• Kinderland

    Sommer 2019. Nördlich von Stockholm sitze ich auf der Terrasse des Ferienhauses und blicke auf die windstille Ostsee, als Franzi anruft. Am Tag zuvor hatte ich ihr einen Text von mir geschickt, in dem auch sie vorkommt. Um über unsere gemeinsame Kindheit weiterschreiben zu können, möchte ich mir ihre Erlaubnis einholen. »Ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen«, sagt sie, und dann beginnen wir zu reden. (mehr …)

  • Das Gefüge des Übersetzers – Zum Tod von Ronald Voullié

    Es ist keineswegs ausgemacht, wie der philosophische Begriff agencement am treffendsten ins Deutsche zu übersetzen ist. Gilles Deleuze und Félix Guattari haben diesen Begriff in den späten 1970er Jahren geprägt, als Alternative zu ihrem oft missverstandenen Konzept der Maschine. Dominierte anfangs die linguistisch orientierte Übersetzung als „(Aussagen-)Verkettung“, wurde nach und nach deutlich, dass es eigentlich um die komplexen Verkopplungen von Zeichen und Materie, Technik und Körper oder Mensch und Tier ging. Dementsprechend lag es nahe, agencement im Sinne von „(räumlicher) Anordnung“ oder auch „Wirkungszusammenhang“ zu verstehen. (mehr …)
  • Lobbydemokratie

    Gleichstellungsbeauftragte gibt es reichlich. Aber kommt die Gleichstellung der Geschlechter auch gut voran? Daran zweifelt neuerdings sogar eine starke Strömung in der CDU. Eine Bundeskanzlerin, mehrere Ministerinnen, eine Parteivorsitzende – das genügt ihr nicht mehr. Erst wenn bis hinunter auf die kommunale Ebene alle Parteifunktionen und -ämter zur Hälfte mit Frauen besetzt seien, könne von durchgesetzter Gleichstellung die Rede sein. Auch immer mehr einflussreiche Männer in der Partei freunden sich mit der 50-Prozent-Frauenquote an. Deren Einführung scheint kurz bevorzustehen. (mehr …)

  • Das Gefängnis als Bühne mit Blumengesteck. Alexander Lukaschenka inszeniert einen zynischen Monolog mit seinen Gegnern

    Wenn sich die Kräfteverhältnisse in einem Land verändern, sind die Gefängnisse wie Frühwarnzentralen, in denen zu erkennen ist, dass eine Macht fällt. Deshalb wurde der demonstrative Besuch von Alexander Lukaschenka im Minsker KGB-Gefängnis am Wochenende in Belarus besonders genau beobachtet. Mitten in der COVID-19-Pandemie schritt der autoritäre Herrscher vor laufender Kamera mit ausgestreckter Hand die Reihe seiner wichtigsten politischen Gefangenen ab. Die wenigen Fernsehbilder, die als Beweis seiner Dialogbereitschaft gedacht waren, wirkten wie ein besonders zynischer Monolog. (mehr …)
  • Die Klage ist des Kaufmanns Gruß

    In diesem Jahr bleiben die Hallen zur Frankfurter Buchmesse leer. Angesichts steigender Covid-19-Infektionszahlen wäre die Messe wohl zu einem lebhaften Marktplatz infektiöser Aersole geworden. Dass das digitale Programm die dichte Atmosphäre sich langsam voranschiebender Menschenmassen nicht ersetzen kann, ist wohl allen in der Buchbranche bewusst. Anlass zur Sorge bot die Entscheidung dennoch kaum – man bedauerte zwar, dass man auf den alljährlichen Messekater verzichten müsse, aber eine branchenübergreifende Empörung blieb weitestgehend aus. (mehr …)
  • Paradiesbrücke

    Meine Mutter kannte sie, jeder Einheimische kennt sie, warum sie so heißt, wissen wenige. Gerade heute wieder getestet, mit einem Augenzwinkern, bei einer netten Kollegin mit Paradiesbrückenbezug im baselländischen Muttenz, aber das ist ... jedenfalls, der Legende nach stand Luther bei einem seiner vier Predigt-Aufenthalte in der Stadt, er war mit dem Bürgermeister Mühlpfordt befreundet, unter starker Bedrängnis wütender und bewaffneter Franziskaner, er rettete sich durch wilde Flucht über die Mulde auf ebenjener heutigen Brücke, die aber schon die Nachnachfolgerin der von 1524, in das jenseitige gut verschließbare Gasthaus, beides erklärte er, Luther, zu seinem Paradies, der Wirt und der Rat nahmen dieses Diktum gerne auf. Ortsbezogenes Marketing war von jeher ein wesentlicher Treiber der Public History. (mehr …)
  • Träumen Chemtrails von elektrischen Reptilienmenschen?

    Die Natur ist eine Drecksau. Und eine dumme Sau dazu, so penetrant, wie sie sich nicht einfügen will in das Bild, das wir uns von ihr machen, in ihrer Widerständigkeit gegen das Idyllische. Horrorfilme zeichnen ein wirklichkeitsnäheres Bild der Natur als Heinz Sielmann oder Instagram, wo man auffällig selten Bilder von Tod und Verwesung findet. (mehr …)

  • Trachtenhermeneutik. Fragen zu Martin Heideggers Anzug in den Marburger Jahren

    Ist es notwendig, sich mit der Kleidung eines Philosophen zu beschäftigen, wenn man sich für dessen Leben und Werk interessiert? Im Falle Martin Heideggers offensichtlich schon, denn kaum eine der ihm gewidmeten Studien kommt ohne einen Hinweis auf den eigentümlichen Anzug aus, den er während seiner Marburger Jahre von 1923 bis 1928 mit Vorliebe getragen hat. Exkurse solcher Art weisen die Autoren nicht nur als Kenner seines Denkens, sondern zur Verblüffung des Lesers ebenso als Spezialisten für Fragen der zeitgenössischen Mode aus. (mehr …)

  • Ungarn – Land der offenen Arme

    Erst Ende des 18. Jahrhunderts kam der Paprika in die pannonische Tiefebene. Und kann dort auf eine längere Geschichte zurückblicken als die Idee von einem einheitlichen ungarischen Volk. Viktor Orbán hat der jungen Tradition des Magyaro-Chauvinismus zu einer neuen Blüte verholfen. Diese wohl fremdenfeindlichste Ideologie Europas muss sich, weil ihr keine andere Herkunft zur Verfügung steht, auf die fremdenfreundlichsten Regierungen ihrer Zeit berufen, die des mittelalterlichen Ungarn. (mehr …)

  • Kulturkampf gestern und heute. Eine Erinnerung in systematischer Absicht

    Am 16. August 1869 versammelte sich eine Menschenmenge auf der Moabiter Festwiese, auf der sich ein »Luftvelocipedist«, ein Seiltänzer auf dem Fahrrad, angekündigt hatte. Als er nicht erschien, zogen die unmutigen Berliner Arbeiter und Kleinbürger weiter in die Waldenserstraße zu der erst vor einigen Wochen gegründeten Niederlassung der Dominikaner und begannen, die Fenster einzuwerfen, den Zaun niederzureißen und den Klostergarten zu demolieren, bevor sie von der berittenen Schutzpolizei zurückgedrängt wurden. Die Angreifer hätten sich, so berichtete die bürgerliche Presse in den nächsten Tagen, über die fremden Priester empört, die in Moabit ein »neues Rom« errichten wollten und die arbeitende Bevölkerung durch »Kindermärchen des müßigen Betens und Betrachtens« verhöhnten. (mehr …)