• Thomas Thiel gärtnert für Siegen / Wartungsarbeiten an einer Freisprechanlage / Verwirrte Leser finden eigene Klarheit

    (Zur Vorgeschichte) Es soll Leute geben, die glauben der FAZ jedes Wort. Wenn Thomas Thiel einen Artikel über die Universität Siegen veröffentlicht, schreiben sie als Kommentar:

    Unvorstellbare Zustände / "bürgerliche" Regierung in NRW?

    Offenbar haben die "postmodern" / quasi-marxistisch / linksextremen Geistesverwirrungen, die per Internet an den US- und kanadischen Hochschulen nachvollzogen werden können, längst voll auch auf deutsche Hochschulen übergegriffen. Es ist für mich unvorstellbar, unzumutbar, unerträglich, wie hier unter dem Deckmantel gewisser Formalisierungen und vorgeblicher "Gerechtigkeit" die Grundlagen unserer Freiheit, unseres Wohlstands und unseres eigentlich noch wünschenswerten Fortschritts als Gesellschaft auf dem Altar radikaler Machtverfolgung geopfert werden.

    Skandalös ist daran insbesondere, dass dergleichen Zustände offenbar von den politischen Verantwortlichen der jeweiligen Landesregierungen toleriert werden, in diesem Fall durch die NRW-Regierung von Union und FDP! Man könnte noch verstehen, wenn dergleichen in Berlin oder Bremen stattfindet. Aber unter einer bürgerlichen Regierung?

    Es ist einfach widerlich und erschütternd. Danke für den Report an die FAZ. (mehr …)

  • Fortsetzung und Abschluss des Berichts: Installation einer Freisprechanlage

    Die bisherigen Briefe von Erhard Schüttpelz finden sich in diesem Blog-Eintrag 7.1.2019 Lieber Dieter, Thilo Sarrazins Einladung an die Universität Siegen darf keine Nobilitierung oder auch nur eine Anerkennung der Wissenschaftlichkeit Sarrazins bewirken. Im Gegenteil, Thilo Sarrazins Schriften sind nach übereinstimmender Einschätzung der Forschung wissenschaftsfremd und wissenschaftlich irreführend. Es ist für die Universität zentral, diese Tatsache beim Vortrag Sarrazins geltend zu machen. Thilo Sarrazin ist an die Universität Siegen nicht als Wissenschaftler eingeladen worden, sondern weil Du Deine eigene Wissenschaftsfreiheit beweisen wolltest, und dies durch die Einladung Thilo Sarrazins getan hast. Mit Wissenschaft hat das noch nichts zu tun, nur mit Wissenschaftsfreiheit. Die Wissenschaftlichkeit des Seminars und damit der grundständigen Lehre muss im Rahmen des Vortrags erst noch erarbeitet worden; was bereits im Falle Marc Jongens m.E. nur in Ansätzen gelungen ist. Ich möchte Dich bitten, für einen wissenschaftlichen Rahmen zu sorgen, in dem die Seminardiskussion stattfinden kann. Mit besten Grüssen, Erhard Schüttpelz (mehr …)
  • Wir gratulieren: Heinrich-Mann-Preis 2019 an Danilo Scholz

    „Danilo Scholz ist ein ebenso kenntnisreicher wie leichtfüßiger und witziger Intellektueller, der die öffentliche Debatte mit begrifflicher Schärfe und brillanter Formulierungskunst bereichert. Scholz ist ein europäischer Geist, […] nicht zuletzt seine Vertrautheit mit der französischen Szene macht ihn als Vermittler und Polemiker zu einem würdigen Nachfolger Heinrich Manns im Kampf gegen deutsche Provinzialismen“, so heißt es in der Begründung der Jury. Zur Feier des Anlasses haben wir eine Sonderseite mit allen Merkur-Beiträgen von Danilo Scholz eingerichtet, inklusive seiner furiosen Blogartikel und eines Videogesprächs in unserer Reihe Zweite Lesung. Wir wünschen viel Vergnügen.  
  • Kokosraspeln und zarte Milchcreme

    W as weg ist: die Wirklichkeit. Und die Sauftouristen vor meinem Fenster sind auch weg. Was da ist: Bilder. Unfassbar viele Bilder. Dabei sind die Sauftouristen vor meinem Fenster alle noch da. Ich glaube nur nicht mehr daran, dass sie da sind. Sie können nicht mehr wirklich da sein, weil die Mode, mit dem Billigflieger nach Berlin zu fliegen und dort Billigbier zu saufen, verboten gehört, wenn wir unser aller Leben retten wollen. Und weil die Billigflüge verboten gehören, sind sie es in meinen Augen schon, und ich sehe die Touristen nicht mehr, so tief ist mein Glaube an die Vernunft. Ich höre auch ihre Saufgesänge und Brunftschreie nicht mehr. In meinen Augen saufen sie schon wieder zuhause.

    (Der Essay ist im Märzheft 2019, Merkur # 838, erschienen.)

    Es gibt eigentlich nur noch zwei Freizeitaktivitäten: Komasaufen und Komaknipsen. Ich möchte gern weiter über die Großstadt als geistige Lebensform schreiben, aber die Bilder schieben sich dazwischen. Ich kann nicht über sie hinwegsehen, es sind zu viele. Ich erinnere mich an ein Lustiges Taschenbuch aus den siebziger Jahren, vergangenes Jahrtausend, da gab es Bilder, die so böse waren, dass sie sogar die brave Micky Maus zwangen, böse Dinge zu tun, nur weil sie das Bild einer bösen Tat gesehen hatte. Ist das Bild böse, macht das Bild mich böse, oder habe ich den bösen Blick? Das ist immer die Frage. Die Bilder, die ich heute sehe, weichen ihr aus. Sie sind so lieb und kanten- und konturlos, dass sie sogar mich zwingen, Awwwwwwww zu machen. (Awwwwwwww sagt man, wenn man auf Twitter niedliche Ottervideos guckt.) Zur Lustigen-Taschenbuch-Zeit habe ich mit meiner ersten Kodak Instamatic quadratische Schwarzweißbilder geschossen, auf denen winzige Gestalten stocksteif vor Bäumen standen; sie waren winzig, weil mein Vater mich gewarnt hatte, ich dürfe ihnen nicht die Füße abschneiden, das sei das Geheimnis der Fotografie. Heute haben wir alle kleine Apparate in der Tasche, mit denen wir Filme in John-Ford-mäßiger Breitwandqualität drehen könnten, wenn wir Geschmack hätten, aber wir haben ja keinen und beharren trotzig darauf, keinen zu haben, und zwar mit Schmackes, das ist unser Kleinbürgerrecht. Deshalb Bokeh-Effekt hinter jedes Häschen, jedes Kätzchen, jeden Otter. Der Bokeh-Effekt, diese süße Unschärfe des Bildhintergrunds, ist das Raffaello der Fotografie, der leichte Kokosnussgenuss an der Supermarktkasse. Ich erinnere mich an eine Fernsehwerbung, da hat eine Deutsche auf einer Party in Hollywood ihre Gäste mit Raffaello-Konfekt verzaubert, und alle waren gekleidet wie deutsche Kleinbürger, die im Terrassencafé am Bodensee Großbürger spielen, die aber auch nicht mehr wissen, wie man sich kleidet. Heute kann jedes Telefon Bokeh, also Hollywood als deutsche Kleinbürgerfantasie. Jeder kann gnadenlos Raffaello-Kokosraspeln und zarte Milchcreme über alles rüberraspeln.

    (…)

  • Die blaue Stunde, trauriges, lebendiges Beirut

    I n einer Seitenstraße finde ich einen Tabakladen mit Getränken, Süßigkeiten und Zeitungen. Draußen stehen Plastikstühle. Eine ältere Frau sitzt am Tisch und trinkt Kaffee aus einem winzigen Pappbecher. Ihr Haar scheint frisch onduliert. Neben ihr ein Mann, er könnte ihr Sohn sein, mit einer Dose Pepsi. Er trinkt durch einen Strohhalm, Zigaretten und Handy liegen griffbereit auf dem Tisch. Als er den Tisch verlässt, schaut die Frau nach, ob in der Dose noch etwas drin ist. Der Mann aus dem Laden kommt heraus, räumt den Tisch ab.

    (Der Essay ist im Märzheft 2019, Merkur # 838, erschienen.)

    Die wenigen Reiseführer, die es über Beirut gibt, sparen das Viertel in dem ich gerade bin, völlig aus. Es heißt Zokak el-Blat, die gepflasterte Straße. Von der Mittelmeerküste aus betrachtet, befindet es sich direkt hinter dem Märtyrerplatz, auf der Demarkationslinie, die Ost- und West-Beirut voneinander trennt. Ein paar hundert Meter weiter ist das Grand Serail, das Hauptquartier des libanesischen Ministerpräsidenten. Auch wenn in unmittelbarer Nähe des Tabakladens keine Regierungsgebäude sind, wage ich nicht zu fotografieren. Überall hängen Plakate von schiitischen Märtyrern und Porträts von Hisbollah-Führern. Lange schwarze Stoffbahnen mit weißer Schrift, horizontal drapiert, umspannen die Gebäude wie Schleifenbänder. Grün sehe ich auch, es ist die Farbe des Islam. Zokak el-Blat ist ebenso der Sitz des griechisch-katholischen Patriarchats und wird daher in der Umgangssprache »al-Batrakieh« genannt. Vor den zahlreichen kleinen Geschäften arbeiten Tischler unter der jetzt milden Sonne und restaurieren Möbel. Es gibt Gemüse- und Obstläden, auch Imbisse, aber ohne westliches Flair. Ganz anders als in dem Viertel, in dem ich wohne. Da ziehen die Restaurants, Bars und kleinen Cafés internationales Publikum an. Überall werden drei Sprachen gleichzeitig gesprochen, English, Französisch und Arabisch in einem Satz. Die Leute von al-Batrakieh findet man hier nicht. Wie man sich umgekehrt in Batrakieh keinen Ort wie das Electric Bing Sutt vorstellen könnte: eine Bar in einem Gewölbe der alten Häuser in der Rue Gouraud, die nur mit roten, gelben und pinken kantonesischen Neonbuchstaben beleuchtet ist. Asiatische Fusion-Drinks und Snacks gibt es hier. Es ist einer der vielen Läden, die vor kurzem eröffnet haben. Alles verschiebt sich und bleibt beweglich in Beirut. Torino Express ist gerade mal fünfzehn Jahre alt und damit die älteste Bar in dieser Straße. Sie gehört einem Deutsch-Libanesen, der mit ein paar Freunden noch andere Cafés und Bars im Viertel betreibt. Der Stress, den man spürt und der sich in den Gesichtern der Menschen in Beirut widerspiegelt, ist der unsicheren ökonomischen Lage geschuldet. Trotzdem, oder gerade deshalb, zahlen die Leute hier die hohen Preise für Cocktails und winzige Imbisse, die in Vierteln wie Gemmayze und Mar Mikhael angeboten werden. Wieder das Gegenteil in al-Batrakieh, niemand spricht hier Englisch, die Preise sind niedrig, man kommt mit Leuten ins Gespräch. Es geht auch hier immer wieder um Geld und Inflation, aber die Themen bleiben an der Basis, woher man kommt, ob es dort besser ist, wie viele Kinder man hat. Pro forma wird schließlich eine Einladung zum Tee ausgesprochen, weil es sich so gehört. Ich falle allerdings immer mal wieder darauf herein und entschuldige mich dann, dass ich eine andere Verabredung habe. Bis auf die schiitische Dekoration erscheint alles schlicht und zweckmäßig. Der Imbiss nebenan hat keinen Namen, jedenfalls keinen sichtbaren. Auf nur einem Quadratmeter werden Falafel-Bällchen frittiert und verkauft. Eine kleine Scheibe schützt das Essen vor Straßenstaub. Ich habe allerdings keinen Appetit, obwohl ich bereits mehrere Stunden zu Fuß quer durch die Stadt gelaufen bin. Auf dem Hinweg ist alles noch ganz einfach – Treppe runter, links auf die Armenia Street, die irgendwann in die Rue Gouraud mündet, über den Märtyrerplatz Richtung Stadtzentrum, Downtown Beirut, und schließlich die Küstenstraße entlang bis nach Hamra, das ist die Gegend, in der damals meine Familie gelebt hat, lange vor dem Bürgerkrieg. Die Strecke ist touristentauglich. Touristen sind auch die einzigen, die so eine Distanz zu Fuß zurücklegen würden, und ich natürlich, denn obwohl ich in dieser Stadt geboren wurde, bin ich hier fremd und bewege mich auf weitgehend unbekanntem Terrain. Auf dem Weg zurück umgehe ich die küstennahe Region. In Time Out schreibt jemand: »Watch with dismay as chain-smoking drivers blast out Arabic oldies and zig-zag their death-defying way through Beirut’s Kamikaze traffic.« Das kann ich nicht bestätigen. Ich habe nicht einen Taxifahrer rauchen sehen. Mein letzter Taxifahrer hatte zwar eine Zigarette im Mund, aber er hat sie nicht geraucht. Und mit Kamikaze hat der Verkehr von Beirut nichts zu tun. Es ist so, dass in diesem Flow (lesen ...)
  • Akademische Größenverhältnisse: Ein Zettelkasten

    S ie würden, sagten die enthusiastischen Kollegen von der Universität, jetzt ihr großes Projekt eingeben. Und sie hätten mich da gerne dabei in Berlin, weil es doch transdisziplinär angelegt sei, fachübergreifend. Es werde Doktorandenstellen geben und regelmäßige Workshops, internationale Konferenzen und Sommerschulen, und der Name stehe jetzt auch fest, nach langen, intensiven Diskussionen: »Kleine Formen«. So bin ich als Gastwissenschaftler nach Berlin gekommen, für vier Wochen. Was sind kleine Formen?

    (Der Essay ist im Märzheft 2019, Merkur # 838, erschienen.)

    Die allerkleinsten Formen erscheinen zufällig. In Form von Autokennzeichen zum Beispiel. Ein großer schwarzer Nissan, und darauf steht: B-UH 810. Auf dem daneben: LOS-JA 52. Ein bisschen größere kleine Formen: Straßennamen. »Leberstraße«. »Fehlerstraße«. Kneipen: »Wurst-Käse-Szenario«. Die Aufschrift auf einem alten Lancia: »Rent-a-wrack.de« (die Idee ist aus Kalifornien, egal). Werbeslogans sind ebenfalls kleine Formen, am interessantesten, wenn sie schiefgehen: »Nemesis« (ein griechisches Restaurant). »Titanic« (ein Reisebüro). »Nichts macht mich mehr an« (ein Joghurt). Den akademischen Sammelband zum Thema gibt es bereits: Zur Mediengeschichte kleiner Formen vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Er ist 2017 erschienen, und seine Herausgeber wissen eines ganz genau, Einleitung, erster Satz: »Kürze ist modern.« Das Buch selbst ist dann nicht ganz so kurz (395 Seiten). Auf die Shortlist zum Deutschen Buchpreis – Rubrik Sachbuch – kam im selben Jahr eine Geschichte der Renaissance: Der Morgen der Welt (1321 Seiten). Eine Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert von 2014 hatte 1450 Seiten, die Unterwerfung der Welt, 2016 erschienen, 1648 Seiten – alle von deutschen Professoren geschrieben und als »umfassend«, »epochal« und »gewaltig« gelobt. Ist Kürze wirklich modern? »Schnell und kurz zu sagen, was sonst kaum ein langsam konvergierender Paragraphe würde gesagt haben«, hatte 1766 Georg Christoph Lichtenberg in einem Aufsatz gefordert. »Dieses verdiente in allen Wissenschaften nachgeahmt zu werden.« – »Allein«, setzt er hinzu, »vielleicht fürchtet man sich vor einer solchen Erfindung in denen Wissenschaften, wo noch Platz übrig ist.« Reden über kleine Formen ist Reden über Größenverhältnisse, und wer von Größenverhältnissen spricht, spricht in Wirklichkeit von Platz. Wer darf ihn besetzen, den Platz, der noch übrig ist? Oder anders gefragt: Wenn die kleine Form, das Kurze, Knappe modern ist, wie steht es dann um das Gegenteil? Im universitären Sprachgebrauch ist das Reden über Größe allgegenwärtig. Das reicht von der Selbstbeschreibung des »Nachwuchses« als endlos verlängerter Kindheit (»Ich bin ja noch klein«, hat mir ein Postdoc gesagt, frisch habilitiert, zweiundvierzig Jahre alt) bis zu offiziellen Programmen, die für akademische Zwölfender bestimmt sind, wie Jäger vielleicht sagen würden. »Opus Magnum« lautet der offizielle Titel des Programms, das die Stiftung Volkswagenwerk seit 2006 finanziert. Es richtet sich an Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaftler, die, Zitat von der Homepage, »ein größeres wissenschaftliches Werk verfassen wollen«. Voraussetzung: Lebenszeitanstellung als Professor an einer deutschen Universität. Insgesamt wurden in den letzten zwölf Jahren 441 Anträge gestellt, vergeben wurde das Stipendium an 119 Personen. 2018 wurden vier Anträge bewilligt (von drei Männern und einer Frau); 2017 zehn (acht Männer und zwei Frauen). Die deutschen Universitäten verstehen sich selbst als Horte von Freiheit und Transparenz. Was darin jeweils als groß und klein gilt, unterliegt interessanten Sprachregelungen. Wenn es Großforschung gibt, wie verhält sie sich dann zur kleinen? Kleine Formen sind zum Beispiel die exempla, die Fallgeschichten. Eine Berliner Universität, Mitte der 1980er Jahre. Ein Mann schreibt vier Jahre lang im Fach Kunstgeschichte an seiner Doktorarbeit über den Bamberger Reiter, die berühmte Statue aus dem 13. Jahrhundert. Als die Arbeit fertig ist, gefällt sie seinem Doktorvater nicht, weil sie dessen eigene, vielpublizierte Thesen naiv und bizarr altmodisch aussehen lässt. Der Doktorand bekommt eine schlechte Note. Seine Dissertation – achthundert Seiten – erscheint als Microfiche, also unauffindbar, und weil er zwei Kinder zu ernähren hat, wird er Reiseleiter bei Studiosus. Dreißig Jahre später sitzt er mir in einem Café gegenüber, heiter und gelassen. Es sprudelt nur so aus ihm heraus über die Wunder der deutschen Romanik. Er ist, als Zurückgewiesener, noch mehr zum Verehrer der Wissenschaft geworden.

    (…)

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  • Große Fußstapfen

    Machtprobe

    »Still missing: women in academia«. So formulierte jüngst eine Gruppe von Nachwuchswissenschaftlerinnen, die Frauen während der Promotion begleiten will. Natürlich: Die deutschen Statistiken zeigen für den Studienbeginn fächerübergreifend inzwischen ein recht ausgeglichenes Geschlechterverhältnis. Die Zahlen verschieben sich freilich, schaut man auf die Kultur- und Geisteswissenschaften. Hier nämlich sind 74 Prozent aller erfolgreichen Studienabgänger weiblich. 51,9 Prozent der Promovierenden sind Frauen, bei den Habilitationen sind es nur noch 39,4 Prozent, bei den Professuren 36,9 Prozent. Seit 1998 werden solche Daten systematisch erhoben und ausgewertet. Die trockene Tristesse der Zahlen in der Bundesrepublik baut Druck auf. Gremien können sich nicht länger ahnungslos stellen. Ihre Entscheidungen signalisieren: Wir haben verstanden.

    (Der Essay ist im Märzheft 2019, Merkur # 838, erschienen.)

    Entsprechend geht der Trend bei den Berufungen, bei allen Schwankungen, recht steil nach oben. Lag der Frauenanteil unter den Professoren aller Fächer 1997 bei 9 Prozent, liegt er nach der jüngsten Erhebung bei 23,4 Prozent. Wer genauer hinschaut, mag eine beunruhigende Dialektik der Quoten erkennen: Zeigt die Binnendifferenzierung doch auch, dass der Frauenanteil an niedrig dotierten beziehungsweise befristeten Professuren besonders hoch ist. Immerhin 10 von 37 untersuchten Universitäten werden laut einer anderen Erhebung (2018) von Präsidentinnen oder Rektorinnen geleitet. Gleichzeitig werden nur 17 Prozent der Dekanate an eben diesen Universitäten von Frauen gesteuert.[2. Gender-Debatte an Hochschulen: An diesen Unis arbeiten die meisten Professorinnen. In: WBS vom 17. Oktober 2018 (www.wbs-gruppe.de/presse/aktuelle-pressemeldungen/gender-debatte-an-hochschulen-an-diesen-unis-arbeiten-die-meisten-professorinnen).] Leben die Macht- und Repräsentationsangelegenheiten der alten Ordinarienuniversität im Feudalsystem der Exzellenzcluster in neuer Gestalt weiter, so sind die asymmetrischen Strukturen in den großen außeruniversitären Forschungs- und Sammlungseinrichtungen noch stärker: Auch hier zeichnet sich in jüngster Zeit ein Umschwung ab. »Berlin, Essen, Marbach: Erstmals übernehmen Frauen die Spitzenpositionen in den deutschen Geisteswissenschaften«, hatte Johan Schloemann im März 2018 in der Süddeutschen Zeitung getitelt. Die Reihe setzt sich fort: 2019 wird auch die Klassik Stiftung Weimar mit Ulrike Lorenz eine Präsidentin bekommen. Kommt er jetzt endlich, der »Umbruch im akademischen Habitus«, den die SZ freudig angekündigt hat? Müsste es deshalb für den Wissenschafts- und Kulturbetrieb besser heißen: »War Autorität männlich?«

    Habitus

    Rückblende: Eine zerknirschte, zürnende Studentin der Philosophie bekam 1925 von ihrem Professor und Mentor die folgenden Zeilen über die »Möglichkeiten fraulichen Wesens« an Universitäten zugestellt: »Männliches Fragen lerne Ehrfurcht an schlichter Hingabe; einseitige Beschäftigung lerne Weltweite an der ursprünglichen Ganzheit fraulichen Seins.«[3. Martin Heidegger an Hannah Arendt am 21. Februar 1925. In: Hannah Arendt/Martin Heidegger, Briefe 1925–1975. Hrsg. v. Ursula Ludz. Frankfurt: Klostermann 1998.] So schlecht sehe es für Frauen gar nicht aus, schrieb der Professor der Studentin frohgemut: Wenn Frauen ihre Zukunft nur nicht in einem »erpreßten wissenschaftlichen Tun« suchen,[4. Martin Heidegger an Hannah Arendt am 10. Februar 1925.] werden sie »dem freien geistigen Leben« Adel geben können.[5. Martin Heidegger an Hannah Arendt am 21. Februar 1925.] Von wem diese Worte stammen, verrät schon die philosophische Sprache: Martin Heidegger schickte sie an eine noch nicht zwanzigjährige Hannah Arendt. Gut vierzig Jahre später, wir schreiben das Jahr 1968: Hannah Arendt lebt und unterrichtet inzwischen in Amerika. Ihrer Freundin Mary McCarthy schickt sie ein bedrückendes Geständnis. Die Stimme einer gemeinsamen Bekannten habe sich plötzlich verändert, schreibt Arendt, sie sei erheblich tiefer geworden, »about a quint I would say«. Die Stimmlage rutschte um dreieinhalb Ganztöne ab, Arendts Haltung machte angesichts dieser Veränderung weit größere Sprünge: Sie begann eine Person ernst zu nehmen, die sie zuvor für dümmlich oder hysterisch gehalten hatte. »And I was really ashamed of myself to see how much difference this made in all my reactions. I still think – about meeting people – trust your senses, but I begin to suspect that I often overdid it.«[6. Hannah Arendt an Mary McCarthy am 9. Februar 1968. In: Between Friends. The Correspondence of Hannah Arendt and Mary McCarthy 1949–1975. Hrsg. v. Carol (lesen ...)
  • European Son

    E s ist der fünfte März des Jahres 2000, und ich bin draußen. Ich laufe gegen den Wind über die schmale Fußgängerbrücke, die das Gleisfeld des Bahnhofs Winkeln überspannt, eines Vororts der Kantonshauptstadt St. Gallen. Ich denke nochmals: Ich bin draußen, nicht mehr in Deutschland. Ich habe alle bürokratischen Hürden genommen, in meiner Tasche steckt ein Ausländerausweis Klasse B. Eine B-Bewilligung. Ich darf in der Schweiz wohnen und arbeiten, ich lebe eine Art Sparversion des deutschen Traums vom Auswandern. Wenn schon nicht in die USA, dann in die mythische Schweiz, eine Gesellschaft, die so ist wie die unsere, nur viel besser und reicher und problemfreier, weil sie nicht Mitglied in der EU ist. Ich habe keine Vorstellungen von der Schweiz, mir hat nur die Universität gefallen.

    (Der Essay ist im Märzheft 2019, Merkur # 838, erschienen.)

    Ich lese Pamphlete, die mir die rechtsnationale Schweizerische Volkspartei ins Haus schickt, Texte ihres Chefs Christoph Blocher, garniert mit Fußnoten, die mir sagen, dass ich hier nichts zu suchen habe. Ich bleibe trotzdem, unter dem Schutz der Grenzwacht, die Schweiz wird mein neues Drinnen, während sich draußen die Welt verändert, und das sehr schnell und tiefgreifend. Bald rechne ich zwischen Franken, Euro und D-Mark hin und her. Zur selben Zeit wird die SVP immer stärker. Ich weiß, dass ich hier nur geduldet bin, meine Zeit füllt sich mit Arbeit, es ist ohnehin egal, was die anderen denken, sie haben genug Zeit zu hassen, ich nicht. Sie haben aber auch Stimmrecht, ich nicht. In den schmalen Zeitfenstern, die mir bleiben, drifte ich erst durch St. Gallen, dann durch Zürich. Ein Gespenst geht um, in Nicht-Europa. Erst schreibt es eine Dissertation, dann einen Roman. Die professionelle Distanz zu mir selbst wächst mit jener zwischen mir und der Landschaft ringsum, das schärft die Texte. Ich entwerfe Plan A, Plan B, Plan C. Plan C ist die Rückkehr nach Deutschland. Es wird Plan B. Plan B ist, nebenbei, eine Gelegenheit, wieder in die Europäische Union zurückzukehren, nach draußen, ins Weite. Wien liegt mir näher als Berlin, hier verschwinde ich in meinem Dialekt und in der Masse der anderen EU-Bürger. Wie in der Schweiz darf ich auch hier Steuern zahlen, aber nicht politisch mitbestimmen – außer auf sehr begrenzter lokaler Ebene und bei der Wahl zum EU-Parlament, das kein Initiativrecht hat. Ein EU-Bürger hat in einem anderen EU-Land weniger Mitspracherechte als in einigen Schweizer Kantonen wie Jura oder Neuchâtel. Die Unionsbürgerschaft leitet sich aus der Staatsbürgerschaft der EU-Mitgliedsländer ab. Verlässt man ein EU-Land und zieht in ein anderes, lässt man seine Vollbürgerschaft zurück, lebt nur noch ihr Derivat. Wer sich voll auf die EU einlässt, ist in ihren Mitgliedstaaten kein ganzer Mensch. Das stört mich zunächst wenig. In einer Gesellschaft, deren Analytiker gerne über den Verfall der Sozialdemokratie nörgeln und dabei ignorieren, dass die neue Arbeiterklasse hauptsächlich von Menschen gestellt wird, die kein Wahlrecht haben, mag die politische Entmündigung der EU-Bürger an den Orten, an denen sie leben und Steuern zahlen, ebenso selbstverständlich wie erwünscht sein. Das ist nicht immer so gewesen. Ich bin Mitglied einer Alterskohorte, die unter Helmut Kohl aufgewachsen ist. Die europäische Integration war ein langfristig angelegtes strategisches Projekt aller Regierungen der Bundesrepublik, das in großen Schritten voranging. Ein positives Projekt, mit dem ich einverstanden war, auf das es sich vorzubereiten lohnte. Die französische Schriftstellerin Anne Berest erzählte 2018 in einem kurzen Text, wie ihre Eltern sie dazu ermutigt hätten, Deutsch zu lernen, denn dies werde für ein erfolgreiches Leben in Europa künftig noch wichtiger sein als Englisch.     Ich wiederum habe Französisch gelernt, weil meine Eltern mir exakt dasselbe erzählt haben: Das sei die Sprache der Diplomatie, unerlässlich für eine Karriere im vereinten Europa. Das europäische Projekt würde eine neue Generation politischen Personals benötigen, es war politisch breit abgestützt, eine Utopie mit Aufstiegschance für die aufstrebende Mittelschicht, eine Expansion ohne Gewalt, ein faszinierendes Neuland, geschaffen aus dem Mehrwert seiner Teile, in das man nicht einmal auszuwandern brauchte, um sein Glück zu finden, weil man bereits da war. Es würde ein Europa sein, in dem man es besser haben könnte, ein Europa der Töchter und Söhne. Berest beschreibt, wie sie nach Deutschland ging und dort feststellte, dass sich ihre Gesprächspartner sehr für Frankreich interessierten, genau über (lesen ...)
  • Eine eurozentrische Geschichte des Kapitalismus. Gefangen in der Kritik der Kapitalismuskritik

    Die kaum ein Jahrzehnt zurückliegende Finanzkrise hat das Interesse am Kapitalismus wiederbelebt. Und doch sollte man die Krisenkonjunktur als Ursache eines solchen Interesses nicht überschätzen. Schließlich kommt dem Kapitalismus auch jenseits seiner Krisenhaftigkeit eine zentrale Bedeutung in nahezu allen theoretischen Konzeptionen der modernen Welt und damit im Selbstverständnis westlicher Gesellschaften zu. Max Webers Versuch, den Stellenwert des modernen Kapitalismus für eine spezifisch okzidentale Sonderentwicklung zu bestimmen, ist nur eine besonders bekannte Variante. Noch im 21. Jahrhundert trifft man auf historische Soziologen wie Richard Lachmann, die ihre Werke mit der Feststellung beginnen: »Something happened in Western Europe in the fifteenth through eighteenth centuries. Sociology’s founders believed the task of their discipline was to define that something and to explain why it happened where and when it did.« (mehr …)
  • Kopernikanische Revolution als Kulturkritik. Hans Blumenbergs frühe Feuilletons

    Kleine Form

    Hans Blumenberg, den man als Autor großer, vielhundertseitiger philosophiehistorischer Abhandlungen kennt, hat sich in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts auch an einer kleinen Form versucht. Zwischen 1952 und 1955 entstanden zahlreiche Feuilletons, die in unterschiedlichen Zeitungen veröffentlicht wurden und inzwischen in zwei von Alexander Schmitz und Bernd Stiegler herausgegebenen Nachlassbänden – den Schriften zur Technik (2015), den Schriften zur Literatur (2017) – sowie zuletzt ebenfalls von Schmitz und Stiegler in der Neuen Rundschau (2018) dem Publikum zugänglich gemacht wurden.

    (Der Essay ist im Märzheft 2019, Merkur # 838, erschienen.)

    Bei jemandem wie Blumenberg, der für seine stupende philosophische Gelehrsamkeit und theoretische Durchdringungskraft große Anerkennung erfahren hat, stellt sich die Frage, ob er die kleine, anlassbezogene Form ebenso virtuos beherrscht wie die fußnotenstarke Monografie. Die Arbeit am Feuilleton unterscheidet sich von der Arbeit am Mythos. Alexander Schmitz und Bernd Stiegler loten in ihrer Einleitung zu den in der Neuen Rundschau veröffentlichten frühen Feuilletons die vielschichtigen Hintergründe des Interesses aus, das Blumenberg mit dem Schreiben dieser Texte verband. Zum einen ging es dem bereits habilitierten jungen Gelehrten, dessen Professorenkarriere in den fünfziger Jahren noch bevorstand, durchaus ums Geldverdienen. Dem Redakteur und Freund Alfons Neukirchen, der ihn bewegt, für die Düsseldorfer Nachrichten zu schreiben, ringt er das Zugeständnis ab, seine Glossen mehrfach veröffentlichen zu dürfen; mit Zurückweisungen von Texten, vor allem wenn sie sich stillschweigend vollziehen, kann Blumenberg dagegen überhaupt nicht gut umgehen, weshalb er 1956 in einem Absagebrief an den Freund vom bisher benutzten Du zum Sie wechselt. Blumenberg will sich auf keine weiteren Offerten mehr einlassen. Er verzeiht Neukirchen nicht, dass dieser zwei Manuskripte »sang- und klanglos unter den Tisch« fallen ließ, »ohne daß mir auch nur eine ausgleichende Regelung vorgeschlagen worden wäre«. Menschlich-allzumenschlich, zweifellos, aber Blumenbergs Weigerung, »auf dem Felde der Publizistik überhaupt weiter zu arbeiten«, mag man rückblickend durchaus bedauern, denn er war keineswegs nur der in seine eigenen Texte verliebte Autor, der nicht über deren Tellerrand hinausschaute, sondern verband mit seiner publizistischen Arbeit die Absicht einer Neuorganisation des Verhältnisses von Leser und Feuilletonartikel: »Meiner Absicht nach kommt es darauf an, intimere Formen des Umgangs mit dem Leser zu entwickeln, als es der ›Artikel‹ ist, ihn direkter anzusprechen.« Blumenberg imaginiert sich das Feuilleton als einen Ort, an dem gesagt werden kann, was in der »redaktionellen Kasuistik« keinen Ort hat: Artikel sollen einem sprachlichen Phänomen, einer symptomatischen technischen Erfindung, einem alltagsbezogenen Rechtsproblem, einer öffentlichen Menschenfigur, einer Rundfunksendung oder einem »überlebenden Buch« (statt immer nur den Neuerscheinungen) gewidmet werden. Gattungstheoretisch stellt er sich vor, das Feuilleton dem Briefwechsel oder dem Tagebuch anzunähern, um so die postulierte Nähe zwischen Autor und Publikum rhetorisch herzustellen. Die Idee einer Intimisierung der Autor-Leser-Relation verbindet Blumenberg mit der Vorstellung eines Leserfeedbacks, das über das Institut des Leserbriefs hinausgehen soll und medientechnisch erst unter den gegenwärtigen Bedingungen digitaler Zweiwegekommunikation eingelöst werden konnte. Blumenbergs Plädoyer für eine »strategische Erweiterung des Zuständigkeitsbereichs des Feuilletons«, das systematisch Alltagsgewohnheiten und alltägliche mediale Praktiken, die nicht buchbasiert sind, berücksichtigt – warum sollte die Kunstausstellung wichtiger sein als das Plakat an der Anschlagsäule, das unseren Geschmackstypus prägt, fragt er Neukirchen in einem Brief –, weist auf das zur gleichen Zeit von Roland Barthes betriebene Unternehmen einer Untersuchung der Mythen des Alltags hin: Die Mythologies erschienen in Buchform zuerst 1957. In der großplakatierten Ankündigung des »kulturkritischen Leitartikels«, »der das Symptomatische aus dem Gesamtbereich der Kultur in einem sehr weiten Sinn bespricht« und »die bis dato herrenlosen Phänomene einfängt«, wird man allerdings auch einen gewissen Provinzialismus erkennen, denn Blumenberg dürfte nicht verborgen geblieben sein, dass, um nur einen Namen zu nennen, Theodor W. Adorno der Meister genau dieses Modells von Kulturkritik war, der gleich auch noch deren Theorie mitlieferte. 1955 erschienen Adornos Prismen mit dem Untertitel »Kulturkritik und Gesellschaft« – einige der zentralen Essays, die zuvor im Merkur und in der Neuen Rundschau erschienen waren, (lesen ...)