• Über Nationalsozialismus sprechen. Ein Verkomplizierungsversuch

    Dass sich selbst elementares Fachwissen, wenn überhaupt, nur langsam und bruchstückhaft in Allgemeinwissen übersetzen lässt, ist Wissenschaftlern aller Disziplinen klar. Jeder Physiker weiß, dass schon das erste newtonsche Gesetz flächendeckend unverstanden ist. Wen auch immer er außerhalb seines Kollegenkreises fragen mag, wo denn der Stein landen werde, den ein Radfahrer bei gleichmäßiger Geschwindigkeit vertikal in die Höhe wirft, er wird immer mit der falschen Antwort rechnen: hinter dem Fahrrad. Genauso wenig würde eine Soziologin erwarten, dass das für ihr Fach grundlegende Axiom der arbeitsteiligen Natur der Gesellschaft auch nur ein einziges Gesellschaftsmitglied je daran gehindert hätte, überzogene Ansprüche an die individuelle Selbstverwirklichung zu stellen. Sieht man nur auf das Gefälle zwischen Fachwissen und Laienvorstellungen, geht es dem Historiker da nicht anders. Er weiß, dass etwa das Gerede vom „finsteren“ Mittelalter, in das islamistischer Terror die moderne Welt angeblich „zurückbomben“ wolle, nicht allein deshalb verstummt, weil die Jahrhunderte zwischen Spätantike und Frühmoderne unter Mediävisten längst als Epoche mit einer eigenen, nicht über Werturteile einholbaren Kultur gelten.   | Dieser Text stammt aus dem Heft Mai 2016 des Merkur. Die Übersicht über die Bestellmöglichkeiten - für einzelne Artikel oder das ganze Heft, digital oder in der Printausgabe - finden Sie hier. Abonnieren können Sie den Merkur ab 48 Euro im Jahr - die Übersicht über die Optionen auf dieser Seite. | (mehr …)