• Video: Stephan Wackwitz im Gespräch über Richard Rorty | Zweite Lesung

    Stephan Wackwitz empfiehlt zur zweiten Lesung einen Essay von Richard Rorty, der 1995 im Merkur erschienen ist. Rorty zu lesen, sei für ihn damals ein Befreiungsschlag gewesen und liefert für heutige Diskussionen noch einen brauchbaren Kompass, um zwischen ideologischen Letztbegründungen und postmoderner Beliebigkeit zu navigieren. (mehr …)
  • Homestorys (I). Betreutes Wohnen

    Netflix, mit 140 Millionen Abonnenten und einem Bilanzgewinn in Milliardenhöhe der größte und einträglichste Online-Streamingdienst der Welt, eine Firma also mit sicherem Gespür für die Unterhaltungsbedürfnisse eines gigantischen Konsumentenpools, hat seit dem Frühjahr die erste Staffel einer Serie im Programm, bei der man anderen Menschen beim Hausputz zusehen kann. Tidying up with Marie Kondo basiert auf einer japanischen Ratgeberreihe zur optimalen Haushaltsorganisation, die innerhalb weniger Jahre, begleitet von einem bemerkenswerten Medienecho, millionenfach verkauft und in mehr als drei Dutzend Sprachen übersetzt worden ist (die deutsche Ausgabe trägt den Titel Magic Cleaning).

    (Der Essay ist im Juniheft 2019, Merkur # 841, erschienen.)

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  • Intellektuelle Intellektuellenskepsis (Voegelin, Arendt, Milosz)

    Dieser Tage ist wieder häufig zu hören, Bildung sei der beste Schutz gegen die Wellen von Populismus, Autoritarismus, Irrationalismus und Regression, die da an die Deiche der liberalen Demokratien branden. Zudem brauche es unbedingt mehr engagierte Akademikerinnen und Intellektuelle, die sich in der Öffentlichkeit zu Wort melden! Auch Kunst und Kultur, wenn man sie nur richtig verstünde und anwende, stellten probate Mittel gegen besagte Tendenzen dar. So oder so ähnlich hört man es im Gespräch unter Bekannten und in Radiofeatures, liest man es im Feuilleton oder in den Sozialen Netzwerken. Doch bereits wenige Blicke in die Geschichte zeigen, dass gerade Gebildete, Akademiker, Künstlerinnen und Intellektuelle empfänglich sind für jene Versuchungen, die von Macht und Ideologie ausgehen. Mehr noch, die in der Moderne sich einstellende Ferne von Bildung und Kunst zur Macht hat oft zu Frustration geführt, die wiederum in Sehnsucht nach Macht umschlägt. (mehr …)
  • Vor dem Brexit

    Der Glaube, dass Menschen Wahlentscheidungen vor allem mit Rücksicht auf ihre ökonomischen Interessen treffen, war bis vor kurzem weit verbreitet. Die amerikanische Präsidentschaftswahl 2016 und der britische Volksentscheid zum Austritt aus der Europäischen Union wenige Monate davor haben diese vermeintliche Gewissheit jedoch erschüttert. Man hatte nicht damit gerechnet, so formulierte es Jürgen Habermas mit Blick auf das EU-Referendum, »dass sich Identitätsfragen gegen Interessenlagen durchsetzen würden«. Tatsächlich hatte die Strategie der Remain-Seite, den Britinnen und Briten die wirtschaftliche Zukunft ihres Landes außerhalb der EU in schwarzen Farben auszumalen, offenkundig nicht verfangen – und dies nur ein Jahr, nachdem der Wahlkampfstratege Lynton Crosby von den Medien als brillanter Kopf gefeiert worden war, der mit einer nüchtern auf die wirtschaftliche Kompetenz der Tories fokussierten Botschaft einen zwar nicht fulminanten, aber doch deutlichen und vor allem, angesichts anders lautender Umfragewerte: unerwarteten Sieg für die Partei des Premierministers bei den Unterhauswahlen eingefahren hatte. (mehr …)

  • Zwei Männer auf Reisen

    Es ist die Zeit der Verlagsvorschauen – zweimal im Jahr veröffentlichen die Verlage ihr neues Programm. Sinn und Zweck dieser Verlagsvorschauen ist es nicht in erster Linie, das Lesepublikum über Neuerscheinungen in Kenntnis zu setzen, sondern vor allem den Handel und das Feuilleton zu informieren, was in den Regalen der Buchhandlungen stehen und besprochen werden sollte. Diese Vorschauen sind demnach nichts anderes als Werbung, ihr Ziel es ist zu vermitteln, welches Publikum durch ein bestimmtes Buch angesprochen werden soll – manche Verlage, wie der Steidl-Verlag, haben diese spezifische Form der Werbung schon beinahe zur Kunstform erhoben. Wie jeder Text kann auch eine solche Verlagsvorschau mit den Mitteln der Literaturwissenschaft analysiert werden. Gerade aus einer literatursoziologischen Perspektive lassen sich aus einer solchen Analyse Schlüsse ziehen, die auf aktuelle Trends hinweisen und etwas über den gesellschaftlichen Blick auf Literatur aussagen. (mehr …)
  • Im Badambaum

    Was die Klimakatastrophe angeht (nur um einen der wild herumflatternden Fäden der letzten Kolumne wieder aufzunehmen): Wenn man das Melodramatische hasst, aber die Welt so dramatisch wird, dass man nicht mehr über sie schreiben kann, ohne dramatisch zu klingen und aus alter Gewohnheit den angemessen dramatischen Ton verächtlich für melodramatisch hält, muss man sich trotzdem abfinden mit dem Drama. Auch mit der Angst. Es nützt nicht viel, vor Angst nicht zu schreien in einem Augenblick, in dem vor Angst zu schreien nötig ist, nur weil man das Schreien vor Angst einfach nicht so richtig elegant findet.

    So wichtig Eleganz auch ist. Und sie ist sehr wichtig.

    (Der Essay ist im Maiheft 2019, Merkur # 840, erschienen.)

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  • Schleichendes Gift – die Gegenwart des Ressentiments

    Ressentiment ruht auf einem Komplex schleichend einwachsender, niedriger Gefühle – Groll, Unmut, Missgunst, Animosität, Übellaunigkeit –, die allesamt derart unangenehm sind, dass sie es als solche schwer haben, zu Bewusstsein zu kommen. Wenn sie bewusst wären, würden sie kein gutes Licht auf den eigenen Charakter werfen, was wir stets sorgfältig zu vermeiden versuchen, vor anderen ebenso wie vor uns selbst. Auch wenn Ressentiment zu kulturellen und politischen Großwetterlagen eskalieren kann, wächst der innere Grimm doch in der Regel eher klein und spießig im normalen Alltag heran, wenn wir uns wieder einmal über eine Welt empören, in der alles und jeder nur dazu da zu sein scheinen, uns den Tag zu vermiesen.

    (Der Essay ist im Maiheft 2019, Merkur # 840, erschienen.)

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  • Zur Verteidigung des Neids

    Es wird Zeit, den Neid zu verteidigen. Einer aktuellen Studie zufolge verspüren 33 Prozent der Deutschen »Sozialneid«. 1 Sie wollen den Reichen etwas wegnehmen, ohne selbst etwas davon zu haben. Das ist keine Kleinigkeit. Neid ist eine christliche Todsünde, er ist die »antigesellschaftlichste und verächtlichste aller Leidenschaften« (John Stuart Mill), das gelbe Monster, das den Neider von innen zerfrisst, Neid kennt keine Mitte wie andere Gefühle, kein Zuviel und kein Zuwenig, er ist, so Aristoteles in der Nikomachischen Ethik , wie Schadenfreude, Schamlosigkeit und Ehebruch, wie Diebstahl und Mord »die Schlechtigkeit an sich«.

    (Der Essay ist im Maiheft 2019, Merkur # 840, erschienen.)

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  • Aby Warburg, der Ethnologe

    Es ist bezeichnend, dass am Beginn der jüngeren Rezeptionsgeschichte Aby Warburgs eine Biografie steht. Ernst Gombrich, seit 1959 Direktor am Warburg Institute in London, dürfte sich schon von Amts wegen verpflichtet gefühlt haben, endlich das nachzuholen, was seine Vorgängerin Gertrud Bing trotz jahrelanger Vorbereitung nicht abschließen konnte: eine erste umfassende Gesamtdarstellung zu Warburg. Auf Englisch erschien Gombrichs Buch zuerst 1970, eine deutsche Übersetzung sollte elf Jahre später folgen.

    (Der Essay ist im Maiheft 2019, Merkur # 840, erschienen.)

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  • Erscheinen und Verschwinden des Lehrkörpers. Bildungskolumne

    Die Gefahr übertriebener Eleganz bei Lehrpersonen sei nicht groß, meinte der Präsident des Dachverbands Lehrerinnen und Lehrer Schweiz in der Neuen Zürcher Zeitung. 1 Dort wurde auch von einer Studie berichtet, derzufolge Lehrpersonen, die nicht nur fachlich gut, sondern auch in Kleiderfragen stilsicher seien, zu einem erfolgreichen Lernklima beitragen könnten. Das ist schön. Konkret: Hemd, Bluse und Jackett passen immer, Faserpelzjacken und Spaghettiträger sind zu vermeiden, ebenso kurze Röcke. Ärmellose Shirts gehen gar nicht, Kapuzenjacken sind ein anbiedernder Fehlgriff, auf Krawatten kann aber in jedem Fall verzichtet werden, gegen gesunde Schuhe hat niemand etwas, gepflegte Frisur beziehungsweise ordentlicher Haarschnitt sind wichtig, aber bitte keine fettigen Haare.

    (Der Essay ist im Maiheft 2019, Merkur # 840, erschienen.)

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