• Zwei Männer auf Reisen

    Es ist die Zeit der Verlagsvorschauen – zweimal im Jahr veröffentlichen die Verlage ihr neues Programm. Sinn und Zweck dieser Verlagsvorschauen ist es nicht in erster Linie, das Lesepublikum über Neuerscheinungen in Kenntnis zu setzen, sondern vor allem den Handel und das Feuilleton zu informieren, was in den Regalen der Buchhandlungen stehen und besprochen werden sollte. Diese Vorschauen sind demnach nichts anderes als Werbung, ihr Ziel es ist zu vermitteln, welches Publikum durch ein bestimmtes Buch angesprochen werden soll – manche Verlage, wie der Steidl-Verlag, haben diese spezifische Form der Werbung schon beinahe zur Kunstform erhoben. Wie jeder Text kann auch eine solche Verlagsvorschau mit den Mitteln der Literaturwissenschaft analysiert werden. Gerade aus einer literatursoziologischen Perspektive lassen sich aus einer solchen Analyse Schlüsse ziehen, die auf aktuelle Trends hinweisen und etwas über den gesellschaftlichen Blick auf Literatur aussagen. (mehr …)
  • Im Badambaum

    Was die Klimakatastrophe angeht (nur um einen der wild herumflatternden Fäden der letzten Kolumne wieder aufzunehmen): Wenn man das Melodramatische hasst, aber die Welt so dramatisch wird, dass man nicht mehr über sie schreiben kann, ohne dramatisch zu klingen und aus alter Gewohnheit den angemessen dramatischen Ton verächtlich für melodramatisch hält, muss man sich trotzdem abfinden mit dem Drama. Auch mit der Angst. Es nützt nicht viel, vor Angst nicht zu schreien in einem Augenblick, in dem vor Angst zu schreien nötig ist, nur weil man das Schreien vor Angst einfach nicht so richtig elegant findet.

    So wichtig Eleganz auch ist. Und sie ist sehr wichtig.

    (Der Essay ist im Maiheft 2019, Merkur # 840, erschienen.)

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  • Schleichendes Gift – die Gegenwart des Ressentiments

    Ressentiment ruht auf einem Komplex schleichend einwachsender, niedriger Gefühle – Groll, Unmut, Missgunst, Animosität, Übellaunigkeit –, die allesamt derart unangenehm sind, dass sie es als solche schwer haben, zu Bewusstsein zu kommen. Wenn sie bewusst wären, würden sie kein gutes Licht auf den eigenen Charakter werfen, was wir stets sorgfältig zu vermeiden versuchen, vor anderen ebenso wie vor uns selbst. Auch wenn Ressentiment zu kulturellen und politischen Großwetterlagen eskalieren kann, wächst der innere Grimm doch in der Regel eher klein und spießig im normalen Alltag heran, wenn wir uns wieder einmal über eine Welt empören, in der alles und jeder nur dazu da zu sein scheinen, uns den Tag zu vermiesen.

    (Der Essay ist im Maiheft 2019, Merkur # 840, erschienen.)

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  • Zur Verteidigung des Neids

    Es wird Zeit, den Neid zu verteidigen. Einer aktuellen Studie zufolge verspüren 33 Prozent der Deutschen »Sozialneid«. 1 Sie wollen den Reichen etwas wegnehmen, ohne selbst etwas davon zu haben. Das ist keine Kleinigkeit. Neid ist eine christliche Todsünde, er ist die »antigesellschaftlichste und verächtlichste aller Leidenschaften« (John Stuart Mill), das gelbe Monster, das den Neider von innen zerfrisst, Neid kennt keine Mitte wie andere Gefühle, kein Zuviel und kein Zuwenig, er ist, so Aristoteles in der Nikomachischen Ethik , wie Schadenfreude, Schamlosigkeit und Ehebruch, wie Diebstahl und Mord »die Schlechtigkeit an sich«.

    (Der Essay ist im Maiheft 2019, Merkur # 840, erschienen.)

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  • Aby Warburg, der Ethnologe

    Es ist bezeichnend, dass am Beginn der jüngeren Rezeptionsgeschichte Aby Warburgs eine Biografie steht. Ernst Gombrich, seit 1959 Direktor am Warburg Institute in London, dürfte sich schon von Amts wegen verpflichtet gefühlt haben, endlich das nachzuholen, was seine Vorgängerin Gertrud Bing trotz jahrelanger Vorbereitung nicht abschließen konnte: eine erste umfassende Gesamtdarstellung zu Warburg. Auf Englisch erschien Gombrichs Buch zuerst 1970, eine deutsche Übersetzung sollte elf Jahre später folgen.

    (Der Essay ist im Maiheft 2019, Merkur # 840, erschienen.)

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  • Erscheinen und Verschwinden des Lehrkörpers. Bildungskolumne

    Die Gefahr übertriebener Eleganz bei Lehrpersonen sei nicht groß, meinte der Präsident des Dachverbands Lehrerinnen und Lehrer Schweiz in der Neuen Zürcher Zeitung. 1 Dort wurde auch von einer Studie berichtet, derzufolge Lehrpersonen, die nicht nur fachlich gut, sondern auch in Kleiderfragen stilsicher seien, zu einem erfolgreichen Lernklima beitragen könnten. Das ist schön. Konkret: Hemd, Bluse und Jackett passen immer, Faserpelzjacken und Spaghettiträger sind zu vermeiden, ebenso kurze Röcke. Ärmellose Shirts gehen gar nicht, Kapuzenjacken sind ein anbiedernder Fehlgriff, auf Krawatten kann aber in jedem Fall verzichtet werden, gegen gesunde Schuhe hat niemand etwas, gepflegte Frisur beziehungsweise ordentlicher Haarschnitt sind wichtig, aber bitte keine fettigen Haare.

    (Der Essay ist im Maiheft 2019, Merkur # 840, erschienen.)

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  • Unser Onkel Palamède. Prousts Figur des Baron de Charlus und die Genealogie des europäischen Geistesmenschen

    In Marcel Prousts Pantheon nimmt der Baron de Charlus – oder »Mémé«, wie seine Schwägerin, die Herzogin von Guermantes, ihn liebevoll zu nennen pflegt, – eine ganz besondere Stellung ein. Er gehört zu den farbigsten und eindringlichsten Gestalten des Romanwerks, und er ist eine der wichtigsten Kontrastfiguren, in denen der Erzähler seinen eigenen Weg vom jugendlichen Snobismus bis hin zur ernsthaften Schriftstellerei spiegelt. Proust widmet dem Baron große Sorgfalt, schont ihn aber nicht. Dessen gesellschaftlicher Abstieg, selbst verschuldet ebenso wie von Feinden befördert, sein Bedeutungsverlust als arbiter elegantiarum der mondänen Gesellschaft, die kühle Zurückweisung, die er am Ende sogar in seiner angestammten Welt des Faubourg Saint-Germain erfährt, all das wird mit Ausführlichkeit geschildert. Daneben wirkt die gelegentliche Empathie des Erzählers für den Unglücklichen beinahe boshaft. Trotzdem ist die literarische Kälte ein Zeichen echten Interesses.

    (Der Essay ist im Maiheft 2019, Merkur # 840, erschienen.)

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  • Geschichten von Arbeit und Nichtarbeit in Afrika

    In seinem Buch Nach Europa! , vom französischen Präsidenten Emmanuel Macron als »großartige Beschreibung« der Migration aus Afrika geadelt, entwirft der Journalist und Afrikanist Stephen Smith ein politisch brisantes Szenario. Angesichts der demografischen Dynamik und der ökonomischen Strukturprobleme in Afrika, so Smith, müsse man davon ausgehen, dass unzufriedene junge Menschen ohne berufliche Perspektive auf der Suche nach Beschäftigung und sozialer Sicherheit künftig in noch größerer Zahl nach Europa drängen werden. Seiner Schätzung nach werde deshalb bis 2050 »ein Viertel bis ein Drittel« der europäischen Bevölkerung aus dem südlichen Nachbarkontinent eingewandert sein oder von afrikanischen Migranten abstammen. 1 Das wären dann 150 bis 200 Millionen Afro-Europäer, die in Europa lebten.

    (Der Essay ist im Maiheft 2019, Merkur # 840, erschienen.)

    Auf Seiten der Afrikawissenschaften, aber auch der demografischen Forschung hat Smiths Prognose zahlreiche Kritiker auf den Plan gerufen, die ihm teilweise heftig widersprechen. Zwar leugnet niemand das rasante Bevölkerungswachstum in Afrika. Die Mehrheit der Experten geht allerdings davon aus, dass die Wanderungsbewegungen in Richtung Europa deutlich weniger extrem ausfallen und Afrikaner aus Regionen südlich der Sahara deshalb in dreißig Jahren höchstens drei bis vier Prozent der europäischen Bevölkerung ausmachen werden, derzeit ist es rund ein Prozent. 2 Welche dieser Hochrechnungen sich am Ende auch bewahrheiten mag – die Diskussion zeigt, dass die Frage, ob die Staaten Afrikas in der Lage sein werden, einer stetig wachsenden (und nebenbei auch immer besser ausgebildeten) Bevölkerung hinreichende Beschäftigungsmöglichkeiten zu bieten, von enormer Tragweite ist. Aus europäischer Sicht steht dabei die Migrationsproblematik im Vordergrund. Aus afrikanischer Perspektive wiederum entscheiden sich an der Beschäftigungsfrage die politische Stabilität und die zukünftigen Entwicklungschancen der dortigen Gesellschaften.

    Auf dem Weg zur freien Lohnarbeit?

    Um das Jahr 1960 herum, also zum Zeitpunkt der Unabhängigkeit der meisten afrikanischen Staaten, sah die Mehrzahl der Beobachter den Kontinent durch eine Überfülle an Land und einen eklatanten Mangel an Arbeitskräften charakterisiert. Im Lauf der vergangenen Jahrzehnte haben herrschende Eliten und ausländische Investoren in Ländern wie Ghana, Äthiopien, Tansania, Sambia und Südafrika zunehmend Land aufgekauft, ohne es notwendigerweise produktiv zu nutzen. In der Folge verlor eine große Zahl von Menschen die Sicherheit, die ihnen der Zugang zu Land im Rahmen von Familienstrukturen und Gemeinschaften vormals geboten hatte, ohne realistische Möglichkeit, sich stattdessen durch Lohnarbeit zu ernähren. Die Verhältnisse haben sich in den vergangenen Dekaden also komplett umgedreht: Land ist ein knappes Gut geworden, Arbeitskraft gibt es hingegen in Hülle und Fülle.

    Wer mit marxistischer Theoriebildung einigermaßen vertraut ist, dem kommt in dem Zusammenhang die Kategorie der »ursprünglichen Akkumulation« in den Sinn. Marx führte die Entwicklung Englands zu einer weltweiten Wirtschaftsmacht auf die gewaltsame Abschaffung des Rechts der Bevölkerung auf den Zugang zu Land zurück. Dadurch blieb der Mehrzahl der Menschen keine andere Wahl, als das Einzige, was sie besaßen, zu verkaufen, nämlich ihre Arbeitskraft. In weiten Teilen Afrikas kann man derzeit eine analoge Entwicklung beobachten, allerdings mit dem Unterschied, dass hier niemand die freigesetzte Arbeitskraft zu benötigen scheint. 3

     

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  • Südwestdeutsch trifft Deutsch-Südwest. Baden-Württemberg gibt zwei kolonialzeitliche Objekte an Namibia zurück

    Das Ensemble weckt Assoziationen der dunkleren Art: Eine Bibel und eine Peitsche hat das Land Baden-Württemberg Ende Februar an den Staat Namibia zurückgegeben, um ein sichtbares Zeichen für einen neuen Umgang mit dem kolonialzeitlichen Erbe zu setzen. Beide Objekte aus den Sammlungen des völkerkundlichen Linden-Museums Stuttgart weist dessen Archiv als ehemaliges Eigentum von Hendrik Witbooi aus. Witbooi führte von 1904 an Soldaten der Nama in einen Aufstand gegen General Lothar von Trotha, der begonnen hatte, Herero und Nama systematisch ermorden zu lassen. Rund 80 000 von ihnen kostete der Aufstand, der heute als Genozid gilt, das Leben.

    (Der Essay ist im Maiheft 2019, Merkur # 840, erschienen.) (mehr …)

  • Keine Quallen. Anthropozän und Negative Anthropologie

    Allen anderslautenden Verkündungen zum Trotz leben wir noch immer nicht im Anthropozän.  Zwar liegt der International Commission on Stratigraphy seit August 2016 endlich die offizielle Empfehlung vor, in ihre erdgeschichtliche Periodisierung eine neue geologische Epoche einzuführen, in der der Einfluss des Menschen im Erdstratum ablesbar geworden ist. [2. Zuletzt hatte sich abgezeichnet, dass ihr Beginn wohl auf die jüngste Vergangenheit festgesetzt werden würde – etwa auf die great acceleration, die industrielle Beschleunigung der Nachkriegszeit (Jan Zalasiewicz u.a., The Working Group on the Anthropocene: Summary of evidence and interim recommendations. In: Anthropocene, Nr. 19, 2017) oder auf das Jahr 1945, genauer auf den 16. Juli: Mit dem ersten Atombombentest in der Wüste New Mexicos wäre der Mensch, eine Spezies, die nur 0,01 Prozent irdischen Lebens ausmacht, zu einem geologischen Faktor geworden, dessen Existenz sich auch noch Jahrmillionen später chronostratigrafisch identifizieren ließe (Colin N. Waters u.a., Can nuclear weapons fallout mark the beginning of the Anthropocene Epoch? In: Bulletin of the Atomic Scientists, Nr. 3 vom 1. Mai 2015).] (mehr …)