• Die Lehrstühle abschaffen. Ein Gespräch über die Prekarisierung des akademischen Nachwuchses

    .Dieser Artikel erscheint zugleich auf Literaturwissenschaft in Berlin   Die Klage über die Arbeitsverhältnisse an deutschen Universitäten wurde in den letzten Jahren immer lauter. Regelmäßig erfahren auch im Feuilleton kritische Stimmen aus dem Mittelbau ein großes Echo. De facto geändert hat sich bisher jedoch wenig. Nicht zuletzt in Reaktion auf eine Podiumsdiskussion beim letzten Germanistentag 2016 in Bayreuth widmet sich das neueste Heft der Mitteilungen des deutschen Germanistenverbands unter dem Titel Prekär. Berichte, Positionen und Konzepte zur Lage des germanistischen ›Mittelbaus‹ nun dem Thema und lässt dabei Stimmen aus allen Statusgruppen zu Wort kommen. Inwiefern betrifft das Problem gerade auch die Germanistik? Lenkt die Forderung nach mehr Geld nicht von den eigentlichen Konfliktfeldern ab? Und welche alternativen Modelle werden derzeit diskutiert? Roman Widder hat mit Mark-Georg Dehrmann, Professor für Neuere Deutsche Literatur an der HU Berlin und einer der Herausgeber der Mitteilungen, über das Heft und seine eigenen Vorschläge gesprochen. (mehr …)
  • Marx-Publika

    Der gezielte Blick ins Gesicht des Marx-Publikums der Jubiläumswochen erinnert an Abbas Kiarostamis Film Shirin (2008): Neunzig Minuten lang zeigt die Kamera dort im Close-up die Gesichter des weiblichen Kinopublikums – im Rücken der Kamera die fiktive Verfilmung von Khosrow and Shirin , einer persischen Hofromanze aus dem 12. Jahrhundert, die um tragische Liebe und heroisches Opfer kreist. Im Flackern der Leinwand und im Hallraum der Tonspur strahlen die mehr als hundert Gesichter des Publikums (darunter das von Juliette Binoche) eine Mischung aus Langeweile und Sentimentalität aus, schwanken zwischen gebanntem Starren und seliger Selbstvergessenheit. Der Film stellt so nicht nur die Distanz zwischen Shirin auf der Leinwand und ihren Wiedergängerinnen im Publikum aus. In der Serialität seiner Einstellungen verknüpft er zudem elegant das Intime mit dem Kollektiven, während sich sein Plot auf eine Phänomenologie mimischen Ausdrucks reduziert: Seufzen, Fingernägelkauen, Lippenpressen, Weinen usw. Die Marx-Story, die in den vergangenen Jubiläumsmonaten im Feuilleton aus diversen Klischees zusammenmontiert wurde, besitzt ebenfalls episch-sentimentalen Charakter: Marx, der nicht mit Geld umgehen konnte, wurde im Bruderkrieg mit den Junghegelianern schwer verwundet und hat sich deshalb 1848 einfach mal das Proletariat ausgedacht, obwohl das Ganze, wie etwa Ulrike Herrmann in der Arte-Dokumentation Fetisch Karl Marx behauptet, eine »Kopfgeburt« gewesen sei, weil sich 1848 in Deutschland »nur Lumpenproletariat« herumgetrieben habe. Für dieses nichtexistierende Proletariat habe der »Moses des Kommunismus« (Zeit) dann mit dem Kapital eine Art Bibel geschrieben, denn Kommunismus war von Anfang an Religion, so der nicht nur von Gerd Koenen gerne bediente Topos, der ursprünglich von Nikolaj Berdjaev eingeführt worden war. Ergebnis waren natürlich »Millionen von Toten«, die Marx »symbolisch auf dem Kerbholz« hat, wie Denis Scheck im druckfrisch-Gespräch mit Jürgen Neffe festhielt. Weil all dem andererseits aber nicht nur viel Blut, sondern irgendwie auch Heroisches anhaftet, war es bei der vom Bundespräsidenten veranstalteten Matinee auf Schloss Bellevue Marcus Off, die Synchronstimme von Johnny Depp als Piratenkapitän Jack Sparrow in Fluch der Karibik , der vorab aus den Marx-Texten vorlesen durfte. Und wie um zu bebildern, dass dieses ganze Spektakel überflüssig ist, ging es in der Dokufiktion Der deutsche Prophet (Regie Christian Twente) dann konsequenterweise von Anfang an nur noch um den Bart von Mario Adorf, der den Opa Marx spielen durfte. Was soll man dazu nun sagen? »Ein solches Verhalten betrachten wir als Heuchelei« hieß es zu derlei eklektischen Appropriationszeremonien schon auf der Demo gegen die Marx-Feierlichkeiten in Trier, die der SWR dankenswerterweise online stellte. Macht man jedoch, wie Kiarostami, aus den Zuschauern Figuren, so zeigt sich auch das Marx-Publikum nach wie vor von seiner reizenden Seite, nämlich als noch immer streitendes, kritisches, schwer zu befriedendes Publikum. Um es direkt zu zitieren, ist das Marx-Publikum leider ein zu fluides und vielköpfiges Wesen. Klar wurde jedoch, dass in Marx noch immer Hoffnungen gesetzt werden, die zwar unmöglich erfüllt werden können, sich in ihm aber immerhin vor dem Kältetod retten. Der Name Marx ist für das Marx-Publikum nur Metonymie für die von ihm adressierte bessere Gesellschaft. Wie im Modus der Nostalgie die Zukunft neukonzipiert wird, so ist auch Marx ganz zwangsläufig immer Der vergessene und der wiedergefundene Marx , wie schon vor Jahren ein Sammelband titelte. Vielleicht ist die Frage nach dem Marx-Publikum aber nicht so harmlos, wie es zunächst scheint, kann sich doch nur in ihm jene Emanzipation vollziehen, die schon vor Marx notwendig war und die letztendlich auch eine Emanzipation von Marx sein wird. Wer aber war eigentlich das ursprüngliche Publikum von Marx? Welche historischen Rahmenbedingungen ermöglichten überhaupt die Effektivität und die Reichweite seiner Kritik? Und mit welcher Adressierungslogik begegnete er den Hindernissen seines publizistisch-politischen Projekts? Diese Fragestellung verfolgte jüngst ein »Tag für Marx« am Kulturwissenschaftlichen Kolleg in Konstanz, der dem Thema Marx’ Öffentlichkeiten gewidmet war und nicht nur eine erfrischende Abwechslung vom Geburtstagslärm bot, sondern sich auch als vorläufiger Rückblick auf die Marx-Feierlichkeiten verstand. Wie Patrick Eiden-Offe darlegte, war der Titel seines Buchs Die Poesie der Klasse oder die Erfindung des Proletariats (2017) natürlich nicht so intendiert, dass Marx und Engels das Proletariat ex nihilo erfunden hätten. Im Gegenteil: Worum es vielmehr ging und geht, waren und sind die Aporien der Darstellbarkeit des Proletariats beziehungsweise jener Strukturen der Proletarisierung, denen ein zunehmend größerer Teil der Menschheit unterworfen ist, ungeachtet dessen, dass im postsozialistischen Vakuum der (lesen ...)
  • Rosa Luxemburg, das Klassenbewusstsein und der Donbass. Zur Wiederentdeckung von Andrej Platonow

    Sie sind wieder da: Empörte, die ganz plötzlich und voller Realitätsverachtung irgendwo aus der Provinz hervorkommen. Fast ohne jede politische Bildung, maßen sie sich auf einmal eine Stimme an, obwohl sie in ihrer sonderbaren Interesselosigkeit eigentlich mit niemandem reden wollen. Für viele bilden sie eine große Gefahr, für andere sind sie die einzige Hoffnung, das Unrecht zu überwinden, das ihre Existenz bedeutet. Bei Andrej Platonow (1899–1951) gibt es sie schon. »Die Übrigen« nennt er einen Teil von ihnen in aller Schlichtheit. Es ist also ganz folgerichtig, dass Platonow im Jahr 2016 hierzulande wiederentdeckt wurde: von Frank Castorf mit seiner Inszenierung von Tschewengur (1929) am Schauspiel Stuttgart oder vom Suhrkamp Verlag mit einer Neuübersetzung von Die Baugrube (1930) durch Gabriele Leupold sowie Hans Günthers Biografie.  Platonow entführt uns in seinen Texten in eine seltsam verwirrte und zugleich mutig politische Welt, die nicht von ungefähr erstaunliche Ähnlichkeiten mit unserer desorientierten Gegenwart hat. Erzählt man die Geschichte des 20. Jahrhunderts mit Platonow und seinen Texten, dann hat sie drei Protagonisten: Rosa Luxemburg, das Klassenbewusstsein und den Donbass. (mehr …)
  • Überflüssig-Werden

    Roman Widder (mehr hier) hat ein Jahr in Sibirien studiert. Die Tagung, von der er hier berichtet, fand in dieser Zeit statt. Die Bilder sind Fotografien von Landschaftsmalereien, die auf Olchon den öffentlichen Raum schmücken. Wir setzen mit dem Text unsere Begleitung des Heftschwerpunkts "Zur Lage der Universität" fort. (d. Red.) Kurz vorm Übersetzen auf die heilige Insel Olchon stiegen alle aus, um sich durch einen Schluck Wodka zu weihen. Bald nachdem die Fähre unseren Reisebus auf der Insel abgesetzt hatte, wurde die Straße zu unwegsam. Den Rest der Strecke mussten wir laufen und unsere Rollkoffer durch die sengende Hitze tragen. Am Anfang war das Grüppchen der Wissenschaftler noch eine geschlossene Gemeinschaft. Schnell aber zeigten sich die unterschiedlichen Leistungsvermögen. Auch ich legte regelmäßig Pausen ein. Einige ließen sich von Bewohnern der umliegenden Dörfer ihre Trinkflaschen mit Wasser nachfüllen. Nachdem ich im Bus die ganze Zeit geschwiegen hatte, ergab sich nun ein freundliches Gespräch mit einem ukrainischen Professor. Er versuchte mir gegenüber höflich zu bleiben, fluchte aber bereits still vor sich hin. Wenn der Atem tief wird und die Zunge langsamer, dachte ich mir, fallen eben manchmal ganz andere Wörter heraus als gewöhnlich. Am Straßenrand standen gelegentlich seltsame Schilder mit Landschaftsbildern, die Olchon und den Baikalsee zeigten. Auf und hinter den Bildern also dasselbe: Meer, Sand und Klippen, wilde Pferde und Fischgeruch. IMG_1517_b (mehr …)