• Lob des Laien

    . I Im Zentrum dessen, was sich im Internet-Zeitalter zu einem waschechten Kulturkampf ausgeweitet hat, steht das Verhältnis von Laien- und Expertentum. Der FDP-Chef Christian Lindner bescheidet ungeduldige Jugendliche mit dem Hinweis, sie mögen die Durchführung klimarettender Maßnahmen mal lieber den Fachleuten überlassen und erntet dafür überwiegend Kritik. Der Journalismus fühlt sich aus nicht von der Hand zu weisenden Gründen durch Freizeitschreiber*innen bedroht, die in Weblogs, Tweets und Facebook-Einträgen die Information ihrer Mitmenschen übernommen haben. Jeder nur denkbare Interessens- und Kenntnisbereich wird in den sozialen Medien inzwischen von allen möglichen Leuten kommentiert, die niemals ihre Qualifikation dafür unter Beweis stellen mussten. Und dabei geht es häufig hart zur Sache: Offenbar neigt eine Kommunikation, die nicht face to face abläuft, zu sehr schneller Eskalation, eines der Resultate besteht in der berüchtigten hate speech. Sie haben den einstmals mit utopisch-demokratischen Hoffnungen belegten virtuellen Raum des WWW in den Augen mancher Skeptiker in eine kommunikative Jauchegrube verwandelt. (mehr …)
  • Weihnachts – Geschenk – Abo

    Verschenken Sie ein Jahr MERKUR zum Sonderpreis: Für nur 97 EUR* / 114 CHF* (statt 140 €/162 CHF). Das Abo beginnt mit dem Dezemberheft und endet nach 12 Ausgaben automatisch – keine Kündigung nötig. | *Preise zzgl. Versandkosten: (D) 18,70 €; (A) 30,80 €; (CH) 27,50 €; (übriges Ausland) 41,80 €  | Angebot gültig bis 01.12.2019. > Hier bestellen (mehr …)
  • Einmal ragte Siegfried Unseld turmhoch hinter mir auf

    Diese Kolumne beginnt mit einem Gruppenbild von fünf älteren erfolgreichen Jungs, Golden Boys, meist mit Schmerbauch, einer schmaucht eine Pfeife. Danach erleben wir Helmut Kohl nackt in der Sauna, Trigger-Warnung! Anschließend werde ich belegen, dass meine Eltern mich verraten haben. Danach sofort Weltuntergang. (mehr …)

  • Gedächtnis des Kuckucks

    Der Kuckuck ist eher ein Prinzip als ein Vogel. Er kommt von weit her, aus Afrika, um der lokalen Population seinen Nachwuchs zur Aufzucht zu überlassen. Damit konzentriert er alle Urängste des sesshaften Patriarchats von fremder Invasion bis hin zu sexueller Unterwanderung in seiner Person. »Kuckuck! Kuckuck! Ruft’s aus dem Wald«, heißt es im Kinderlied, der Frühling kommt, er ist subversiv. (mehr …)

  • Die langweilige Seite des Mondes

    Nach 8 Tagen im Weltraum, davon zwei Stunden auf dem Mond, setzten am 24. Juli 1969 Neil Armstrong, Buzz Aldrin und Michael Collins in der Raumkapsel »Columbia« kopfüber und mit 35 Stundenkilometern etwas unsanft im Pazifik auf. Buzz Aldrin präsentierte auf Twitter schon mehrfach ein ungewöhnliches Andenken an seinen Trip: seine Reisekostenabrechnung. Lakonisch machte Aldrin darin 33,10 US-Dollar für die Reise via »Houston, Cape Kennedy, Moon, Pacific Ocean and return to Houston« geltend.1 Für die Astronauten als Angestellte der National Aeronautics and Space Administration war die Mondlandung eine Dienstreise, und Aldrin war die ersten 13 der circa 1,5 Millionen Kilometer mit seinem Privatwagen gefahren. Das Dokument enthüllt die Bürokratie als die Rückseite der Raumfahrt. Das Formular war Aldrin wichtig genug, dass er es noch während der dreiwöchigen Quarantäne ausfüllte, in die die Mondbesucher der Apollo-Missionen zwecks Schutzes vor Kontamination gesteckt wurden. (mehr …)

  • Nostress. Kapverdische Notizen

    Die Kapverden, das Archipel im Atlantik, liegt drei Flugstunden von Lissabon und anderthalb von Dakar entfernt. Unter den afrikanischen Nationen ist der seit 1975 unabhängige Staat einer der stabilsten, auch relativ wohlhabend mit einem Bruttoinlandsprodukt von 3000 Euro pro Kopf. Dazu tragen die rund 700 000 Touristen jährlich bei und die Überweisungen der Kapverdianer, die in alle Himmelsrichtungen ausgewandert sind. Lange Warteschlangen gibt es nicht nur an den Wasserstellen, zu denen Frauen und Kinder schwere Plastikkanister schleppen, sondern auch vor den Bankfilialen, wo man die Escudos aus dem Ausland abhebt. (mehr …)

  • Demokratie verstehen

    In den letzten Jahren hat uns ein Buch nach dem anderen auf die Krise der Demokratie aufmerksam zu machen versucht – als ob wir die beim Verfolgen der Nachrichten und der panischen Medien nicht längst selbst bemerkt hätten. Hat es mit Trump oder mit dem Brexit angefangen? In Europa oder den USA? Die Diagnosen variieren nach Hintergrund und politischer Überzeugung des jeweiligen Autors, ebenso wie die Ratschläge, die er oder sie dann erteilt. Die Bücher kommen nicht einmal darin überein, dass der Verlust der Demokratie eine so bedauerliche Sache sei – unter den kürzlich erschienenen ist mindestens eines, das behauptet, die eigentliche Krise bestehe in einem Zuviel an Demokratie. (mehr …)

  • Ruhm und Ehre. Reibungen an den Grenzen der Modernisierungstheorie

    Die Worte Ruhm und Ehre sind in der Alltagssprache eng miteinander verbunden und werden fast synonym gebraucht. Viele sehen hier überhaupt keine Unterschiede. Die beiden hier vorgestellten Monografien zeigen jedoch, dass die Begriffs- und Diskursgeschichten weit auseinandergehen: In der Studie über Ruhm taucht der Begriff der Ehre gar nicht auf, in der Studie über Ehre ist Ruhm involviert, wird aber nicht eigens thematisiert. Es ist aufschlussreich, diese beiden Bücher eines Germanisten und Philologen sowie eines Politologen und Historikers zusammen zu lesen und dabei die theoretischen Rahmen und die Suchoptik zu vergleichen, mit denen sie anhand ihrer jeweiligen Leitbegriffe Diskursräume und historische Epochen ausleuchten. (mehr …)

  • Digitalkolumne. Supercomputer – an der Grenze der Berechenbarkeit

    Als Texas Instruments 1972 für die Universität Princeton einen neuen Rechner baute, kam die New York Times nicht mehr aus dem Staunen heraus. Dieser Computer werde zehnmal so stark sein wie der bis dahin stärkste Computer. Er brauche beim Rechnen eine Größenordnung weniger Zeit als jeder andere Computer. Umfangreiche Wetterprognosen ließen sich mit dieser Maschine fertig rechnen, bevor das Wetter eintraf. Und da man in Princeton so viel Wetter im Voraus berechnen wollte, dass sich gleich der langfristige Wandel des globalen Klimas prognostizieren ließ, brauchte man nichts weniger als eine Maschine, mit der die Grenze der Berechenbarkeit verschoben werden konnte.

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  • Der Zweite Weltkrieg in der globalen Geschichte des 20. Jahrhunderts

    Der deutsche Angriff auf Polen vor achtzig Jahren eröffnete den mörderischsten Krieg, den jemals ein Staat geführt hat. Den Beginn des Zweiten Weltkriegs stellte dieser Überfall allerdings nicht dar. Der Weltkrieg begann zwei Jahre zuvor mit der japanischen Invasion Chinas. Nachdem Japan am Anfang der dreißiger Jahre die Mandschurei erobert hatte, entwickelte sich seit Juli 1937 rasch ein ebenso großflächiger wie verheerender Krieg. Dabei dürfte die Mehrzahl der Todesopfer, die China im Zeitraum bis 1945 zu beklagen hatte – vielleicht 20 Millionen, nur in der Sowjetunion mussten mehr Menschen sterben –, bis 1940 umgekommen sein, als die deutschen Angriffe in Europa noch vergleichsweise wenige Tote gefordert hatten. Die Unterwerfung Chinas war der Kern von Japans expansionistischem Projekt. Der gesamte Pazifikkrieg hatte für die japanische Führung eine abgeleitete Bedeutung: Sie glaubte, die Vereinigten Staaten angreifen zu müssen, weil sie Südostasien erobern wollte; mit der Eroberung Südostasiens wiederum wollte sie sich die Rohstoffe sichern, um China zu beherrschen. (mehr …)