• Video: Thomas Sparr im Gespräch | Zweite Lesung

    Thomas Sparr empfiehlt zur zweiten Lesung „Tod in Jerusalem“, den Jürgen Habermas anlässlich des Begräbnisses von Gershom Scholem 1982 verfasst hat. Ein schmaler, aber gehaltvoller Text, in dem Habermas seinen Zeitgenossen würdigt. (mehr …)
  • Video: Lena Vöcklinghaus und Alina Herbing im Gespräch mit dem Merkur | Zweite Lesung

    Nach den Vorwürfen an der Universität Hildesheim wurde im Merkur-Blog das Sexismus-Dossier ins Leben gerufen. Die insgesamt 29 Beiträge widmen sich der Diskriminierung an Hochschulen, im Literaturbetrieb sowie im Theater. Ekkehard Knörer spricht mit den Herausgeberinnen Lena Vöcklinghaus und Alina Herbing. (mehr …)
  • Unterrichtung mit Foundation Bitch

    Eine Freundin – im Nebenberuf Lehrerin für Deutsch als Zweitsprache an Sekundarschulen – erzählte mir kürzlich Folgendes: Die Vokabel »anhalten« war dran, die Schüler sollten Sätze bilden, ich halte an, du hältst an, das Auto hält an. Ein syrischer Junge aber sagte: Ich hoffe, der Krieg hält an. Wie das erklären?

    Unverständnis im Klassenzimmer. Die Lektion »etwas kann genauso wahr sein wie sein Gegenteil« zieht als Nebel über die Köpfe der Kinder und in sie hinein. Etwas bleibt haften, ein Denksystem, das man Grammatik nennen kann, das alles zu verantworten hat, von dem sie hier, in diesem Klassenzimmer, in diesem Land, umgeben sind; etwas heftet sich an ihre Fersen, aber nur so lange, bis sie die Richtung wechseln und selbst erst Jäger werden, dann Dompteure.

    Dies ist einer von tausend Augenblicken, sagte meine Freundin, in denen die Sprache ihre Schüler verliert oder für immer gewinnt. Als ich meiner Mutter später davon erzähle, macht sie mich auf einen weiteren Fall aufmerksam: umfahren. Sprechbeispiel: Sie sollten das Lübecker Hütchen umfahren. Die Länge des A, des ersten Vokals, den der Säugling mit seinem Mund zu formen vermag, die Länge des Urvokals sozusagen, von der Verschiebung der Silbenbetonung moduliert, macht hier den ganzen Unterschied. Der syrische Junge aber wusste noch nichts von den Begrenzungen des Denkbaren, die an die Sprache gekettet sind, und hoffte, der Krieg könne auf dieselbe Art und Weise anhalten wie ein Zug an seiner Endstation, die Morden heißen kann oder Frohe Zukunft.

    Die Gelassenheit zu den Dingen ist ein Trugschluss, »dein Stolz ist dein Unglück, Medea« offensichtlich die größte Lüge von allen – die Welt ist aus demselben faulen Holz geschnitzt, wie wir es sind, und vermutlich ist die Schule der richtige Ort, um das zu lernen, denn nur Erlerntes kann man anwenden, nur Bekanntes ignorieren, nur Erlittenes ehrlich hassen, und Hass, der hat ja heute, in Zeiten völlig apolitischer, aber dafür »organisierter Liebe« im Internet, da das ebenso hehre wie leere Ideal des Dialogs den Inhalt überwunden hat, ein schlechtes Image, aber es ist nicht der Hass – ein Gefühl wie ein Motor, ein Sinngenerator, eine Sache, die ohne ihr Antonym nicht sein kann –, es ist ja nicht der Hass, der das Problem ist, sondern die Frage, was gehasst wird und warum und wie.

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  • Wir selber bauen unsre Stadt

    1953, das war zwanzig Jahre nach 1933, acht Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, fünf Jahre nach der Einführung des Marshall-Plans durch die Vereinigten Staaten, fünf Jahre auch nach der Eröffnung der Freien Universität in Berlin. Europa war im Begriff, sich neu zu erfinden. Das »Wirtschaftswunder« war noch aktiv im Kopf derer, die sich wunderten. Im Sommer dieses Jahres kam es zu einem Volksaufstand in der noch jungen DDR; Existentialismus zeigte sich in den Straßen als frühe Pop-Kultur; die Hochschule für Gestaltung in Ulm wurde gegründet; die Gruppe 47 war daran, sich als Institution zu etablieren.

    Auch in der Schweiz machte man sich Gedanken über die Zukunft. In der Reihe Basler politische Schriften erschienen drei Broschüren, die Beachtung fanden: wir selber bauen unsre stadt (1953), verfasst von Markus Kutter, Lucius Burckhardt und Max Frisch; dann die zweite Broschüre, achtung: die Schweiz (1955), unter Beibezug weiterer Autoren; und schließlich die neue Stadt (1956).

    In diesen Texten wurde ein politisches Anliegen vorgetragen, bei dem der Stadt kein Nebenschauplatz zugeordnet war, aber auch keine Hauptrolle: Diese hatte der öffentliche Diskurs zu übernehmen. Die Idee war ursprünglich, sich gegen Projekte zu wenden, die Verkehrsplaner, Anhänger einer »autogerechten Stadt«, als ihre eigenen betrachteten und die von den Behörden dem »Volk« beziehungsweise den Abgeordneten zur Billigung vorgelegt wurden. Die Idee weitete sich schließlich aus, Prozesse exemplarisch in den Mittelpunkt zu stellen, die sich schleichend entfalten, als Resultat disperser, oftmals unkoordinierter Aktionen. Die Autoren, Liebhaber der Stadt, wunderten sich, weshalb zeitgenössische Städte keine Würde ausstrahlten (wie etwa Florenz, Paris – oder Bremgarten), woran dies liegen könnte, und sie erhofften sich von einem öffentlichen Diskurs nicht nur eine Lösung städtebaulicher Fragen, sondern auch eine Belebung der föderalistischen, partizipativen Demokratie. Dies war ein Anliegen, das auch im benachbarten Deutschland Nachhall fand.[2. Wolfgang Schütte u.a. (Hrsg.), Der Stadtplan geht uns alle an: Städtebau + Öffentlichkeit, Raumordnung + Öffentlichkeit, Form + Öffentlichkeit. Öffentliches Gespräch, Dortmund 1955. Köln: Deutscher Verband für Wohnungswesen, Städtebau und Raumplanung u.a. 1955. Zu dem Dortmunder Gespräch waren auch die Autoren Burckhardt, Kutter und Frisch eingeladen. Vgl. Ulrike Kändler, Entdeckung des Urbanen. Die Sozialforschungsstelle Dortmund und die soziologische Stadtforschung in Deutschland, 1930 bis 1960. Bielefeld: transcript 2016; Alexander Mitscherlich, Die Unwirtlichkeit unserer Städte. Anstiftung zum Unfrieden. Frankfurt: Suhrkamp 1965.]

    Mag sein, dass die Idee einer neu zu gründenden Stadt auch mit dem Umstand zusammenhing, dass für 1964 eine schweizerische Landesausstellung geplant war – fünfundzwanzig Jahre nach jener, die 1939 in Zürich stattgefunden hatte – und dass die neue Stadt das Gefäß einer Landesausstellung bilden sollte. Die »Landi 1939« war außerdem ein Ausdruck des Widerstands, der Abgrenzung gegenüber dem großen Nachbarn gewesen, die »Expo 1964« sollte ein ähnliches politisches Fanal sein. Zu einer Behandlung der Details kam es nie, zur Abklärung der Frage, zum Beispiel, wie denn die Besucher der Ausstellung mit den Bewohnern der neuen Stadt umzugehen hätten (oder umgekehrt) – in Unkenntnis auch der Tatsache, dass, später dann, im Berliner Hansa-Viertel, anlässlich der »Interbau 1957«, eine solche Idee umgesetzt werden sollte. Die Landesausstellung 1964 fand schließlich in Lausanne statt, auf einem Gelände, auf dem heute die École polytechnique fédérale de Lausanne (EPFL) steht: ein »würdiger« – sehr wahrscheinlich aber auch ein unverhoffter – Beitrag zur Stadtplanung. Was sonst bleibt in Erinnerung? Wenig: die Konzerte der elektromechanischen Büromaschinen, Symphonie Les Echanges , basierend auf einer Partitur von Rolf Liebermann für 156 Rechner und Schreibmaschinen; und dann, aus meiner Sicht zumindest, der Entwurf eines Büchergestells für den Pavillon »Bilden und Gestalten«, für den Max Bill zuständig war (ein Gestell, das ich für meine Bibliothek verwende).

    Was Städte und deren »Würde« betrifft, so hat sich in der Zwischenzeit wenig geändert. Städte, Quartiere, deren Urbanität wir schätzen, entstanden vorwiegend vor der alten Jahrhundertwende, oder besser: vor der Ausbreitung des Autos. Unsere ganze Vorstellung von Urbanität ist geprägt vom Bild der Stadt, wie sie bis ins späte 19. Jahrhundert hinein konzipiert und gebaut wurde: Wien, Prag, Budapest, Amsterdam, Hamburg, Kopenhagen, Paris, (lesen ...)

  • Fake History. Geschichte hinter Glas

    Ende Oktober 2017 fand im Wiener Dorotheum wieder eine »Kaiserhaus-Auktion« statt. Unter anderem kamen ein Zwicker Kaiser Franz Josephs und eine Schuhschnalle Mozarts unter den Hammer. Letztere für wohlfeile 12 500 Euro fraglos eine Okkasion, verglichen mit einem angeblichen Reithut der Kaiserin Elisabeth, der vor einiger Zeit für 134 000 Euro den Besitzer wechselte. Selbst Autographen berühmter Schreiber sind heute, unabhängig von ihrem bisweilen sehr trivialen Inhalt, Teil eines millionenschweren säkularisierten Reliquienhandels. Längst umschlingt daher das wirtschafts- und tourismusfördernde Kulturfranchising der Unesco auch das »Weltdokumentenerbe«, entdecken selbst Museen ihre Liebe zur früher vielgeschmähten »Flachware«.

    Der Reliquienkult um Habsburg-Kuriosa und Künstlerkitsch – politisch belastete zeitgeschichtliche Preziosen wie die Unterhosen von Adolf Hitler und Eva Braun lassen sich einstweilen nur in Großbritannien oder den Vereinigten Staaten ersteigern – mag zunächst gängige Österreich-Klischees wachrufen. Näher besehen entlarvt die penetrante Auratisierung von meist reichlich banalem Treibgut der Geschichte aber grundsätzliche Fehlentwicklungen in unserem Umgang mit der Vergangenheit.

    Auch historische Ausstellungen, die im Zeichen epidemischer Museomanie und »Anniversaritis« aktuell eine Hochkonjunktur erleben, lassen sich mit ihrer konsequenten Absage an analytische Tiefenschärfe und Vermittlungswillen ziemlich flächendeckend unter der Rubrik »Kunst und Krempel« abschreiben.

    Verstaatlichte Geschichtsindustrie

    Sogar das als Hauptmasseverwalter des habsburgischen Kulturerbes wahrlich geschichtssatte Österreich scheint sich selbst nicht mehr Freilichtmuseum genug. Auf politischen Wunsch wurden hier in jüngster Zeit gleich zwei »Häuser der Geschichte« aus dem Boden gestampft.

    Zwanzig Jahre lang schieden sich die Geister an Sinn und Ort eines österreichischen Museums für Zeitgeschichte. 2015 fiel die umstrittene Entscheidung des sozialdemokratischen Kulturministers, ein auf die Geschichte der Republik ab 1918 konzentriertes »Haus der Geschichte Österreich[s]« ausgerechnet in die neobarocke Pracht der kaiserlichen Hofburg am Wiener Heldenplatz zu zwängen. Nach personal- und parteipolitischen Wechselfällen und einer entsprechenden »Redimensionierung« von Budget und Ausstellungsfläche wird es sich aller Voraussicht nach nur noch um »Zimmer der Geschichte« handeln.

    Aber Platzprobleme vermögen den emanzipatorischen Anspruch progressiver Geschichtspolitik nicht zu schmälern, und so soll rund um den berüchtigten Balkon, von dem Adolf Hitler 1938 die »Heimholung« Österreichs in das Deutsche Reich verkündet, bis 2018 eine Art Nationalmuseum in anti-identifikatorischer Absicht entstehen, eine museale Besserungsanstalt gewissermaßen, die keine geschichtspädagogischen Wünsche offen lassen wird.

    Einer solch hehren volkserzieherischen Mission unterwindet sich das christlich-soziale Gegenstück nicht: das »Haus der Geschichte Niederösterreich[s]«, das im September 2017 auf landesfürstlichen Befehl und nach rekordverdächtig kurzer Vorbereitungszeit in der Ödnis des Kulturbezirks von St. Pölten (Niederösterreich) seine Pforten öffnete. Nur der befremdliche S-Fehler scheint beiden Unternehmungen gemein.

    Die Neubefüllung des Hollein-Baus an der Traisen ist in erster Linie als Standortmaßnahme zu bewerten und präsentiert sich dem Besucher (weitgehend ohne moralistischen Frontalunterricht) als synkretistische Weihestätte des Objektzaubers, in der auch den sonst gerne der touristischen Folklore überlassenen Jahrhunderten der Donaumonarchie gehuldigt wird. Hier kommen – die Kuratoren sollten Gerhard Polts Sketch Das CSU -Museum gesehen haben – Habsburg-Quisquilien aus der Sammlung des Wiener Rindfleischkönigs Mario Plachutta neben deklariert republikanischen Berührungsreliquien zu liegen: der Arbeitskittel Kaiser Franz Josephs, sein zeremonielles Fußwaschbecken, Aktentasche und Taschenuhr des Bundeskanzlers Engelbert Dollfuß, ein Schachspiel des zweifachen Republikgründers Karl Renner, der Dienstwagen des legendären ÖVP-Politikers Leopold Figl, der Mantel, den der österreichische Außenminister 1989 trug, als er mit einer ebenfalls ausgestellten Drahtschere den Eisernen Vorhang durchschnitt.

    Was aber bringt diese Idolatrie des Gegenständlichen, die wohl nur dann eine gewisse Berechtigung für sich beanspruchen kann, (lesen ...)

  • Überall zu Hause sein. Philosophie und Multikulturalismus

    Am 11. Mai 2016 veröffentlichen Jay Garfield und Bryan Van Norden den Text If Philosophy Won’t Diversify, Let’s Call It What It Really Is in der Philosophiekolumne »The Stone« der digitalen New York Times . Der Text ist das Dokument eines akademischen Schiffbruchs. Die beiden Verfasser berichten, wie sie über Jahrzehnte Überzeugungsarbeit geleistet haben, um größere Diversität in der akademischen Philosophie in Nordamerika zu ermutigen, wie sie ihre Forschungen zur indischen und chinesischen Philosophie verbreitet, wie sie auf Fachvertreter eingewirkt haben, die Lehrpläne um nichtwestliche Denker zu erweitern. Doch all ihre Mühe war vergebens – das akademische Fach der Philosophie blieb weiterhin zutiefst eurozentrisch. Garfield und Van Norden lancieren einen letzten Appell an ihre Kollegen. Wenn die Mehrheit der universitären Philosophen weiterhin den Standpunkt vertrete, der philosophische Diskurs sei ein ausschließlich westliches Phänomen, dann sollten sie ihre Institute ehrlicherweise in »Department of European and American Philosophy« umbenennen.

    Der mediale Sturm, den dieser Text ausgelöst hat, ist ein Paradebeispiel für öffentliche Kontroversen im digitalen Zeitalter. Garfields und Van Nordens Kolumne zog 797 Kommentare nach sich, in nur zwölf Stunden. Mehr als dreißig Webseiten kommentierten oder organisierten Debatten. Texte wurden auf Facebook geteilt, das Thema trendete auf Reddit, schwelte monatelang auf Twitter und Youtube fort. 1 Der eigentlich bescheidene Vorschlag, Philosophen möchten doch eine ohnehin weitverbreitete Überzeugung deutlich markieren, zeitigte Reaktionen, die auch ein Schlaglicht auf die gegenwärtigen Kulturkämpfe werfen. »Möchte irgendjemand mit einem Flugzeug fliegen, das mit nichtwestlicher Mathematik erbaut worden ist?«, schrieb ein erregter Leser. Und: »Vielleicht studieren wir westliche Philosophie nicht, weil wir ›provinziell‹ sind, sondern weil sie in der ›wirklichen Welt‹ funktioniert.«

    Jemand argumentierte, schon der Versuch der Inklusion sei kolonialistisch und behandele das Andere zu Unrecht als Spiegelbild des Eigenen. Andere verwiesen spöttisch auf die »DWM’s« (dead white males) , die sich immer noch an die Macht klammerten. Mithilfe von Wikipedia und verstaubten Erbstücken des 19. Jahrhunderts wurden weitere Breitseiten gefeuert: Asiaten könnten nicht denken, und überhaupt bestehe die chinesische Philosophie aus nicht viel mehr als »fortune cookie wisdom«.

    Halluzinatorisch wirkende Abstiegsängste wurden sichtbar; plötzlich war auf dem glitzernden Webauftritt der New York Times Schnellroda nicht mehr fern. Die Kolumne sei von »liberalen Fanatikern« verfasst worden, also von Akademikern, die ihre Loyalität zu Amerika längst aufgekündigt hätten und im Sold von Diktatoren stünden (Bryan Van Norden hatte zwischenzeitlich eine Gastprofessur in Singapur angetreten). Dass es nicht noch übler gekommen ist, dürfte allein dem Umstand zu verdanken sein, dass sich die Leserschaft der New York Times nicht aus der Alt-Right-Bewegung rekrutiert.

    Doch Garfield und Van Norden ließen nicht locker. Im Dezember 2017 erscheint Taking Back Philosophy. A Multicultural Manifesto , eine 159-seitige Streitschrift, die Bryan Van Norden als Antwort auf diese Kontroverse aufgesetzt hat. 2 Im Vorwort erhebt Jay Garfield jetzt den Vorwurf des strukturellen Rassismus: Philosophische Institutionen ignorierten weiterhin Philosophietraditionen aus Ostasien, Afrika und Indien. Kurzum: Philosophinnen und Philosophen, die eine freigewordene Stelle für die Philosophie Immanuel Kants oder modale Metaphysik ausschreiben (und nicht für nichtwestliche Philosophie), hießen eine rassistische Sicht nichtwestlicher Kulturen gut.

    Taking Back Philosophy ist keine akademische Abhandlung, sondern ein Buch, das eingreifen möchte, Position beziehen in den laufenden Debatten um Multikulturalismus, Inklusion, amerikanische Identität, die Zukunft der Liberal Arts Education, Trump (ja, leider auch um den). Detailliert schlüsselt Van Norden auf, wie die universitäre Landschaft der Vereinigten Staaten bis heute jedem (lesen ...)

  • Krimidichtung in Antwerpen

    An einem warmen Tag im Oktober 2017 fuhr ich mit meinen Freunden von der Akademie für Letalität und Lösungen in die nördliche Peripherie Antwerpens, fest entschlossen Ludwig Reynen zu finden, der vor dreißig Jahren über drei Tage hinweg Pommes frites frittiert hatte, ein Rekord, den er auch heute noch hielt, und der als Abschluss unserer kulinarischen Trilogie in seiner Einheit von Ort, Zeit und Handlung zum Kurzdrama werden sollte. Der zweite Teil, den wir soeben in einem ehemaligen Raucherabteil der belgischen Bahn beendet hatten, trägt den Titel Die Tomaten der Uschi Reinhard und ist Uschi Reinhards Ermittlungen in Spitzbergen gewidmet; der erste, Lucullus und der Kalte Hund, geriet uns für ein Kurzdrama verhältnismäßig lang, nicht zuletzt weil die Heldin innerhalb eines bacchantischen Settings vom alten Rom bis in das bundesrepublikanische Wirtschaftswunder reist.

    Wir erreichten Kalmthout gegen Mittag. Der Himmel war, wie man so sagt, abwesend, die Sonne hatte ihn voll und ganz vereinnahmt, und noch während wir uns bei den Händen fassten und vom Tritt der Zugtür sprangen, umgab uns bereits der Geruch von Frittiertem. Aus einem Rohr im Backstein des Bahnhofsgebäudes stieß unablässig eine opake, von Fett durchsetzte Wolke hervor, die sich im frontal auf sie einwirkenden Westwind teilte und zu beiden Seiten des Gleises verwehte. Schnurstracks stiegen wir durch ihre Strömungen zum Imbiss, fragend, wo Reynen wohnhaft sei. Die Frau, die gerade für den einzigen Gast eine Fleischwurst in die Fritteuse schmiss, tat so, als habe sie keine Ahnung, wer mit Weltrekord gemeint sei, vielleicht, dachte ich, weil sie dachte, sie könne unsere Kaufkraft an ihn, Reynen, verlieren, und da bestellten wir jeder eine Portion mit scharfer Mayonnaise, was uns die Frau an der Fritteuse dankte, indem sie die Straße verriet, Noordeind, sagte sie und schüttelte das überschüssige Fett von den Fritten, der Ludwig wohne gegenüber vom Bistro Den Druivelaer, wir bräuchten nur den Schienen stadtauswärts zu folgen.

    Ludwig Reynen erweckte den Anschein eines in die Jahre gekommenen englischen Hooligans, als er uns barsch in sein Haus hineinbat. Die schütteren Haare trug er abrasiert, ein Eckzahn fehlte ihm genauso wie die unteren Schneidezähne, doch seine Hand war vom vielen Frittieren ganz weich, und da fassten wir also Vertrauen und schlüpften unter seinem linken Arm hindurch, der wie ein Keil zwischen Türrahmen und Kopf klemmte. An der Wand hingen Schöpfkellen, Seiher und Salzstreuer neben einem Poster, auf dem viele verschiedene Biersorten abgebildet waren. Eine gusseiserne Pfanne in der Hand, betrat Reynen das Wohnzimmer. Denkt immer daran, sagte er mit lustig flämischem Akzent, es gab eine Zeit, bevor es Fritteusen gab, dann setzte er sich auf eine signalrote Sofagarnitur und hielt für eine Weile die Pfanne, in die wir abwechselnd griffen. Wie ihr vielleicht schon wisst, fuhr er fort, als wir Platz genommen hatten, wurden die Pommes während der Kleinen Eiszeit von armen Fischern aus Namur, Huy und Dinant erfunden, die ihre Ruten nicht länger in die Maas halten konnten, weil die Maas zugefroren war, und deshalb anfingen, aus Kartoffeln die Silhouetten von Fischen zu schnitzen. Aus einer schmalen Patata schnitzten sie einen schnellen Fisch wie den Zander, aus einer deformierten eine Sprotte und aus einer besonders dicken einen Pottwal. Oft reichte die Zeit aber auch nur für Flusskrebse, Barben oder Schollen, manchmal wiederum gaben sich die Fischer die allergrößte Mühe und ließen Fabelwesen entstehen, Riesenkalmare, Wunderlampen. Und weil ihnen die Arbeit so viel Freude machte, organisierten sie bald alljährlich das Aardappelfeest, in dessen Verlauf die schönste Aardappelschnitzerei prämiert wurde. Es gibt ein Gemälde von Hendrick Avercamp, das den Sieger und seine zum Hammerhai modellierte Potato auf der Maas im Jahr 1609 zeigt, und wie ihr nun vielleicht ahnt, sagte Reynen, befindet sich dieses Bild in meinem Besitz.

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  • Warum es keine guten Gründe zur Verteidigung der Geisteswissenschaften gibt

    Die Geisteswissenschaften liegen nicht etwa im Sterben. Sie sind so gut wie tot. In Schottland wurden die alten »Chairs in Humanity« (womit hier Latein gemeint ist) in den letzten Jahrzehnten beinahe alle aufgelöst, blieben unbesetzt oder wurden zu Lehrstühlen für Altertumswissenschaft zusammengelegt. Und auch in Oxford wurde das berühmte Literae-Humaniores-Studium, »Greats« genannt, in etwas verwandelt, das sich wohl am ehesten als Abschluss in einer Fachwissenschaft namens »Klassik« bezeichnen ließe. Beide Male handelte es sich um akademische Institutionen mit großer Tradition, die schon manchen Sturm überdauert hatten. Relikte einer Ära, in der Latein noch eine zentrale Rolle im Kanon der universitären Disziplinen spielte, die wir Geisteswissenschaften nennen. Der Verlust dieser »Überbleibsel« ist Ausdruck eines langen Anpassungsprozesses, in dem die Geisteswissenschaften zu einer lockeren Ansammlung von Fachdisziplinen wurden, mit historischen Wurzeln im alten Curriculum der freien Künste und dem Humanismus der Renaissance-Universitäten.

    Ergebnis dieser Entwicklung ist eine tiefreichende konzeptuelle Verwirrung und Verunsicherung darüber, was Geisteswissenschaften eigentlich sind und warum man sie studieren sollte. Es ist nicht meine Absicht, auf die erste Frage eine Antwort zu geben. Die zweite Frage ist im gegenwärtigen akademischen Kontext hingegen von zentraler Bedeutung, in dem die Funktionäre der Universitäten, Dekane, Hochschulleiter und Präsidenten mit weitaus größerer Wahrscheinlichkeit in der Lage sind, eine ökonomische Fallstudie durchzuführen, als ein griechisches Verb zu analysieren, vertrauter mit Flowcharts als mit Syllogismen, geübter im Managementsprech als im Reichtum der englischen Sprache. Deshalb auch der so oft lautwerdende Ruf, man möge doch bitte »gute Gründe« für das Studium der Geisteswissenschaften anführen.

    Ein solches Bemühen steckt voller Mehrdeutigkeiten und Widersprüche. Sicherlich gibt es eine Verbindung zu gegenwärtigen politischen Debatten, doch so einfach, wie Kritiker es oft darstellen, ist die Lage nicht. Populistische Kritik an den Geisteswissenschaften aus dem konservativen Lager erhält oft die größte Aufmerksamkeit, wobei sich politische (und christliche) Konservative gleichzeitig oft stärker als andere dafür eingesetzt haben, dass die traditionellen geisteswissenschaftlichen Fächer (nach wie vor) an den Hochschulen gelehrt werden. Die politische Linke verteidigt die Geisteswissenschaften zwar häufig und betont ihren Wert angesichts einer zunehmend von Konzernen beherrschten und allein von Wirtschaftsinteressen dominierten Welt. Doch hat auch sie einiges dafür getan, den Kern der alten humanistischen Forschung als unrettbar patriarchalisch, rassistisch und kolonialistisch zu diskreditieren. Auf beiden Seiten gibt es Verteidiger und Kritiker der Geisteswissenschaften.

    Die linken Verteidiger der Geisteswissenschaften tun sich seit jeher schwer mit einer kohärenten Argumentation, die konkrete Auswirkungen auf die Situation an den Hochschulen hätte; allerdings haben sie bisher stets konsequent die »nutzlosen« Disziplinen gegen politisch (und ökonomisch) motivierte Angriffe verteidigt. Die rechten Verteidiger der Geisteswissenschaften legen sich zwar mitunter mächtig ins Zeug, um deren Wert zu beweisen, doch wenn es darum geht, konkrete Angriffe durch Republikaner und konservative Politiker abzuwehren, erreichen sie oft genug wenig.

    Tatsächlich spielen am Ende beide Lager den Gegnern der Geisteswissenschaften in die Hände. Konservative, die die institutionellen und finanziellen Druckmittel des Staates zu nutzen versuchen, um gegen die (vermeintliche) Ideologisierung an den Universitäten vorzugehen, tragen zur Zerstörung des altmodischen Gelehrtentums bei, das sie angeblich verteidigen wollen. Es ist selbstzerstörerisch, wenn sie sich, nur um ein paar liberale Professoren abzustrafen, vor den Karren von Konzernen spannen lassen, die für die Ausbildung ihrer Mitarbeiter und für ihre eigene Forschung an die öffentlichen Gelder der Universitäten herankommen wollen. Progressive Geister, die die Geisteswissenschaften als Laboratorium des sozialen Wandels verstehen, als Katalysator der Kulturrevolution oder als Trainingscamp für politische Aktivisten, machen sich derselben Instrumentalisierung schuldig.

    Eingeklemmt in der Mitte finden sich all die Geisteswissenschaftler, die schlicht und einfach auf ihren Forschungsgebieten gute Arbeit leisten wollen; die ihre Gegenstände studieren, die lesen und nachdenken wollen; die durch genaue Analyse ihres Materials zu Schlussfolgerungen über Vergangenheit und Gegenwart gelangen möchten; die sich in Sprachen, Zahlen, Kunst, Artefakte, Kultur und Natur versenken wollen. Das hat man in ihren (lesen ...)

  • Kunst am Flughafen. Eine Annäherung in fünf Bildern

    Magic Carpet – BER 2012

    Noch werden am neuen, seit 2012 fast fertiggestellten Berliner Flughafen BER keine Flugzeuge abgefertigt. Auf dem Foto ist die große Schalterhalle verwaist. Verloren stehen einige Check-in-Automaten von Air Berlin – inzwischen auch schon wieder Geschichte – herum. Die Sicherheitskontrollen, die Schalter, die Ladenflächen am BER sind ungenutzt, es gibt keine Passagiere, kein Gepäck, kein Catering. Was es hingegen bereits gibt, ist Kunst. An zahlreichen Stahlseilen von der Decke suspendiert, schwebt Magic Carpet , ein filigranes Geflecht aus Metall, im Raum. Zwölf Kilometer hauchdünne Aluminiumbänder hat die kalifornische Künstlerin Pae White in eine tragende Rahmenstruktur mit den Maßen 37 mal 27 Meter einfalten und zufällige Ornamente bilden lassen. In naher oder ferner Zukunft, wenn Passagiere die Schalterhalle bevölkern werden, soll der Fliegende Teppich leicht im Luftstrom schwingen. Wer nachts an der Flughafenbaustelle vorbeifährt, sieht ihn jetzt schon von weitem rot leuchten.

    Whites Magic Carpet ist Teil eines Kunstprogramms am BER, das Auftragswerke im Wert von zwei Millionen Euro umfasst. Darunter befindet sich eine überdimensionierte Perlenkette von Olaf Nicolai, die sich um eine Fluggastbrücke windet und dereinst leuchten soll, um den Abfertigungszustand des angedockten Riesenflugzeugs A380 zu signalisieren; ein Sterntalerhimmel des Künstlerduos STOEBO, der aus in den Boden eingelassenen Münzen aus aller Welt besteht; und die Open Sky Box , eine Lichtinstallation von Takehito Koganezawa, die ihre Farbe nach dem Zufallsprinzip wechselt, während die Reisenden sie auf dem Weg durch das Terminal passieren.

    Was macht die Kunst am Flughafen? »Ein Flughafen«, so informiert uns die Website des BER, »ist ein ausgezeichneter Ort, um Kunst zu präsentieren.« Selbst wenn man davon ausgeht, dass sich diese Aussage auf geöffnete Flughäfen bezieht, mag sich ein leiser Zweifel regen: Sind Flughäfen wirklich ausgezeichnete Orte für Kunst? Wer von den zukünftigen Passagieren, die am BER ankommen oder abfliegen werden, wird die Muße haben, sich Kunstwerke anzusehen? Wer von ihnen wird sie überhaupt bemerken? Magic Carpet ist, zugegeben, schwer zu übersehen, aber wer nicht weiß, dass es sich um Kunst handelt – und wenig deutet für den eiligen Betrachter darauf hin –, kann es leicht für ein überdimensioniertes Stück Flughafendekoration halten (was es, in gewissem Sinne, ja auch ist).

    Tatsächlich aber hat Kunst an Orten des Transits und des Verkehrs eine lange Tradition. Der französische Schriftsteller und Kunstkritiker Maxime Du Camp forderte schon 1855, die Bahnhöfe – »diese modernen Kathedralen der Industrie und Wissenschaft« – mit Kunst auszustatten. Historienbilder sollten die Wände schmücken und »ohne Metaphysik« die Kräfte der Geschichte deuten. Alle Welt würde davon profitieren, so Du Camp: »die Kunst, die Künstler … und die Reisenden, die sich während der Wartezeiten zumindest beschäftigen können«. 1 Mindestens zwei sehr unterschiedliche Erwartungen an die Kunst wurden da formuliert: Die durch die Eisenbahn hervorgerufene Umwälzung aller Lebensbereiche bedurfte der Deutung, und es sei die Kunst, die diese Deutung liefern könne, war die große Hoffnung Du Camps. Die zweite, bescheidenere Erwartung bestand darin, dass die Kunst zur Unterhaltung der Reisenden dienen könne, denn die Eisenbahn hatte ja nicht nur für Beschleunigung gesorgt, sondern auch für ausgedehnte Wartezeiten.

    Im 20. Jahrhundert sind die Kathedralen des Fortschritts längst nicht mehr die Bahnhöfe – es sind, spätestens seit den 1960er Jahren, die Flughäfen. Im Jet Age wurden sie zu architektonischen Ikonen und zu Symbolen einer neuen globalen Mobilität. Zahlreiche internationale Flughäfen verfügen seitdem über umfangreiche Kunstprogramme. Sie reichen von verstreuten Kunstwerken in den Terminals über ausgewiesene Galerieräumlichkeiten bis hin zu eigenen Kunststiftungen. Der BER ist also nur einer von vielen hundert Flughäfen weltweit, an denen Kunst ausgestellt wird. So findet man in Schiphol, dem Flughafen von Amsterdam, nicht nur eine Reihe von zeitgenössischen Kunstwerken, darunter eine (lesen ...)

  • Popkultur und Politik

    Mickey Mouse und Coca Cola. Auf den berühmtesten Werken der Pop Art sind populäre Produkte der Warenwelt, bekannte Logos und Stars oder in den Massenmedien prominent gewordene Politiker zu sehen. Donald Duck, McDonald’s, Marylin Monroe, Mao, Che Guevara, Campbell Soup, Kellog’s, Chiquita Bananen kennt man schon längst, bevor sie auf den Werken Andy Warhols, Roy Lichtensteins, Claes Oldenburgs und vielen anderen auftauchen. Für Pop ist dies typisch. Die Popästhetik greift auf das zurück, was bereits massenhaft verbreitet und ungemein bekannt ist. Diese Zweitverwertung ist als Verflachung, Massenkultur, Kulturindustrie kritisiert worden. Pop ziehe den Bereich der Ästhetik in den der Warenzirkulation hinein. Die gleichen Grundsätze von Werbung und Design, die der Vermarktung der Waren und Stars dienen, formen nun auch noch Kunst und Kultur. Da gibt es von der Frankfurter Schule schlechte Noten... (mehr …)