• Wenn schon wieder alles gleichzeitig passiert

    In diesem Sommer schwamm ich zum ersten Mal seit mehreren Jahren wieder im Meer, und zum ersten Mal seit Ende 2019 überhaupt wieder. Ich hatte nicht erwartet, es verlernt zu haben, aber ich war schon Wochen vorher voller Vorfreude darauf, meine Arme und Beine gegen den Wasserwiderstand zu bewegen, das warme Wasser so genau wie möglich an jedem verfügbaren Millimeter Haut zu spüren und den Kopf voran unter Wasser in Richtung Unendlichkeit vorzustoßen. Das wäre doch ein gutes Kolumnenthema, dachte ich, ozeanisches Gefühl trifft körperliche Ertüchtigung, trifft einen spezifischen Moment einer seit eineinhalb Jahren andauernden Pandemie. Das Schwimmen war schön genug, wie auch nicht, fern der Heimat glitzert das Meer besonders prächtig. Aber die erhoffte Überwältigung, Endorphinrauschen, Glückstränen: Sie kamen nicht. (mehr …)

  • Perseverance. It’s only a matter of time

    Teil einer Studie sein. Wie fühlt sich das an? Sol wird es bald wissen. Es geht nicht um Krankheiten, da würde sie nie mitmachen, viel zu gefährlich, wer weiß, was sie da mit einem machen. Für ein paar Euro mehr versaut dir die Pharmaindustrie die Gesundheit.

    Es geht um Technik, Fortschritt. Unser Verhältnis dazu. Etwas Gesellschaftliches, Kulturelles.

    »Ach, ist das abgedroschen«, sagt Ina, die Freundin. »Das Mensch-Maschine-Problem. Langweilig.« (mehr …)

  • Moskau

    Anfang Juni duftet ganz Moskau nach Flieder. Er blüht in den Hinterhöfen der Wohnpaläste aus der Stalinzeit, in den gepflegten Gärten der Adelshäuser und Klöster, den unzähligen Parks der Stadt, wo die Hauptstädter ihren Mittagsimbiss verzehren und ihre Hunde ausführen, im Alexandergarten vor dem Kreml und entlang der Burgmauern zur Moskwa hin, auch innerhalb der berühmten Burg, in der Polizisten aufpassen, dass Besucher nicht vom vorgeschriebenen Weg zu den Kathedralen und dem Arsenal abweichen und den Regierungsgebäuden zu nahe kommen. Auch meine Airbnb-Gastgeberin Larissa, eine dreißigjährige Kunsthistorikerin, die unter Schlaflosigkeit leidet, liebt den Flieder und hat immer einen Strauß zuhause. (mehr …)

  • Verfassungspatriotismus oder nationales Erbe: Eine Erwiderung auf Herfried Münkler

    ei aller Einigkeit im Vorfeld des 175-jährigen Jubiläums der Frankfurter Nationalversammlung von 1848, dass dieses Ereignis deutscher Geschichte mehr Wertschätzung verdient, hat sich eine Kontroverse über die angemessene Gestalt ihres Tagungsorts entwickelt, die Frankfurter Paulskirche. Schon seit mehreren Jahren wird von verschiedenen Seiten dafür plädiert, das Gebäude im Interesse einer zeitgemäßen Erinnerungskultur erheblich umzugestalten. Angeblich mangele es ihm an einer angemessenen »Aura«. (mehr …)

  • Warum die Vergangenheitsdebatte immer noch explodiert

    Die Debatte um die öffentliche Erinnerung in Deutschland geht Woche für Woche in die nächste Runde. »Warum jetzt?« habe ich in meinem Beitrag für den Merkur im August gefragt. Warum intensiviert sich die Diskussion über koloniale Erinnerung in Deutschland gerade heute, wie lässt sich die Heftigkeit der Debatte erklären? Ich habe argumentiert, dass wir heute am Übergang von zwei Erinnerungsregimes stehen: Das historische Narrativ der Nachkriegszeit (Erinnerung I, mit Schwerpunkt auf dem Holocaust), das von der Zeit des Kalten Kriegs geprägt war, wird gegenwärtig durch einen veränderten Erfahrungshaushalt in der globalisierten Gegenwart ergänzt (Erinnerung II, mit Schwerpunkt auf Kolonialismus). Martin Schulze Wessel hat nun, ebenfalls im Merkur, eine kritische Replik auf meinen Aufsatz verfasst.1

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  • Die Wiederkunft der Information

    Am Beginn des neuen Millenniums war das Wort »Information« zu einer Schlüsselkategorie der Ideen- und Mediengeschichte avanciert. Das Internet war zum Massenphänomen geworden, der Zenit des Informationszeitalters schien erreicht und die Zeit reif für eine historische Spurensuche. Das erste Jahrzehnt der 2000er Jahre wurde zur »Information History Decade« ausgerufen.1 Doch der neue Begriff zeigte rasch Abnutzungserscheinungen, und es wurde ruhig um die Informationsgeschichte. Umso überraschender ist das Erscheinen des Bands Information. A Historical Companion in diesem Frühjahr.2 Das Buch ist ein üppiger mehrhundertseitiger Wälzer in blauem Leineneinband mit goldener Gravur. Dreizehn Essays führen von der antiken Seidenstraße bis ins 21. Jahrhundert. Aber der Companion ist mehr als ein klassisches Handbuch. Mit 101 Einträgen zu einschlägigen Stichworten von Algorithmus bis Schriftrolle ist er zugleich Nachschlagewerk. (mehr …)

  • Der Berufsälteste in New York. Alte Texte von Claude Lévi-Strauss neu versammelt

    Selbst wenn ein berühmter Name auf dem Buchdeckel steht, lastet auf Textsammlungen offenbar ein erheblicher Rechtfertigungsdruck. So mag sich der Aufwand erklären, den Vincent Debaene, der Herausgeber von Strukturale Anthropologie Zero, in seinem hervorragenden Vorwort betreibt, um Leserinnen und Leser von einer Sammlung früher Aufsätze von Claude Lévi-Strauss zu überzeugen.1 Der Band versammelt Texte aus der New Yorker Zeit (1941–1947) des anthropologischen »Berufsältesten« (Eduardo Viveiros de Castro) und kokettiert bereits im Titel damit, ein Prequel zu Lévi-Strauss’ zweibändiger Strukturaler Anthropologie (1958/1973) zu sein. Die nun abgedruckten, mehrheitlich zuerst in englischer Sprache und in teilweise etwas entlegenen Zeitschriften und Sammelbänden erschienenen Texte hatte Lévi-Strauss nicht in Strukturale Anthropologie I aufgenommen, weil sie, so die Erklärung im damaligen Vorwort, rein ethnografisch-beschreibenden Charakter hatten oder in ihrer theoretischen Substanz in Traurige Tropen (1955) aufgegangen waren. (mehr …)

  • Hot Marx. Wie in der Klimakatastrophe aus dem Marxismus wieder eine Theorie des Aufstands wird

    In den 1990er Jahren konnte eine Freundin noch scherzen: »Bis Ihr Marxisten die ökologische Katastrophe theoretisch korrekt eingeordnet habt, wird die Menschheit längst vom Planeten verschwunden sein.« Ich habe damals mit ihr gelacht, die Bemerkung aber damit auch ein bisschen als typisch apokalyptische Schwarzmalerei abgetan. In der Zwischenzeit sind die Probleme so offensichtlich drängend geworden, dass selbst die letzten hard boiled marxists einsehen mussten, dass ohne die »ökologische Frage« heute in Sachen kritischer Gesellschaftstheorie kein Blumentopf mehr zu gewinnen ist. Ordentliche Marxisten integrieren das lange vernachlässigte Problem natürlich in bewährter Vorne-Verteidigung: Nicht etwa müssen wir einsehen, dass unsere Theorie bisher Lücken hatte; im Gegenteil, wir können sogar zeigen, dass das Problem nicht nur auch, sondern nur marxistisch wirklich verstanden werden kann. Eine radikale Kritik der ökologischen Katastrophe, so wird von marxistischer Seite gesagt, wird nur als Kritik des Kapitalismus zu haben sein. (mehr …)

  • Imperialer Selbstbetrug

    Im Sommer 1932 kam Eric Williams aus der britischen Kolonie Trinidad nach England. Wie ein Großteil der Inselbevölkerung war seine Familie so arm, dass er und seine Geschwister kaum je Milch zu trinken bekommen hatten. Doch von frühester Jugend an setzte ihn sein Vater, ein desillusionierter Postbeamter, unter Druck, später einmal eine akademische Karriere einzuschlagen. Eine Universität gab es auf den Westindischen Inseln nicht; nur wenige Trinidader kamen über einen Grundschulabschluss hinaus, und so gut wie alle akademischen Berufe waren Weißen vorbehalten. Dennoch gelang es Williams, eines der begehrten Regierungsstipendien zu bekommen, so dass er auch über das elfte Lebensjahr hinaus weiter zur Schule gehen konnte. Im Anschluss daran erhielt er ein noch selteneres Stipendium, um die Sekundarschule abzuschließen, und schließlich, nach drei Jahren erfolgloser Bewerbungen, eines der beiden Stipendien für eine Britische Universität, die pro Jahr auf der Insel vergeben wurden. Er bestieg das Schiff Richtung Oxford, um sich dort in Geschichte einzuschreiben. (mehr …)

  • Zuwendung und lange Strecke

    Ein Gespräch über Wirklichkeit im Radio von Holger Schulze und Ingo Kottkamp HS: Zuletzt hörte ich eine Radiosendung, Gardians de la Paix (arte radio 2020; Original | Deutsche Fassung), ein französisches Radiofeature, das einen französischen, Schwarzen Polizisten in Rouen den Rassismus unter seinen Kolleginnen und Kollegen entdecken lässt. Als Hörer habe ich durch die Produktion von Ilham Maad an einem verstörenden Prozess der Entdeckung teil. Die Wirklichkeit sackt uns weg unter den Füßen. Rassismus in Institutionen wird immer wieder thematisiert, sowohl in journalistischen als auch filmischen Arbeiten etwa – doch die Intensität dieses kurzen Stückes, im Original knapp 30 Minuten lang, ließ mich nicht los. Warum ist dieses Feature etwas ganz Besonderes in der Radiowirklichkeit des frühen 21. Jahrhunderts? (mehr …)