• Die Sache mit der Taube

    Vor einer beliebten Bäckerei hatte sich eine Schlange gebildet, und einige von denen, die ihre Bestellung schon erhalten hatten, verzehrten sie direkt vor dem Ladenlokal stehend. Während auch ich anfing, ein noch warmes Gebäckstück direkt vor der Bäckerei zu essen, beobachtete ich eine Gruppe von drei Personen, vielleicht waren es auch vier, die im Kreis standen und auf den Boden schauten, dabei besprachen sie etwas, was ich akustisch nicht verstehen konnte. Ich sah, dass zu ihren Füßen eine Taube saß, die sich nicht mehr recht bewegen konnte, einer ihrer Flügel schien etwas abgeknickt zu sein. (mehr …)

  • Das Heim. Notizen zum veranstalteten Lebensabend

    Das Heimgebäude ist ein zweiflügeliger Funktionsbau, dessen beiden Flügel vom Fahrstuhltrakt in der Mitte überragt werden. An der Außenseite des einen Flügels eine überdimensioniert erscheinende eiserne Fluchttreppe. Buntputzflächen unterbrechen das Grau, ein schwacher Versuch architektonischer Auflockerung des Baus, der gleichwohl entfernte Ähnlichkeit mit Containerarchitektur hat. Die Geranienkästen an jedem der Balkone wie ein vorgehängtes Lächeln. So lächeln auch das Personal im Werbeprospekt und die darin abgelichteten Bewohner. (mehr …)

  • Doppel-, Dreifach-, Multigänger und Karl Heinz Haags Nachdenken über die Metaphysik

    Alles voller Doppelgänger: In den Medien der Populärkultur haben sie sich zuletzt enorm vervielfacht und ausgebreitet. Besonders viele von ihnen treiben sich derzeit im allerpopulärsten Popcorn-Kino und Serien-Kosmos herum, also im so genannten Marvel Cinematic Universe, dem »MCU«. Ständig werden dort die Protagonisten mit anderen Versionen ihrer selbst konfrontiert: Der Gott Loki beispielsweise begegnet seiner weiblichen Alternative, und er verliebt sich in sie, natürlich: eine besondere Form des Narzissmus (Serie Loki, 2021).

    (mehr …)
  • Neutrale oder politische Regierung?

    Im Februar 2020 meinte Angela Merkel auf einer Pressekonferenz während eines Staatsbesuchs in Südafrika, die Wahl Thomas Kemmerichs mithilfe von AfD-Stimmen sei »unverzeihlich« und müsse »rückgängig gemacht« werden. Der Zweite Senat des Bundesverfassungsgerichts hat im Juni 2022 entschieden, dass sich die Kanzlerin so nicht hätte äußern dürfen. Ich halte diese Entscheidung für falsch, wenn auch für erwartbar. Sie reiht sich in eine nunmehr ständige Rechtsprechung der Richterinnen und Richter des Zweiten Senats in Karlsruhe zu den Äußerungsrechten von Regierungsmitgliedern ein. Nehmen Amtsträger staatliche Ressourcen oder die Autorität des Amtes in Anspruch, dürfen sie nicht parteiergreifend Stellung beziehen, müssen sich also parteipolitisch neutral verhalten.

    (mehr …)
  • „I Am a Coal-Truck“. Nature writing und digitale Literatur

    Bei meiner Google-Suche nach Bildern von Kohletransportern erscheinen unzählige Aufnahmen der offenen Fahrzeuge auf dem Bildschirm. Auf den großen Kipplastwagen liegen Berge aus Kohle, und es ist offensichtlich, weswegen die Fahrzeuge in kaum einem Kinderbilderbuch fehlen, auch wenn sie dort heute meist Steine und Sand transportieren. Der mit Kohle gefüllte Lastwagen ist aus dem Alltagsbild der großen Städte verschwunden. Die Verwendung des Kohletransporters als literarisches Motiv, das von einer Sichtbarkeit der Fahrzeuge im öffentlichen Raum ausgeht, würde in Texten der Gegenwart anachronistisch wirken. (mehr …)

  • Dumme Bedeutung. Künstliche Intelligenz und artifizielle Semantik

    Im Juni 2022 wurde der Google-Ingenieur Blake Lemoine von seinem Arbeitgeber auf unbestimmte Zeit freigestellt, weil er meinte, die Künstliche Intelligenz, an deren Testphase er mitarbeitete, verfüge über Bewusstsein.1 Das Chatbot-System LAMDA (Language Model for Dialogue Applications) habe ihn in langen Gesprächen davon überzeugt, dass es die Intelligenz eines hochbegabten Achtjährigen besitze, und darum gebeten, als Person mit Rechten betrachtet zu werden.2 Lemoine, der sich selbst als »mystischen Christen und ordinierten Priester« bezeichnet, überspitzte dabei nur eine Stimmung, die auch andere Google-Mitarbeiter befiel. (mehr …)

  • Werden alle Manager und Managerinnen gut?

    Unternehmer und Unternehmerinnen sind populär, Manager und Managerinnen sind unpopulär. Zwar wird darüber gestritten, wie reich Tech-Unternehmer sein dürfen, aber es wird ihnen zugutegehalten, dass sie Leistungen erbringen, von denen die Allgemeinheit profitiert. Manager stehen vor allem wegen Fehlleistungen und kriminellem Verhalten im Blickpunkt, siehe Dieselskandal. (mehr …)

  • Ende des Wachstums: Degrowth

    Es ist schwer, sich vorzustellen, wie man über moderne Volkswirtschaften sprechen sollte, ohne zugleich über Wachstum zu sprechen: über Rentabilität, unternehmerische Risikobereitschaft und den profitgetriebenen Zyklus von Expansion und Akkumulation. Wirtschaftliches Wachstum wird als natürlicher, automatisch ablaufender Prozess verstanden. Bleibt das Wachstum aus, gilt das als Beweis dafür, dass wir den dafür verantwortlichen Automatismen irgendwie im Weg gestanden haben müssen. Wirtschaftspolitik wird deshalb gern als eine Angelegenheit dargestellt, bei der es darum geht, das Wachstum hemmende »Fesseln« zu lockern, als wäre die Wirtschaft eine Wohlstand schaffende Bestie, immer bereit, loszulegen, wenn wir sie nur lassen. (mehr …)

  • Kritik und Mündigkeit. Jacob Taubes und die Studentenproteste

    Von den circa zweihundert Ordinarien an der FU gab es vielleicht eine Handvoll, die mit der aufsteigenden studentischen Linken sympathisierte, dazu zählten Helmut Gollwitzer, Peter Szondi und (etwas zurückhaltender) Richard Löwenthal.1 Aber niemand war so eindeutig in seiner Unterstützung der radikalen Studentenbewegung wie Jacob Taubes. Eine Zeitlang erschien er wie der spiritus rector der Neuen Linken an der FU. Er hatte chiliastische Erwartungen, die er noch aufrechterhielt, als die meisten anderen Professoren diese lange schon aufgegeben hatten. (mehr …)

  • Selbstviktimisierung

    Sommer 1992. Ich war gerade in die Schweiz gezogen, und mein ehemaliger Mitbewohner aus der Studienzeit war mich besuchen gekommen für eine Bergtour ins Tessin. Weil es unter der Woche war, hatten wir abends die Selbstversorgerhütte für uns alleine, auf 2000 Metern Höhe mit unglaublichem Blick über das Verzascatal. Es gab einen Herd mit Feuerholz und mehrere Flaschen mit lokalem Wein, für den man, wie fürs Übernachten, Geld in eine Kasse warf, auf Vertrauensbasis. Nach zwei Tellern Spaghetti und der angebrochenen Flasche dachte ich mit sonnenverbrannter Nase am knackenden Ofen, dass es besser doch gar nicht sein könne auf dieser Welt: selige, etwas beschwipste alpine Idylle.

    (mehr …)