Kommentar zu Ingo Meyers „Niedergang des Romans“

Kommentar zu Ingo Meyers im Novemberheft erschienenem Essay Niedergang des Romans? Sondierungen im Bezugsrahmen eines Topos, der im Archiv hier abrufbar ist.

Abgesehen davon, dass Essaylektüren über Krisen des Romans bei mir schon etwas länger zurückliegen, sehe ich durchaus einen Sinn für das Thema, weil ich vermute, dass sich hier inzwischen nicht so sehr ein Genre als gleich eine ganze Lesegewohnheit/Einteilungsgewohnheit verloren hat oder dabei ist, sich zu verlieren, ein Paradigma.

Was Meyer macht, ist hauptsächlich eine ganze Reihe von deutschsprachigen Autoren aufzuzählen, die immer noch Romane schreiben (sein Favorit ist Nizon, scheint es, Handke kommt etwas lapidar weg, Goetz erwähnt er fast gar nicht, über den Rest zieht Meyer unterhaltsam, aber auch unwichtig her). Er konzentriert sich meistens auf Literaturbetriebsprodukte wie Tellkamps Turm oder die Feuchtgebiete von Roche, gegen die man leicht polemisieren kann, und die tatsächlich egal sind (wenn er schon dabei ist: fehlt nicht Hegemann?). Meyer bleibt immer noch vollständig im Romanparadigma, ich sehe jedenfalls nicht, dass er es irgendwo durchbricht. Warum lese ich kaum noch Romane? Warum bringen die immer noch Geld (jedenfalls TurmFeuchtgebieteOzelotloderwiedasheißt)? Was meint Meyer eigentlich: den Roman als Markt, als Katalogspalte, als Poetologie, als Gewohnheit?

Vielleicht hatte Meyer vor allem den deutschsprachigen Mainstream im Blick, aber warum geht er dann überhaupt auf die „klassische Moderne“ ein (und was für eine Fragenlawine setzt dieser Begriff da stoisch in Bewegung — „du sprichst ein großes Wort gelassen aus“)? Und eine Aussage wie die, dass Hundejahre das letzte wichtige Werk von Günter Grass sei, ist in irgendeinem Kontext relevant? Was soll hier eröffnet werden? Ist die Pointe seines Textes nicht einfach, dass der deutschsprachige Literaturmarkt (von dem vor allem spricht er) nicht zum Lesen von Romanen animiert? Literatur in den Grenzen des Bachmannpreises?

Verpasst der Text zwischen seinen Minirezensionen nicht die Chance zu wenigstens einer kleinen, wie unscharf auch immer gestellten interessanten Frage?

Eigene hingeschlurte These: der Roman als Paradigma könnte deshalb in den Hintergrund gerückt sein, weil anderes an seine Stelle tritt, weil er inzwischen als Struktur/Gewohnheit/Erwartungshaltung zu bauklötzchenhaft daherkommt, zugleich aber an klassische Krise-des-Romans-Romane außer in Bildungszitaten nicht anknüpfen kann oder will. Weil das Erfinden fiktiver Figuren mitunter wie die Etikettenkleberei am Warenregal wirken kann, weil Text-an-sich vielschichtiger vor solche Fiktionskonstruktionen in den Vordergrund rückt, layerhafter geworden, faseriger, dünner/fragiler/durchsichtiger, etc.

(Ich gebe zu: das sind jetzt bloß subjektive Gedanken; und wenn wir schon beim Subjektiven sind, sei aus meiner eigenen irrelevanten Lektüregewohnheit hinzugefügt, dass mir übrigens Genre-Romane, Romane in Heftchenform oft genau diese genannte layerhafte Konsistenz oder Nicht-Konsistenz haben, die ich sehr mag, weil ich sofort die Rotationspresse dazu assoziiere oder gängige Fernsehserienmuster, die nachgeahmt werden, von schreibenden Nebenverdienstlern und Frührentnern, eine Alltagskultur zwischen Schichtarbeit, Mittagessen und freizeitlicher Fiktionskonsumption; Roman als Sprachspiel: nicht der Tod, sondern die Anonymität des Autors, der inmitten dieser Ramschwarenstruktur seine Spuren hinterlässt als wären es Fingerprints, das Lesen als Spurensuche, das geisterhafte «Rascheln eines abwesenden Autors»? — Pardon für den kleinen Exkurs).

„Roman lesen“ scheint mir jedenfalls inzwischen so seltsam wie „Buch schreiben“.


8 Kommentare

  1. Ingo Meyer sagt:

    Lieber Herr Silvestri,
    das ist interessant, was sie da mitteilen. Ja, ich bleibe im Romanparadigma einer ‚vollzogenen‘ Poetik, weil das Thema anders wohl nicht zu handeln ist, manchem aber immer noch arg normativ vorkommen mag. Die Auswahl – geschenkt.
    Warum lesen Sie kaum noch Romane? Ich stelle Sie mir nach Ihren Termini als Fiktions- und Textualitätshopper zweiter postmoderner Potenz vor, für den Gattungsfragen tatsächlich egal geworden sind, insofern bestätigen Sie freilich den akademischen Trend, alles in Narratologie aufzulösen. Jean Paul erinnerte mal den späten Swift, der nur noch schlechte Bücher las, um sich die Besseren denken zu können – das traue ich Ihnen auch zu, mit diesem etwas aparten Genuss wären Sie aber hoch spezialisiert, das Gros verlangt (und bekommt) Schmöker eines mehr oder weniger saftigen Realismus, möglichst mit ‚Reizthema‘, ob Sadomaso oder Politskandal.
    Hier müsste man viel weiter ausholen und fragen, warum wir uns auf großangelegte Fiktionen überhaupt einlassen, uns nach sogar ihnen verlangt (noch Ihre Heftchenlektüre weist darauf, wenngleich spielerisch relativierend).
    Ich glaube schon, dass sich etwas festgefahren hat, zumal die Wechselwirkung von Autor, Markt, Kritik und Publikum Innovation (großes Wort!) gar nicht mehr prämiert.
    Wenn Sie ‚Roman lesen‘ und sogar ‚Buch schreiben‘ mittlerweile seltsam finden, sehen Sie ja noch viel schwärzer als ich. Andere sind da übrigens deutlich optimistischer.

  2. Fritz Iv sagt:

    Interessant. Jetzt geht es um die „Probleme beim Schreiben“, die eine Autorin oder ein Autor hat, die auf dem Niveau avancierter ästhetischer Reflexion einen Roman im klassischen Paradgima schreiben wollten. Wie geht denn das?! Oder angeschliffener gefragt: Wie vermeidet man es, einen „klassischen“ Roman zu schreiben, der nicht im Seichten und Einfältigen landet? Das heißt ja gar nichts, dass der Bedarf an „Erzählungen“ unausrottbar ist wie die ewige Wiederkehr des Immerseichten in der Popmusik. Über die naive Schreiberei schwingen sowieso längst Film und TV den Taktstock, mit der bedauerlichen Folge, dass heute jede(r) „Schmöker“ schreiben kann, der sich der Bilderbastelkasten der Filmindustrie ausbrogt und das gleiche Set an neuronalen Reflexen bedient. Da bedarf es nur noch einer Begabung für geschauspielertes Geplapper, eines einfältigen Weltbilds, eines wirksamen Titels, einer Autoren-Website.
    Aber das ist ja nicht das Thema. Das Thema ist Literatur, und das hat mit überwachem Bewusstsein zu tun, nicht mit der eilfertigen Selbstausschaltung des Gehirns. Die Fragen sind ja mehr und mehr geworden für die Romanciers. Romanschriftsteller mit Komplexitätsbewusstsein möchten ja fast vierteljährlich tiefer im Boden im Versinken. Und obendrauf dann die Frage, wie man einen Roman schreibt, wenn man längst durchschaut hat, wie billig Romane funktionieren?! Wie vermeidet man in einem Roman die Sprache, die entweder nur aus Fertigteilen und Wiederholungen besteht oder aus einem unglücklichen Schlamassel? Dieses immer dick auftrumpfen wollen, aber nur stottern können? Wie soll man denn das Paradigma ausführen, nicht aber in den Schemata der Gedanken stecken bleiben? Wie schreibt man denn heute einen vernünftigen Liebesroman, nachdem die Liebe für Menschen mit Grips kein Geheimnis mehr ist? Ironisch? Sarkastisch? „Illusionen zerstörend“? Kann man schreiben, ist aber eh klar, dass das keine Romane wären, die irgendjemand lesen müsste.
    Ähnliche Fragen stellen sich auch in den anderen Künsten. Welcher bildende Künstler hat denn nicht ein gewaltiges Problem mit dem naiven „Bilder malen“? Warum nur malt irgendeiner noch ein Portrait? Eine Bergwelt? Blumen und Bäume? Lässt sich das nicht alles abheften unter der Rubrik „was soll’s“? Malen, um etwas Schönes in die Welt zu bringen, vielleicht ist das einer der besten Gründe, die man haben kann, aber auch einer der intelektuell Bescheidensten. Was hieße es denn analog, einen „schönen“ Roman zu schreiben? Wäre das noch Literatur und nur Neuronenfutter? Kitsch, Tralala, Schaukelstuhllektüre?
    Am ehesten höre ich in der Musik Möglichkeiten. Die Musiker scheinen den Sturm der ästhetischen Reflexionen und Problematisierungen des 20. Jahrhunderts überleben zu können. In der bildenden Kunst sehe ich auch Bilder, die im Kontext von Konventionen bleiben, ohne im Seichten zu landen (wobei die Malerei ihre Konventionen radikal erweitert hat), aber auch diese Bilder stehen etwas blass und verdruckst da gegenüber den Bildern der Problematisierer und den Chefs der Avantgarde.
    Könnten es auch die Schriftsteller schaffen, das Abgestandene ihres klassischen Paradigmas zu überleben? Ich glaube, es gelingt hier und da. Es ist allerdings schwieriger als je zuvor. Man muss ja, gerade wenn man die Korrespondenz mit herkömmlichen Mustern aufrecht erhalten will, die stilistische und gedankliche Einfältigkeit noch sorgfältiger vermeiden („avantgardistisch“ schreiben ist nicht ohne Grund bei schlechten Stilisten beliebt, momentan wieder zu erleben bei den Propagandisten des literarischen Digitaliens, die der ebenfalls mehrfach beerdigten Experimentalmoderne noch mal neuen Atem einpressen).
    Ich glaube, wenn man nach einer Reihe von Jahren gedudigen Versuchens mit neuen deutschen Romanen allmählich die Neugier auf den nächsten Bücherfrühling verliert, dann deshalb, weil einem die Lektüre mal wegen der Einfalt, mal wegen der Hässlichkeit, oft auch wegen beidem nur noch sehr selten ans Herz geht. Trotzdem, nein, deswegen würde ich gegenüber den von der Moderne gefolterten und gevierteilten Schriftstellern für Geduld und Bescheidenheit plädieren. Geduld – schauen Sie sich um, es findet sich immer etwas, das man lieben kann. Vielleicht nicht jede Woche und nicht jeden Monat, eher aus anderen Ländern als aus den deutschen Sprachbetrieben, aber dann und wann eben doch und dann lesen wir auf einmal etwas, was uns so kein Film und kein einfältiges Lesefutter erzählen könnte.
    Und die Bescheidenheit des Lesers gegenüber den Büchern gebieten Höflichkeit und Realismus. Die soziale Stellung eines Schriftstellers, der das Einfältige vermeiden will, ist, um es mit einem Consulting-Wort zu sagen, „herausfordernd“. Unter wie vielen Schriftstellerbilanzen steht der Warnhinweis: Der Fortbestand des Unternehmens ist nicht gesichert? Wenn man für einen „großen“ Roman einige Jahre veranschlagen müsste – wer kreditiert die denn? Aber nicht nur deshalb sollte man aufhören, „heilige Werke“ zu fordern, die einem das Großeganze darstellen. Sondern zur bescheidenen Erkennntis gelangen: Jeder Roman ist heute nur noch das. Keine epiphanische Verkündigung. Keine Einsicht, die ohne den Roman kein Mensch haben könnte. Kein Metaphysiksatz. Kein Fortschritt für die Menschheit. Doch gerade damit haben wir Sisyphosse der stetig neuen Nöte und Probleme unsere größte Schwierigkeit und die Schriftsteller eben nicht minder – mit dem Kunstwerk, das vorderhand nicht mehr wäre als das und für nchts relevant ist, was sich „aktuell“ fühlt.

  3. Lieber Herr Meyer,

    jetzt verstehe ich Ihren Text erst recht nicht. Das von Ihnen selbst aufgemachte Fass «Niedergang des Romans» lässt sich nur im Romanparadigma besprechen? Wieso? Und jemand, der den Roman von außen infrage stellt, kann nur ein postmoderner Akademiker mit apartem désir sein?

    «(…) bestätigen Sie freilich den akademischen Trend, alles in Narratologie aufzulösen» — Ist Textliebe gleich Narratologie? (Offene Frage.) Wäre dann nicht schon jede Dichtung gleich ein «akademischer» Übergriff auf den Straßenverkehr? Dann schon lieber Fiktion wie ein eingehegter Garten? Bevor ich noch den Tellkamp überfahre?

    Ist das Liegenlassen von Romanen im Regal überhaupt gleich ein pessimistischer, «schwarzer» Befund? Wieso?

    Oder meinten Sie nur die die schlechte Produktpalette? Das kann man beheben. Andererseits, wenn Sie von Roman zu Roman, den Sie besprechen, merken, dass da nichts ist, was Sie interessiert: vielleicht hat es ja einen Grund im Metier als solchem?

    Ich bin übrigens nicht der Meinung, dass jeder Roman, jede Fiktion per se verfehlt sei (erst recht möchte ich irgendjemandem den Gefallen daran vergällen), ich lese ja selbst sowas. Ein jüngeres Beispiel, das mir während der Lektüre Ihres Essays durch den Kopf ging: würde jemand wie Teju Cole nicht völlig an Ihren Parametern vorbeigehen? Sein «Open City» habe ich übrigens komischerweise noch immer nicht zuende gelesen, das mag ausgerechnet mit dem zusammenhängen, was ich mag: wenn ich danach greife, liegt der Text jederzeit offen da, ich kann ihn weglegen, aufnehmen, umblättern; er ist fiktiv, die Fiktion steht dem Text-als-Text nicht im Wege — es ist schlicht nicht die Frage: Fiktion ja oder nein? Die Sätze folgen freischwebend aufeinander wie der geschilderte Spaziergang, mit dem der Roman beginnt. Ist das jetzt die Superwaffe, die alles in Narratologie auflöst? Oder nicht schlicht Literatur?

    Was heißt eigentlich das Romanparadigma zu verlassen anderes, als es konkret von außen zu betrachten: einen Roman in der Hand zu halten und zu überlegen, ob ich ihn aufschlagen soll?

    Ich komme von der Arbeit (nichts Akademisches), mache mir zu Essen, Fernseher habe ich nicht (noch so ein Niedergang), ich lese eine Handvoll Blogs, Tweets, Textfetzen auf Shoppingplattformen, die sich hin und wieder kurzschließen zu irgendeinem merkwürdigen, vielleicht konzisen Bild. Abends treffe ich mich mit Leuten. Ja, hin und wieder lese ich einen Roman. Stasi-Komplott, Wenderoman, «ein Roman über…»? Welche Figuren gibt es denn hier so? Braucht es eine Figur? Warum nicht sowas infrage stellen? Ständig meint wer, dass die Welt vielstimmig sei, und jetzt kommt da bloß eine Ménage a trois? Ich muss noch die Steuererklärung machen. Ein anderes Buch liegt hier, ziellose Notizen von wem auch immer, es sind ein paar schöne Sätze darin. An die ich denke, wenn ich im Supermarkt vor einer Kaskade Broccoli stehe. Der Roman, den ich in der Hand hielt, hätte solide gerattert wie eine Maschine, Setting, Figuren, Klappentextgedöns. Broccoli wäre wieder so eine Feinschmeckerszene mit dem diensthabenden Komissar. Aber der notierte, lose Satz passt in seiner Schlichtheit angenehm zum Gemüse hier. Zur WDR2-Musik aus dem Lautsprecher. Übrigens mag ich Handke. Handke über Broccoli, das mag so eine kapriziöse Idee von mir sein, das zusammenzudenken, eigentlich schreibt der nur über Pilze. Ich weiß nicht, ob das vom Broccoli selbst, von einem PM-Artikel über Fraktale oder von irgendeinem Komparatistik-Semester herrührt. Bernhard über Broccoli hätte ich gerne gelesen. Von Teju Cole könnte ja noch was über Broccoli kommen. Goetz, «Der Broccolor», steht längst in der Schleife (jetzt wird’s fiktiv). «Jerry Cotton» ist das Heft, dass vom Broccoli in der Tüte zerknickt wird, auf dem Titelbild irgendein harter Bursche mit zerknautschtem Ohr.

    1. Ingo Meyer sagt:

      Lieber Herr Silvestri, lieber Herr Iv,

      jetzt muss ich nochmal ran, aber gern. Natürlich lässt sich der Roman (ob niedergehend oder nicht) nur im „Paradigma Roman“ besprechen – wo oder wie denn sonst? Paradigma als ein Set von grundlegenden Bestimmungen ist doch völlig unverzichtbar, um sich zu verständigen – und ich war ganz vorsichtig, indem ich nur das wirklich Unverzichtbare erinnerte, also Totalität und das Genügen am eigenen Anspruch, der quasi automatisch, aber implizit mitgeführt wird. Das ist auch historisch, nämlich frühromantischer Herkunft, hat sich seit 200 Jahren aber als Minimalkonsens bewährt, weil Sie damit alles machen können: Brüche in der Chronologie, viele „ortlose“ Stimmen statt eines auktorialen Erzählers, Multiperspektivik, Lyrik, Dokumente und Bilder einbauen usw., wurde ja auch alles probiert.
      Wie soll ich den Roman „von außen“ infrage stellen, quasi als Insektenforscher? Dann sehe ich eine globale Kulturgeschichte, in der die äußerst erfolgreiche Spezies homo sapiens erst seit einigen tausend Jahren umfängliche Erzählwerke ausheckt, zunächst in Versform und mündlich überliefert, bald schriftlich fixiert und in Prosa. Offenbar hat diese Spezies Spaß daran.
      Oder man begeht einen Kategorienfehler, wenn ich sage, reden wir über den Roman, und die Antwort kommt: Ich mag Texte (oder: Literatur).
      Da meine ich Sie anzutreffen („Textliebe“), das war aber nicht meine (bescheidene, eng umgrenzte) Fragestellung, die sich an zwei bald sich verdichtenden Beobachtungen entzündete, Ungeschick im Handwerk und Anbiederung an Mode- und Reizthemen, obwohl man sich per Mausklick und, wenn das nicht reicht, mittels Sach- und Fachbücher besser über diese Themen informieren kann denn via der Lektüre von Romanen, die uns etwa die Relativitätstheorie, das Klonen oder die Geschichte der Philosophie vermitteln wollen.
      Sie sind, da bin ich mir jetzt sicher, über solche Probleme offenbar hinaus und präferieren die „unendliche Lektüre“, also tatsächlich Jean Paul, Roland Barthes und Dekonstruktion, brauchen vermutlich dafür auch gar kein Buch mehr, das zeigt ihr letzter Absatz (übrigens ein Romananfang über den unmöglich gewordenen Roman, durchaus „im“ Paradigma. Probieren Sie doch mal, wie lange das trägt), der ja so etwas illustriert wie den sich selbst konfigurierenden Text, dem man nur noch zuschauen muss, wie er wächst und sich manchmal gar verdichtet.
      Nur hat der kein Anfang oder Ende. Der Roman schon, und dann sind wir wieder im „Paradigma“.

      An Herrn Iv: Habe ich irgendwo vom „klassischen“ Paradigma gesprochen? Ich hoffe nicht, denn das gibt es nicht, obwohl das Modell der großen realistischen Romane des 19. Jahrhunderts, Flaubert, Tolstoi usw., überhistorische Geltung heischen, so dass man beim „Roman“ heute fast automatisch an deren Erzählmuster denkt. Es gibt auch Positionen, die dem Roman per se „Realismus“ zuschreiben, das stimmt aber nicht.
      Wenn Sie sagen, her mit dem überwachen Bewusstsein, bin ich ja bei Ihnen – das war der zweite Anlass meiner Verwunderung: Obwohl sich heute mehr Probleme denn je stellen, wenn man sich an die epische Großform, die der Roman nun mal ist, heranwagt, scheint doch nichts verlockender, als sich daran zu versuchen.
      Wie kommen die Leute darauf? Selbst hoch akklammierte Erfolgsautoren haben schon Schwierigkeiten, mehrere Personen auch verschiedene Idiome sprechen zu lassen, das geht bei Fontane los.
      Nein, ich glaube nicht, dass der Roman abgestanden oder gar „tot“ ist – und natürlich findet man immer wieder etwas Relevantes, nur in den letzten anderthalb Jahrzehnten war da wenig, und ich glaube, das hängt eben mit einer Absenkung des Anspruchs zusammen, den man für sich definiert, der aber vermutlich zum guten Teil aus der Konstellation resultiert, die ich nur angedeutet habe. „Heilige Werke“ dagegen fordert niemand; deren Relativierung dann ist Sache der gelegentlich aufflammenden Kanondebatte. Gelungene wohl.
      Wirklich konträr sind wir nur anlässlich Ihres Plädoyers für eine „Bescheidenheit des Lesers“. Nachsicht für missratene Artefakte, Dilettantismus gar? Auf keinen Fall! Es wird ja niemand zum Romancier gezwungen, es sei durch den eigenen Geltungsdrang, und ihre Existenz vom Schreiben allein fristen können ohnehin nur die Allerwenigsten.

  4. Lieber Herr Meyer,

    das ist ein kerniger Text, der Ihnen in den entsprechenden Kreisen bestimmt ganz viel Schulterklopfen einbringt. Die Romandefinition bleibt schwammig, wird anhand zweier Entwürfe vorgenommen, die von zwei zeitgenössischen Kritikern stammen (wobei Drews ja bereits – leider – verstorben) ist. Da ist von einer Wirklichkeitssättigung die Rede und am Ende geht es um »Totalitätsrepräsentation«. Zieht man diese Kriterien für den »Roman« heran, so wäre tatsächlich ein krisenhafter Befund vorprogrammiert, denn wer maßt sich heute noch an, die Welt sozusagen »abzubilden«? Sie nehmen in Ihrem Befund nun Texte auf, die dezidiert nicht als Romane gekennzeichnet wurden (Handkes »Pilznarr« und Grass’ »Im Krebsgang«). Andererseits wird die Rubrizierung der Verlage übernommen, die auch 200 Seiten-Erzählungen zu Romanen aufplustern um damit – ja was eigentlich? Dem Publikum die Totalität der Welt zu suggerieren?

    (Das Etikett »Roman« verwenden Verlage heutzutage meist, weil sie dem Publikum damit signalisieren wollen, dass es sich um ein weniger artifizielles Wortwerk handelt als beispielsweise eine »Erzählung«. Romane sind, so die Idee, in sich abgeschlossene Erzählungen mit zumeist mehreren Handlungsebenen. Sie suggerieren Plothaltigkeit und weniger Introspektionen. Roman wird damit zum Ausweis von Konsumierbarkeit.)

    Ihre Urteile sind harsch. Bei Grass werden die autobiographischen »Romane« schlichtweg ignoriert und Reich-Ranickis Diktum weitergesponnen. Grass sei seit einem halben Jahrhundert »kein ästhetisch relevanter Text mehr gelungen«. Auch Martin Walser bekommt seine Watschn; neben dem Altherrenvorwurf wird Walsers »Ahnenpflege« kritisiert. Überraschend gut kommt Paul Nizon weg; die Manierismen, die Sie bei anderen Autoren gerne bereit ist zu entdecken, übersehen Sie. Hart das Urteil über Juli Zeh, deren allgegenwärtiges Aktivistentum mit einem Wunsch verbunden wird: « Bleibt zu hoffen, dass in Zukunft möglichst wenig Zeit für fiktionalen Ausstoß bleibt.«

    Ihre Bewertungen erscheinen eher willkürlich. Mal beklagen Sie Zehs politisch korrekte Plot-Konstruktionen, die aber ohne Sprache daherkommen (was stimmt, aber man könnte auch einmal untersuchen, warum eine solche Autorin den »Thomas-Mann-Preis« bekommt), dann wiederum wird Clemens Meyers’ Blick auf die »subproletarische« Unterwelt Leipzigs gelobt. Mal wird die Feder gegen die »anachronistische Attitüde des Erzählens« (»Der Turm«) erhoben, dann wiederum wird das vermisst und Sie wundern sich, »dass heute kaum noch der Mythos adaptiert oder erfunden wird«. Vermutlich haben Sie etliche Bücher des Ahnen- und Mythenkonstrukteurs Peter Handkes nicht gelesen; vielleicht weil dort die Gattung »Roman« nicht erwählt wurde?

    Alles, was nicht ins Thesengebäude passt, wird ignoriert. Kein Stephan Thome, kein Ulf Erdmann Ziegler, Christian Kracht oder Michael Kleeberg. Oder wie wäre es mit Gertrud Leutenegger, Gerlind Reinshagen, Christopher Ecker, Reinhard Kaiser-Mühlecker oder Esther Kinsky? Nein, natürlich nicht. Damit lässt sich ja auch nicht so effektvoll punkten. Lieber Grass und Walser bashen – das bringt Distinktionspunkte. Reinshagen oder Ecker kennt doch eh niemand.

    Stattdessen wird Charlotte Roche zur satisfaktionsfähigen (weil hier aufgenommenen) Schreiberin und als Symptom für – den »Niedergang« des Romans genommen? Oder ist das vielleicht ein Symptom für den Niedergang der Literaturkritik, die solches hypt oder gleich zum Journalismus konvertiert ist, weil man so schön auf Suhrkamp- Partys abfeiern kann?

    Pflichtschuldigst sowas hier: »Die Reflexion der Form bleibt Sache von Philologie und der vergleichsweise begrenzten Öffentlichkeit professioneller Kritik«, denn, so wird nonchalant festgestellt, das Netz »hat keine neuen Kriterien gebracht, sondern das Niveau im Gegenteil abgesenkt.« Was aber, wenn die »Reflexion der Form« durch die Kritik immer mehr ausbleibt, wenn sie am Ende verschwindet zu Gunsten von Kriterien, die fast nur noch im außerliterarischen Bereich liegen (Biographie des Autors; Plot / Thematik; Gesinnung)? Ist der »Niedergang des Romans« nicht auch eine Folge von einem Niedergang der Kritik, die, statt ihrer Aufgabe gerecht zu werden, unterschiedslos Texte miteinander in Bezug setzt?

  5. Ingo Meyer sagt:

    Lieber Herr Keuschnig,

    also, es geht weiter, Sie erlauben aber bitte, dass ich sukzessive durchgehe, obwohl ich das in einer Replik besser bündeln müsste.
    Ich halte meine „Definition“ (die keine normative sein sollte) nicht für schwammig, weil sie eben nur das Selbstverständliche, das ominöse „Paradigma“, erinnert, das da lautet, Totalität und Genügen am selbst gestellten Anspruch.
    Weil das natürlich ein bisschen blass bleibt, habe ich, sehr grobkörnig fraglos, dazu eine Dichotomie von Roman als Erkundung/Darstellung der Wirklichkeit (Greiner) vs. Roman als Sprachspiel (Drews) erfunden.
    Obwohl ich zugebe, dass das an den „Club der toten Dichter“ erinnert, demnach wir, möglichst mit dem Lineal, die Werte gediegener Poesie nach dem bewährten System von Mr. Pritchard ermitteln, hat man immerhin vier Pole eines Bezugsrahmens, ist das so falsch?
    Aber Spaß beiseite, gerade in einem Essay können Sie nicht „definieren“ in der Art: Roman soll heißen…., das ist für die Seminararbeit, und ein „Theoriegebäude“ lag mir wahrlich fern, weil offenkundig vermessen. Einige Entwürfe habe ich ja in den Fußnoten genannt, um zu zeigen, wieviel dabei zwangsläufig durchs Raster fällt. Sie können nicht Nizon an Hermann Brochs Romantheorie messen, wohl aber Juli Zeh; Grass sprach vor langer Zeit mal von seinem „Lehrer Döblin“, aber was ist daraus geworden?
    Nun, die Auswahl. Ich habe mich halt für A, B und C entschieden, weil ich glaube, das – gewiss selektive, gewiss persönliche – Panorama lässt gerade in der Verschiedenheit seiner Elemente etwas sichtbar werden. Sie fragen, wo bleiben X, Y, und Z? Ich sage, klar hätte ich gerne einige meiner geheimen Helden besungen, aber das wäre eitel gewesen und hätte keine Plattform ergeben.
    Müssen wir die einzelnen Posten noch mal durchgehen? Ach, das ist müßig, und Walser- bzw. Grass-Bashing bringt doch schon lange keine Punkte mehr. Walser las ich eigentlich immer sehr gern, was mir schon unter den Kommilitonen, damals Goetz- und Meinecke-Fans meist, regelmäßig scheele Blicke einbrachte, wie kannst du nur, aber der Fall Grass ist nun wirklich eklatant, seit der „Rättin“, die ich als Oberschüler freiwillig, doch mit zunehmender Erschütterung, nebenher las, denke ich, Beschweigen wäre der größte Gefallen, den man ihm tun kann.
    Interessanter ist mir ihr Glaube an das „Labeling“ Roman. Dem sollten Sie nicht aufsitzen! Nicht überall, wo Roman drauf steht, ist auch Roman drin; umgekehrt kann eine angebliche Novelle, Erzählung oder bloße „Geschichte“ sich sehr wohl als vollgültiger Roman entpuppen, dazu bedarf es freilich Lektüreerfahrung, die man sich halt über die Jahrzehnte so daufschafft, gar nicht mal so sehr professionelle Gelahrtheit.
    Die Verlage übrigens drängen Autoren zur Untertitelung „Roman“ nicht wegen darob zu erwartender Welthaftigkeit, sondern weil Romane sich schlicht besser verkaufen. Ich weiß von nicht wenig (Jung-)Autoren, die zu dieser Gattungsbezeichnung genötigt wurden ganz so, wie ich Leser kenne, die sagen, für meine xy Euro will ich wenigstens 500 Seiten haben. ‚In sich abgeschlossen‘ ist auch jede Erzählung bzw. Novelle, das bringt das Genre bzw. Medium Buch so mit sich, ohne jetzt in die Gattungsdiskussionen einzusteigen, nur Silvestris „Textliebe“ (s.o.) benennt da, glaube ich, etwas Neues, das mir wohl zu denken gibt: Es ist gut möglich, dass mein Pochen auf die „Form Roman“ heute tatsächlich anachronistisch ist.
    Das wäre die Lektion für mich, denn ursprünglich wollte ich gegen ein „irgendwer erzählt irgendwas“ (und nennt das Roman) polemisieren.
    Der Verfall der Kritik, der damit in Wechselwirkung steht? Hier finden wir uns dann doch noch („Thomas Mann-Preis“). Aber nun haben wir ja eine, wenngleich kleine, noch überschaubare Debatte. Das ist doch was.
    Viele Grüße, im

    1. Naja, die Auswahl, die Sie da getroffen haben und naßforsch als repräsentativ ausgeben, ist eben höchst lückenhaft. Das hat Ihnen ja auch alles der Moderator im DLR Kultur gesagt. Ihre Repliken haben mich nicht überzeugt. Das Tellkamps „Turm“ außenbestimmt sein soll – durch den Mauerfall am Ende – ist m . E. kein seriöser Einwand. Manns „Zauberberg“ endet auch mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs – also auch das kein Roman?

      In einem muss ich Sie korrigieren: Ich „glaube“ nicht an die Gattung „Roman“; ich glaube – wenn überhaupt – an gute Literatur. Den Glauben an den „Roman“ mache ich dafür bei Ihnen aus – sonst würden sie seinen Niedergang nicht beklagen. Ich brauche kein Flaschenetikett für Literatur. Manchmal glaube ich, dass „Roman“ und „Erzählung“ als Gattungsbezeichnungen nur geschaffen wurden, um ansonsten verhungernde Germanisten am Leben zu erhalten.

  6. Die Schwierigkeit scheint mir darin zu liegen, Aussagen über eine ganze Gattung zu treffen. Schauen wir in die Vergangenheit, dann ist beinahe jedes als Roman veröffentlichte Werk heute Makulatur. Dabei spielt es selten eine Rolle, was die Zeitgenossen geschätzt oder gekauft haben.

    „Zählen niederer Status …zu den Topoi der Kritik bis weit ins 19. Jahrhundert, so die Klagen über seinen Niedergang, ja seine Unmöglichkeit zur konstanten Begleitmusik seiner modernen Geschichte.“

    Die Schwäche aktuell gepriesener Romane sehe ich in ästhetischen oder sonstigen Erwartungshaltungen, die Autoren üben bedienen zu müssen, ohne dass sich die Sache um ihrer selbst willen entfalten kann. Das böse Wort von der Literaturinstitutsliteratur deutet auf diese Dressur der Sprache und Bilder, die der Erfahrungswelt entflohen sind. Da gluckert es originell an der Tankstelle im Roman, weil das Sinnesorgan Nase ja literarisch zu nahe liegt, während eine lebensweltliche Frage vielleicht ist, ob jemand mit brennender Zigarette um sie herum laufen soll oder die Tankstelle kreuzen, sich für den Umweg entscheidet und dabei bemerkt, dass die Herumstehenden auf der Tankstelle rauchen. Es lohnt sich, die Formalisten wie Boris Tomaschewski noch einmal zu lesen, um den Kopf klar zu kriegen.

    „Eigene hingeschlurte These: der Roman als Paradigma könnte deshalb in den Hintergrund gerückt sein, weil anderes an seine Stelle tritt, weil er inzwischen als Struktur/Gewohnheit/Erwartungshaltung zu bauklötzchenhaft daherkommt, zugleich aber an klassische Krise-des-Romans-Romane außer in Bildungszitaten nicht anknüpfen kann oder will.“

    Es fehlt wohl etwas, nämlich eine Direktheit. Die Form dominiert. Dann wird es natürlich nicht gut werden.

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