• Video: Dirk Knipphals im Gespräch | Zweite Lesung

    Dirk Knipphals empfiehlt zur Zweiten Lesung einen Rezension, die der gerade erst 25-Jährige Rainald Goetz 1979 für den Merkur verfasst hat. In seiner Kritik von "Der Mensch erscheint im Holozän" von Max Frisch zeigen sich bereits erste Tendezen seiner späteren literarischen Sprache. Ein Gespräch mit den Herausgebern Ekkehard Knörer und Christian Demand. (mehr …)
  • Ich ist eine andere

    Der Dreh kam jedenfalls nicht durch die Medienwissenschaftlerin. Der Dreh wurde später von jemand anderem hineingebracht. Es ging ja eigentlich auch um das Thema Gerechtigkeit, und Sarah Sharma aus Toronto erzählte uns etwas von US-Demokraten, die jetzt lieber keine Zeitung mehr lesen würden, da drüben in den Staaten. »Verschont uns mit den Medien!« Das wäre auch ein Umgang mit Trump, fügte sie ironisch hinzu.

    Es gab sogar schon einen Namen für diese Gruppe. Die Ignoranten? Die Vermeider? Ich habe es leider vergessen. Nur die Gegenfigur, der »social injustice warrior«, ist mir noch sehr deutlich in Erinnerung, eine Sozialfigur, die Sarah Sharma ironisch als einen postpubertären oder ewigpubertären Blödkopf im Keller bei Mutti zu Hause sitzend skizziert hat. Männer mit sozialen Defiziten oder sozial herausgeforderte und auf eine bestimmte Weise männlich identifizierte Wesen, die ihrer Wut drastischen medialen Ausdruck verleihen.

    Ich habe an jenem Abend nicht verstanden, ob es sich um Ironie oder um eine soziologisch relevante Beschreibung handelte, und auch nicht, was das mit dem Gerechtigkeitsbegriff zu tun hatte, der auf diesem Podium verhandelt wurde, von juristischer, soziologischer und medienwissenschaftlicher Seite. Irgendwie waren mir die Trolle und Hater aus dem Netz da zu unvermittelt oder zu konkret.

    Draußen begann ohnehin alles gleichzeitig, zumindest der Frühling und der Sommer, die US-Strafzölle und Nichtstrafzölle, die Asylgesetzfragen und die Einreiseunwilligkeit gewisser politischer Vorstellungen in die Köpfe, etwa die Genfer Konventionen. Humanismus verkam zur gedanklichen Sperre, wurde benannt als Denkverbot, das von klugen Köpfen heute angeblich umgangen werden müsste, um irgendwohin zu kommen, nur wohin? Die italienische Regierung formierte sich bereits, die österreichische agierte bereits, die ungarische und die polnische lassen sich nichts mehr sagen.

    Und hier drinnen im merkwürdig dunkel gehaltenen Raum sprachen vier Menschen beinahe nebeneinander, Nikita Dhawan auf äußert lebendige Weise. Sie, so erinnere ich mich jetzt, widmete sich den transnationalen Gerechtigkeitsfragen – wer verlangt in wessen Namen Gerechtigkeit und vor allem gegen wen? Und ist die Gerechtigkeitsforderung heute eine hauptsächlich aktivistische Position? Wenn man sich vor dem Münchner Oberlandesgericht aufhält, könnte man auf die Idee kommen, habe ich damals noch etwas oberschlau hinzugefügt.

    (...)

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  • Nachgespielt oder: Der subjektive Faktor

    Wir fanden die Idee großartig und uns auch. Vier Leute auf Tournee, wie ABBA: zwei Männer, zwei Frauen. Wir erzählen Geschichten aus unserer Zeit, 68 und was dann kam, und machen ein bisschen Musik dazu. Wir alle haben eine kleine Geschichte von damals auf Lager, subjektiv, unterhaltsam, ein bisschen ironisch, ein bisschen sentimental. Eine gute Mischung, denken wir.

    Wir haben um die Honorare gefeilscht, aber wir werden kaum etwas verdienen. Wir versuchen kein Minus zu machen. Das wäre gegen unsere Künstlerehre, und wir sind doch Künstler, oder.

    Zu viert fahren wir in Joachims Kombi durch die Republik, also durch ein paar Landstriche. Wir sehen Städte wie Paderborn, Braunschweig, Oldesloe, Bargteheide, Hanau. Weil Vera Angst vor der Autobahn hat, fahren wir über die Landstraßen, aber da wird mir schlecht. Joachim fährt. Zu schnell.

    Unsere Übernachtungen wie auf Klassenfahrt, das Mädchenzimmer und das Jungszimmer. Überall Unterwäsche und Chipstüten.

    Wenn Vera etwas mit Thomas anfinge, hätte das schlimmere Folgen, als es früher gehabt hätte. Also fängt sie nichts mit Thomas an. Thomas hat eine Frau zuhause, und Vera inzwischen auch. Wäre auch kompliziert, so auf der Reise, für Joachim und mich. Was machen wir dann die ganze Zeit – in der Gaststube Schiffe versenken?

    Wir treten in kleinen Kulturzentren, Buchhandlungen, Nebenzimmern von Stadthallen auf. Die Leute lachen so viel. Aber unsere Geschichten sind eigentlich nicht lustig. Liegt es daran, wie wir sie erzählen?

    Manchmal fragen wir: Wo sind wir? Warum können wir uns alle nicht an Paderborn erinnern?

    Joachim liest nur selten, meist spielt er Akkordeon. Er kann die Leute verzaubern und wie Tanzbären an der Nase herumführen. Er spielt die Internationale und die anderen alten Kampfgesänge so, dass alle lächeln, auch der Kulturmensch von den Freien Wählern.

    Was machen wir da eigentlich? Wir sind eine neue Band (es gibt ja kein Wort für Schreiber, die zusammen auftreten), eine neue Band aus alten Leuten. Wir müssen alt sein, sonst könnten wir von diesen Dingen nicht erzählen. Zeitzeugen on the road.

    Es fing schon bemerkenswert an. Im Juli, nach der ersten Veranstaltung, saßen wir bei Thomas auf der Terrasse. Zum Planen. Wir aßen ganz wundervolle Sachen und tranken mittags schon Wein.

    Aber vorher mussten wir an den toten Autos vorbei. Starke, schlanke, junge Männer (Frauen waren wohl auch dabei, aber man konnte das nicht gleich, sondern nur später am Gang sehen, in dem Video, das einer vom Nachbarbalkon hinter seiner Grünpflanze gemacht hatte), junge Männer also hatten sie angezündet. Sie hatten genau das getan, was sie Wochen und Monate zuvor auf den bunten Seiten im Netz versprochen hatten. Und sie hatten »Anticapitalista« gerufen, rhythmisch, in einem präzise eingeübten Dreischritt. Ja, rhythmisches Rufen war schon eine Weile wieder üblich, es kam aus allen Richtungen, überhaupt waren seit einiger Zeit die alten Formen zurückgekehrt, die Blockaden, Besetzungen, das Unterbrechen von Veranstaltungen. Diese Formen schienen weltanschaulich neutral geworden zu sein. Es war nur auffällig, dass so viele Transparente und Plakate perfekt aussahen, überall auf der Welt sahen sie so aus, gedruckt, wasserfest, nicht selbstgemacht. Es schien eine Industrie dafür zu geben, während wir damals nächtelang gepinselt und Stoffe auf Latten genagelt hatten. (Hatten wir? Wir Antirevisionisten nicht, das machten doch immer die ungeliebten Bündnispartner, die nachts die Flugblätter und die Transparente herstellten, dankbar, dass sie mitmachen durften, in Erwartung eines Tages, an dem sich die Kräfteverhältnisse ändern und wir anderen im Bastelkeller verschwinden würden.)

    Wir kommen immer wieder auf diesen Morgen mit den verbrannten Autos zurück. Und auf das Gefühl, über das wir nur in Andeutungen sprechen: Niemand liebt die Autos anderer Leute, und überhaupt muss es mit dem Verbrennungsmotor irgendwann endlich mal zu Ende gehen. Aber darum war es den jungen Leuten in ihren körpernahen glänzenden Anzügen ja nicht gegangen, und wenn, dann hätten wir ihnen geraten, doch die Schauräume der großen Autohändler direkt anzugehen und nicht den Kleinwagen der Nachbarin, die noch ahnungslos schlief, bevor sie zu ihrer Spätschicht musste. An diesem Auto der Nachbarin konnten wir dann doch so etwas wie ein Mitgefühl festmachen. Aber es war ein Gefühl, das flach und flügellahm war, ein Gefühl, das man herstellen, hervorrufen musste, um den ersten Reflex zum Schweigen zu bringen.

    Thomas mit seinem Staubsauger im Flur. Thomas hat kein (lesen ...)

  • Der sinnliche Professor

    Alle paar Jahre erscheint ein Essay, der die Frage nach sexueller Belästigung an der Universität zum Anlass nimmt, über die schwammigen Grenzen von Lehre und Sex zu sinnieren. Zwar ist das gängigste Erzeugnis dieses Genres die selbstgefällige Apologie eines älteren, männlichen Schwerenöters, aber die Autoren sind weder immer alt noch ausschließlich männlich. Und obwohl einige von ihnen Sex zwischen Studierenden und Professoren (oder Professorinnen) verteidigen, gibt es viele, die das nicht tun.

    Diese Letzteren haben etwas Edleres, eher Griechisches im Sinn. Ihnen geht es nicht um Geschlechtsverkehr, sondern um Seelenverwandtschaft. Eros ist ihre Muse, Wissen ihr Verlangen. Wir anderen – wir mit unseren herummarodierenden Belästigungs-Spähtrupps und unserer einfältigen Regel- und Vorschriftsgläubigkeit – übersehen, dass Bildung erotisch aufgeladen ist, und wir haben keine Ahnung davon, dass sich zwei heiße Teilchen allein geistig auf Hochtouren bringen können. Durch unsere Bestrebungen, Sex zu verhindern, riskieren wir, jeden Sexappeal zu verlieren. Diese Autorinnen und Autoren plädieren gegen Schwarz-Weiß-Denken und für Komplexität: Nicht damit der Lehrkörper mit den Studierenden schlafen kann, sondern damit wir offen und ehrlich über Grauzonen in der Lehre sprechen können, darüber, dass die züchtigste Pädagogik solche Funken schlagen kann, dass sie nicht nur an Erotik erinnert und sich so anfühlt – sondern vielleicht sogar dasselbe ist. Ich nenne dieses Genre Der sinnliche Professor .

    Der neueste Beitrag ist der Essay The Erotics of Mentorship von Marta Figlerowicz und Ayesha Ramachandran, der im April in der Boston Review erschienen ist. Figlerowicz und Ramachandran sind Literaturwissenschaftlerinnen, wie viele Verfasserinnen dieses Genres. (Sie werden niemals Professoren der Chemie oder der Demografie unter den Autoren eines solchen Stücks finden.) Und wie viele von ihnen schätzen sie den Sexappeal von Akademia sehr hoch ein. »Wahrscheinlich gibt es keine anderen Orte«, so teilen sie uns mit, »die anfälliger für die Vermischung von Arbeit und Romantik sind als Colleges und Universitäten.« Selbstredend hat diese Annahme mehr mit dem glücklichen Umstand zu tun, dass beide Teil von Akademia sind, als mit irgendeinem haltbaren Vergleich zwischen der Universität und anderen Arbeitsstellen. Schließlich ist die Büroromanze ein geläufiger Teil der Populärkultur, deren Schauplätze von einer Bar (Cheers) über eine Detektei (Moonlighting) oder eine Firma für Bürobedarf (The Office) bis hin zu einer Versicherungsagentur (The Apartment) reichen.

    Figlerowicz und Ramachandran halten auch die Attraktivität der Einwohner von Akademia für besonders hoch: »Eine der zentralen Eigenschaften des Unilebens ist die Verbindung von reizvollen Ideen mit charismatischen Leuten.« Im Fortgang des Texts wird klar, wer diese charismatischen Leute sind: die mit Professuren. So weit die sinnliche Professorin über den sinnlichen Professor. Wenn Figlerowicz und Ramachandran schreiben, dass »Studierende oft ein Kribbeln im Bauch haben, wenn ihnen eine eindrucksvolle Dozentin begegnet, die genau das verkörpert, wofür sie gerade eben leidenschaftlich entbrannt sind«, denken sie an das, was sie selbst als Studentinnen empfunden haben. »Für viele von uns«, so geben sie später zu, »sind die charismatischen Dozenten von damals noch immer Leuchttürme.«

    Tatsächlich besagt eine Genrekonvention, dass sich die sinnliche Professorin zunächst auszumalen hat, was ihre Studierenden wohl empfinden, und zwar anhand dessen, was sie selbst einmal empfunden hat, was sie sodann als allgemeingültig darstellt (»Intellektualität wirkt magnetisch, und ihre berüchtigte wandelbare Anziehungskraft geht oft auch in Erotik über«), wobei sie kaum Notiz davon nimmt, dass diese Gefühle aus ihrer Studienzeit stammen, als sie ihre Laufbahn zur Professur schon angetreten hatte. Was ist mit einer Studentin, die eine Laufbahn als Personalerin vor sich hat? Oder als Steuerberaterin?

    Die Frage kommt nie auf, weil es im schummrigen Hinterstübchen des sinnlichen Professors nicht um Sex, sondern um Klasse geht. Figlerowicz und Ramachandran unterrichten an einer Eliteuniversität: Yale. Allan Bloom, der Autor von The Closing of the American Mind , war Professor an der University of Chicago. William Deresiewicz’ Love on Campus wurde 2007 in The American Scholar veröffentlicht, als er ebenfalls (lesen ...)

  • Ein Mann und ein Junge, 1933. Zur Edition des Briefwechsels zwischen Wolfgang Frommel und Friedrich W. Buri

    In der jüngst veröffentlichten Edition des Briefwechsels zwischen dem Stefan-George-Anhänger Wolfgang Frommel (1902–1986) und seinem jüngeren Freund Friedrich W. Buri (1919–1999) findet sich ein Foto. Es entstand 1933 in Frankfurt und zeigt einen gutaussehenden und vielleicht etwas zu selbstbewussten Einunddreißigjährigen mit klaren Augen, in einem schwarzen Hemd, mit schwarzer Krawatte und einen zarten, unsicheren, dunkeläugigen, eher kleinen vierzehnjährigen Jungen. Der Junge steht direkt hinter Frommel, sein Kopf lehnt an dem seines älteren Freundes. Das Foto in dem von Stephan Bischoff herausgegebenen Band soll wahrscheinlich die Bedeutung und die Reinheit dieser Freundschaft illustrieren, die auf Georges Interpretation des griechischen Konzepts des pädagogischen Eros beruhte: Ein älterer Mann lehrt einen Heranwachsenden mit Herz und Verstand, eine starke Persönlichkeit zu werden.

    Wie weit das Erotische bei dieser Form der Erziehung ging, auf die George natürlich kein Patent hatte und die in vielen deutschen Internaten praktiziert wurde, war schon immer eine umstrittene Frage. Antworten gab es durch die Aufdeckung des sexuellen Missbrauchs von Jungen durch einige der Befürworter dieses Konzepts, insbesondere Gustav Wyneken und Gerold Becker. Das Presseecho war entsprechend gewaltig. Der sehr diskrete und heimlichtuerische George blieb dabei meist außen vor, auch wenn sein Name als Inspiration für den Missbrauch an der Odenwaldschule oft erwähnt wurde. Wirklich deshalb, weil George »anders« war, wie es einer seiner Verteidiger damals formulierte? [2. Christoph Fricker, Stefan George ist anders . In: Welt vom 3. April 2010 (www.welt.de/welt_print/kultur/literatur/article7034879/Stefan-George-ist-anders.html ).]

    Bischoff will tatsächlich zeigen, dass die vielen Briefe in diesem mehr als 900 Seiten umfassenden Buch »eine große, einzigartige Freundschaft« vor Augen führen, wie er in seiner Einführung schreibt, und dass sie »eine leidenschaftliche Freundschaft zu einem jungen Menschen, anfangs noch Kind« dokumentieren, »die manchmal allzu schnell tabuisiert wird«, tatsächlich aber »nicht nur eine geistig prägende, sondern auch eine lebensrettende Erfahrung werden kann«.

    Natürlich weiß er, das zeigt nicht nur die Verwendung des Worts »tabuisieren«, vom Verdacht der Pädophilie oder Pädosexualität, der über dieser Freundschaft liegt. Bischoff nähert sich dem Thema in der Einführung auch ganz direkt, nur nicht sehr klaren Verstands. Über die »Kontroversen« um Frommel schreibt er: »Belege der Pädophilie liegen nicht vor. Der junge Buri war für Frommel Schutzbefohlener, was nicht ausschließt, dass sich im Laufe der Beziehung auch homoerotische Elemente entwickelten. Diese waren für Buri allerdings weder dauerhaft noch mit Schaden verbunden, wie der vorliegende Briefwechsel belegt.«

    Was will er damit sagen? Etwa dass – und nennen wir es beim richtigen Namen und verharmlosen es nicht als »homoerotische Elemente« – pädophile sexuelle Kontakte in Ordnung sind, wenn kein langfristiger Schaden entsteht? Das wäre eine verblüffende Argumentation, die zudem den Verdacht keineswegs ausräumt, sondern eher verstärkt. Man darf sich darüber hinaus durchaus fragen, woher Bischoff die Autorität nimmt, Buris geistigen Gesundheitszustand zu beurteilen. Wie er in der Einführung schreibt, traf er ihn 1978, als Buri fast sechzig Jahre alt war, worauf sie rasch enge Freunde wurden. Dabei zeigen Buris Erinnerungen Ich gab dir die Fackel im Sprunge , ebenfalls herausgegeben von Bischoff, dass er in seinem Leben oft mit psychischen Problemen gekämpft hat, die unter anderem zu mehreren Selbstmordversuchen führten. [3. Friedrich W. Buri. Ich gab dir die Fackel im Sprunge. W. F. Ein Erinnerungsbericht . Hrsg. v. von Stephan C. Bischoff. Berlin: Verlag für Berlin-Brandenburg 2009.]

    Die Veröffentlichung des Briefbands könnte zu keinem ungünstigeren Zeitpunkt kommen. Ziemlich genau als Bischoff an der Fahnenkorrektur gesessen haben dürfte, recherchierte ich für einen Text, der dann in der niederländischen Zeitschrift Vrij Nederland erschien und in dem es um den vielfachen sexuellen Missbrauch in Frommels Amsterdamer Freundeskreis Castrum Peregrini ging, den er nach dem Krieg gegründet hatte. Ich selbst war in den siebziger und frühen achtziger Jahren Mitglied dieses Frommel-Kults, zu dessen Behauptungen es gehörte, dass der George’sche pädagogische Eros nichts, aber auch gar nichts mit sexuellem Missbrauch von Jungen – in manchen Fällen auch Mädchen – zu tun habe. Zum Glück fand ich nie einen minderjährigen jungen Freund, sondern (lesen ...)

  • Bernward Vesper

    Als Bernward Vesper etwa zwölf, dreizehn Jahre alt ist, tötet sein Vater, der in der Nazizeit ein völkischer Großschriftsteller war, die Katze seines Sohnes mit den Worten: »Katzen passen nicht zu uns, Katzen sind die Juden unter den Tieren.« Mit dieser Szene beginnt der Film Wer, wenn nicht wir aus dem Jahr 2011, ein Porträt über Gudrun Ensslin und vor allem über ihren langjährigen Partner, den Verleger und Schriftsteller Bernward Vesper.

    Vespers äußerer Werdegang setzt damit ein, dass er sein von nationalsozialistischem Gedankengut geprägtes Elternhaus bei Gifhorn in der Lüneburger Heide verlässt. 1961 geht er nach Tübingen und studiert unter anderem bei Walter Jens. Schon früh ist sein literarisches Vorbild Hans Henny Jahnn, den er für den »wichtigsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts« hält. Da sein Vater Will Vesper ihm nahelegt, schriftstellerisch in seine Fußstapfen zu treten, beginnt Sohn Bernward, in einem eigenen Verlag die Schriften seines Vaters neu aufzulegen, um mit dem Erlös eben diesen Verlag betreiben zu können. Er lernt Gudrun Ensslin kennen, die aus einem protestantischen Pfarrershaushalt mit sechs Kindern stammt. Ihre Eltern sprechen sich sehr vehement gegen die Neuauflage der Bücher des 1962 gerade verstorbenen Will Vesper aus. Gudrun Ensslins Vater streicht seinen eigenen Protest während des »Dritten Reichs« heraus, schließlich habe er von der Kanzel verkündet: »Hitler ist groß, aber Gott ist größer.« Tochter Gudrun wirft ihm vor, dass es unlauter und geradezu lächerlich sei, sich als Widerstandskämpfer zu stilisieren, da er doch 1941 freiwillig in die Wehrmacht eingetreten sei, um gegen Russland zu kämpfen.

    Durch die Neuauflage der Bücher Will Vespers, die sich allerdings überhaupt nicht verkaufen, biedert sich Bernward bei den Rechten an, denen gegenüber er keinerlei Berührungsängste zeigt. Nachdem Bernward Vesper einen Selbstmordversuch Gudrun Ensslins verhindert hat, gehen die beiden gemeinsam und sehr euphorisch nach Berlin, Gudrun will an der Freien Universität eine Doktorarbeit über Hans Henny Jahnn schreiben. Immer noch reagiert Bernward sehr empfindlich auf Fragen nach Details der Nazivergangenheit seines Vaters. Bernwards Mutter will einige Jahre nach dem Tod ihres Mannes eine große Feier für ihn organisieren und erzählt ihrem Sohn, dass es ihn ohne Hitler gar nicht gäbe, denn Will Vesper wollte keine Kinder, aber der Führer sehr wohl, »da konnte man sich nicht entziehen«. In der häuslichen Badewanne begeht Bernward einen Selbstmordversuch, wird jedoch von seiner Mutter gerettet.

    Kurz darauf verloben sich Gudrun und Bernward, Gudruns Vater, der Pastor, hält die Ansprache. 1966 gründet Bernward den Verlag »Edition Voltaire«, ein Jahr später wird der gemeinsame Sohn Felix geboren. Im selben Jahr kommt es zur politischen Radikalisierung von Gudrun, nachdem sie Andreas Baader kennengelernt hat, mit dem sie ein von Gewalt geprägtes Verhältnis eingeht. Bernward bemüht sich für seinen Verlag um politisch aufrüttelnde Bücher. So möchte er die schwarze Protestbewegung aus Amerika in Deutschland bekannt machen, mit deren Vertreter er in London Bekanntschaft geschlossen hatte, der ihm als Weißem riet: »Go home, hang your father and mother and kill yourself.« Gudrun Ensslin aber bezeichnet alles, was nicht mit direktem politischen Kampf zu tun hat, als zu kleinbürgerlich, sie radikalisiert sich immer stärker, verlässt Bernward und den kleinen Sohn Felix, Kaufhäuser brennen in Berlin, schließlich kommen Baader und sie ins Gefängnis. Im Oktober 1977 begehen sie in Stuttgart-Stammheim Selbstmord.

    Ende der sechziger Jahre schreibt Bernward Vesper, immer wieder unter dem Einfluss von Drogen, seine assoziative Autobiografie Die Reise . Teile des Manuskripts werden zunächst von einigen Verlagen abgelehnt. In einem von Drogenmissbrauch hervorgerufenen Anfall von Irrsinn demoliert Vesper eine Wohnung, wirft Möbel aus dem Fenster, lässt im letzten Moment davon ab, auch seinen kleinen Sohn aus dem Fenster zu stoßen, läuft schreiend und nackt durch den Hinterhof und segnet die Polizeibeamten, die ihn in die Psychiatrie bringen wollen, mit einem Schneebesen. In der Psychiatrie, zunächst bei München, dann in Hamburg, schreibt und zeichnet er weiter. Sein Buch bleibt Fragment, als er im Mai 1971 Selbstmord begeht.

    So die Geschichte seines äußeren Lebens. Die längere Geschichte seines inneren Lebens lässt sich aus dem Buch Die Reise herauslesen. Die Reise war ein Kultbuch, fast eine Bibel der bundesrepublikanischen Linken. Sie galt als Nachlass einer gesamten Generation, wurde von Peter Weiss sogar zum späten »intellektuellen Höhepunkt der Bewegung des (lesen ...)

  • Umziehende Götter. 1968 und die Transformation des revolutionären Enthusiasmus

    Fünfzig Jahre 1968 – und kaum neue Deutungen in Sicht. Rechte und Linke streiten, ob diese gesellschaftliche Schlüsselerfahrung der Bundesrepublik nun gut oder schlecht war, aber das haben sie auch schon vor fünfzig Jahren getan. Offenbar braucht es neue Schlüsselerfahrungen, um die alten in einem anderen Licht zu sehen – oder noch ältere. Hans-Ulrich Wehler etwa hätte den Enthusiasmus der 45er in Stellung bringen können: Der Erfolg der Bundesrepublik verdankt sich einer Aufbaugeneration, die in ihrer Jugend völkisch mobilisiert wurde. Ihr entnazifizierter Elan trug dann das Wirtschaftswunder und die Integration in den Westen. Die 68er aber haben Leistungsorientierung durch ihren Hippie-Schlendrian kaputtgemacht.

    Einer dieser leistungsfeindlichen Achtundsechziger, Wolfgang Eßbach, hat vor wenigen Jahren den ersten, knapp tausendseitigen Band seiner Religionssoziologie vorgelegt, der aus einer langen historischen Perspektive einen neuen Blick auch auf die jüngere Geschichte erlaubt: 1968 lässt sich damit religionssoziologisch deuten.

    Wenn gesellschaftliche Erfahrungen verarbeitet werden, ziehen auch die Götter um, so Eßbach. Der eruptive Enthusiasmus revolutionärer Bewegungen fließt in neue Glaubensformen, verzweigt sich, erkaltet und erstarrt. Neue Schichten der Religion überlagern ältere und verwandeln sie unter ihrem Druck. Mit diesen Leitgedanken entwickelt Eßbach eine Religionsgeschichte Europas, indem er Typen der Transformation beschreibt: die konfessionelle Bekenntnisreligion, die aufklärerische Rationalreligion, die positivistische Wissenschaftsreligion und die ritualtechnische Verfahrensreligion.

    Bekenntnisreligion

    Achtundsechzig kann man auch verstehen als ein großes Revival der Bekenntnisreligion , in dem sich der Konfessionalismus ins Politische transformierte. Wer die Weimarer Parteienlandschaft betrachtet, wer darüber nachdenkt, wie viel Sozialismus im Nationalsozialismus steckte oder wie viel Faschismus im Sowjetkommunismus, der operiert stets mit komplexen Schemata politischer Formen und Inhalte, in denen sich vielfältige Mischungsverhältnisse zwischen Partikularismus und Universalismus, Privateigentum und Gemeineigentum, Kollektivismus und Individualismus überschneiden. Dieses schillernde Farbenspektrum, noch in den fünfziger Jahren durch eine ganz auf die nationale Frage konzentrierte Schumacher-SPD und eine irgendwie linkskatholische, aber entschlossen westorientierte CDU markiert, verengte sich durch Achtundsechzig auf die binäre Codierung links gegen rechts. Die »Scheißliberalen« waren auch deshalb so verhasst, weil sie sich nicht einmal zur ordentlichen Feindschaft bereitstellten.

    Die Achtundsechziger waren links, ihre Gegner rechts, daran gab es keine Zweifel. Während dieser alte politische Gegensatz früher weitgehend milieugebunden war, über soziale Herkunft zu entschuldigen, löste er sich nun von der Klassenlage und wurde frei für den reinen Bekenntnisakt, der dadurch moralisch aufladbar war. Wer rechts ist, obgleich es ihm nicht in die Wiege gelegt wurde, den kann man dafür verantwortlich machen!

    (...)

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  • Der Islam oder die Zumutung einer Zugehörigkeit

    Als 2006 Wolfgang Schäuble, damals Bundesinnenminister, auf der von ihm erstmals einberufenen Islamkonferenz feststellte, der Islam sei ein Teil Deutschlands und Europas, provozierte er noch keine großen Debatten. Erst als Christian Wulff 2010 in seiner Eigenschaft als Bundespräsident den Sachverhalt in die Sprachform »Der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland« goss, reagierte die Öffentlichkeit irritiert. Diese Irritation steigerte sich noch, als die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel bei einer Pressekonferenz mit dem türkischen Ministerpräsidenten Davutoğlu im Januar 2015 auf die Frage einer türkischen Journalistin beruhigend antwortete: »Von meiner Seite möchte ich sagen, dass unser früherer Bundespräsident Christian Wulff gesagt hat: ›Der Islam gehört zu Deutschland.‹ Das ist so; dieser Meinung bin ich auch.«

    Schon früh meldete sich die Schriftstellerin Monika Maron zu Wort und formulierte Bedingungen, die erst einmal erfüllt sein müssten, bevor von Zugehörigkeit gesprochen werden könne. Der Islam gehöre nicht zu Deutschland, solange er »sich seiner Aufklärung verweigert, solange er keine Götter duldet neben sich, solange er Andersgläubigen und Nichtgläubigen Bekehrung oder Unterwerfung und Abtrünnigen den Tod androht«. [2. Monika Maron, Der Islam gehört nicht zu Deutschland . In: Tagesspiegel vom 6. Oktober 2010.] Die Soziologin Necla Kelek mochte noch nicht einmal so weit gehen: »Die Muslime gehören zu Deutschland, aber doch nicht der Islam«, schrieb sie 2010, der Islam sei grundsätzlich nicht integrierbar: »Nicht in die Demokratie und nicht in diese Gesellschaft.« [3. Bittere Wahrheiten. Necla Kelek stellte in Tübingen ihr neues Buch »Himmelsreise« vor . In: Metzinger Uracher Volksblatt vom 9. Oktober 2010.]

    Diese zwei markanten Positionen spiegeln, wie umstritten die Frage der Zugehörigkeit des Islam ist. Alle Versuche, sich hier Klarheit zu verschaffen, setzen die Beantwortung von zwei Fragen voraus: Zum einen müsste geklärt sein, ob man zwischen Islam und Muslimen gerechtfertigterweise unterscheiden kann, und zum anderen muss gefragt werden, was es mit den Bedingungen der Zugehörigkeit auf sich hat und wie der Islam mit diesen Bedingungen verknüpft werden kann.

    In puritanischen oder orthodox-islamischen Kreisen wird »das Wort Muslime verwendet, um all jene zu bezeichnen, die Muḥammad als den letzten Gesandten Allahs bezeichnen und seine Lehren für wahr halten, unabhängig davon, inwieweit sie von diesen Lehren wissen oder inwieweit sie in der Lage sind, nach ihnen zu leben«. [4. M. Ali Kettani, Muslim Minorities in the World Today . London: Mansell Publishing 1986.] Für sie bildet der Prophet Muḥammad den einen Angelpunkt des Islam, der zweite ist die Deutung des Korans als Text, dessen Inhalte eindeutig bestimmbar seien und der keinerlei Mehrdeutigkeit zulasse. Wenn nun der Islam als Name für dieses spezifische Bekenntnis aufgefasst wird, dann sind Muslime jene Menschen, die die Lehren des Islam, wie sie von Gott im Koran und dem Propheten in seiner in der Sunna überlieferten Lebensführung dargelegt worden seien, für wahr erachten. Muslime wären dann die Bekenner des Islam. Dies aber bedeutet, dass der Islam nur real wird durch seine Bekenner. Daher müsse man, so der bayerische Politiker Norbert Geis, als Realität anerkennen, dass der Islam mit über vier Millionen Muslimen in Deutschland »da« sei. [5. German president’s call for religious tolerance meets with praise and criticism . In: Deutsche Welle vom 4. Oktober 2010; Unions-Politiker gegen Gleichsetzung von Islam und Christentum . In: ddp Basisdienst vom 5. Oktober 2010.] Wenn nun beispielsweise behauptet wird, dass der Islam nicht zu Deutschland gehöre, weil seine Lehre »auf die Beseitigung unserer Rechtsordnung gerichtet« sei oder weil der Islam – wie es der frühere bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber formulierte – kein Kernbestand der deutschen Kultur sei und auch nicht »unsere Geistesgeschichte und Tradition« geprägt habe, [6. Die junge AfD schwärmt für Russland. In: Neue Westfälische vom 31. März 2016; Edmund Stoiber, Muslime gehören zu Deutschland, aber der Islam nicht . In: Bild vom 21. September 2015.] dann scheint die Erwartung zu bestehen, dass sich die Muslime von ihrer Bekenntnisordnung befreien, um Deutschland zugehörig sein zu können.

    Doch die Entflechtung von Islam und Muslimen kann nicht gelingen. Denn was würde als Identität eines Muslims oder einer Muslimin gelten, wenn die Bezugsgröße dieses Begriffs, (lesen ...)

  • Verfassung und Gemeinsinn

    In den aktuellen Debatten über Integration und Migration ist das Grundgesetz zu einem zentralen Referenzpunkt geworden. Der Berliner Bürgermeister »liebt« es, weil die Integrationsarbeit auf seiner Grundlage stattfindet. Der Präsident des Bundesverfassungsgerichts erklärt auf die Frage, ob wir eine Leitkultur bräuchten, er sei »in erster Linie Verfassungspatriot«. Die überparteiliche »Initiative kulturelle Integration« diverser Bundesministerien nennt die Grundrechte als »unverrückbare« Grundlage des Zusammenlebens, und der Sprecher der säkular ausgerichteten Türkischen Gemeinde Deutschland, Gökay Sofuoğlu, begreift die deutsche Verfassung in einer pointierten Metaphorik als »seine Bibel«. Aber auch der in Köln ansässige türkische Islamverband DITIB hält auf seiner Website ausdrücklich fest, seine Ziele stünden »ausschließlich« mit dem Grundgesetz im Einklang.

    Und doch lässt sich vermuten, dass sich hinter dem vermeintlich konsensualen Verfassungsbekenntnis auch Konflikte verbergen. Diese zu thematisieren dürfte den liberalen westlichen Gesellschaften auch deshalb schwerfallen, weil sie ihr Selbstverständnis heutzutage mit hohem Rationalitätsanspruch über universelle Werte definieren. Populistische Parteien und religiöse Fundamentalismen sind radikale Ausdrucksformen einer Gegenreaktion, die sich diesem rationalen Werteuniversalismus entgegenstellt. Es ist daher an der Zeit, sich zu vergewissern, wie und in welchem Umfang das Grundgesetz das Zusammenleben anzuleiten vermag.

    Eigenart der Verfassung

    Verfassungen sind, nach einer Wendung von Christoph Möllers, immer Text und Norm zugleich.  Sie schreiben also nicht etwa bestimmte Inhalte »unverrückbar« fest. Verfassungen sind vielmehr gekennzeichnet durch eine Parallelität von textlicher Immobilität und normativer Mobilität, sie gründen auf einem stabilen Text und passen sich inhaltlich dennoch an. Das gilt auch für das Grundgesetz: Während sich der Wortlaut speziell der Grundrechtsartikel in den letzten Jahrzehnten nur punktuell verändert hat, durchlief deren Deutung einen stetigen Wandel. Es ist ein Defizit der aktuellen Debatten, dass sie die Bedeutung dieser Dynamik für den gesellschaftlichen Selbstverständigungsdiskurs allzu häufig ausblenden.

    In seiner normativen Dimension dient das Grundgesetz als Projektionsfläche unterschiedlicher Deutungen. So war und ist der öffentlichkeitswirksame Streit um die Abtreibung, die Wiederbewaffnung, die Notstandsgesetze, die Mitbestimmung oder die Schwulenehe immer auch ein Ringen um die richtige Deutung der Verfassung. Gegner und Befürworter der gleichgeschlechtlichen Ehe beriefen sich gleichermaßen auf das Grundgesetz. Wer das Kopftuch im öffentlichen Dienst zu akzeptieren bereit war, berief sich auf die Religionsfreiheit, während die Gegner die staatliche Neutralität in der säkularisierten Gesellschaft betonten. Keine dieser Positionen ist falsch. So sind bisweilen nicht einmal die beiden Senate des Bundesverfassungsgerichts derselben Meinung. Die Kopftuchentscheidungen der Jahre 2003 und 2015 haben unterschiedliche Akzente gesetzt, indem sie zuerst die parlamentarische Gestaltungsfreiheit und später die individuelle Religionsfreiheit hervorhoben.

    Ein ernst gemeinter Verfassungspatriotismus ist also anspruchsvoller, als es zunächst scheint: Er fordert eine Bereitschaft zur inhaltlichen Auseinandersetzung. Wenn das Bundesverfassungsgericht eine Streitigkeit erfolgreich schlichtet, folgt ein derartiger Konsens auf eine bisweilen leidenschaftliche Auseinandersetzung um die richtige Deutung. Die Wertschätzung des Grundgesetzes bedeutet auch, dass ergebnisoffen um die richtige Auslegung gerungen wird. Die Existenz eines Verfassungsgerichts ist eine wichtige Voraussetzung dafür, dass die Verfassung zu einem zentralen Referenzpunkt in der innenpolitischen Debatte werden kann. Zum einen bewirkt die Erwartung eines Urteils, dass sich alle Beteiligten häufiger auf die Verfassung berufen. Zum anderen bleibt es in dem Moment nicht bei den unterschiedlichen Meinungen, in dem Verfassungsgerichtsurteile textliche Starrheit und normative Beweglichkeit zusammenführen. Dies verleiht den Eindruck von höchstrichterlicher Stabilität, obgleich die Stabilisierung immer nur punktuell erfolgt. Beim nächsten Thema beginnt der Streit von neuem.

    Das bedeutet freilich nicht, dass das öffentliche Gewicht des Bundesverfassungsgerichts sich allein oder vorrangig aus der juristischen Verfassungsexegese speist. Breitenwirkung erlangt die höchstrichterliche Verfassungsinterpretation erst, wenn sie in gesellschaftliche Debatten (lesen ...)

  • Wie die Peer Review die Wissenschaft diszipliniert

    Es gibt eine Ursprungslegende über Peer Review, die von Wissenschaftlern erfunden wurde und von Wikipedianern verbreitet wird. Als sich der erste Sekretär der Royal Society of London, Henry Oldenburg, 1665 zum Gründungsherausgeber der Philosophical Transactions ernennen ließ, führte er aus Einsicht in die Grenzen des eigenen Wissens eine neue Qualitätsprüfung für eingesandte Manuskripte ein: Er legte sie einschlägigen Experten zur Begutachtung vor. Der Legende zufolge entstand Peer Review mit dem Geburtsakt des wissenschaftlichen Zeitschriftenwesens und ist damit, seit es die modernen Naturwissenschaften gibt, integraler Bestandteil der Forschungspraxis.

    Die Legende ist relativ jung.  Sie entstand vor kaum fünfzig Jahren zu einem nicht ganz zufälligen Zeitpunkt. Es war jene Phase, als sich Peer Review in den Vereinigten Staaten, ausgehend von der staatlichen Forschungsförderung, für die Prüfung von Projekt- und Publikationsanträgen durchzusetzen begann. Mit der wissenschaftlichen Praxis in der Royal Society des 17. Jahrhunderts hatte dieser Prozess so gut wie nichts zu tun. Oldenburg druckte in den Philosophical Transactions ab, was er für interessant hielt, darunter Briefe aus der eigenen Korrespondenz und Berichte aus dritter Hand über Experimente von anderen. Er fragte nur selten externe Spezialisten nach ihren Meinungen zu einem Text, warb viele Beiträge selbständig ein und schrieb sie vor der Publikation gerne um. Sein Kontrollanspruch über die Zeitschrift war so umfassend, dass er sich, wie die Historikerin Melinda Baldwin gezeigt hat, gelegentlich als ihr »author« und nicht als ihr »editor« ausgab.

    Wollte man eine Brücke schlagen von frühneuzeitlichen Publikationsverfahren zur spätmodernen Peer Review, was nicht zwingend ist, weil es diesbezüglich keine Kontinuität gibt, müsste man eher die Gutachtertätigkeit von Akademikern für königliche Zensurbehörden anführen. Die externen Experten der offiziellen Vorpublikationszensur wurden gegenüber den betroffenen Autoren anonymisiert, und anders als die Theologen, die in erster Linie auf die Rechtgläubigkeit der Schriften zu achten hatten, konnten Mathematiker, Mechaniker oder Astronomen ihren Zensurauftrag schon auf das Verhindern von Veröffentlichungen richten, die aus ihrer Sicht keine neuen Befunde erbrachten, unzuverlässige Methoden verwendeten oder nicht auf der Höhe des wissenschaftlichen Erkenntnisstands waren. Der Bezug zur Zensur des Ancien Régime wäre auch insofern stimmig, als damit die entscheidende Rolle des Staats bei der Durchsetzung von Peer Review in den Blick geraten würde, die in der Legende vom Ursprung der Peer Review in den Philosophical Transactions schlicht ausblendet wird. Die Peer Review erscheint darin als Erfindung der Wissenschaft für die Wissenschaft zum Besten der Gesellschaft, mit »government nowhere in the picture«, wie es der Philosoph David Shatz auf den Punkt gebracht hat. [2. David Shatz, Peer Review. A critical enquiry . Lanham: Rowman & Littlefield 2004.]

    Tatsächlich entstanden Begriff und Konzept der Peer Review im Verlauf der 1960er Jahre im Zusammenhang mit einem massiven Ausbau der Projektmittelvergabe durch die staatliche Forschungsförderung. Obwohl die Architekten dieses Ausbaus auf Zeitschriftenpraktiken zurückgriffen, die im 19. Jahrhundert entworfen worden waren, kam der entscheidende Impuls für die Durchsetzung der Peer Review aus der Politik. [3. Vgl. Alex Csiszar, Peer Review. Troubled from the Start . In: Nature , Nr. 532 vom 19. April 2016.] Eine Vorreiterrolle nahmen die Vereinigten Staaten ein, die nach dem Zweiten Weltkrieg die institutionellen Fundamente für eine neue Forschungsorganisation legten. 1948 entstanden die National Institutes of Health, ausgestattet mit kleinen »study sections« für wissenschaftliche Experten, die Projektanträge für die Vergabe von medizinischen Forschungsgeldern prüften. Zwei Jahre später erfolgte die Gründung der National Science Foundation (NSF), der ersten staatlichen Fördergesellschaft für die natur- und technikwissenschaftliche Grundlagenforschung. [4. Vgl. Daryl E. Chubin /Edward J. Hackett, Peerless Science. Peer Review and U.S. Science Policy . Albany: SUNY Press 1990.] In den ersten Jahren ihres Bestehens holte die NSF nur sporadisch externe Gutachten zu Projektanträgen ein, und in den meisten Fällen trafen die angestellten Direktoren die Entscheide. Das (lesen ...)