• Eine Weltkarte der Ungleichheit. Thomas Pikettys neues Buch »Kapital und Ideologie«

    "Die soziale Ungleichheit ist weder ein technologisches noch ein ökonomisches Phänomen, sondern ein politisches und ideologisches.« So lautet in einem Satz die Hauptthese von Thomas Pikettys neuem Buch Kapital und Ideologie.  Stolze 1300 Seiten Text umfasst der Band, in dem der französische Starökonom sich anschickt, eine ökonomische, soziale und politische Geschichte inegalitärer Systeme von den Feudal- und Sklavenhaltergesellschaften bis zu den postkolonialen und »hyperkapitalistischen« Gesellschaften der Gegenwart zu schreiben. Ein besonderes Augenmerk gilt dabei der Ideologie, denn, wie es bei Piketty immer wieder heißt, »jede Gesellschaft muss ihren Ungleichheiten einen Sinn geben«, damit diese gerechtfertigt und folgerichtig akzeptiert werden können.

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  • Klimaforschung beforschen: Merkur-Preis-Verleihung an Kris Decker

    Wir laden ein zur Verleihung des erstmals vergebenen Merkur-Preises der Ernst H. Klett Stiftung Merkur für Dissertationen am Freitag, den 28.2., um 19 Uhr. Es gibt im Anschluss einen kleinen Empfang. Der Ort der Veranstaltung: die Redaktion des Merkur in der Mommsenstraße 27 in Berlin-Charlottenburg (S-Bahn Charlottenburg). Der Eintritt ist frei, über Anmeldung (redaktion@merkur-zeitschrift.de) würden wir uns freuen. (mehr …)
  • Gemischte Gefühle, gemischte Zustände

    Das folgende Gespräch besteht aus drei Akten. Nach einer Tagung über Tagungen im Jahr 2015, die unter anderem in vieler Hinsicht von dem Sozialverhalten handelte, das Menschen auf Tagungen zeigen, fingen wir an, über das nachzudenken, was intern zuerst "die Frauensache" hieß. Die Frauensache entwickelte sich zu einem fortgesetzten Gespräch über Misogynie, vor allem unsere eigene, und wie insbesondere die Nutzung von Twitter dazu führte, dass wir diese internalisierte Misogynie überhaupt als solche bemerkten. Für das Gespräch hilfreich waren viele Personen, die hier größtenteils mit Klarnamen vorkommen, außerdem Skype, Twitter, Telegram, die Audioaufnahmeapp von Kathrin Passigs Handy, unsere "Denkräume"  und Getränke auf der Basis von fermentierter Horngurke. "Fermentierte Horngurke" zu schreiben ist peinlich genug. Die Blödheit in Bezug auf "die Frauensache" ist noch peinlicher. Weil man aber nur aus dokumentierter Blödheit etwas lernen kann, gibt es diesen Text. (mehr …)
  • First we take Des Moines, then we take Concord (es darf mitgesummt werden)

    3. Februar 2020, früher Abend. Ich sitze vor einem übergroßen Flachbildschirm in einem Hobbykeller im US-amerikanischen mittleren Westen. Nicht so weit entfernt also vom – ich benutze hier ein großes Wort – Geschehen. Das Fest beginnt gerade, die Chips liegen neben der Guacamole bereit und die ersten Kronkorken ploppen. Oben rechts am Bildschirm flackert ohne Unterlass ein kleines rotes Banner: CNN-live. Deshalb sind wir alle hier. Und es ist dieses Flackern, das bisher am Aufregendsten war (eben weil es gerade jetzt flackert). Denn ansonsten flackert nichts. Man sieht eine schlecht ausgeleuchtete Mehrzweckhalle, die Aula einer Mittelschule aus den 1960er Jahren vielleicht, ein Raum ohne Trost (no food, no booze, no music), den es wie diese weißen Plastikgartenstühle überall auf der Welt gibt. Menschen darin, nicht sehr viele – 100 oder 150, auf Grüppchen verteilt, in unaufgeregten und unhörbaren Gesprächen. Die Kamera steht einfach so mit herum, schnittlos und unbeweglich. (mehr …)
  • Bodo, genannt der Rote

    Thüringen sei Dank: In den letzten Tagen gab es reichlich Anschauungsunterricht zu den fließenden Übergängen von der liberalen zur rechten Machtpraxis. Das sollte allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass es unter den Wählern in Ostdeutschland in den vergangenen Jahren beträchtliche Migrationsbewegungen von der Linkspartei zur AfD gegeben hat. Wer behauptet, die viel beschworenen einfachen Leute seien für rechte Politik nur empfänglich, weil ihnen die Ideologie der Kapitalisten die Sinne und damit das Bewusstsein ihrer eigenen Interessenlage benebelt hat, macht es sich zu einfach. (mehr …)
  • Der Gott der Zwischenräume

    ie hier schon angekündigte Gründung einer neuen Weltreligion mit Abgabetermin Ende 2020 geht ihren geordneten Gang, das heißt: Ich bin angemessen verwirrt. Die Stellen »Messias«, »Göttin /Gott« und »Bundesschatzmeister*in« sind noch nicht besetzt, Bewerbungen werden wohlwollend entgegengenommen. Verschiedentlich wurden Bitten an mich herangetragen, für bestimmte Bewerberinnen das Amt »Hohepriesterin« einzurichten; darüber konnte in der Kürze der Zeit leider noch nicht entschieden werden. (mehr …)

  • O-Saft in Bomarzo

    Vor knapp vierhundertsiebzig Jahren hatte Vicino Orsini also begonnen, Sacro Bosco anzulegen, seinen Park bei Bomarzo, dessen surreale Skulpturen auf mich nicht dadurch weniger geheimnisvoll wirkten, dass ich ihr Alter während unseres Flugs nach Rom anhand einiger Fotos auf vielleicht hundert geschätzt hatte, eine Naivität, die mir nun, da Tanita und ich in der angenehm kühlen Mundhöhle des Orcus Schutz vor der Mittagshitze suchten, noch einmal deutlich bewusst wurde. Umringt von Tagestouristen setzten wir uns an den steinernen Tisch, zentral ins Gewölbe. Tanita gab mir ein Tetra Pak. Ich freute mich, weil es O-Saft war, und stach den Strohhalm durch das dafür vorgesehene Loch. Trinkend betrachteten wir tennisschuhtragende Silhouetten und die beiden Schneidezähne, unter denen hindurch wir in das Innere gestiegen waren; dahinter, grell gerendert, harkten Parkmitarbeiter verwelkte Blätter vom Weg. (mehr …)

  • Das Kochbuch der Gesellschaft: Skizzen zu einer Mediengeschichte des Kochens (II)

    Die Normalisierung des Verbrauchers durch die Etablierung von Konsumnormen, die sich bereits Mitte der 1920er Jahre angekündigt hatte, setzt sich in der Nachkriegszeit unter den Bedingungen einer konsumbereiten Massengesellschaft diesseits und jenseits des Atlantiks fort. Ernährung muss schon deshalb als besonders relevantes Feld des Konsumentenverhaltens gelten, weil Hunger und Durst sich täglich, ja stündlich aufs Neue körperlich bemerkbar machen und uns so daran erinnern, dass nicht nur wir leben, sondern dass es in uns lebt. Ob man dieses Ausgeliefertsein an die dem persönlichen Willen nur bedingt zugänglichen Bedürfnisse der eigenen Leiblichkeit als lästig empfindet oder ob man es als Abstoßungspunkt zum Zweck der Selbstentfaltung und kulturellen Veredelung begrüßt – die Möglichkeit, diesen Punkt zu überspringen, besteht nicht. Die Gestaltung der Ernährung ist unausweichlich, und sie geschieht im Horizont der wechselnden Modelle, welche die Gesellschaft, vor allem die moderne Konsumgesellschaft, an den Einzelnen heranträgt. (mehr …)

  • Die Replikationskrise

    Drei Geschichten, ein und dasselbe Problem. Erstens: Im Herbst 1996 brachte Sally Clark, eine englische Rechtsanwältin aus Manchester, einen augenscheinlich gesunden kleinen Jungen zur Welt, der im Alter von elf Wochen plötzlich verstarb. Sie hatte sich noch nicht vollends von dem traumatischen Vorfall erholt, als sie im Jahr darauf einen weiteren kleinen Jungen bekam. Tragischerweise starb auch er acht Wochen nach der Geburt. Die Ursachen für den Tod der beiden Kinder waren nicht ersichtlich, und die Polizei vermutete, dass es sich nicht um einen Zufall handelte. (mehr …)

  • Lesen wir die deutsche Geschichte richtig?

    Friedrich Schillers An die Freude, später von Beethoven vertont, ist zu einer Ikone des Menschheitlichen geworden. Umso verstörender die Randnotiz, die Theodor W. Adorno in einem unveröffentlichten Manuskript neben das »Seid umschlungen, Millionen!« schrieb: »Hitler«. (mehr …)