• Video: Catherine Davies im Gespräch über Zbigniew Herbert | Zweite Lesung

    Catherine Davies empfiehlt zur zweiten Lesung "Der Tulpen bitterer Duft" von Zbigniew Herbert. Der Essay, 1980 im Merkur erschienen, beschreibt die Tulpenmanie und den anschließenden Börsencrash in den Niederlanden des 16. Jahrhunderts als spannend zu lesende Parabel, die ihre Moral bewusst in der Schwebe lässt. (mehr …)
  • Kein Familienroman

    Der schönste Ort, an dem ich in den vergangenen Wochen war, ist die Obst- und Gemüsehalle des Berliner Großmarkts an der Beusselstraße in Moabit. Ein Ort seliger, uninszenierter Eindeutigkeit. Draußen dann wieder nichts als gleißendes Zwielicht. Es hat dann doch eine Beerdigung gegeben, für meinen Onkel, der, wir erinnern uns, in der letzten Kolumne 96-jährig verstorben war. Ich habe ihm auf einem Hamburger Friedhof eine Schaufel Erde auf die Urne werfen können, dafür eine wichtige Sitzung einer Literaturpreisjury verpasst und meine Juroren-Position geschwächt. Alles kostet etwas, nichts ist umsonst.

    (Der Essay ist im Juliheft 2019, Merkur # 842, erschienen.)

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  • Marrakesch

    Die Vitrinen, in denen die Bäcker ihr Angebot präsentieren, gleichen summenden Bienenstöcken. Man kann die süßen Teilchen kaum erkennen, so dicht sind sie von Bienen bedeckt, aber weder Verkäufer noch Kunden nehmen daran Anstoß. Seelenruhig greift der Bäcker in seinem kleinen Laden in der Medina von Marrakesch nach einem Vanillestückchen, streift und schüttelt die Bienen mit sanften Bewegungen ab und steckt das Gebäck in eine Papiertüte. Sein Lächeln scheint zu sagen: Ja, so ist es bei uns, wir lassen auch den Bienen ihren Teil.

    (Der Essay ist im Juliheft 2019, Merkur # 842, erschienen.)

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  • »Der totalitäre Liberale«. Was bleibt von Karl Raimund Popper?

    Vom Tod Karl Poppers (1902–1994) erfuhr ich im Bergdorf Alpbach, einst philosophischer Inkubations-, später Wallfahrtsort für Popperianer, während der Europäischen Hochschulwochen. Die Nachricht platzte in eine entspannte Zusammenkunft von Jungakademikern. Nicht wenige von ihnen strebten philosophische Abschlüsse an, und rasch war ein Gedenkkolloquium organisiert. Ein Referent des Fachs Naturphilosophie würdigte Popper als Wissenschaftstheoretiker. Dennoch hing Ratlosigkeit in der Luft, die Diskussion blieb mühsam. In den 1990ern tendierte der philosophische Nachwuchs vielfach zu Dekonstruktion oder (Post)Analytischer Philosophie, deren Idiome – mit der üblichen Verspätung – die Bundesrepublik nach und nach eroberten.

    (Der Essay ist im Juliheft 2019, Merkur # 842, erschienen.)

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  • »Wer tritt denn hinein in ein Bild!« Über Hebbels »Maria Magdalena«, aus Anlass der Düsseldorfer Neuinszenierung

    Am 22. Oktober 1843 erreichte den dreißigjährigen Friedrich Hebbel in Paris die Nachricht, dass sein dreijähriger Sohn Max in Hamburg an einer Gehirnentzündung gestorben war. Am 4. Dezember schloss der Dichter, der sich mit einem Reisestipendium des dänischen Königs in der französischen Hauptstadt aufhielt, das Manuskript der Maria Magdalena ab, seines Trauerspiels über eine unehelich schwangere Tischlertochter, die sich durch den Sprung in einen Brunnen das Leben nimmt, weil ihr Vater damit gedroht hat, dass er sich mit dem Rasiermesser töten werde, wenn sie ihm Schande machen sollte. Von der Vollendung dieser Arbeit, die er zwischenzeitlich als »Toten-Opfer« aufzugeben erwogen hatte, machte Hebbel Elise Lensing, der Mutter des toten Kindes, die damals schon mit Hebbels zweitem Sohn Ernst schwanger war, am 5. Dezember brieflich Mitteilung.

    (Der Essay ist im Juliheft 2019, Merkur # 842, erschienen.)

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  • Kapital- und Violinspiel. Mendelssohn & Co. – eine Kapitalbank, die bis 1938 bestand

    Ohne Interdisziplinarität geht nichts mehr, und so fließt seit Jahren viel Energie und Geld in Kongresse, Projekte und Versuchsanordnungen für ein Zusammenspiel von Wissenschaften und Künsten. Eine Mauer ist trotzdem noch sehr hoch: die zwischen Wirtschafts- und Kulturgeschichte. Kapital und Musik, Fonds und Literatur gehören, zumal im deutschen Sprachraum, verschiedenen Welten an. Sebastian Panwitz verbindet in seiner Geschichte von Mendelssohn & Co., der lange Zeit »wichtigsten Privatbank Deutschlands«, die zu einem der führenden Häuser Europas wurde, die Erzählung über Geschäfte mit der über Künste, Wissenschaften und Wohlfahrt. Ihn interessiert die »Koexistenz von Finanz- und Geisteswelt«, und man erfährt viel über Moral und Umgangsformen der Nachkommen des großen Philosophen Moses Mendelssohn, der im Hauptberuf erst Angestellter, dann Teilhaber einer Seidenfabrik war.

    (Der Essay ist im Juliheft 2019, Merkur # 842, erschienen.)

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  • Rechtskolumne. Gehört der Rechtsstaat ins Museum?

    »Sie haben uns ein Denkmal gebaut, und jeder Vollidiot weiß, dass das die Liebe versaut.« An diese Textzeile der Band Wir sind Helden dachte im Bundestag vermutlich niemand, als dort vor wenigen Monaten die »Stiftung Forum Recht« errichtet wurde. Aufgabe der Stiftung wird es sein, in Karlsruhe und Leipzig einen neuen Ausstellungs- und Veranstaltungsort aufzubauen. Der Zweck dieses Forums liegt darin, »in einem auf Bürgerbeteiligung angelegten Kommunikations-, Informations- und Dokumentationsforum aktuelle Fragen von Recht und Rechtsstaat in der Bundesrepublik Deutschland als Grundvoraussetzung einer funktionsfähigen und lebendigen Demokratie aufzugreifen und diese für alle gesellschaftlichen Gruppen in Ausstellungen und Aktivitäten vor Ort und im virtuellen Raum erfahrbar werden zu lassen«, wie es das Einrichtungsgesetz formuliert. Es soll also zugleich Museum und Denkmal für den Rechtsstaat sein. Ob das der Liebe zum Rechtsstaat wirklich guttun kann?

    (Der Essay ist im Juliheft 2019, Merkur # 842, erschienen.)

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  • Kein Formbegriff in Sichtweite. Kann uns die Systemtheorie helfen?

    Mal schnell einen aufgeklärten Formbegriff sich zu holen, fällt mittlerweile so schwer, wie eine Telefonzelle in der Innenstadt zu finden. Es haben sich die Fächer, für die Form so lange Leitbegriff und Glaubensartikel war, von dieser Kategorie in den siebziger Jahren verabschiedet. In der Kunstgeschichte darf Max Imdahls »Ikonik« als der letzte Theorieansatz gelten, in dem Formanalyse eine Zentralstellung hat. Ging aber nicht die Kunst selbst dieser Entwicklung voraus? In der Bewegung des Informel zum Beispiel? Wo war Große Form noch das Ziel – nach dem Ausklingen des Abstrakten Expressionismus und spätestens nach den heroischen Setzungen der Minimal Art? Das Ungeformte fand man immer schon geformt vor und konnte, nein musste es mehr oder minder fertig abholen – wir denken an Pop Art, Appropriation und postmoderne Ansätze.

    (Der Essay ist im Juliheft 2019, Merkur # 842, erschienen.)

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  • Das Blut der Anderen. Der Volcker-Schock und die Folgen

    Wollte man einen Film über den Neoliberalismus drehen: Paul Volcker müsste darin eine Hauptrolle spielen. Als Präsident der US-Notenbank Fed in den Jahren 1979 bis 1987 war Volcker der mächtigste Zentralbanker der Welt. In diese Jahre fällt die Niederlage der Industriearbeiterbewegung in Großbritannien und den Vereinigten Staaten; in der »Dritten Welt« sind in dieser Zeit Schuldenkrisen explodiert. Beides hat mit Volcker zu tun. Am 6. Oktober 1979 verkündete er nach einem außerplanmäßigen Treffen des Open Market Committee der Notenbank, dass er mit der Begrenzung des Wachstums der nationalen Geldmenge beginnen werde. Dies würde er durch die Begrenzung des Wachstums von Bankreserven erreichen, die die Fed durch An- und Verkäufe von Staatsanleihen an Mitgliedsbanken beeinflussen kann. Wenn das Geld knapper würde, müssten die Banken die Zinsen erhöhen und so die Liquidität in der Gesamtökonomie verringern. Obgleich die Zinsen das Ergebnis der Fed-Politik waren, konnte Volcker, indem er auf die Geldmenge zielte, den Eindruck vermeiden, die Zinsen direkt zu erhöhen. Das Experiment – der sogenannte Volcker-Schock – dauerte bis 1982, es führte zur bis heute schlimmsten Arbeitslosigkeit seit der Großen Depression und beendete schließlich die Inflation, die die Weltökonomie seit den späten sechziger Jahren geplagt hatte.

    (Der Essay ist im Juliheft 2019, Merkur # 842, erschienen.)

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