• Kunstmarkt und Globalkultur

    Fast jede Woche im Herbst und im Frühjahr purzelt eine Meldung vom internationalen Kunstmarkt herein, begleitet von Kopfschütteln, weniger von Empörung, wie in anderen Fällen heilloser Ressourcenverschwendung. Dass jemand Millionen und Abermillionen für ein Bild zu zahlen bereit ist, wird offenbar immer noch als Privatangelegenheit betrachtet und noch nicht als Verstoß gegen ethische Normen, die inzwischen wie Pilze aufschießen und jede Praktik des zeitgenössischen Lebens brandmarken können. Kulturwerte sind menschenrechtskonform und weitgehend klimaneutral, meistens jedenfalls, es gibt schon erste Ausnahmen. Dennoch erscheint die finanzielle Verausgabung für Kunst, wiewohl sie doch auf obszöne Weise materielle Ungleichheitsverhältnisse zum Ausdruck bringt, als persönliches Schicksal von jemandem, der es ertragen kann. Früher tauchte ein teurer Kauf in den bunten Seiten der Zeitungen auf, heute ist das Interesse daran nicht nur größer, sondern auch differenzierter: Von argwöhnischen Kommentaren werden die Ereignisse des Kunstmarkts hierzulande begleitet, in China bejubelt man in Rekordpreisen sich selbst und seine Finanzkraft. (mehr …)

  • Der tätowierte Mensch

    Die Hitzesommer der letzten zweieinhalb Jahrzehnte haben unübersehbar gemacht, dass die europäischen Durchschnittskörper sich in Zeichenträger verwandelt haben, in einen bunten halböffentlichen Skizzenblock aus menschlicher Haut. Im Sommer krabbeln all die Rosen, Augen, Reptilien und Flügel wieder heraus aus den Ausschnitten und Ärmeln, in denen sie den langen Kunstlichtwinter verbracht haben. Sie sind Post von den Besitzerinnen und Besitzer dieser Körper, sie haben etwas zu sagen. Ich bin eine ganz besonders wichtige Nachricht, flüstert jede von ihnen, bitte schau mich an. Also schaue ich. (mehr …)

  • Die Politisierung der Unpolitischen: Moskau, mein Freund Sergej und das Recht auf Stadt

    Als ich Sergej das letzte Mal sah, war es Sommer. Er war nach Berlin gekommen, um Fahrrad zu fahren. Nach seinen ersten Rundfahrten bat er mich, ihm das russische Berlin zu zeigen, also fuhren wir gemeinsam nach Marzahn – in ein Stadtgebiet, das für seine Armut und Kriminalität berüchtigt ist. Doch Marzahn überraschte mich mit strahlender Sonne, guter Luft und vor allem den Resten einer architektonischen Utopie der Neuorganisation des kommunalen Raums, der eine erkennbar sowjetische Prägung hat. Das Zentrum der Wohnsiedlung bildet ein kleiner, nach dem bereits 1933 in Dachau ermordeten Kommunisten Franz Stenzer benannter Fußgängerpfad mit Kleingewerbe mitten durch die riesigen Plattenbauten. Er verleiht der Gegend die Atmosphäre eines Feriendorfs. Nur ist er heute zur Seite der S-Bahn-Station hin durch ein großes Einkaufszentrum begrenzt und verborgen. Sergej war jedenfalls froh, fast erleichtert, in Marzahn zu sein. Es war nach einer Woche Berlin für ihn ein Stück Vertrautheit: „Wie zuhause“. (mehr …)
  • 16. bayreuther dialoge – Wandel werten, Werte wandeln

    Am 26. und 27. Oktober finden die 16. bayreuther dialoge statt. Die von Philosophy und Economics-Studierenden der Universität Bayreuth organisierte Konferenz schafft eine offene Plattform, um relevante Entwicklung der Zeit im unmittelbaren Dialog zu verhandeln. Dabei werden Referierende aus unterschiedlichsten Fach- und Lebensbereichen eingeladen, um einen produktiven und zukunftsorientierten Diskus zu fördern. In diesem Jahr stehen die bayreuther dialoge ganz unter der Frage: „Neue Ethik?“ Als Kooperationspartner versorgen wir auch dieses Jahr wieder alle Teilnehmenden mit aktuellen Merkur-Ausgaben. Ein weiterer guter Grund, die Konferenz zu besuchen. Programm und Tickets unter: bayreuther-dialoge.de
  • Video: Melanie Möller über Jürgen Paul Schwindt | Zweite Lesung

    Melanie Möller empfiehlt zur zweiten Lesung "Schwarzer Humanismus" von Jürgen Paul Schwindt. Der vieldiskutierte Essay wendet sich gegen neuere Tendenzen des eigenen Fachs, entwirft das Bild einer ästhetisch geschärften Altertumswissenschaft und demonstriert seine Thesen an einem unerwarteten Beispiel: Caesars Klassiker Bellum Gallicum. (mehr …)
  • Fragebogen

    1. Sind Sie sicher, dass Sie die Erhaltung des Menschengeschlechts, wenn Sie und alle ihre Bekannten nicht mehr sind, wirklich interessiert? 2. Warum? Stichworte genügen. 3.

    Wie oft muss eine bestimmte Hoffnung (zum Beispiel eine politische) sich nicht erfüllen, damit Sie die betreffende Hoffnung aufgeben, und gelingt Ihnen dies, ohne sich sofort eine andere Hoffnung zu machen?

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  • What’s the Matter with Fergus Falls? Reisen ins Herz der politischen Rechten

    »To grasp the native’s point of view«: Das forderte der Pionier der ethnologischen Feldforschung, Bronisław Malinowski, in seinem 1922 erschienenen Klassiker über die Argonauten des westlichen Pazifik. Die wissenschaftliche Ethnografie hat sich von dieser Formulierung längst verabschiedet, sie hat die Konstruktion der »natives« ebenso grundsätzlich in Frage gestellt wie die auktoriale Position des Forschers, und sie hat die Idee vom »point of view« durch eine multilokale und multiperspektivische Forschungsoptik ersetzt. Die Kritik des othering richtet sich seit der Writing-culture-Debatte der 1980er Jahre gegen den ethnisierenden, homogenisierenden ethnologischen Blick, der das Forschungsfeld künstlich befremdet und seine Akteurinnen und Akteure erst zu den »Anderen« macht, die sie ohne ihn gar nicht wären. Gefragt sind seitdem sensible Techniken des dialogischen, partizipativen Forschens, die mit der eigenen Position als Wissenschaftler/in möglichst reflektiert umgehen. (mehr …)
  • Liberale gegen Liberale. Unpopuläres über den (deutschen) Populismus

    Jan-Werner Müller hat mit seinem jüngsten Beitrag im Merkur einer Ahnung zur Sprache verholfen, die in der bürgerlichen Öffentlichkeit schon seit geraumer Zeit aufzieht: dass man sich dort nämlich einer antagonistischen Konfrontation zwischen Liberalen und Populisten beiwohnen sieht.1 Gewiss, Müller gebraucht diese Begriffe analytisch-reflektiert, und die strategischen Ratschläge, die er der liberalen Elite für den Umgang mit ihren antipluralistischen Antipoden mit auf den Weg gibt, sind das Ergebnis einer langen Debatte. Gleichwohl muss es Fragen aufwerfen, dass die gegenwärtige Lage von allen Seiten durch ein und denselben Schematismus erfasst und bearbeitet wird: von den »Populisten«, die zwischen Ablehnung und Aneignung dieses Etiketts schwanken, aber an der Etablierung der antagonistischen Lagebeurteilung selbst zweifellos maßgeblich beteiligt waren; von den »liberalen Eliten« aus Medien und Politik, die populistischen Anwürfen fortlaufend ausgesetzt sind; und schließlich auch von der vornehmlich professoralen Kommentatorenschaft, die sich nicht entscheiden kann, ob sie Partei oder Beobachter des Konfrontationsgeschehens in der bürgerlichen Öffentlichkeit sein will. (mehr …)
  • H. P. Lovecraft: Seine Welten und ihre Fans. Literaturkolumne

    Aus einer fiktionalen Geschichte kann ein quasi bewohnbares Universum eigenen Rechts werden, wenn die eine über sich hinaus in andere Geschichten drängt, insbesondere solche aus anderen Zeiten und mit anderen Wirklichkeiten. Aus Geschichten werden dann Schichten, die alle irgendwie zusammenhängen, sich aber in keinem einzelnen Erzählstrang erschöpfen. Fiktion ist paradoxerweise dann besonders fesselnd und glaubhaft, wenn eine Welt unter dem Druck einer anderen, die genauso fiktional ist, ihre festen Konturen verliert und durchlässig wird. (mehr …)