• Der Ausgang aus der großen Nacht. Über Achille Mbembe

    Der postkoloniale Star München im November 2015. Achille Mbembe wird der Geschwister-Scholl-Preis verliehen. Mit seiner „Kritik der schwarzen Vernunft“ habe er, so die Jury, „nicht weniger vorgelegt, als eine Neuvermessung der Geschichte der Globalisierung“. Sein Buch komme genau zur rechten Zeit, heißt es weiter: „Es schärft den Blick auf eine globalisierte Weltgesellschaft, die nicht nur Waren und Kapital verschiebt, sondern auch Menschen und Arbeitskraft.“[1] (mehr …)
  • Zurück zu Hannah Arendt – die Flüchtlinge und die Krise der Menschenrechte

    Längst ist klar, dass die Wucht, mit der die „Flüchtlingskrise“ in die europäischen Verhältnisse eingebrochen ist,[1] nicht nur eine Folge der – anfangs unübersehbar scheinenden – Menge der Ankommenden ist. Sie ist daher auch nicht nur ein Ausdruck der Panik angesichts der unbezweifelbaren Größe und Schwierigkeit der anstehenden logistischen, administrativen, ökonomischen Aufgaben. Es ist vielmehr die Wucht einer Erschütterung der politischen Einheit, ja der normativen Grundlagen der europäischen Verhältnisse, auf die man umso mehr vertraut hatte, umso weniger sie jemals wirklich in Anspruch genommen und daher nicht nur vage beschworen, sondern ausgesprochen werden mussten. In der Flüchtlingskrise zerfällt die politische Einheit, weil sich erweist, dass die normative Grundlage nicht nur gänzlich unklar, sondern völlig strittig ist. (mehr …)
  • Nur unter einer Bedingung: Das bedingungslose Grundeinkommen

    Wer Daniel Häni kennt, weiß, dass er in den besten Momenten von der Idee erstrahlt, die ihn seit Jahren umtreibt: Das bedingungslose Grundeinkommen verkörpert für den Unternehmer aus Basel die Vision einer modernen Volkswirtschaft, in der technologische Entwicklung, wirtschaftliche und gesellschaftliche Prosperität mit der freien Entfaltung aller Einzelnen versöhnt sind. Was sich für manche nach einer Neuauflage alter sozialistischer Forderungen nach mehr Teilhabe mit dem Schreckgespenst staatlich verordneter Umverteilung anhören muss, versteht sich selbst allerdings als ein Konzept wirtschaftlicher Förderung: Die Schweiz soll sich mit Hilfe des BGE als unabhängiger, moderner Standort im 21. Jahrhundert behaupten. (mehr …)
  • „Out of the Bars“ – San Francisco am 12. Juni 2016

    Die Ecke Castro Street und Market Street ist die wohl schwulste Ecke der USA. Hier, am Fuß der Twin Peaks in San Francisco, weht weithin sichtbar eine riesige Regenbogenfahne. Einen Block weiter lag früher der Fotoladen, den einmal Harvey Milk betrieb, bevor er als erster schwuler Mann zum Stadtverwalter San Franciscos gewählt wurde. Wenn man die Market Street herunter sieht, die im Juni für San Francisco Pride ebenfalls festlich mit Regenbogenfahnen beflaggt ist, fällt der Blick auf die goldene Kuppel der City Hall, wo Milk und Bürgermeister George Moscone im November 1978 erschossen wurden. (mehr …)
  • Merkur-Gespräche 5: Wohnen in der Stadt

    Über Jahrzehnte galt als ausgemacht, dass gut geplante Städte aus funktional getrennten Sphären zu bestehen hätten: Für Wohnen, Arbeit und Konsum waren deshalb unterschiedliche Standorte vorgesehen, und die zentrale städtebauliche Herausforderung lag darin, diese Standorte verkehrstechnisch zu vernetzen. Dieses urbanistische Paradigma, das den Wohn- und Siedlungsbau an die Peripherie verschob, gilt allgemein als überholt. Seit gut zehn Jahren sind die Innenstädte vieler deutscher Metropolen zunehmend wieder als Wohnraum gefragt, zugleich steigen die Einwohnerzahlen in Berlin, München, Frankfurt a.M. oder auch Stuttgart weit über das Maß hinaus, das der bestehende Wohnungsmarkt aufnehmen kann. (mehr …)
  • Albrecht Buschmann zu Hannelore Schlaffers Jauß-Essay

    "Hannelore Schlaffers Erinnerung an Jauß ist also auf lehrreiche Weise wahr und verkehrt, erhellend und verstellend, nicht nur im Hinblick auf die Figur des Wissenschaftlers, sondern auch auf die Frage, wie Wissenschaft funktioniert und was die heutige Bundesrepublik ausmacht." Schreibt Albrecht Buschmann im Tagesspiegel - in einer ausführlichen Auseinandersetzung mit dem Fall Hans Robert Jauß. Schlaffers "Kleine Apologie" ist im Juniheft erschienen - und hier (für zwei Euro) auch als PDF lesbar.
  • Wale und Wolken, Gott und Google

    „Wir können niemals scheiden, was Wetter und was Götter sind.“ Mit diesem Satz Friedrich Kittlers markiert John Durham Peters in The Marvelous Clouds die Horizonte, vor denen dieses Buch das Drama der Medienwissenschaft im 21. Jahrhundert aufzieht. Dass die Natur und das Göttliche zusammenfallen, dieser Gedanke ist der antiken Vorstellungswelt entlehnt. Sie sind das, von dem Menschen nur dann etwas wissen können, wenn sie es sichtbar machen und dem sie ansonsten hilflos ausgeliefert sind. Um aus Göttern und Wetter mehr zu machen als bloßes Geschehen, braucht es Medien. Götter sprechen durch brennende Dornbüsche, Orakel und heilige Schriften; das Wetter im Gemessenen und Beobachteten, in Wolkenformationen, Luftdruck und -feuchtigkeit. (mehr …)
  • Das komplexere Spiel

    Bei der jüngsten Rugby-Weltmeisterschaft in Großbritannien, im Herbst 2015, auf dem Rasen des St James Park, dem Heimstadion des Fußballvereins Newcastle United, hat sich der Schiedsrichter Nigel Owens, einer der angesehensten Referees weltweit, über einen Spieler der schottischen Nationalmannschaft lustig gemacht. Der Star im Team, der wohl beste Spieler des Turniers auf seiner Position, der 15 (full back auf Englisch, arrière auf Französisch), musste sich anhören, wie ihn der walisische Unparteiische wegen unsportlichen Verhaltens schalt: „There was nothing wrong with the tackle. If you want to dive like that again, come back here in two weeks and play, not today. Watch it.“ Alle TV-Zuschauer bekamen mit, wie Hoggs Schwalben-Versuch von Owens als Fußballer-Unart bespöttelt wurde – zwei Wochen nach dem Spiel sollte im St James Park der normale Ligabetrieb wiederaufgenommen werden – und lachten mit. Denn beim Rugby hört man zu Hause vor seinem Fernseher so ziemlich alles mit, was der Schiri auf dem Platz sagt. (mehr …)
  • Notizen zu Christoph Möllers‘ „Die Möglichkeit der Normen“

    Christoph Möllers‘s neuestes Buch ist der Rechtsphilosophie-Hit des Jahres. Nicht nur, weil das Thema grundsätzliche Bedeutung hat, sondern auch, weil der Autor Träger des Leibnizpreises 2016 und Prozessvertreter der Bundesregierung im NPD-Verbotsverfahren ist, also Theorie und Praxis in seltener Weise verbindet. Der Titel hebt provozierend die Bedeutung der Frage hervor: Wir sind so von Normen umzingelt, dass niemand ernsthaft deren Möglichkeit bezweifeln würde – der Autor will uns mit der Frage wachrütteln, warum wir Normen für so selbstverständlich halten. Auch deshalb treten Juristische Aspekte gegenüber den politologisch/philosophisch/soziologischen in den Hintergrund. (mehr …)
  • Merkur im Juni

    Das neue Heft ist im Handel. Der Schriftsteller und Jurist Bernhard Schlink begibt sich in seinem philosophischen Essay auf die Spuren Adornos: "Es gibt kein richtiges Leben im falschen", hatte dieser gemeint. In Wahrheit, argumentiert Schlink, bleibt einem gar nichts anderes übrig, als ethisch richtig auch dann zu handeln, wenn einem das Ganze falsch scheint. Für hoch problematisch hält Martin Burckhardt populistische Identitätspolitik, die nicht zuletzt in den sozialen Medien als verfolgende Unschuld geriert. Darüber, wie wissenschaftliche Disziplinen funktionieren, denkt Thomas Etzemüller am Beispiel einer "Untoten" nach: nämlich der Disziplin der Rassenanthrophologie. So detailliert wie grundsätzlich wie kritisch setzt sich Fabian Steinhauer mit Christoph Möllers' viel beachteter Studie zur "Möglichkeit der Normen" auseinander. (mehr …)