• Permanent Kid. Das Internet, der Digital Native und Edward Snowdens Memoiren

    Da haben wir ihn nun, den waschechten Digital Native, den Digital Native, wie er im Buche steht, den Bewohner der digitalen Welt par excellence. Die Buchkritiken sind alle schon erschienen, aber um Buchkritik geht es hier auch nicht. Wohl aber um die Kritik, zu der dieses Buch erneut Anlass gibt: Permanent Record, die Autobiografie Edward Snowdens, Jahrgang 1983, aufgewachsen mit einem Commodore 64 und einem Compaq Presario 425, eigene erste Programmierversuche im zarten Alter von sieben Jahren, netzsüchtig seit der Pubertät: »Seit ich zwölf Jahre alt war, bemühte ich mich, in jedem wachen Augenblick meines Lebens online zu sein. Wenn das nicht möglich war, war ich in Gedanken schon bei meiner nächsten Session. Das Internet war mein Heiligtum.« (mehr …)

  • Arbeit und Selbst im Zeitmeer. Heike Geißlers »Saisonarbeit«

    Sechs oder sieben Minuten nach Beginn von Meshes of the Afternoon, einem Kurzfilm aus dem Jahr 1943, gibt es diese eine ganz kurze Szene, eigentlich nur ein paar Einstellungen: Die Hauptfigur (Regisseurin Maya Deren selbst) kriecht mit rudernden Armen über die Wohnzimmerdecke in ihrem Spanish-Colonial-Revival-Haus in den Hollywood Hills. Immer wieder versucht sie sich von der Decke zu lösen, immer wieder wird sie zurückgezogen und entdeckt sich selbst dann von dort oben tief schlafend in einem der Wohnzimmersessel unter ihr, wo sie von sich selbst träumt, die mit rudernden Armen über die Wohnzimmerdecke in ihrem Spanish-Colonial-Revival-Haus in Hollywood kriecht, sich von dort oben im Sessel unten beobachtet. Und so weiter. Einige Schnitte später, am Fenster, betrachtet Derens Figur sich, wie sie wiederholt die Einfahrt hinauf- und hinunterläuft, einer geheimnisvollen Kreatur in Mönchskutte und mit Spiegelgesicht hinterher. (mehr …)

  • Mystische Dialektik. Maurice Blanchot im Merkur

    Wer in den 2000er Jahren ein geisteswissenschaftliches Studium mit Interesse an Theorie absolvierte, dem begegnete Maurice Blanchot höchstwahrscheinlich erst einmal als Nebenfigur. Er tauchte in Foucaults Schriften zur Literatur (dt. 1974) auf, bei Barthes oder Deleuze und schließlich bei Derrida, der ihm die Studien Gestade (1986, dt.1996) und Bleibe (1998, dt. 2003) widmete. Derridas Nachruf auf den Schriftsteller, Literaturkritiker und -theoretiker wurde zudem unter dem Titel Ein Zeuge von jeher (2003) in Übersetzung im Merve-Verlag veröffentlicht. Blanchot kam in jenen Jahren eher durch die Aufmerksamkeit der Theorie-Größen für seine Texte in den Blick als durch eigene Veröffentlichungen. Dass dies nicht immer so war und nicht so geblieben ist, lässt sich an den Nennungen des Namen Blanchot im Merkur ablesen. Blanchot war vor und nach dem „langen Sommer der Theorie“ (Felsch) präsenter als währenddessen. (mehr …)
  • MERKUR plastikfrei

    Zum Januarheft 2020 haben wir uns entschieden, testweise auf die Folienverpackung zu verzichten, mit der der MERKUR seit vielen Jahren an unsere Abonnent/innen und den Buchhandel verschickt wird. Mit dem weißen Cover und dem unbehandelten Papier der Zeitschrift war das durchaus ein Wagnis. Deshalb freuen wir uns, dass wir nur sehr wenige Reklamationen, aber viele positive Reaktionen erhalten haben, und den Schritt gehen können, dauerhaft auf einen verpackungsfreien Versand umzustellen. Natürlich soll das Ihrer Lesefreude keinen Abbruch tun: Sollte der MERKUR beschädigt bei Ihnen ankommen, schreiben Sie uns unter marketing@merkur-zeitschrift.de, dann schicken wir Ihnen umgehend eine neue Ausgabe zu. (mehr …)
  • Gott der kleinen Fische

    Das ganze Jahr 2019 über wurde an dieser Stelle Großstadt als geistige Lebensform gefeiert, als unausweichliche Dauerverunsicherung und Garant von Freiheit und Sicherheit durch Masse. Im Jahr 2020 möchte ich hier eine neue Weltreligion gründen, weil ich glaube, dass nur noch Beten hilft. Das macht Religionsgründung zu einem Akt der Vernunft. Ich hoffe, dass wir den Gründungsprozess bis Dezember gemeinsam abschließen können. Als Gott nominiere ich vorläufig Herbert Wehner, was deutlich macht, dass es bei der Ausübung dieser Religion nicht um Affektkontrolle gehen soll, möglicherweise aber um Triebverzicht. (mehr …)

  • Aus- und Einsicht. Wittgenstein in Norwegen

    Wittgensteins erste Reise nach Norwegen im August 1913 gleicht einer Flucht. Gelangweilt und gestresst vom universitären Betrieb in Cambridge macht er sich zusammen mit seinem Geliebten David Pinsent von Hull auf nach Kristiania (später Oslo), um dort mit dem Zug weiter nach Bergen zu fahren. Die beiden entdecken Südwestnorwegen und verbringen die meiste Zeit in Øystese, einem kleinen Dorf im Hardangerfjord. Wittgenstein kann ungestört arbeiten, zwischendurch wird gewandert, im Fjord gesegelt und abends Domino gespielt. Die Ruhe fasziniert den erst vierundzwanzigjährigen Wittgenstein, und er gesteht Pinsent, noch nie einen Ferienaufenthalt dermaßen genossen zu haben. Die Abgeschiedenheit und Anonymität tun ihm so gut, dass er sich am Ende des Urlaubs entschließt, für einige Zeit ganz nach Norwegen zu ziehen, um sich dort in Probleme der Logik zu vertiefen. Sein Umfeld versucht noch, Wittgenstein umzustimmen, doch dessen Entschluss scheint gefasst. (mehr …)

  • Forschung im Medium der Universität

    Dass man Forschung und Wissenschaft nicht miteinander verwechseln sollte, dürfte sich herumgesprochen haben. In der Wissenschaft wird geforscht, an der Universität gelehrt. Die Universität, noch vor ihrer Unterscheidung in Institution und Organisation, pflegt eine hybride Zuordnung sowohl zur Wissenschaft als auch zur Erziehung junger Menschen zum wissenschaftlichen Arbeiten beziehungsweise zur Arbeit mit wissenschaftlich unterstützten und überprüften Ideen. Es handelt sich nicht nur um Bildung oder Ausbildung, sondern tatsächlich um »Erziehung«, weil die Anpassung an die Selektionsbedingungen (Benotung, Graduierung) der Universität eine mindestens so große Rolle spielt wie die Auseinandersetzung mit den Inhalten der Lehre. (mehr …)

  • Das Kochbuch der Gesellschaft: Skizzen zu einer Mediengeschichte des Kochens (I)

    Kochbücher hat es lange vor der Erfindung des Buchdrucks gegeben. Aber erst mit der Ausdifferenzierung eines boomenden Buchmarkts entwickelte sich im 17. Jahrhundert das populäre, eigenständige literarische Genre, das seither breitenwirksam die Alltagskultur prägt. Der entscheidende Schauplatz war zunächst Frankreich, das seinerzeit gastronomisch europaweit als führend galt. Nun ist es zwar nicht falsch, wenn man auf der Suche nach Erklärungen für den Ruf der französischen Küche auf ihre besondere Qualität verweist. Aber diese Qualität war keineswegs ein urwüchsiges Charakteristikum, das, einmal als solches identifiziert, nur hätte respektiert und bewahrt werden müssen. Historisch konstituierte sie sich vielmehr im Zusammenspiel zwischen einer Aristokratie, die, politisch weitgehend funktionslos geworden, ihr Distinktionsbedürfnis vorwiegend ästhetisch auslebte, und einer ausgesprochen differenzierten Publizistik, in der die gehobenen kulinarischen Ansprüche dieser exklusiven Klientel verhandelt wurden. Der eigentliche Träger des französischen Geschmacks war also der öffentlich geführte Diskurs über die richtige Küche, und der Ort dieses kulinarischen Diskurses war das Buch, genauer: das Kochbuch. (mehr …)

  • Afrika. Geschichtskolumne

     Der langjährige Afrika-Korrespondent der Neuen Zürcher Zeitung, Georg Brunold, veröffentlichte vor einem Vierteljahrhundert eine Reportagensammlung mit dem schönen Titel Afrika gibt es nicht. Damit wollte er etwa auf die Tatsache verweisen, dass kein Kontinent linguistisch und kulturell so vielfältig ist wie dieser. Als Landmasse reicht Afrika vom Kap der Guten Hoffnung bis zum Delta des Nil, umfasst Marokko ebenso wie Mosambik. Die meisten Bewohner dieses kontinentalen Raums, aber auch die Mehrheit der Amerikaner und Europäer machen jedoch eine klare Trennung zwischen »Nordafrika« und dem »subsaharischen Afrika« beziehungsweise »Schwarzafrika«. (mehr …)
  • Glauben und Wissen. Philosophiekolumne

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    Seit etwa einem Vierteljahrhundert hat sich das Verhältnis der liberalen Gesellschaften zum religiösen Glauben verändert. Eine neue Variante dessen macht sich geltend, was Richard Rorty einen »Posty« nannte: Nach der »posthistorischen«, der »postindustriellen«, der »postmaterialistischen«, der »postmodernen«, der »postdemokratischen«, der »postnationalen« und der »postpolitischen« Gesellschaft ist die »postsäkulare« Gesellschaft ans Licht getreten. »Postsäkular« besagt: Die Herrschaft der säkularen Wissenschaft, des säkularen Rechts, der säkularen Kunst hat ihre Zeit gehabt. Sie ist nun abgelaufen, um einer Rückkehr des Glaubens – oder zumindest der Religion – Platz zu machen. (mehr …)