• Gott der kleinen Fische

    Das ganze Jahr 2019 über wurde an dieser Stelle Großstadt als geistige Lebensform gefeiert, als unausweichliche Dauerverunsicherung und Garant von Freiheit und Sicherheit durch Masse. Im Jahr 2020 möchte ich hier eine neue Weltreligion gründen, weil ich glaube, dass nur noch Beten hilft. Das macht Religionsgründung zu einem Akt der Vernunft. Ich hoffe, dass wir den Gründungsprozess bis Dezember gemeinsam abschließen können. Als Gott nominiere ich vorläufig Herbert Wehner, was deutlich macht, dass es bei der Ausübung dieser Religion nicht um Affektkontrolle gehen soll, möglicherweise aber um Triebverzicht. (mehr …)

  • Aus- und Einsicht. Wittgenstein in Norwegen

    Wittgensteins erste Reise nach Norwegen im August 1913 gleicht einer Flucht. Gelangweilt und gestresst vom universitären Betrieb in Cambridge macht er sich zusammen mit seinem Geliebten David Pinsent von Hull auf nach Kristiania (später Oslo), um dort mit dem Zug weiter nach Bergen zu fahren. Die beiden entdecken Südwestnorwegen und verbringen die meiste Zeit in Øystese, einem kleinen Dorf im Hardangerfjord. Wittgenstein kann ungestört arbeiten, zwischendurch wird gewandert, im Fjord gesegelt und abends Domino gespielt. Die Ruhe fasziniert den erst vierundzwanzigjährigen Wittgenstein, und er gesteht Pinsent, noch nie einen Ferienaufenthalt dermaßen genossen zu haben. Die Abgeschiedenheit und Anonymität tun ihm so gut, dass er sich am Ende des Urlaubs entschließt, für einige Zeit ganz nach Norwegen zu ziehen, um sich dort in Probleme der Logik zu vertiefen. Sein Umfeld versucht noch, Wittgenstein umzustimmen, doch dessen Entschluss scheint gefasst. (mehr …)

  • Forschung im Medium der Universität

    Dass man Forschung und Wissenschaft nicht miteinander verwechseln sollte, dürfte sich herumgesprochen haben. In der Wissenschaft wird geforscht, an der Universität gelehrt. Die Universität, noch vor ihrer Unterscheidung in Institution und Organisation, pflegt eine hybride Zuordnung sowohl zur Wissenschaft als auch zur Erziehung junger Menschen zum wissenschaftlichen Arbeiten beziehungsweise zur Arbeit mit wissenschaftlich unterstützten und überprüften Ideen. Es handelt sich nicht nur um Bildung oder Ausbildung, sondern tatsächlich um »Erziehung«, weil die Anpassung an die Selektionsbedingungen (Benotung, Graduierung) der Universität eine mindestens so große Rolle spielt wie die Auseinandersetzung mit den Inhalten der Lehre. (mehr …)

  • Das Kochbuch der Gesellschaft: Skizzen zu einer Mediengeschichte des Kochens (I)

    Kochbücher hat es lange vor der Erfindung des Buchdrucks gegeben. Aber erst mit der Ausdifferenzierung eines boomenden Buchmarkts entwickelte sich im 17. Jahrhundert das populäre, eigenständige literarische Genre, das seither breitenwirksam die Alltagskultur prägt. Der entscheidende Schauplatz war zunächst Frankreich, das seinerzeit gastronomisch europaweit als führend galt. Nun ist es zwar nicht falsch, wenn man auf der Suche nach Erklärungen für den Ruf der französischen Küche auf ihre besondere Qualität verweist. Aber diese Qualität war keineswegs ein urwüchsiges Charakteristikum, das, einmal als solches identifiziert, nur hätte respektiert und bewahrt werden müssen. Historisch konstituierte sie sich vielmehr im Zusammenspiel zwischen einer Aristokratie, die, politisch weitgehend funktionslos geworden, ihr Distinktionsbedürfnis vorwiegend ästhetisch auslebte, und einer ausgesprochen differenzierten Publizistik, in der die gehobenen kulinarischen Ansprüche dieser exklusiven Klientel verhandelt wurden. Der eigentliche Träger des französischen Geschmacks war also der öffentlich geführte Diskurs über die richtige Küche, und der Ort dieses kulinarischen Diskurses war das Buch, genauer: das Kochbuch. (mehr …)

  • Afrika. Geschichtskolumne

     Der langjährige Afrika-Korrespondent der Neuen Zürcher Zeitung, Georg Brunold, veröffentlichte vor einem Vierteljahrhundert eine Reportagensammlung mit dem schönen Titel Afrika gibt es nicht. Damit wollte er etwa auf die Tatsache verweisen, dass kein Kontinent linguistisch und kulturell so vielfältig ist wie dieser. Als Landmasse reicht Afrika vom Kap der Guten Hoffnung bis zum Delta des Nil, umfasst Marokko ebenso wie Mosambik. Die meisten Bewohner dieses kontinentalen Raums, aber auch die Mehrheit der Amerikaner und Europäer machen jedoch eine klare Trennung zwischen »Nordafrika« und dem »subsaharischen Afrika« beziehungsweise »Schwarzafrika«. (mehr …)
  • Glauben und Wissen. Philosophiekolumne

    I

    Seit etwa einem Vierteljahrhundert hat sich das Verhältnis der liberalen Gesellschaften zum religiösen Glauben verändert. Eine neue Variante dessen macht sich geltend, was Richard Rorty einen »Posty« nannte: Nach der »posthistorischen«, der »postindustriellen«, der »postmaterialistischen«, der »postmodernen«, der »postdemokratischen«, der »postnationalen« und der »postpolitischen« Gesellschaft ist die »postsäkulare« Gesellschaft ans Licht getreten. »Postsäkular« besagt: Die Herrschaft der säkularen Wissenschaft, des säkularen Rechts, der säkularen Kunst hat ihre Zeit gehabt. Sie ist nun abgelaufen, um einer Rückkehr des Glaubens – oder zumindest der Religion – Platz zu machen. (mehr …)

  • Fontane. Ein Rückblick

    Die Wissenschaft

    Fontane und kein Ende, das war nicht erst im soeben zu Ende gegangenen Jubiläumsjahr so, sondern wenigstens seit dem Mauerfall, bietet sich der Neuruppiner Dichter doch wie kein anderer als gesamtdeutsche Integrationsfigur an: Für den Westen hält er seine vielbeschworene Ironie parat, für den Osten die liebevolle Würdigung von Land und Leuten. Ganz so wie Goethe, Heine und natürlich Mozart ist er längst ein Wirtschaftsfaktor, die Fontane-Industrie produziert alljährlich stapelweise Publikationen, die nicht selten den Realitätsverlust streifen, Fontanes Berlin, Fontanes Frauen, Führer durch seine Romane, Lexika, Essen und Trinken mit Fontane, Fontane und England, Italien, Polen, Frankreich, mit Fontane durch das Jahr. Neben den mittlerweile Dutzenden von Biografien strahlt die Verehrung so weit, dass selbst die Lebensspur von Fontanes verzogen-eingebildeter und vollständig lebensunfähiger Tochter Martha (»Mete«) aufgearbeitet wurde. So viel unrechtmäßige Ehre wurde bisher nur Goethes ähnlich unerheblichem Sohn zuteil, der aber immerhin wusste, wie medioker er war. Fontanes Frau Emilie hingegen, sein »Schreibbüro« und die erste kritische Instanz, wurde zu Recht gewürdigt. (mehr …)

  • Rückkehr zum Rechtsglauben. Ein Versuch über die Voraussetzungen des Rechts

    Was passiert eigentlich, wenn niemand mehr glaubt? Wenn wir aufhören, uns den Versprechungen und Verheißungen hinzugeben, den Oberflächen und Narrativen, den Trugbildern und Fetischen? Eines ist klar: Wo nur noch »bare Münze« in Zahlung genommen wird, da herrscht Wirtschaftskrise. »In der Krise tritt die Forderung ein, dass sämtliche Wechsel, Wertpapiere, Waren auf einmal gleichzeitig in Bankgeld konvertibel sein sollen und dies sämtliche Bankgeld wieder in Gold«, schreibt Marx im dritten Band des Kapitals. (mehr …)

  • Der Mythos der Entscheidung

    In der Verzweiflung am Denken, in der Verachtung des Denkens wird auf die Entscheidung gesetzt. In dem Augenblick, in dem Gott in das Leben einbricht, endet für Kierkegaard das Denken in den vorgezeichneten Bahnen und gilt es die Entscheidung, den Sprung in den Glauben. In dem Augenblick, in dem der Mensch für seine Lieben, seine Pflichten und sein Denken Argwohn und Verachtung empfindet, hält Nietzsche ihn zur Entscheidung für die Freiheit fähig. In dem Augenblick, in dem die Philosophie sich ihrer tradierten Prätentionen entledigt, sieht Heidegger sie ihren Sinn schärfen und sich der Situation des Handelns und der Entscheidung stellen. (mehr …)

  • Homo migrans: Schlaglichter aus der Dunkelheit der »Deep History«

    Die Geschichte der Menschheit ist eine Geschichte der Migration. Dies gilt in einem solch tiefgreifenden Sinn, dass unsere übliche Vorstellung von Migration diesem Sachverhalt gar nicht gerecht werden kann. Migration wird allgemein nämlich verstanden als »Verlassen des gewöhnlichen Wohnsitzes« – eine Definition,  die offenbar die Sesshaftigkeit unterstellt, um die Migration implizit als den Ausnahmezustand oder die Abweichung von der Norm zu bestimmen. Allein, historisch war es umgekehrt, die Migration ging der Sesshaftigkeit voraus. (mehr …)