechsel von Impuls und Respondenz und finden ihren Abschluss in offenen Diskussionen, die das Publikum miteinbeziehen.

Die Merkur-Gespräche werden finanziell unterstützt von der Alfred Toepfer Stiftung F.V.S. und der Gerda Henkel Stiftung; der Eintritt zu allen Merkur-Gesprächen ist frei.

Die Merkur-Gespräche werden 2016/17 fortgeführt, dann in etwas verändertem Format – und nicht mehr nur in Berlin. Geplant sind erstmals zwei Gespräche in Hamburg und Frankfurt am Main. Wer über kommende Veranstaltungen informiert werden möchte, hat die Möglichkeit, den Newsletter zu abonnieren.

vorbereitung

 

Übersicht über vergangene Merkur-Gespräche

Den Auftakt der Reihe machten Merkur-Gespräche 1: Zur Lage der Universität, am 25. Juni im Grünen Salon der Volksbühne. Im Anschluss an den Universitäts-Themenschwerpunkt im Juni-Heft lud der Merkur mit Armen Avanessian, Remigius Bunia, Hanna Engelmeier und Nacim Ghanbari vier junge WissenschaftlerInnen ein, über ihre Erfahrungen an deutschen Universitäten zu sprechen – Institutionen, die in den letzten Jahren rasante Umbauten erfahren haben. Im Zuge der Exzellenzinitiative wurden Forschung und Lehre nach Wettbewerbsprinzipien neu ausgerichtet, wodurch sich die Hochschullandschaft nachhaltig verändert hat: Strukturelle Unterfinanzierung steht punktuellem Drittmittel­überfluss ge­genüber, eine regelrechte Nachwuchsschwemme dem chronischen Mangel an Dauerstellen, immer höherer Verwaltungsaufwand immer größeren Studierendenzahlen. Beate Söntgen, Professorin für Kunstgeschichte und Vize-Präsidentin der Leuphana Universität Lüneburg, respondierte.

Copyright: Die Wucht

 

Im Freitag vom 2. Juli 2015 berichtete Lukas Latz über das Merkur-Gespräch und setzte sich eindringlich mit einigen der diskutierten Probleme auseinander: „An meinem Institut – ich studiere Komparatistik an der FU – fühle ich mich oft wie ein Autodidakt; in der Literatur zu Recht eine Witzfigur. Durch geistige Isolation werden wir zu prätentiösen Narzissten und Knilchen, die Professoren für Götter halten.“

Copyright: Die Wucht

Mara Delius schrieb in der Welt vom 29. Juni 2015: „Beim Diskussionsabend nun trat mit Diskutierenden, die zwischen 1973 und 1983 geboren wurden, ein anderes Phänomen auf – die Generation Postdoc. Es handelt sich dabei um eine Zwischengeneration, akademisch aufgewachsen im Vor-Bologna-Zeitalter, und jetzt, nach der Promotion, vor der Professur, unbehaust zu Hause in einem System, das zwischen der Reform und der Reform der Reform hin und her trudelt. Beklagt wurden undurchsichtige Hierarchiestrukturen, die die Universität als einen überverwalteten Ort erscheinen lassen, der seiner eigenen Verknöcherung dadurch zu entkommen glaubt, dass er in kundenmagazinhafter Sprache von ‚Betreuungsverhältnissen‘ oder ‚Transferkompetenz‘ spricht.“

Merkur-Gespräche 2: Das Netz, historisch betrachtet fand am 23. Oktober 2015 im Berliner Acud statt und lud vier HistorikerInnen und einen Netz-Experten ein, über soziale und mediale Vorgeschichten der digitalen Revolution zu sprechen.

netzhistorisch fotos

Monika Dommann (Professorin am Historischen Seminar der Universität Zürich) diskutierte mit Philipp Felsch (Junior-Professor für Geschichte der Humanwissenschaften an der HU Berlin) über die Geschichte und Gegenwart des Copyright und Copyright-Problemfälle. Im Anschluss sprach Christoph Kappes (Jurist und Unternehmer), der kurzfristig für die leider verhinderte Kathrin Passig (Autorin) einsprang, mit Leonhard Horowski (Historiker und Autor) über Formen politischer Systembildung in Online-Communities. In seinem Kommentar stellte Valentin Groebner (Professor für Geschichte mit dem Schwerpunkt Mittelalter und Renaissance an der Universität Luzern) die Frage, wie die Digitalisierung auch das wissenschaftliche Publizieren verändert.

Eine Videoaufzeichnung von Merkur-Gespräche 2: Das Netz, historisch betrachtet steht auf L.I.S.A., dem Wissenschaftsportal der Gerda Henkel Stiftung, zur Verfügung.

Die gesellschaftlichen und ästhetischen Auswirkungen der Digitalisierung bildeten auch den Ausgangspunkt von Merkur-Gespräche 3: Kleine Formen, großen Formen in der Gegenwartsliteratur, das am 8. Februar 2016 im Grünen Salon der Volksbühne stattfand: Literatur spielt sich heute nicht mehr nur in Büchern ab – sondern auch auf den Bildschirmen von iPads und Kindles, von Smartphones und Laptops. Gelesen wird überall und zwischendurch, geschrieben auch. Das Schreiben im Netz favorisiert die kleinen Formen, es entstehen Kurz- und Kürzestschreibweisen: Twitteratur (im Merkur schrieb darüber zuletzt Hannes Bajohr). Wie verändert das unseren Begriff von Literatur und welche Folgen hat es für alteingesessene Gattungen wie den Roman? Hat der Roman als Beschreibung von Gegenwart ausgedient, muss man den „Niedergang des Romans“ ausrufen, wie Ingo Meyer das im Merkur getan hat? (Hier die anschließenden Debatte im Merkur-Blog.) Kathrin Passig (Autorin und Netz-Expertin) und Holger Schulze (Kulturwissenschaftler und Professor für Musikwissenschaft in Kopenhagen, Blogger auf mediumflow) stellten die neuen kleinen netzbasierten Literaturformen vor und absolvierten dabei einen rasanten Parcours in Form von 60 bebilderten Kurzthesen. Anschließend sprachen die beiden Schriftsteller und Romanautoren Kathrin Röggla und Ulrich Peltzer über die Möglichkeit des Romans und das, was sie weiterhin an der Langform interessiert. Der abschließende Kommentar von Eva Geulen (Literaturwissenschaftlerin und Direktorin des Zentrums für Literatur- und Kulturforschung in Berlin) wendete sich gegen vereinfachte Gegenüberstellungen von „großer“ und „kleiner“ Form und plädierte für differenzierte Beschreibungen von sowohl Netzschreibweisen als auch zeitgenössischer Romanprosa. In der Schlussrunde meldete sich aus dem Publikum unter anderem Sascha Lobo zu Wort.

„Der Abend war ein kleines Thesenduell. Je ein Doppel pro Halbzeit, plus Verlängerung, sprich Diskussion vor und mit Publikum, das – so ging der Kalauer – sich bitte kurz fassen sollte“, schrieb Marc Reichwein in seiner Besprechung in der Welt vom 9. Februar 2016.

Dirk Knipphals resümierte in der taz vom 10. Februar 2016: „Wenn es der Anspruch war, herauszukriegen, wie die neuen digitalen Formen der Literatur und die traditionelle Form des Romans sich zueinander verhalten, dann war der Abend unbefriedigend. Aber interessant unbefriedigend. Denn er hat gezeigt, dass die Voraussetzungen für so ein Gespräch über neue und alte Literaturformen auf Augenhöhe noch gar nicht recht gegeben sind. Selbst wenn sich alle Beteiligten bemühen, wenig aggressiv aufzutreten, ist vielleicht die Vorstellung, dass es hier um hegemoniale Auseinandersetzungen innerhalb der Kultur geht, sehr stark in den Hinterköpfen.”

Auch von diesem Gespräch gibt es eine Videoaufzeichnung.

Merkur-Gespräche 4: Europas Flüchtlinge unternahm den Versuch, im Nachdenken über die Flüchtlingskrise einen Schritt zurückzutreten und sich von tagesaktuellen Kontroversen zu lösen, um den Blick auf die grundsätzlichen Probleme und Herausforderungen der gegenwärtigen Lage zu lenken. Hierfür lud der Merkur drei JuristInnen und zwei Politikwissenschaftler ein, über die rechtliche und die politische Dimension der Flüchtlingsfrage zu diskutieren, aus deutscher und europäischer Perspektive. Das Gespräch fand am 18. April 2016 im Berliner Haus der Kulturen der Welt statt. Zunächst sprachen Helmut König (Professor für für Politische Wissenschaft an der RWTH Aachen) und Herfried Münkler (Professor für Theorie der Politik an der HU Berlin) über die Flüchtlingskrise aus politikwissenschaftlicher Sicht; sie plädierten für einen historisch informierten Blick auf Migrationserfahrungen und verteidigten die Merkels Flüchtlingspolitik. Die beiden Juristen Christoph Möllers (Professor für Öffentliches Recht und Rechtsphilosophie an der HU Berlin) und Christoph Schönberger (Professor für Öffentliches Recht, Europarecht, Vergleichende Staatslehre und Verfassungsgeschichte an der Universität Konstanz) kritisierten hingegen die Politik und Kommunikation der Bundesregierung in der Flüchtlingsfrage, in der sie keine Strategie erkennen konnten und deren europapolitischen Folgen sie für fatal hielten. In ihrer Respondenz stellte Alexandra Kemmerer (wiss. Koordinatorin am Max-Planck-Institut für Öffentliches Recht und Völkerrecht) fest, dass die Juristen politisch argumentiert hätten, während die Politikwissenschaftler sich eher ins Historische zurückzogen, und warnte vor idealisierenden Migrationsnarrativen. In die Schlussdiskussion schalteten sich aus dem Publikum auch die Journalisten Gustav Seibt und Ralph Bollmann ein.

schlussrunde

Im Merkur-Blog gibt es eine ausführliche Zusammenfassung der diskutierten Thesen und Streitpunkte; außerdem steht auf L.I.S.A. die Videoaufzeichnung des Gesprächs zur Verfügung.