• Tatendrang, Herzklopfen, Schleimpilz

    Das Haus, in dem wir hier in Berlin wohnen, ist ganz streng, aber schlampig aus Stahlbeton gebaut. Den Balkon haben wir mehr nach dem Vorbild »verfallendes Sommerhaus« gestylt, vor allem durch konsequente Vernachlässigung. Seit wir die Vögel füttern (Spatzenbanden, zwei Kohlmeisen, eine zerzauste Tannenmeise), fallen Körner zwischen den Balken der Holzabdeckung hindurch. Spelzen werden zu Humus, Gräser sprießen, sogar ein Pilz. Da unten im Dunkel, wo die Traghölzer modern, muss es ein ganzes Ökosystem geben, Asseln, Spinnen, wahrscheinlich Grottenolme. Schleimpilze. (mehr …)

  • Aufklärung und Kapitalismus

    Die Aufklärung hat mit Wirtschaft mehr zu tun, als man denkt. Gewiss, sie ermahnt zum Selbstdenken, aber ebenso dazu, das Zusammenleben der Menschen kritisch zu beobachten. Dabei entdeckt sie ganz neue Gegenstände. Die Gesellschaft, zum Beispiel, nun nicht mehr eine Summe von Haushalten oder von Korporationen, sondern ein Gefüge von Arbeitsverhältnissen. Und auch die Rahmung dieser Gesellschaft, nämlich im Wirtschaftsraum einer Nation. Was ihr dabei voranleuchtet, ist die Politische Ökonomie. (mehr …)

  • Vom Geld

    Es gibt eine Erkenntnis über das Geld, die ist so schrecklich trivial, dass man sie gar nicht aussprechen mag. Und doch ist ihr genauso wenig zu widersprechen. Dass das Geld aktuell regiert, lässt sich nicht leugnen, und keinem Zweifel kann auch unterliegen, was es ist, das vom Geld regiert wird. Zugleich ist zur Trivialität geworden, wie es um eben die vom Geld regierte Welt mittlerweile steht. Schon Schulkinder können das heute herbeten, und manche sehen gar Anlass, es öffentlich zu tun, weil auch nach Jahrzehnten des Umweltbewusstseins und der Umweltministerien die Vergiftungen und die Zerstörungen der Welt nicht etwa nachgelassen haben, sondern nur immer weiter ausgreifen. Der vom Geld regierten Welt geht es schlecht und schlechter. (mehr …)

  • Bericht über die Drohne

    Seit heute steht eine Drohne auf meinem Parkplatz. Unbemerkt ist sie dort gelandet. Bisher gab es keine unbemannten Flugobjekte in meinem Alltag.

    Die Drohne steht plötzlich auf dem Parkplatz, mitten in der Mitte, groß wie eine Kesselpauke. Sie lässt mir genug Platz. Ich könnte um sie herumgehen. Sie ruht, zuckt nicht, summt nicht, blinkt nicht, stört nicht. (mehr …)

  • Wer schreibt die Geschichte der Digitalisierung?

    Die Digitalisierung hat eine Serie von Nachrufen hervorgebracht: auf die Arbeit, auf die Demokratie, auf die Geschichte. Pauschal könnte man sagen: auf die Aufklärung und auf die Geisteswissenschaft. Das (wert)schöpfende Werk der eigenen Hände Arbeit, die Mitbestimmung am Gemeinwesen, das Sich-Wiedererkennen im bisherigen wie im vermutlich künftigen Lauf der Dinge – all das waren Elemente einer Vorstellung vom freien Menschen, der in sich eine geistige Welt errichten und diese auch objektivieren kann, kurz: Aufklärung. Dem zur Seite stand eine Weise der Generierung von Wissen über den Zusammenhang zwischen innerer geistiger und objektivierter Welt: die Geisteswissenschaft. Und all das soll nun in Gefahr sein durch die Digitalisierung. Denn die technologische Implementierung der ewigen mathematischen Wahrheiten der Statistik, der Wahrscheinlichkeitsrechnung, der Optimierung greift ein in die Weise, in der der Mensch aus seiner vermeintlich unerschöpflichen geistigen Tiefe Dinge hervorbringt und sein Leben gestaltet. Sie macht ihn womöglich wieder unmündig. Und sie bringt womöglich ein technokratisches Wissen hervor, das mit einer humanen Geistigkeit nicht mehr viel gemein hat. (mehr …)

  • Über Schleier und Schleierhaftes

    Zu den ausgeleierten Postulaten des Wissenschaftsbetriebs gehört Humboldts Credo, Wissen floriere nur dort, wo die »Einheit von Forschung und Lehre« praktiziert werde. Was besagt: Vom Lehrenden wird verlangt, sein »Programm so vorzustellen und durchzuführen«, dass »der forschende Blick auf das Thema« immer deutlich bleibt. »Forschende Blicke« sollen sich auf den Gegenstand der Lehre richten; vom Gesicht des Lernenden ist keine Rede. Mit dieser Wendung aber sind wir neuerdings konfrontiert: Zu wissen, wie ein Mensch wenn nicht aus-, so doch dreinschaut, erfahren wir jetzt, sei fürs Wissenschaftsgeschäft förderlich, ja unabdingbar. (mehr …)

  • Sensorium. Klangkolumne

    Seit ich in Kopenhagen arbeite, liebe ich den Regen. Sobald ein leiser Niesel herabgeht, zaubert er mir ein zufriedenes Lächeln auf die Lippen. Ich wuchs auf in einer Talsenke, in Baden-Baden. Regen am Montagmorgen bedeutete hier den Beginn tagelanger Schauer. Regen am Wochenanfang hieß, in meiner Erinnerung, auch Regen am Wochenende. Eine deprimierende Aussicht. Als ich vor etwa fünf Jahren begann, in Dänemark zu forschen und zu leben, kannte ich schon die dortigen Strände, den täglichen Niesel, die nordische Sonne, die selten drückend heiß wird und doch viele Stunden lang alle Gebäude, Plätze und Menschen in ein umfassend helles Licht tauchen kann. Es ist das Wetter eines Inselstaats. (mehr …)

  • Abschied von Delitzsch

    Obwohl ich noch nicht in der achten Klasse war, sagte die Deutschlehrerin bei der Rückgabe eines Aufsatzes beiläufig: »Die gute Note nützt dir nix, denn du kommst nicht auf die Oberschule.« Dabei tippte sie auf mein Schulheft. Das Foto auf dem Umschlag zeigte im Vordergrund ein Mädchen mit Hammer und Metallbolzen an einer Werkbank. »Wir werden Facharbeiter«, stand in weißen Buchstaben darüber, die Unterschrift versicherte: »Wir dienen dem Aufbau und der Verteidigung des Friedens.« Einige Wochen später nahm mich unser Russischlehrer Herr Töpper beiseite. »Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird«, wiegelte er ab und gab mir den Rat, aus der Jungen Gemeinde aus- und in die Jungen Pioniere einzutreten. (mehr …)

  • Ariel in Kronach

    Keine Markenschildchen, auch keine herausgeschnittenen, kein Aufdruck. Die Nähte etwas unregelmäßig, wie von Hand gestochen. Ein Überschuss an Leder. Bis heute ein Innengeruch nur nach Leder, Tausende Kilometer Anstrengung, Genuss, Angst, Selbstvergessenheit und Überwindung, die vorüberziehenden Landschaften, alles hat sich nicht im Geruch festgesetzt, sondern nur in der zur zweiten Handfläche gewordenen Form und in den Schattierungen der Färbung eingeprägt. Weiß war dieses Leder nie, sondern hellgrau-weiß, die Ränder aber in weißem Leder abgesetzt. Auf dem rechten Handschuh und dessen mit Klettverschluss versehenem Riegel zeigen sich schwache Spuren einer rosafarbenen Flüssigkeit, ich rätsele seit vielen Jahren, wie diese Spuren darauf geraten sein könnten. Die ursprünglich glatten und weichen Handschuhe erscheinen mit ihren eingefurchten Lebensspuren bei näherer Betrachtung wie eine Mittelgebirgslandschaft, durchzogen von gefalteten Vertiefungen zwischen aufragenden, energetisch geformten Kämmen, von Licht und Schatten in allen Facetten. (mehr …)

  • Interview mit William Davies

    TOBIAS HABERKORN: In Ihrem Buch Nervöse Zeiten schreiben Sie, dass die neuzeitliche liberale Ordnung auf zwei philosophisch-politischen Unterscheidungen beruht: zwischen Körper und Geist und zwischen Krieg und Frieden. Warum sind diese Unterscheidungen so grundlegend, und warum glauben Sie, dass sie heute nicht mehr gültig sind? (mehr …)