• Moldau, die Ukraine und Transnistrien

    Es ist, als läge der Friedhof selbst auf einem Friedhof. Als sei die Natur im Begriff, ihn zu begraben. Pflanzen aller Art wuchern zwischen den Gräbern, werden hier und da halbherzig zurückgedrängt, kämpfen sich stoisch zurück. Sonnenlicht bricht durch Baumwipfel und bedeckt die Toten mit einer Decke matt pulsierender Flecken. An diesem heißen Julitag des Jahres 2017 dämmert der jüdische Friedhof Chişinăus vor sich hin wie immer. Bis auf zwei ältere Arbeiter, die mit nackten, braungebrannten Oberkörpern träge zwischen den Grabsteinen hantieren, ist der Ort still und menschenleer. Nur die bunten Farben einiger frischer Blumen und ein paar neue Gräber im Norden geben Hinweise darauf, dass er noch in Betrieb ist. Der geradezu klischeehaft verwunschene Ort zeugt von einer wenig bekannten Geschichte der Multiethnizität, Migration und Verfolgung an den Rändern Europas. Irina Shikovas Finger huschen über das Display des Smartphones. »Fotos meines Babys und von Friedhöfen«, lacht sie, »so sieht gerade mein Leben aus. Ich bin süchtig nach Friedhöfen!« Die Mitarbeiterin an der Moldauischen Akademie der Wissenschaften in Chişinău forscht zur Geschichte der Juden in der Republik Moldau und ihren Vorläufern. Chişinău ist die Hauptstadt eines der jüngsten europäischen Nationalstaaten. 1991 ging die Republik aus der Konkursmasse des Sowjetimperiums hervor und versucht seitdem, in anhaltend labilem Zustand ihre Eigenständigkeit zu behaupten. Zuvor war die Gegend mal ungarisch, mal osmanisch, mal russisch, mal rumänisch, mal sowjetrussisch. In Moldau verschwimmen die Bestimmungen. De jure handelt es sich um einen autonomen Staat. Aber de facto? Eine Region? Eine Zwischenlösung? Eine Pufferzone? Shikova empfängt im bewachten, von hohen Mauern umgebenen Areal des 2005 eröffneten jüdischen Kulturzentrums KEDEM im Zentrum Chişinăus. Finanziert wird es von amerikanischen Spendern. Im Untergeschoss hat Shikova ein kleines improvisiertes Museum eingerichtet. Die quirlige Wissenschaftlerin stammt aus einer jüdischen Familie, die hier seit Generationen ansässig ist. Der wehrhaft anmutende Gebäudekomplex lässt ihre Bemerkung, die Juden fühlten sich heute sicher in der Stadt, in einem fragwürdigen Licht erscheinen. Doch Shikova winkt ab: »Wir verspüren keinen Hass oder Druck. Hinter Antisemitismus steckt meist ein allgemeiner Mangel an Kultur und Wissen. Und es kursieren nicht nur negative Stereotype. Man sagt auch über uns, wir seien alle so gebildet, wir würden immer zusammenhalten.« Ein wirkliches Problem bilde das Verhältnis von Staatspolitik und Sprache. Die meisten Juden in Moldau sprächen Russisch. Doch die offizielle Landessprache ist Rumänisch. Teile der Bevölkerung fühlen sich der russischen Kultur verbunden. Andere orientieren sich nach Rumänien, dem Westen, der Europäischen Union. Es gibt auch Nationalisten, die den Staat paradoxerweise in Rumänien integrieren, die moldauische Nation also auflösen wollen. Expats im eigenen Land, wenn man so will. Das sorge für Spannungen. Identitätspolitik wird in Sprachpolitik übersetzt – ein komfortabler Weg, um von handfesten Problemen abzulenken und Alltagszwiste zu existentiellen Konflikten aufzubauschen. (...)

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