• Merkur in Nowosibirsk: Die Frühjahrsedition

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  • Notizen zu einem unveröffentlichten Roman

    Als erstes kam mir die Heldin in den Sinn. Vor fünfzehn oder sechzehn Jahren sah ich sie zum ersten Mal vor mir: klein, jung, sehr dünn, mit kurzem, braunem Lockenhaar, eindringlichen, dunklen Augen und großer Nase. Geradezu herzzerreißend klug, auf neurotische Weise sexy und furchtbar allein. Ihren Namen wusste ich ziemlich bald: Judith. Sehr lange dachte ich deshalb, sie müsse Jüdin sein – aber das stimmte nicht. Nein, Judith war keine Jüdin. Sie hatte wohl einen Juden in der Familie – vielleicht ihr Vater? Oder ihr Großvater? –, aber sie war, wie sie sagte, eine „bekennende Schickse“. (Oder Halbschickse?) Judith also. (mehr …)
  • Überfremdung? Migration in historischer Perspektive

    „Wir schaffen es!“ ist in Deutschland zum geflügelten Wort geworden und schnell wieder in Frage gestellt worden. Kanadier und Kanadierinnen würden ohne viel Aufhebens feststellen: „Wir können es.“ Kanada hat seit den 1960er Jahren das Ziel, jährlich etwa ein Prozent der Bevölkerung als ZuwanderInnen aufzunehmen, in den 1970er Jahren bei 25 Millionen anwesender Bevölkerung also etwa 250000 jährlich, bei 30 Millionen in der Gegenwart wären es 300000. In Deutschland wären es im Vergleich bei einer Gesamtbevölkerung von 80 Millionen nach 1989 etwa 800000 – Jahr für Jahr. „Wir wollen es“ ermöglicht Gestaltung von politischen und gesellschaftlichen Perspektiven, ein Abwägen von Optionen. „Wir wollen es nicht“ verhindert jegliches Ausloten von Möglichkeiten und Politikgestaltung. (mehr …)
  • Das Ende der Alternativlosigkeit. Mehr Dissens für die Flüchtlingsfrage

    Die Krise der Gegenwart hat bislang kaum intellektuelle Energie freigesetzt. Freilich gibt es einige, die Stellung bezogen haben oder mit neuen Vorschlägen hervorgetreten sein, aber gemessen an Größe und Signifikanz des Problems ist es eigentümlich still in Europa. Wir stehen vor Aufgaben, die in hohem Maße über unser nationales und europäisches Gemeinwesen entscheiden und uns fällt nur so wenig ein? Das klingt unwahrscheinlich, wo doch sonst alles aufgebauscht und breitgetreten wird, was ein kleines Debattenfeuer entfachen könnte. Nun ist ein echtes Thema da, doch die intellektuelle Bühne ist verwaist, als wenn man sich vor den Konsequenzen der eigenen Gedanken fürchten würde. (mehr …)
  • Brief aus Wien (I). Wiederholen, Durcharbeiten

    Die Aufgabe lautet: Ankunft im Wiener Musenkloster am 1. März, um 10 Uhr, Beziehen des Büros, abends Empfang, bis dahin erste Übungen in freier intellektueller Entfaltung. Ich richte Twitter und Online-Banking als Lesezeichen im Browser ein und formuliere eine Abwesenheitsnachricht für die Heim-Mailadresse: Forschungsaufenthalt, dauert länger, schönes Leben noch. Dann lese ich im Standard, der vor der Universität Wien regelmäßig kostenlos ausgeteilt wird, in der Hoffnung, dass Studierende, die eine Zeitung gratis nachgeschmissen kriegen, irgendwann zu zahlenden Abonnenten werden. Auf der ersten Seite wird berichtet, dass der „umstrittene Mediziner“ Marcus Franz (ÖVP) einem Ausschlussverfahren seiner Partei durch Austritt zuvorkommt. Er hatte öffentlich Vermutungen darüber angestellt, dass Angela Merkel deshalb so viele junge Flüchtlinge nach Deutschland einlasse, um die eigene Kinderlosigkeit auszugleichen. Ich habe Marcus Franz nun mit Bildersuche gegoogelt und möchte öffentlich Vermutungen darüber anstellen, dass er Mitglied im Fitness-Club John Harris am Schillerplatz ist, oder aber eine Vielzahl von Brüdern und Cousins hat, die ihm sehr ähnlich sind und dort die Zeit nach Feierabend verbringen. (mehr …)
  • Liberté, Egalité, Fraternité – Laicité

    Unterwegs in Sarcelles
    Ich war recht oft in Paris in den letzten Jahren. In die Banlieue habe ich mich bislang nicht getraut. Heute fahre ich mit dem RER D nach Sarcelles. Am Bahnsteig am Gare du Nord die halbe Welt, aber weiß ist sie nicht. Hindi höre ich, afrikanische Sprachen, Arabisch, auch Russisch. Der Zug ist sehr voll, er leert sich deutlich, bis ich in Garges-Sarcelles aussteige. Nun bin ich aber wirklich der einzige Weiße. Das ist, zwanzig Minuten vom Gare du Nord, nicht mehr Paris, sondern das Département Val d'Oise. Zone vier im Verkehrsnetz, mein Paris-Visite-Ticket gilt hier nicht mehr. Ich dachte, ich probier's trotzdem, prompt scheitere ich am Ausgang, das Drehkreuz bleibt starr. (mehr …)
  • Jüdische Identität im Zeitalter extremer Philanthropie

    Wir leben in einer Zeit extremen Reichtums und extremer Einkommensungleichheit. Eine der Folgen der Anhäufung von Reichtum an der Spitze der sozio-ökonomischen Pyramide ist das Aufkommen einer Klasse von Spendern, die ihre finanziellen Mittel zur Verwirklichung großflächiger sozialer Projekte einsetzen wollen. Wie ihre Vorgänger im frühen 20. Jahrhundert – Carnegie, Rockefeller, Morgan – hat heute eine Gruppe von Milliardären ihren Geschäftssinn auf die Lösung verschiedenster sozialer Probleme gewandt. Eine bedeutende Untermenge dieser Spenderklasse nimmt an The Giving Pledge teil, einer Initiative der Überphilanthropen Warren Buffet und Bill und Belinda Gates, die von den Unterzeichnern verlangt, mindestens die Hälfte ihres Vermögens für wohltätige Zwecke zu stiften. Auf der nüchternen Homepage der Initiative sind 142 graue Felder mit den Namen der Spender und Spenderpaare zu sehen. Fährt man mit der Maus über eins der Felder, sieht man ihr Farbfoto; ein Mausklick zeigt einen Brief – das Gelöbnis –, in dem die Spendenphilosophie niedergelegt ist. So belichtet diese Webseite ganz wörtlich eine Spenderklasse überverlinkter Überagenten. (mehr …)
  • Merkur im März

    Die Provokation trägt Herfried Münklers Essay schon im Titel "Raub oder Rettung?" Es geht um den Transfer von Kulturgütern in Richtung Westen, bei dem es doch eher selten mit rechten Dingen zuging. Angesichts (nicht nur) der Kulturstättenzerstörung durch den IS stellt Münkler fest, dass "der Transfer von Kulturgütern, der mitunter an Raub grenzte, zuletzt doch zu deren Rettung geworden" ist. Die kommentierte Edition von Mein Kampf wird viel gelobt, nicht zuletzt von den Herausgebern selbst. Patrick Bahners hat jedoch - hier gratis lesbar - einige Einwände, die sowohl das Institut für Zeitgeschichte als auch editorische und historiografische Grundsatzfragen betreffen. Ebenfalls im Widerspruch zu vorherrschenden Ansichten bewegt sich Ulf Erdmann Ziegler. In den jüngeren Pädophilie-Diskussionen ist seiner Ansicht nach das Kind mit dem Bad ausgeschüttet worden, mit sehr unerfreulichen Folgen: "Die Päderasten sind geschlagen; die Pädophilie hat gewonnen." (mehr …)
  • Zehn Dinge, die du noch nicht über Leonardo DiCaprio gewusst hast

    1. 1984 nahm Leonardo DiCaprio an einem Breakdance-Wettbewerb in Oer-Erkenschwick teil. Er trug dabei ein bauchfreies Top. Den Wettbewerb gewann ein Junge namens Achim Schilling; Leonardo DiCaprio wurde Dritter.
    1. Als Martin Scorsese seinen ersten Film mit Leonardo DiCaprio drehte, war dieser 27 Jahre alt. Als Martin Scorsese 27 Jahre alt war, war Leonardo DiCaprio noch nicht geboren.
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