• MERKUR-Jutebeutel für alle

    Für kurze Zeit gibt es zum MERKUR-Probeabo kostenlos unseren schicken Jutebeutel mit dazu. Nur bis zum 13.10.2019 und nur bei Bestellungen über die Aktionswebseite. (mehr …)
  • Video: Christoph Möllers über Ingo Meyer

    Christoph Möllers empfiehlt zur zweiten Lesung zwei polemische Rundumschläge des Literaturwissenschaftlers Ingo Meyer: "Notizen zur gegenwärtigen Lage der Ästhetik" und "Niedergang des Romans?". Ein Gespräch mit den Merkur-Herausgebern Christian Demand und Ekkehard Knörer. (mehr …)
  • Wohlfeile Kirchenpolitik

    »Kirchenpolitik« ist ein Neologismus aus dem frühen 19. Jahrhundert. Der Begriff hatte traditionell drei eng miteinander verbundene, aber zugleich prägnant unterscheidbare Bedeutungen. Er bezeichnete erstens die Politik des Staates gegenüber den diversen Religionsgesellschaften beziehungsweise Kirchen und sonstigen Glaubensgemeinschaften. Analog konnte auch von der Kirchen- oder Religionspolitik einzelner politischer Akteure, etwa der Parteien, gesprochen werden. Der Begriff wurde zweitens für politikbezogene oder politisch relevante Auseinandersetzungen zwischen konkurrierenden Akteuren innerhalb einer Kirche oder sonstigen Religionsgemeinschaft verwendet, vor allem mit Blick auf den permanenten Streit um die Deutungshoheit über das jeweilige religiöse Symbolkapital. Drittens fand der Begriff auf die Beziehungen zwischen den unterschiedlichen christlichen Konfessionskirchen und sonstigen religiösen Gemeinschaften Anwendung; so wurde etwa von der Kirchenpolitik der römisch-katholischen Kirche gegenüber anderen christlichen Konfessionskirchen gesprochen. Begriffshistorische Untersuchungen zum semantischen Feld von »Religionspolitik«, »Glaubenspolitik« und »Kirchenpolitik« sind rar.

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  • 30 000 Peaks pro Minute. Abstiegsangst und Kreativität als letzte Ressource der Mittelklasse

    »Yes!« Es ist Nacht, aber immer noch schwül. Ich stehe auf einem Parkplatz, dessen Ränder ich nur erahnen kann, eine hellgelbe Duvetica-Daunenjacke um die Hüfte geknotet. Ihr Besitzer steht mit nacktem Oberkörper vor mir, und ich filme ihn mit seinem iPhone. Auf dem Retina-Display ist das Flimmern der Luft über etwa zwanzig aufgeschütteten Reihen brennender Kohlen zu erkennen. Hinter uns stehen Hunderte im Dunkeln Schlange, gespannte Erwartung in den Gesichtern, leises Wippen zu den Rhythmen einer Djembe-Combo. Als hätte man die Startzone des Berlin-Marathons in das Filmset von Escape from New York verlegt. Über Lautsprecher tönt eine sonore Bassstimme: »Wir fühlen die Angst! Wir lieben das Feuer! Wir machen den ersten Schritt! Sagt ja! Sagt ja! Sagt ja zum Feuer! Wir stellen uns vor, wir laufen auf kühlem Moos!« Einige der Anstehenden skandieren: »Kühles Moos, kühles Moos, kühles Moos!« Neben mir schießt ein Pärchen auf Kunstrasen kniend Glut-Selfies. (mehr …)

  • Der Krieg der Armen

    Sein Vater war gehängt worden. Er war ins Leere gefallen wie ein Sack Körner. Man hatte ihn nachts auf den Schultern tragen müssen, aber er war schweigsam geblieben, den Mund voller Erde. Dann ging alles in Flammen auf. Die Eichen, die Wiesen, die Flüsse, das Labkraut in den Hecken, die ärmliche Erde, die Kirche, alles. Er war elf Jahre alt.

    Schon mit fünfzehn hatte er, weil er ihnen den Tod seines Vaters anlastete, ein geheimes Bündnis gegen den Erzbischof von Magdeburg und die Römische Kirche gegründet. Er las den Klemensbrief, das Martyrium des Polykarp, die Fragmente des Papias. Mit ein paar Kameraden besang er die Herrlichkeiten Gottes, watete im Morgenrock durch den Jordan und zeichnete das kosmische Rad, Zeichen der Einheit, mit Kreide auf den Boden; der Reihe nach legten sich alle hinein und streckten beide Arme zur Seite, damit der Himmel auf Erden komme. Und er erinnerte sich an den Leichnam seines Vaters, an seine Zunge, ungeheuer groß wie ein einmaliges Wort, das getrocknet wäre. »Ich lebte in der Freude, doch mit Gott vereint man sich nur in furchtbaren Schmerzen und Verzweiflung.« Das war, was er glaubte. (mehr …)

  • Ästhetikkolumne. Ästhetische Qualität

    Etwas ratlos stehen wir in der Kantine des Paul-Löbe-Hauses im Berliner Regierungsviertel. Wir, das sind eine Gruppe Studenten und ihr Dozent, Teilnehmer eines kunsthistorischen Seminars zum Thema »Orte der Kunst«, zu Besuch in der Kunstsammlung des Deutschen Bundestages. Andreas Kaernbach, Kurator der Kunstsammlung und Leiter des Referats »Kunst im Deutschen Bundestag«, hat uns durch die Gebäude geführt. Allein im Bereich »Kunst am Bau« gibt es hier Werke von über hundert Künstlern zu besichtigen; mehr als viertausend Objekte enthält zudem die ständig wachsende Artothek, aus der sich Abgeordnete Werke für ihre Büros ausleihen können. (mehr …)

  • Soziologiekolumne. Sind wir eigentlich noch spätmodern?

    Es ist beinahe unmöglich, soziale Wandlungsprozesse im Augenblick des Geschehens zu erfassen, wesentliche Aspekte eines Wandels erschließen sich oftmals erst im Rückblick. Dies erklärt auch, warum »der Geist« seiner Zeit in der Regel immer ein wenig hinterherhinkt: Menschen bleiben in ihren Wahrnehmungs-, Denk- und Fühlweisen überkommenen Kategorien oftmals auch dann noch verhaftet, wenn diese ihre Orientierungsfunktion längst eingebüßt haben – in den Sozialwissenschaften spricht man in diesem Zusammenhang auch vom cultural lag. (mehr …)

  • Charles de Gaulle. Die französische Ausnahmegestalt

    Kein europäischer Staatsmann des vergangenen Jahrhunderts genießt in seiner Heimat ein derart hohes Ansehen wie Charles de Gaulle. Verglichen mit ihm waren seine Zeitgenossen Konrad Adenauer und Harold Macmillan mittelmäßige Gestalten. Zu Lebzeiten mag de Gaulle die Gemüter noch gespalten haben, doch seit den 1980er Jahren steigt sein Stern. Die Jubiläumsfeiern zu seinem hundertsten Geburtstag im Jahr 1990 festigten einen durch das gesamte politische Spektrum mitgetragenen, glorifizierenden Konsens, der durch Pierre Lefrancs Institut Charles de Gaulle seine wissenschaftlichen Weihen erhielt. Die vom Institut organisierte einwöchige internationale Gedenkkonferenz begann mit einer Messe in Notre-Dame. Amtliche Rituale, Popkultur und öffentliche Meinung haben das Bild seither nur noch weiter befestigt. Ein derart salbungsvolles Gedenken macht es Historikern nicht leicht. Jede De-Gaulle-Biografie hat mit den Auswüchsen eines Personenkults zu kämpfen, den der General selbst begründet hat. Hier liegt das Urbild des connétable, des Stallmeisters der Nation, der Kassandra der Zwischenkriegskrise, des Erlösers der besiegten Nation und des Architekten ihrer modernen Republik. (mehr …)

  • La méthode Vuillard. Oder der Versuch einer mündigen Geschichtsschreibung

    Denn die Besiegten von heute sind die Sieger von morgen, Und aus Niemals wird: Heute noch! Bertolt Brecht, Lob der Dialektik

     

    Die Frage, die Eric Vuillard nach Erscheinen seines jüngsten Buchs im Januar 2019 wohl am häufigsten gestellt wird, lautet: Warum ausgerechnet jetzt? Warum in Zeiten der Gelbwestenproteste ein Opus mit dem plakativen Titel La guerre des pauvres? Ein visionärer Wurf oder purer Opportunismus, eine schnöde Anbiederung an den Zeitgeist, wie der Journalist Jean-Christophe Buisson es dem Schriftsteller vorwarf, der nie ein Geheimnis daraus gemacht hat, dass dieser Text über den von Thomas Müntzer angeführten Bauernaufstand im Jahr 1525 schon seit längerem in einer Schublade lag? Kaum jemand, der hier nicht einen Beitrag des bekennend engagierten Schriftstellers zur aktuellen politischen Lage wittert. Und die Antwort des Autors, der politische Stellungnahmen zum Tagesgeschehen ausdrücklich meidet? Nun, nicht die Geschichte erkläre die Gegenwart, sondern die Gegenwart die Geschichte. Die Vorstellung, gegenwärtige Konflikte ließen sich aus der Vergangenheit deuten und begreifen, sei zwar beruhigend, aber irrig. Vielmehr sei die Gegenwart eine permanente Wiederbelebung der Vergangenheit, und erst die Gelbwesten gäben den Aufständischen des 16. Jahrhunderts Farbe.

    (Der Essay ist im Oktoberheft 2019, Merkur # 845, erschienen.)

    Vuillards Geschichte ist dialektisch, offen, unvollendet, sie lässt sich fortschreiben, in beide Richtungen. Er verfasst keine Romane mit Anfang und Ende, er ist selbst Teil der Geschichte, deren Ausgang er nicht kennt. Von Buch zu Buch erzählt er im Sinne von Walter Benjamins »Tradition der Unterdrückten« sprunghaft Momentaufnahmen eines diskontinuierlichen Geschehens, greift »eingedenkend« die Bruchstellen heraus, wendet sich gegen das von den Unterdrückern verkörperte Kontinuum der Geschichte, deren Federführer mit epischer Geschmeidigkeit eine kausale Verkettung des Realen suggerieren. Gerade die Stellen, an denen die Überlieferung abbricht, die benjaminschen »Schroffen und Zacken«, bieten ihm Halt in seinem Kampf gegen den nivellierenden Fluss des nachträglichen Schönschreibens. Die Lücken des Tradierten sind ihm, dem Literaten, willkommene Einladungen zum Imaginieren, doch er weiß auch um die apologetische Versuchung: »Als Schriftsteller zieht mich die Aura der Geschichte fast magnetisch an. Dabei misshandle ich sie ständig, entziehe mich ihr. Das ist ein unüberwindbarer, aber fruchtbarer Widerspruch: Die Aura aktiviert das Schreiben, das Schreiben wiederum will sie verscheuchen und zerstören.«[2. Eric Vuillard 2014 in einem Gespräch mit der Verfasserin (www.matthes-seitz-berlin.de/buch/ballade-vom-abendland-ebook.html).]

    Ein Epitaph für die Namenlosen

    Wohl in keinem seiner bisher in Deutschland erschienenen Bücher wird Vuillards Fabulierlust im Detail so anschaulich wie in 14. Juli. Und es ist vermutlich jenes Buch, das am exemplarischsten zeigt, wie trotz des Fehlens klassischer Protagonisten und einer linearen Narration nicht nur spannend erzählt werden kann, sondern wie kunstvoll die Vielzahl von Schauplätzen, Abschweifungen und sprachlichen Modulationen der geschichtlichen Diskontinuität und dem anonymen Kollektiv Rechnung trägt. Während Krieg der Armen ein Kapitel aus der unendlichen Geschichte der Ungleichheiten erzählt, das mit einer blutigen Niederschlagung endet, widmet sich die Revolutionserzählung deren vielleicht berühmtester Episode, aus der das Volk siegreich hervorgeht. Vuillard schreibt ausdrücklich gegen den bedeutenden Revolutionshistoriker Jules Michelet an, der den Ereignissen »mit einem fantastischen Taschenspielertrick« das Gesicht herausragender Einzelfiguren und Wortführer gegeben habe.[3. Eric Vuillard, 14. Juli. Aus dem Französischen von Nicola Denis. Berlin: Matthes & Seitz 2019. – Alle folgenden Zitate sind dem jeweils genannten Werk entnommen.]

    Bei Vuillard verdichten sich die Ereignisse zu einer Sternstunde der Masse. Die »zahlreiche Menge«, die »stumme große Zahl« und »sprachlose Masse« erscheint als die (lesen ...)

  • … und auch nicht mehr die plastikverschnürte Wurst

    Lieber Polli,

    ich werde mich jetzt nicht aus dem Fenster stürzen. In Wahrheit ist es ja so: Wir haben uns längst aus dem Fenster gestürzt; jetzt sehen wir plötzlich, wo wir aufschlagen werden. Verzweiflung ist natürlich keine Lösung. Aber vielleicht werden Lösungen auch überschätzt.

    Du, Polli, bist der Eisbär, der mit Kindern auf eine spielerische Reise in die Arktis gehen will, damit sie das globale Problem des Plastikmülls verstehen und den richtigen Umgang damit lernen. Du siehst sehr lieb aus auf dem Flugblatt, das ich bei uns im Hausflur gefunden habe und das kleine Kinder zeigt, die begeistert die Hand heben, weil sie offenbar gerade eine Frage zum Umgang mit Plastikmüll richtig beantwortet haben. (mehr …)