• Video: Thomas E. Schmidt über Arnold Gehlen | Zweite Lesung

    Thomas E. Schmidt empfiehlt zur zweiten Lesung den Essay "Das gestörte Zeit-Bewußtsein" von Arnold Gehlen. 1963 im Merkur erschienen, skizziert er aus konservativer Sicht, aber gerade deshalb mit Witterung für das Neue, wichtige Tendenzen der Zeit, etwa die Folgen der Beschleunigung in der verwalteten Welt. (mehr …)
  • Landschaft mit Windrädern

    Das Schwarzwalddorf, in dem ich aufwuchs, zählte etwa zweihundert Einwohner. Es gab dort ein Hotel, zwei Gasthöfe, einen Tante-Emma-Laden und ein Postamt. Dienstags parkte die »fahrende Volksbank« ihren mobilen Schalterraum in der Dorfmitte, mittwochs hatte die Sparkasse ihren Kassenraum geöffnet. Im Schulhaus wurden die ersten beiden Klassen gemeinsam von der Dorflehrerin unterrichtet, im Rathaus daneben tagte der Bürgermeister mit acht Gemeinderäten. Seit den prosperierenden siebziger Jahren wurde gebaut: Geräteräume für Feuerwehr und Weidegemeinschaft, später ein Gemeindehaus mit einem Veranstaltungssaal und einem Leseraum für die Feriengäste. In jedem Stall standen ein paar Kühe, an sonnigen Sommertagen sah man auf beiden Seiten des Tals Traktoren mit Mähmaschinen oder Ladewagen ihre Bahnen ziehen. Zum Leben reichte die Landwirtschaft allerdings schon lange nicht mehr, deshalb arbeiteten die Männer auf dem Bau, als Lkw- oder Busfahrer, während sich die Frauen zu Hause um Kinder und Feriengäste kümmerten. Wie viele andere Höfe boten auch wir »Zimmer mit Frühstück« an. Die Gäste kamen in den Sommerferien mit dem vollgepackten Familienauto aus dem Ruhrgebiet, blieben drei Wochen und unternahmen Ausflüge und Wanderungen in der näheren Umgebung. (mehr …)

  • „etwas vorlautes widriges“ – Das Judenbild der Brüder Grimm

    Heinz Rölleke, der hochverdiente Nestor der Märchenforschung, schrieb 2007 in einem Aufsatz, man sage den Brüdern Grimm »zuweilen unbesehen, einigermaßen töricht und ganz zu Unrecht« Antisemitismus nach.  Das ist erstaunlich, wenn man bedenkt, dass Rölleke selbst Wilhelm Grimms Wiesbadener Kurtagebuch von 1833 herausgegeben hat, in dem es heißt: »Ich bemerke nur daß die Juden immer mehr überhand nehmen, ganze Tische u. Plätze sind damit angefüllt, da sitzen sie mit der ihnen eigenen Unverschämtheit, fressen Eis u. legen es auf ihre dicken u. wulstigen Lippen, daß einem alle Lust nach Eis vergeht. Getaufte Juden sind auch zu sehen, aber erst in der 5ten oder 6ten Generation wird der Knoblauch zu Fleisch.« [2. Wilhelm Grimms Wiesbadener Kurtagebuch. Hrsg. u. kommentiert vom Germanistischen Oberseminar der Universität Wuppertal unter Leitung von Heinz Rölleke. In: Brüder Grimm Gedenken. Bd. 8. Hrsg. v. Ludwig Denecke. Marburg: Elwert 1988.] Auch von Jacob Grimm sind Stellungnahmen überliefert, die im Widerspruch zu Röllekes Worten stehen. »Alle Judenwörter, wenn wir sie in unserm christlichen Sprachhaushalt brauchen wollen, klingen unedel und schmutzig; sie rühren aus dem gemeinen Umgang mit dem schachernden, wuchernden, trödelnden, fleischschächenden Volke her«, erklärte Jacob Grimm 1815 in einem Sendschreiben an Herrn Hofrath –r. in dem Periodikum Friedensblätter.

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  • All nice people, like Us: Handke und die Nobel-Gesellschaft

    Klar, ausschlaggebend für den Literaturnobelpreis ist nicht nur die ästhetische Qualität eines Werkes, sondern auch dessen idealistisch-humanistische Ausrichtung. Aber der Vergleich von Handke und Knut Hamsun, der jetzt gelegentlich bemüht wird, hinkt doch nicht nur in chronologischer Hinsicht. Der Vorwurf, den Saša Stanišić mit seinem eigenen Überleben verbürgt, lautet Komplizenschaft durch Beschönigen, Unterschlagen, Verfälschen des Stattgefundenen. (mehr …)
  • High Time to Leave

    März, 12. April, 31. Oktober. Derzeit sieht es nicht danach aus, als sei die Liste der Daten, für die – jetzt aber wirklich! – der Brexit angekündigt war oder ist, damit abgeschlossen. Die Geschichte des versuchten EU-Austritts Großbritanniens ist für alle Beteiligten ein Albtraum, egal auf welcher Seite sie stehen: für die Leave-Anhänger, weil sie selbst über drei Jahre nach dem Votum ihren geliebten Brexit noch immer nicht „delivered“ bekommen haben; und für die Remainer, weil sich die Regierung des Landes nach einer Kaskade filmreifer Irrungen und Wirrungen inzwischen in der Hand einer demokratisch höchst unzureichend legitimierten Gruppe von Austrittsfanatikern befindet, die allen Einwänden und dem Benn-Gesetz zum Trotz versucht, die EU „hart“, also ohne irgendein Abkommen, zu verlassen. Insofern hat der Brexit das Land nicht gespalten, sondern geeint, indem er alle zu Verlieren macht. Das „Brexit Anxiety Syndrome“, neuester Sammelbegriff für allerlei ob des Zustands des Landes durchlebten Stress- und Angstzustände, befällt jedenfalls Leave-Anhänger und Remainer etwa gleichhäufig. (mehr …)
  • MERKUR-Jutebeutel für alle

    Für kurze Zeit gibt es zum MERKUR-Probeabo kostenlos unseren schicken Jutebeutel mit dazu. Nur bis zum 13.10.2019 und nur bei Bestellungen über die Aktionswebseite. (mehr …)
  • Video: Christoph Möllers über Ingo Meyer

    Christoph Möllers empfiehlt zur zweiten Lesung zwei polemische Rundumschläge des Literaturwissenschaftlers Ingo Meyer: "Notizen zur gegenwärtigen Lage der Ästhetik" und "Niedergang des Romans?". Ein Gespräch mit den Merkur-Herausgebern Christian Demand und Ekkehard Knörer. (mehr …)
  • Wohlfeile Kirchenpolitik

    »Kirchenpolitik« ist ein Neologismus aus dem frühen 19. Jahrhundert. Der Begriff hatte traditionell drei eng miteinander verbundene, aber zugleich prägnant unterscheidbare Bedeutungen. Er bezeichnete erstens die Politik des Staates gegenüber den diversen Religionsgesellschaften beziehungsweise Kirchen und sonstigen Glaubensgemeinschaften. Analog konnte auch von der Kirchen- oder Religionspolitik einzelner politischer Akteure, etwa der Parteien, gesprochen werden. Der Begriff wurde zweitens für politikbezogene oder politisch relevante Auseinandersetzungen zwischen konkurrierenden Akteuren innerhalb einer Kirche oder sonstigen Religionsgemeinschaft verwendet, vor allem mit Blick auf den permanenten Streit um die Deutungshoheit über das jeweilige religiöse Symbolkapital. Drittens fand der Begriff auf die Beziehungen zwischen den unterschiedlichen christlichen Konfessionskirchen und sonstigen religiösen Gemeinschaften Anwendung; so wurde etwa von der Kirchenpolitik der römisch-katholischen Kirche gegenüber anderen christlichen Konfessionskirchen gesprochen. Begriffshistorische Untersuchungen zum semantischen Feld von »Religionspolitik«, »Glaubenspolitik« und »Kirchenpolitik« sind rar.

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  • 30 000 Peaks pro Minute. Abstiegsangst und Kreativität als letzte Ressource der Mittelklasse

    »Yes!« Es ist Nacht, aber immer noch schwül. Ich stehe auf einem Parkplatz, dessen Ränder ich nur erahnen kann, eine hellgelbe Duvetica-Daunenjacke um die Hüfte geknotet. Ihr Besitzer steht mit nacktem Oberkörper vor mir, und ich filme ihn mit seinem iPhone. Auf dem Retina-Display ist das Flimmern der Luft über etwa zwanzig aufgeschütteten Reihen brennender Kohlen zu erkennen. Hinter uns stehen Hunderte im Dunkeln Schlange, gespannte Erwartung in den Gesichtern, leises Wippen zu den Rhythmen einer Djembe-Combo. Als hätte man die Startzone des Berlin-Marathons in das Filmset von Escape from New York verlegt. Über Lautsprecher tönt eine sonore Bassstimme: »Wir fühlen die Angst! Wir lieben das Feuer! Wir machen den ersten Schritt! Sagt ja! Sagt ja! Sagt ja zum Feuer! Wir stellen uns vor, wir laufen auf kühlem Moos!« Einige der Anstehenden skandieren: »Kühles Moos, kühles Moos, kühles Moos!« Neben mir schießt ein Pärchen auf Kunstrasen kniend Glut-Selfies. (mehr …)

  • Der Krieg der Armen

    Sein Vater war gehängt worden. Er war ins Leere gefallen wie ein Sack Körner. Man hatte ihn nachts auf den Schultern tragen müssen, aber er war schweigsam geblieben, den Mund voller Erde. Dann ging alles in Flammen auf. Die Eichen, die Wiesen, die Flüsse, das Labkraut in den Hecken, die ärmliche Erde, die Kirche, alles. Er war elf Jahre alt.

    Schon mit fünfzehn hatte er, weil er ihnen den Tod seines Vaters anlastete, ein geheimes Bündnis gegen den Erzbischof von Magdeburg und die Römische Kirche gegründet. Er las den Klemensbrief, das Martyrium des Polykarp, die Fragmente des Papias. Mit ein paar Kameraden besang er die Herrlichkeiten Gottes, watete im Morgenrock durch den Jordan und zeichnete das kosmische Rad, Zeichen der Einheit, mit Kreide auf den Boden; der Reihe nach legten sich alle hinein und streckten beide Arme zur Seite, damit der Himmel auf Erden komme. Und er erinnerte sich an den Leichnam seines Vaters, an seine Zunge, ungeheuer groß wie ein einmaliges Wort, das getrocknet wäre. »Ich lebte in der Freude, doch mit Gott vereint man sich nur in furchtbaren Schmerzen und Verzweiflung.« Das war, was er glaubte. (mehr …)