• Nicht einmal Kapitalismus

    Ich stehe unter bestmöglicher Einhaltung der Abstandsregeln in der S-Bahn nach Berlin-Frohnau. Schräg rechts unter mir sitzt ein Mann, etwas älter als ich, Anfang sechzig vielleicht. Akkurate Kurzhaarfrisur. Auf dem Schoß ein neues schwarzes Daypack, gelecktes Mittelmaß. Überhaupt alles mittleres Preissegment, auch das strammsitzende schwarz-weiß-blau karierte Kurzarmhemd – ein Mensch, der sich fest in Ordnung wickelt. Fleischgewordene deutsche Leitkultur. (mehr …)

  • Plädoyer für die öffentliche Universität

    Seit die Corona-Pandemie die amerikanische Ostküste erreicht hat, sind mindestens 23 Studierende, Dozenten und Mitarbeiterinnen der City University von New York gestorben. Laut den Daten, die der CUNY-Professor Michael Yarbrough und Studierende in seinem Forschungskolloquium zusammengetragen haben, war Covid-19 die Todesursache bei mindestens 19 der Verstorbenen. Unter ihnen waren: William Helmreich, ein bekannter Soziologe, der praktisch jeden einzelnen der 120 000 Blocks von New York City zu Fuß erkundet hatte; Anita Crumpton, Absolventin des City College, die seit zwei Jahrzehnten als Büroassistentin am Graduate Center der CUNY gearbeitet hatte; und Joseph und Yolanda Dellis, ein Paar, das sich vor fast vierzig Jahren beim Bowling kennengelernt hatte und am Kingsborough Community College gearbeitet hat. Zu den Todesursachen der anderen war nichts in Erfahrung zu bringen. (mehr …)

  • Das Scharnier – Neuer Konservatismus und Neue Rechte

    Im Oktober 2017 veröffentlichten zwölf konservative europäische Intellektuelle eine »Pariser Erklärung«.1 Zu den Unterzeichnern gehörten der polnische Philosoph und PiS-Politiker Ryszard Legutko, der von der Fidesz-Regierung begeisterte ungarische Universitätsrektor András Lánczi2 sowie die inzwischen verstorbenen Robert Spaemann und Roger Scruton. In 36 Punkten werden die vermeintlichen Defizite des liberalen Westens aufgelistet. Die Autoren fordern ein »wahres Europa«, »soziale und kulturelle Hierarchien« und die »Assimilation« von Migranten. Gegen die »Tyrannei des falschen Europas« wird ein altbekanntes Instrument der Machtpolitik ins Spiel gebracht – die personalisierte Führerschaft. (mehr …)

  • Denkpause für Globalgeschichte

    Von Zeit zu Zeit fegen auf beiden Seiten des Atlantiks Stürme der Begeisterung durch die Geschichtswissenschaft. Es ist in solchen Zeiten blamabel, die Leitwerke der »kritischen Sozialgeschichte«, der »historischen Anthropologie«, der »Neuen Kulturgeschichte« – oder was auch immer das jeweils glanzvollste Paradigma sein mag – nicht zu kennen. Charismatische Exponenten vertreten die neueste Richtung mit öffentlicher Wirkung auch jenseits der akademischen Welt. (mehr …)

  • Synkopischer Widerstand. Fred Motens schwarze Reanimation der Kritischen Theorie

    Dass Adorno den Jazz nicht liebte, ist kein Geheimnis, nicht einmal ein offenes. 1953 schreibt er im Merkur: »Jazz ist Musik, die bei simpelster melodischer, harmonischer, metrischer und formaler Struktur prinzipiell den musikalischen Verlauf aus gleichsam störenden Synkopen zusammenfügt, ohne daß je an die sture Einheit des Grundrhythmus, die identisch durchgehaltenen Zählzeiten, die Viertel gerührt wurde.« Abschätziger als in diesem späten Reenactment von Adornos Jazz-Verriss aus dem Jahr 1936 kann ein Generalurteil gegen eine gesamte kulturelle Formation und deren Produktionsbedingungen kaum ausfallen.1  (mehr …)

  • Geschichtskolumne. Arbeit

    Die in Genf ansässige International Labour Organization (ILO), gegründet 1919 im Kontext des durch den Ersten Weltkrieg und die Nachkriegsturbulenzen geprägten politischen und sozialen Umbruchs, ist heute eine der ältesten Organisationen im System der Vereinten Nationen. In ihrer Geschichte spiegeln sich wesentliche Aspekte der Geschichte der Arbeit sowie der Auseinandersetzungen und Kämpfe um soziale Gerechtigkeit seit dem frühen 20. Jahrhundert. Das beginnt schon auf organisatorischer Ebene: In der ILO wurden Entscheidungen von Vertretern von Regierungen, Arbeitgebern und Arbeitern von Anfang an gemeinsam getroffen. Motor für diese einzigartige dreigliedrige Struktur war ursprünglich die Angst vor dem Bolschewismus. Man hoffte, konzertierte Maßnahmen etwa zur Regulierung der Arbeitszeit und zur Festsetzung angemessener Löhne wären geeignet, revolutionäre Energien (mehr …)

  • Literaturkolumne. Altes und Neues aus den Literaturwissenschaften

    Zwei Herren stritten sich jüngst gepflegt. Meister ihres Faches (der Romanistik) alle beide, ging es einmal mehr um Herkunft und Zukunft der Geistes- und vor allem der Literaturwissenschaften. Den Aufschlag machte Hans Ulrich Gumbrecht in der NZZ vom 29. Oktober 2019. Der Bestandsaufnahme (sinkende Hörerzahlen, falsch verstandene Professionalisierung und moralisch überformte politische Korrektheit) folgte die Geschichtslektion: Die große Zeit der Geisteswissenschaften lag in dem Jahrhundert zwischen Romantik und Erstem Weltkrieg. Danach ging es etappenweise bergab, mit verzweifelter, auch vor schlimmsten Ideologien nicht Halt machender Anbiederung an die sogenannte Öffentlichkeit; aber auch Rückzug in den Elfenbeinturm und zunehmende Verwissenschaftlichung trugen zur Selbstzerstörung der Geisteswissenschaften bei. (mehr …)

  • Exkursion ins Hinterland

    Das Material mancher Wissenschaften der Gegenwart ist so gewöhnlich, dass man es kaum für erwähnenswert hält. Weder ist es stofflich frappant, noch sind seine Verwendungsweisen besonders vielfältig. Es zieht eher eine lokale als eine Globalgeschichte hinter sich her, ist nur für wenige Fachgebiete von Bedeutung, liegt zumeist herum, ohne gebraucht zu werden. Vielleicht ist es auch längst ausrangiert worden und führt eine vergessene Existenz in den Schubladen irgendwelcher Büros oder in den Kellern irgendwelcher Institute. Häufig handelt es sich um Material aus Papier, mit Buchstaben drauf. Bekommt man es zu Gesicht, ist ihm aufgrund seines Allerweltscharakters nicht anzusehen, dass es einst zum Gegenstand epistemischer Leidenschaften wurde. (mehr …)

  • Homeschooling, Distant Learning und das selbstorganisierte Kind

    Homeschooling ist eine tolle Sache, zumindest, wenn man Alexander oder Wilhelm von Humboldt heißt, im Schloss Tegel wohnt und von Hofmeistern wie Joachim Heinrich Campe oder Gottlob Johann Christian Knuth unterrichtet und betreut wird. Die idyllische Isolation hilft dem Geist, sich mannigfaltig und zugleich proportionierlich zu entfalten. Auch wer keine einzige Stunde lang die offizielle Schulbank gedrückt hat, kann nach langjähriger Bildungsquarantäne zu einem der wichtigsten Schul- und Bildungsreformer der deutschen Geschichte werden. (mehr …)

  • Fridays for Yesterday. Ein Kommentar zur politischen Ökologie

    Björn Höcke mag den Wald. Sein »Lieblingswald«, in dem er sich als Jünger’scher Waldgänger inszeniert und die kalte Distanz pflegt, ist nicht irgendein beliebiger Ort für Höcke und die Neue Rechte. Er und sie identifizieren damit Heimat, Distanz zur oder Schutz vor Zivilisation (oder zum Politikbetrieb), Ruhe und Stille. Diese hochaufgeladene Natur, die Höcke im Gespräch mit Melanie Amann immer wieder deutlich hervortreten lässt, hat natürlich eine politische Funktion: Der Bezug auf die »Natur« lässt umso mehr das für Höcke nicht mehr Heimat gebende Deutschland und die sich ständig wandelnde Zivilisation, in der es Schutzräume geben muss, hervortreten. Höcke beutet, zumindest geistig und politisch, also die Natur aus, indem er das Gewachsene, das organische Werden des Waldes, der Zivilisation entgegensetzt. (mehr …)