• Bedarf die Paulskirche einer erinnerungspolitischen Revision? Architekturkolumne

    In der Wiederherstellung und Neugestaltung der Paulskirche in Frankfurt/Main in den Jahren 1946 bis 1948 artikulierte sich erstmals nach Kriegsende baulich der demokratische Aufbruchswille. Dem Aufruf der Stadt, die Kirche zum hundertjährigen Jubiläum der Nationalversammlung von 1848 als Haus aller Deutschen »im Stein wie Geiste« gemeinsam wiederaufzubauen, folgten trotz großer Not Hunderte Städte, Vereine, Unternehmen und Institutionen aus ganz Deutschland – Ost wie West – und spendeten Material und Geld. (mehr …)

  • Der Club ist voll

    Das Video zeigt ein Neujahrskonzert im Festsaal Kreuzberg. Der Entertainer Erobique spielt seinen Song Urlaub in Italien. Seine selbstgedrehte Zigarette ist schon halb aufgeraucht und eher zerfleddert, und er schwitzt, es ist voll, und das Konzert läuft anscheinend schon eine Weile. Die Musik ist elektronisch, biedert sich aber nostalgisch durch Synthie-Sounds an, die man hörte, als Clubs noch Disco hießen. Die Gäste, die in dieser Epoche entweder selbst gerade noch Kinder waren oder diese als die Zeit kennen, in der sich ihre Eltern kennenlernten, sind im Glück: Kindergeburtstag, aber dieses Mal nach 18 Uhr und mit Drogen. (mehr …)

  • Suizidhilfe. Aufstieg und Fall des Strafrechtsparagraphen 217

    Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 26. Februar 2020, welches das Suizidhilfeverbot des § 217 Strafgesetzbuch für nichtig erklärte, hat die alte, von 1871 bis 2015 geltende Rechtslage wiederhergestellt. Das Urteil stellt also im rechtlichen Sinne keineswegs, wie vielfach behauptet, eine »Liberalisierung« der Suizidhilfe dar, sondern die Rücknahme einer verfassungswidrigen Einschränkung von Grundrechten. (mehr …)

  • Verseuchtes Verhalten

    Die Amerikaner haben dafür die griffigste Formel gefunden: »Wash your hands, wear your mask, watch your distance.« Dann kann, so das Versprechen, das tödliche Virus euch nichts anhaben. Gibt es ein attraktiveres Verhältnis zwischen Aufwand und Ertrag?

    Und dennoch: Vom Händewaschen abgesehen, über das öffentlich nicht Buch geführt werden kann, haben diese Kulturtechniken, ihrer spektakulären Banalität und Effektivität ungeachtet, der Volksseele in den USA so zugesetzt wie nirgendwo sonst. Es hat sie fast zerrissen. Mit dem Maskengebot schien für viele das Ende jeder Freiheit gekommen, derweil ein Verlust der Nähe entweder als unerträglich galt (Bars, Feiern etc.) oder sogar zur Blasphemie (Gottesdienste) erhoben wurde. (mehr …)

  • Eingesperrt: der Groll

    Wetterleuchten

    Als ob eine Brandung schwere Steine auf einen kiesigen Strand rollt, hebt der Donnergroll aus der Ferne dumpf und drohend an, Vorbote eines Gewitters, das sich bald entladen wird. In den dunklen Wolken, die das Unwetter aufziehen lässt, baut sich eine enorme elektrische Spannung auf, die im Blitz schlagartig zu Boden fährt. Augenblicklich heizt er die Luft um sich herum auf, eine Druckwelle entsteht, deren Echo uns als gewaltiges Donnern erreicht. (mehr …)
  • Halluzinierende Systeme. Generierte Literatur als Textverarbeitung

    Die Auswirkungen des jüngst entdeckten Kreativitätspotentials Künstlicher Intelligenz sind für die Literatur bisher nur wenig und wenn, dann oft eher kenntnisarm diskutiert worden. Ein Grund dafür ist sicherlich technischer Natur: Mit deep learning hat in den letzten Jahren ein Zweig der KI-Forschung Fortschritte gemacht, der bessere Ergebnisse in der Bilderkennung und -bearbeitung als in der Erzeugung zusammenhängender, gar narrativer Texte nachweisen kann. Zuverlässig befüllen Künstliche Intelligenzen deshalb derzeit nur standardisierte Textformate wie Wettervorhersagen und Sportberichte. Die Anwendung in der Königsdisziplin des erzählenden Romans aber – und selbst noch beim Verfassen einer Kurzgeschichte – gestaltet sich problematisch. So konnte auch avancierte Sprachgenerierungssoftware wie das GPT-3 des kalifornischen OpenAI-Labors bisher keinen großen Verlagsvertrag landen. Erst das würde wohl einem jener spektakulären Momente aus den anderen Künsten nahekommen, etwa wenn bekannte Auktionshäuser künstlich generierte Porträts versteigern oder unvollendete Symphonien der Musikgeschichte vollendet werden. (mehr …)

  • Keine Experimente. Über künstlerische Künstliche Intelligenz

    Daniel Kehlmann hat kein Buch mit einer Künstlichen Intelligenz geschrieben; darüber hat er jetzt ein Buch geschrieben.1 In Mein Algorithmus und ich – es ist die Druckfassung seiner Anfang 2021 gehaltenen »Stuttgarter Zukunftsrede« – reist Kehlmann nach Palo Alto, wo er bei einem Startup Zugang zu einem KI-System bekommt, dem Sprachmodell CTRL. Im Dialog mit ihm will er erproben, ob mit KI Literatur zu machen ist. Kehlmann zeigt sich enttäuscht. Zu wenig narrativ kohärent, zu absurd sind die Ergebnisse, auch wenn hier und da Schönes aufscheint. Das Scheitern seines Ausflugs ins maschinelle Lernen ist dann auch die implizite Pointe seines Buchs: Der Mensch muss sich keine Sorgen machen, dass ihm die Literatur bald von KIs abgenommen wird. (mehr …)

  • Schluss mit der Schuldsteuer. Die Überarbeitung des postkolonialen Kanons

    In den Aufsätzen meiner Studierenden ist mir ein Muster aufgefallen. In ihrem Aufbau ähneln sie den Fabeln von Äsop. Am Ende braucht es offenbar immer eine Moral – eine Art Schlusswort wie ein Dankgebet nach einer Mahlzeit oder, wie man’s nimmt, eine Magentablette gegen Sodbrennen. Gelegentlich bemerke ich dasselbe in Gedichten, die abschließenden Zeilen müssen dafür herhalten, die vorangegangenen Zeilen zu rechtfertigen. Ich habe es »Moralitis« getauft. Ohne eine solche Moral von der Geschichte scheinen wir ratlos zu sein, wie sich die Existenz eines Texts legitimieren lässt.

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  • Sinneskolumne. Wahrnehmung unter Hygieneregimen

    Viren entziehen sich der menschlichen Wahrnehmung; sie machen sich erst durch Symptome bemerkbar. Die Zumutung, die aus dieser Nichtwahrnehmbarkeit resultiert, findet nicht nur in der lautstark artikulierten »Corona-Skepsis« ihren Ausdruck, die teils einen radikalen Sensualismus in Anschlag bringt, der sich weigert, Phänomene, die der eigenen Anschauung nicht unmittelbar zugänglich sind, als real zu akzeptieren: von der Aussage, man kenne persönlich keine Infizierten, bis zur Behauptung, die von offizieller Seite vorgelegten wissenschaftlichen Visualisierungen des Pandemiegeschehens gingen an der Realität vorbei.1 Auch in zahlreichen Zeitungsüberschriften, in denen von der »unsichtbaren Bedrohung« die Rede ist, schwingt das Staunen mit, eine Gefahrenquelle, die man »mit bloßem Auge« nicht sehen kann, könne lebensbedrohlich sein.2 Wie also sehen wir das Virus? (mehr …)

  • Unter Strom. Ein Stationendrama

    Tag 1

    Für meine Archivreise nach Wolfenbüttel (etwa 500 Kilometer) hatte ich mir ein E-Auto der Firma Regiomobil gemietet, das den Einwohnern des Rhein-Hunsrück-Kreises zur Verfügung steht, um sie mit neuen Mobilitätsformen vertraut zu machen. Ganz unerfahren mit diesem E-Auto war ich übrigens nicht. Mitten im Winter war ich zweimal nach Mainz gefahren und hatte dabei meinen Wortschatz um das Wort »Reichweitenstress« erweitert. Ich hatte erfahren, dass die 148 Kilometer auf dem Display vor mir sehr rasch heruntergehen konnten. Auch ein sparsamer Fahrstil und das Einschalten des Eco-Modus trugen kaum zur Reichweitenverlängerung bei. Von Vorteil war, dass ich die Strecke kannte und somit nicht nur die Talfahrten maximal fürs Wiederaufladen während der Fahrt ausnutzen konnte, sondern auch wusste, wo notfalls Ladestationen zu finden waren. Außerdem gab es am Ziel eine Ladesäule, die damals noch ohne Ladekarte und App benutzt werden konnte. Mit dem Fahren war ich also einigermaßen vertraut, mit dem Laden wesentlich weniger – und das sollte sich rächen. (mehr …)