• Konsequenzkunst

    Die Konsequenzlosigkeit regiert in diesen Tagen. Die einen möchten konsequenzlos Hassbotschaften senden, und die anderen möchten dem zuhören, ohne Konsequenzen tragen zu müssen. Ja, vielleicht steht dem von Enis Maci beschriebenen Wunsch nach einem safe space, in dem man konsequenzlos etwas Hasserfülltes sagen kann, wirklich der Wunsch gegenüber, sozusagen safe zuzuhören, also, ohne dass man gleich reagieren muss. Einfach mal kommen lassen. Als würden sich ansonsten die Dinge immer gleich überschlagen beim Zuhören. Als bräche dann eine Hektik aus.

    Oder was ist los mit denen, die immer wieder sagen, man müsse den Leuten endlich mal zuhören? Hören wir ihnen denn nicht andauernd zu? Sind nicht unser aller Ohren geöffnet, wenn der »Mann von der Straße«, der »einfache Mann«, der Rechtsradikale und der Populist, sozusagen die Björn-Höcke-Ausprägung der Öffentlichkeit, loslegt, schon allein deshalb, weil er uns mit dem, was er sagt, provoziert? Und was passiert dann? Überschlagen sich die Dinge wirklich? Vielleicht geht es ja darum, aus den hasserfüllten Botschaften das Brauchbare herauszudestillieren, den sozusagen einfachen Mann aus dem Rechtsextremen, und dann vielleicht noch den Mann aus dem Menschen, als ginge das; beziehungsweise aus dem inzwischen entstandenen Konglomerat in den Aussagen der sogenannt besorgten Bürger etwas, mit dem man umgehen kann und über das man mal reden sollte? Vielleicht geht es dann wirklich um Umverteilung, vielleicht um soziale Gerechtigkeit – nur was würde daraus erfolgen? Etwa Handlungen, Entscheidungen?

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  • Grindelviertel

    Wir haben uns im Keller des Völkerkundemuseums in der Rothenbaumchaussee kennengelernt, wo damals das ethnologische Seminar untergebracht war. Seit fast vierzig Jahren wohnen wir um die Ecke, in der Hallerstraße, in einer Erdgeschosswohnung. Über uns lebte Frau Müller, die als Tochter des Hausmeisters im Völkerkundemuseum aufgewachsen war und mit den Masken aus Papua-Neuguinea spielte, wie sie uns in ihrem astreinen Hamburger Platt erzählte. Sie hatte damit allen anderen Hamburgern etwas voraus, zu deren Ausbildung bis heute ein Besuch im Völkerkundemuseum und im Tierpark Hagenbeck gehört. Anfang letzten Jahrhunderts waren sie noch zu den Völkerschauen geströmt. Im Krieg, nach ihrem Umzug in die Hallerstraße, saß Frau Müller bei den Bombenangriffen im Luftschutzkeller. Aber sie hatte keine Angst, denn im Haus wohnte eine Wahrsagerin mit übersinnlichen Kräften, die versicherte, dass nur die Nachbarhäuser getroffen werden, und so kam es denn auch.

    Von Kolonialgeschichte und Bombennächten erzählte uns die Hamburgerin, während wir Zugereisten in unserem kleinen Vorgärtchen die Zwetschgen pflückten. Frau Müller lebt schon lange nicht mehr, und auch der Baum ist in die Jahre gekommen. Damals haben wir die Zwetschgen nicht gegessen, wegen des Bleis. Auf jeden Fall hat noch heute der Historiker Jürgen Zimmerer von der Hamburger Universität mit seiner Arbeitsgruppe alle Hände voll zu tun, um auf die überall in der Stadt präsente und völlig unhinterfragte Hamburger Kolonialgeschichte hinzuweisen. Das Völkerkundemuseum hat sich auch umbenannt und heißt nun »Museum am Rothenbaum, Kulturen und Künste der Welt«, abgekürzt MARKK, um so die Geister der Vergangenheit zu bannen.

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  • Rudolfsheim-Fünfhaus

    Im Sommer 1987 zog ich vom Land nach Wien. Ich bezog eine kleine Zimmerküchewohnung in einem heruntergekommenen Gründerzeithaus im 15. Wiener Gemeindebezirk, Rudolfsheim-Fünfhaus, in einem toten Winkel zwischen den beiden großen Verkehrsachsen Wienzeile und Gürtel. Die Wohnung war desolat; das WC am Gang galt es mit fahlgesichtigen Nachbarn fortgeschritteneren Alters zu teilen, die bereits meinen Bruder, den Vorbewohner, inbrünstig gehasst hatten, weil sie ihn durch die dünnen Wände hörten. Trotz dieser widrigen Umstände genoss ich das städtische Leben, saß oft und gerne auf dem breiten Küchenfensterbrett und las, die Melange aus Grautönen ringsherum aufsaugend, das Bein kokett in den Lichthof baumeln lassend. Nach einigen Jahren des fröstelnden Studentinnenlebens mit viel Nachtaktivität und Kulturboheme – alles in anderen Bezirken und zumeist innerhalb des Gürtels – wurde ich dann aus der Wohnung geschmissen, weil ein neuer Eigentümer die kleinen Wohnungen zusammenlegen und mehr Geld verdienen wollte.

    Rudolfsheim-Fünfhaus vermisste ich nicht. Im 16. Bezirk, in Ottakring, fand ich eine vergleichbar ärmliche, aber lebendigere Umgebung. Der Eiserne Vorhang fiel, Österreich trat der Europäischen Union bei, Wien wurde bunter; ich ging auf akademische Wanderschaften ins Ausland. G. und ich zogen irgendwann nach Neubau (7. Bezirk) und konnten dann dort über die mittlerweile neoliberalisierte Kulturboheme und AirBnB-Touristen vor der Haustür ätzen. Im letzten Jahr zogen wir von dort nach Rudolfsheim-Fünfhaus, und zwar in den nördlich der Westbahntrasse gelegenen Teil des Bezirks.

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  • Nippes

    Nippes, gelegen im Kölner Norden, direkt an der Stadtgrenze zur Innenstadt, kann nur wenig Mythos für sich beanspruchen. Die Kölner Südstadt hat Böll und BAP, die Hausbesetzungen der achtziger Jahre und Lukas Podolskis Apartment im Rheinauhafen. Das Belgische Viertel kann sich mit den Studios von Mauricio Kagel und des »Sound of Cologne« schmücken. Außerdem waren dort die Redaktionsräume der Spex , und Rolf Dieter Brinkmann ist auch öfter mal durch die Straßen gelaufen. Nippes hat nichts von all dem. Rainer Werner Fassbinders Proletariats-Serie Acht Stunden sind kein Tag , die 1972 vom WDR ausgestrahlt wurde, spielt zwar in der Nippeser Turmstraße, gedreht wurde aber in Wuppertal. Das Nippeser Stadtbild besteht aus Gründerzeitbauten und den für Köln typischen verklinkerten Mehrfamilienhäusern aus der Nachkriegszeit. Es ist austauschbar. Kurz nach meinem Einzug hing ein Zettel an der Haustür. Nächste Woche könne man vor dem Haus nicht parken. Der Grund: Dreharbeiten – für Lutter, der Ruhrgebietskrimi .

    Trotzdem gilt Nippes als das kölscheste der Kölner Veedel. Seitdem ich vor fast neun Jahren nach Köln gezogen bin, habe ich nie woanders gewohnt. Für mich ist Köln gleich Nippes und Nippes gleich Köln. Aber »kölsch« fungiert in dieser Stadt zuerst als leerer Signifikant. Die rechten Hooligans, die nach der Hetzjagd in Chemnitz am Kölner Hauptbahnhof gegen eine »Asylflut« auf die Straße gingen, bezeichnen sich ebenso als »kölsch« wie diejenigen, die beim Protest gegen den AfD-Parteitag 2017 den Stammbaum von den Bläck Fööss gesungen haben, in dem in kölscher Sprache die soziale Diversität Kölns gefeiert wird. Es gehört zum Kölner Selbstbild, sowohl interkulturelle als auch Klassenkonflikte so zu moderieren, dass man relativ reibungslos nebeneinander leben kann.

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  • Neukölln

    Ein Jahrzehnt lang – von Mitte der neunziger bis Mitte der nuller Jahre – hatten wir im Ausland Ferienhäuser von Deutschen gehütet; dann war es genug. Es sollte wieder ein fester Wohnsitz sein, und zwar in Berlin. Dem eigenen Selbstverständnis nach hätte es Kreuzberg sein müssen, aber Kreuzberg war nicht mehr zu bezahlen. Dann eben das angrenzende Neukölln. Wir mieteten eine zufällig entdeckte Dachgeschosswohnung, die offenbar schon länger leer stand.

    Freunde sagten: schöne Wohnung, aber in diesem Bezirk könne man doch nicht wohnen. Offenbar war das statusmäßig peinlich. Und eine auswärtige Freundin kam uns sogar lieber mit dem Taxi als per U-Bahn besuchen. Sie lese doch überall, wie gefährlich, wie kriminell Neukölln sei. Wir fanden es okay. Zwischen Türken und Arabern und alteingesessenen Neuköllnern fühlten wir uns zwar nicht dazugehörig, aber auch nicht ausgegrenzt. In unserem fünfgeschossigen Mietshaus gab es eine kurdische Familie und ansonsten nur Deutsche: unter anderem ein älteres Handwerkerehepaar, einen Alki, der irgendwann tot in seiner Einzimmerwohnung gefunden wurde, einen Studenten, eine junge analphabetische Flaschensammlerin, die sich bald bei uns beklagte, dass die straff organisierten neuen Russen ihr das Geschäft vermasselten, und eine klassische Hartzvierlerfamilie. Im Nebenhaus wurde ein Etagenpuff betrieben.

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  • Die Banalität rhetorischer Manipulation

    Selten in der Geschichte war es so wichtig, sich gegen Manipulationen zu wappnen wie heute. In Deutschland spielt die AfD mit Rednerinnen wie Alice Weidel auf der rhetorischen Klaviatur, die nicht überzeugen, sondern überreden und überwältigen will und die mit ihren provozierenden Tiraden im Deutschen Bundestag die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich zieht. In den Vereinigten Staaten ist mit Donald Trump ein Demagoge, der manipulative Strategien auf seinen verschiedenen Kommunikationskanälen sendet, sogar der Regierungschef. Nicht hinzuhören ist daher keine akzeptable Strategie, weil es den Demagogen die Bühne überlässt und ihnen das letzte Wort gibt. (mehr …)

  • AfD (um 1500)

    Wenn sich Gesellschaften in Unruhe befinden, haben historische Vergleiche Konjunktur. Die bundesdeutsche Unruhe etwa schlägt sich aktuell in der Rede von den »Weimarer Verhältnissen« nieder, die die Erfolge von AfD, Lügenpresse-Rufen und BRD-GmbH-Verdächtigungen einordnen und prophezeien soll, wie sich dies weiter entwickeln könnte. Hier aber liegt eine mögliche Schwäche des Weimar-Vergleichs. Die Last der Geschichte steht ihm häufig im Weg. »Weimar« hält das Material für das singuläre deutsche Weltverbrechen Holocaust bereit, es führt nach »Auschwitz«. Die AfD ist aber – Grund zu wenigstens dieser Hoffnung besteht – keine NSDAP 2.0. Vielleicht hilft es angesichts dieses Problems, sich einer Vergleichszeit zu widmen, die frei von einer solchen Last ist, so dass man beruhigt mit ihr gedankenspielen kann.

    Mir kommt dabei vor allem eine historische Phase in den Sinn: die Jahre zwischen etwa 1475 und 1510. In dieser Zeit wird nämlich eine rhetorische Spur gelegt, die bis heute auftaucht, wenn etablierte Ordnungen infrage gestellt werden. Mit dem Beginn der Moderne entsteht zugleich das antimoderne Ressentiment, mit dem diese Moderne in einer Gegenbewegung desavouiert wird. Ja, es ist ihr genuines Merkmal, dass mit ihrem Beginn jene Kräfte die Bühne betreten, die sie bekämpfen. Setzt man AfD etc. (Trump, Brexit usw.) vor diesen Zeithorizont, dann kann man darin die tausendste Ausgabe einer Moderneverachtung erkennen, die nur ganz am Anfang neu gewesen ist – eine Verachtung, die auch »Weimar« kennzeichnete.

    Im historischen Niemandsland um 1500 ist die politische Stimmung angespannt. Selbsternannte Propheten, Prediger, bestenfalls geduldet von den kirchlichen Autoritäten, ziehen durch die Städte, prangern die adligen, kirchlichen und wirtschaftlichen Eliten an, werfen ihnen vor, sie würden das einfache Volk nicht mehr repräsentieren, seien in ihren jeweiligen Ständen von den Sorgen der Mehrheit abgeschirmt. Auch hier: Formen von »Zornpolitik« und »großer Gereiztheit«, so die Schlagworte, mit denen Uffa Jensen und Bernhard Pörksen den gegenwärtigen Populismus benennen. Der sogenannte Pfeifer von Niklashausen agitiert 1476 erregt gegen die Eliten: »Der Kaiser ist ein Bösewicht und mit dem Papst ist es nichts. [Sie bringen] nur Zoll und Belehnung über das Gemeine Volk«, soll er vor siebzigtausend Wutbauern gepredigt haben. Siebzigtausend, das sagen zumindest die offiziellen Chroniken; wahrscheinlicher ist, dass es wenige Tausend waren. Das Establishment ist nämlich im gleichen Maße abgestoßen wie fasziniert, weshalb die Schreibenden gebannt auf die »Figur des Hässlichen« schauen, den grotesken Körper der hier wuterfüllt Schnaubenden in den Mittelpunkt ihrer Beschreibungen setzen.

    Um 1500 entdeckt man, was noch im Blick auf die Pegida- oder Chemnitz-Märsche wichtig sein wird: Zum Beobachten des Politischen gehört es, Affektpoetiken zu verfolgen, da Aufstände gegen politische Ordnungen zugleich Aufstände gegen ästhetische Ordnungen sind, die auf der Kontrolle des Körpers aufbauen – man denke nur an das schnell entstandene Wandbild mit dem Pegida-Demonstranten Maik G., das durchaus in einer Bildtradition mit dem hitlergrüßenden Deutschland-Trikotträger in eingenässter Hose aus Rostock-Lichtenhagen steht.

    Um 1500 wird auch wegen solch faszinierter Abscheu die Bedeutung der Propheten und ihrer Anhängerschaft von den Zeitgenossen – unter denen die Schreibenden natürlich zu den Angegriffenen gehören – völlig überzeichnet. Es reichen ein paar Bauern, die mit Mistgabeln und Wutfratzen gegen zu hohe Steuern demonstrieren, und schon ist von »gefährlichen Zusammenrottungen« die Rede. Lokal begrenzte Aufstände, nicht in Dresden, sondern im Thüringischen beziehungsweise Süddeutschen, werden entsprechend von beiden Seiten als Erhebungen hypostasiert, die die gesamte Ordnung infrage stellen.

    Neue Medien und die Entdeckung des »Volkes«

    Mit der Erfindung der Druckerpresse verbreitet sich das geschriebene Wort sehr viel schneller, Nachrichten – natürlich auch fake news  – erreichen nie dagewesene Reichweiten. Und es ist kein Wunder, dass auch erst jetzt so intensiv vom »Volk« gesprochen werden kann. Vorher waren »die da oben«, die »kleinen Leute« und die »Mächtigen« Größen, die man als Handwerker oder Bauer lediglich aus dem Face-to-face - Kontakt oder aus Predigten kannte. Die neuen Medien aber schaffen eine wichtige Integration. Sie vermitteln – zunächst unter den Lesenden, die dies dann weitergeben – das Wissen, dass es (lesen ...)

  • Arendt und Amerika

    »Niemand hat je bezweifelt, dass es um die Wahrheit in der Politik schlecht bestellt ist«. Dieses Fazit – von Hannah Arendt vor bald fünfzig Jahren gezogen – sagt man uns heute, »könnte gestern geschrieben worden sein. Arendts Diagnose einer systematischen Verlogenheit und der Gefahr, die daraus für das Faktische erwächst, ist höchst relevant.« 

    Höchst relevant ist diese Einsicht nicht zuletzt deshalb, weil ausgerechnet der »mächtigste Mann in der Welt« lügt wie gedruckt. Keiner kann ihm darin auch nur annähernd das Wasser reichen: »Präsident Trump hat in 558 Tagen 4229 falsche oder irreführenden Behauptungen aufgestellt.« Eine andere Zählung kommt zum Ergebnis, dass er im Lauf seiner ersten zehn Monate im Amt sage und schreibe sechsmal so häufig geschwindelt hat wie sein Vorgänger über acht lange Jahre hinweg.  (mehr …)

  • Verlarvung. Der Briefwechsel zwischen Arno Schmidt und Hans Wollschläger

    Ein älterer und ein jüngerer Mann. Eine Generation trennt sie und auch der Umstand, dass nur der Ältere Mitglied der Wehrmacht gewesen ist. Sie trennen Herkunft und Sprache, körperliche Erfahrungen. 1957, als sie sich das erste Mal schreiben, ist Arno Schmidt schon ein bekannter Schriftsteller. Hans Wollschläger will erst noch einer werden und arbeitet im Karl-May-Verlag in Bamberg. Das bestimmt zunächst und über lange Zeit hin ihren Briefwechsel. Neben die anfänglich offizielle Korrespondenz treten nach einem ersten Besuch Wollschlägers bei Schmidt in Darmstadt dann fast nur noch private Schreiben. Wollschläger erfüllt in Schmidts literaturstrategischem Spiel immer mehr die Rolle eines Maulwurfs, der ihm Interna und unerlaubt seinerzeit noch vor der Öffentlichkeit verborgene Dokumente aus dem Karl-May-Verlag zukommen lässt. Erst nach einer ganzen Weile geraten auch Wollschlägers eigene literarische Ambitionen in den Blick. Schmidt versucht, letztlich erfolglos, ihm Türen bei Verlagen zu öffnen, verschafft ihm aber immerhin Aufträge für Übersetzungen.

    Das erste Treffen, knapp ein Jahr nach Wollschlägers erstem Brief im September 1957, protokolliert Schmidt, wie spätere Besuche auch, peinlich genau. Er notiert, dass Wollschläger 1,70 Meter groß sei, 23 Jahre alt und »dürr & hinfällig«. Er sei »intelligent und voller unfertiger Pläne«, schneide »begreiflicherweise derb auf (von Konzerten in New York und Prag)«. Wichtig ist Schmidt auch, dass er »Angestellter mit 350,– Gehalt« sei, »Spesen extra«. Andere Besucher wurden in Schmidts Buchhaltung ebenso rücksichtslos verarbeitet.

    Im nächsten Brief begibt sich Wollschläger explizit in die Schülerrolle und dankt »für das, was Sie und Ihre Arbeiten mir bedeuten: für das, was ich von Ihnen lernen kann (– es ist seltsam und erstmalig für mich: eigentlich bin ich in dieser Hinsicht kaum einem Lebenden verpflichtet; meine Quellen liegen sämtlich – im wörtlichen Sinne – bereits irgendwo begraben)«. Schmidt unterstreicht sich, wie in vielen Briefen seiner Korrespondenten, diese Passage fein säuberlich mit einem Lineal. Höflich und freundlich im persönlichen Umgang erlebt ihn Wollschläger. Dagegen aber steht Schmidts permanenter Wutdruck, der sich dann schriftlich, zunächst im Tagebuch oder in Protokollblättern entlädt. Von innerer persönlicher Freiheit erzählt das nichts Gutes.

    Das inhumanste Literatur-Buch

    Vor dem Krieg hatte der junge Schmidt versucht, im Karl-May-Jahrbuch seine erste Veröffentlichung unterzubringen, mit der Entdeckung, dass May eine Figur seines späten Romans Im Reiche des silbernen Löwen Friedrich Nietzsche nachgebildet hätte. Der kurze Aufsatz wurde von dem »kleinen, häßlichen Verlag«, wie Schmidt ihn schon 1933 in einem Brief genannt hatte, nicht gedruckt. Die Werke Karl Mays, zumal die späten, hat Schmidt immer dechiffrierend gelesen, ganz so, wie später seine eigenen Bücher gelesen wurden. Tarnung als Prinzip, Maskerade als System teilt er Wollschläger schon in einem der ersten Briefe unfreiwillig prophetisch als Konstanten seiner schriftstellerischen Arbeit mit: »Dann mischen sich Spieltrieb, Rachegelüst, Freude an der Verlarvung, Interesse an der Erprobung solch künstlerischer Möglichkeit … derart intensiv, daß es zur größten Gefahr wird, Thema und Verfahren tot zu reiten.«

    Nach dem Krieg nimmt Schmidt erneut Kontakt auf, doch schon bald entwickelt sich eine ebenso lustvoll wie erbittert geführte Fehde gegen die editorischen Fehler des Verlags und die hagiografische Verunstaltung der Werke. Dieser Feldzug findet erst mit zwei Büchern sein Ende: Schmidts May-Buch Sitara und der Weg dorthin von 1963 und in gewisser Weise auch mit Wollschlägers May-Biografie von 1965. Sitara ist für Schmidt nach jahrelangem publizistischen Anrennen in Zeitungen und Radioprogrammen die ultimative Zertrümmerung des Hauses, das ihm einst den Einlass verwehrte.

    Natürlich steht das Buch auch für eine literarische Sprachverpuppung in selbstgebasteltem Psychoanalyse-Jargon, die für Schmidts spätere Poetologie prägende Selbstentdeckung, dass alles Sprechen und Schreiben von sexuellen Konnotationen unterfüttert ist. Bald darauf wird diese noch vorläufige Konstruktion mit Zettel’s Traum zum überdimensionalen Verhau ausgebaut. Doch der großangelegte Versuch, Karl May in Sitara als Homosexuellen zu entlarven, soll endlich eine Rechnung begleichen. Zwar stellt Schmidt seine Studie über Wesen, Werk (lesen ...)

  • Public History auf Abwegen. Heimatgeschichte als Einladung

    referenzbild

    Abbildung 1: Das Referenzbild. Aufgenommen von Annett Röber, 2. 1. 2018

    »Du siehst, mein Sohn, zum Raum wird hier die Zeit«, lässt Richard Wagner seinen Ritter Gurnemanz am Ende des ersten Aufzugs zu Parsifal sagen. Wenn man das obige Bild betrachtet, ein etwas düsterer Gelegenheitsschnappschuss, rasch mit einer Handykamera in Nordsachsen aufgenommen, käme einem das sicher nicht gleich in den Sinn. Man sieht nicht viel. Wem man es zeigt, der rätselt etwas verständnislos. Irgendetwas mit NVA? Und doch handelt es sich um ein Geschichts-Bild sondergleichen.

    Man beobachte den eigenen Blick, der wird zunächst angezogen von: erstens den beiden bemoosten Betonelementen im Vordergrund, diese blockieren zweitens einen grasbewachsenen Weg, eher Pfad; links ist drittens ein kleiner verwachsener Graben zu erkennen, daran anschließend viertens ein weites, ebenes Feld. Die ungepflegten Bäume (Robinien, Pappeln, Eschen) links und rechts des Weges scheinen fast eine Allee zu bilden, aber das kann täuschen. Zur Rechten, vorn, fünftens eine kleine freie Fläche, dahinter sechstens ein kleines, wildes Gehölz. In der Bildmitte als Maßstab ein Fahrrad. (mehr …)