• Zwischen Freiheit und Verantwortung

    Das Grundgesetz gewährt mit den Grundrechten die Freiheit des Einzelnen und schützt sie in erster Linie auch vor dem Staat. Dieser hat die individuelle Freiheit zu achten, zu der die Selbstbestimmung als Kernelement der Menschenwürde gehört. Andererseits verpflichtet das Grundgesetz den Staat zum Schutz von Leben und Gesundheit seiner Bürger. Vor allem die Exekutivgewalt steht dabei in einer doppelten Verantwortung. Während der Pandemie hat sie allerdings nicht selten an die Eigenverantwortung der Menschen appelliert. Es stellt sich die Frage, ob schon in dem bloßen Eigenverantwortungsappell ein Verstoß gegen die genannte Verfassungspflicht des Staates zu sehen ist. Oder systematischer: Wann ist Staatshandeln als illegitimer Paternalismus verfassungsrechtlich bedenklich, und wann ist ein zu weicher Paternalismus als pflichtwidrige Untätigkeit der Politik zu werten? Es geht also um das Verhältnis von Freiheit und Sicherheit in einem Grundsatzstreit: »zu viel Staat« vs. »zu wenig Staat«. (mehr …)
  • Gedenkorte der Demokratie – Denkorte der Demokraten: Eine Erwiderung auf Philipp Oswalt

    Ihrem Selbstverständnis nach war die alte Bundesrepublik ein symbol- und mythenarmer Staat. Der Grund für die erinnerungspolitische Askese lag im selbstgewählten Provisoriums-Charakter der Republik, ihrer politischen Vorläufigkeit unter den Bedingungen des sich 1949 bereits deutlich abzeichnenden Kalten Krieges und der damit verbundenen deutschen Teilung. Das selbstverordnete Provisorische zeigte sich unter anderem auch in der Wahl Bonns als Regierungssitz, die kaum nur deswegen erfolgte, weil, wie die Legende will, Adenauer in Rhöndorf nahe Bonn ein Haus hatte. Hätte man sich damals, wie von vielen erwartet, für Frankfurt entschieden, den Ort der Nationalversammlung von 1848/49, aber auch der Kaiserwahlen im Alten Reich, wäre das ein politisches Statement gewesen: eine politische Neugründung in der Tradition des »dritten Deutschland«, wie es sich in den Nationalstaatsdebatten des 19. Jahrhunderts gegen Wien und Berlin, vor allem gegen die dort regierenden Habsburger und Hohenzollern, positioniert hatte. (mehr …)
  • Erinnerung im globalen Zeitalter: Warum die Vergangenheitsdebatte gerade explodiert

    Geschichte lebt wieder in Deutschland, ist präsent im öffentlichen Raum wie lange nicht mehr. Konflikte und polemische Debatten überall: das Humboldt-Forum und koloniale Beutekunst; die Umbenennung der M-Straße; einhundertfünfzig Jahre Deutsches Kaiserreich; Achille Mbembe, Holocaust und Kolonialismus, die Deutschen mit »Nazihintergrund« und nicht zu vergessen die Machenschaften der Hohenzollern. So unterschiedlich die Debatten im Einzelnen sind, immer wird dabei die Deutung der NS-Zeit oder des Kolonialismus mitverhandelt; häufiger sogar beides. Kein Tag, an dem das Feuilleton nicht bebt, die Twitter-Sphäre ohnehin. Die Dinge, um die es geht, liegen alle lange zurück, sehr lange; manche waren beinahe vergessen. Jetzt sind die Diskussionen gleichwohl so heftig, als ginge es um alles. Warum regen sich gerade alle so auf? (mehr …)

  • „Wenn der Epigone kommt, ist die Party vorbei“: Geoffrey Bennington, Jacques Derrida und die Post-Theorie

    Anfang der neunziger Jahre bittet Jacques Derrida den jungen Literaturprofessor Geoffrey Bennington, eine Einführung in sein Denken zu schreiben.1 Zweierlei spricht für ihn dafür, Bennington mit der Aufgabe zu betrauen: Dieser ist kein Franzose und zugleich bislang nicht als Dekonstruktivist hervorgetreten. Um gut einzuführen, muss man minimal draußen sein. Auch Derrida selbst liefert einen Beitrag zu dem Band. In der Endversion präsentiert Bennington im Fließtext ein »Derrida-Programm«, auf das Derrida mit neunundfünfzig (Derrida steht im neunundfünfzigsten Lebensjahr) Fußnoten antwortet.2 (mehr …)
  • Das Traumzimmer

    Das erste Buch, in dem ich mich selbst beschrieben fand, hatte in Wirklichkeit mich gefunden. Ich war fast drei Jahre alt. Meine Mutter und ich lebten bei meiner Tante in Amerika, die ein paar Jahre zuvor aus dem zerstörten Deutschland ausgewandert war. Pierre Bear erschien in der Reihe »Little Golden Books« bei Simon & Schuster in New York, geschrieben von der Kinderbuchautorin Patricia M. (»Patsy«) Scarry und illustriert von ihrem Mann Richard Scarry, einflussreiche Stars der Branche. Die »Little Golden Books« sind Inkunabeln amerikanischer Nachkriegs-Sozialpädagogik der fünfziger Jahre, Bilderfibeln für Kinder, die demokratisch gesinnte Weltbürger werden sollten, frühpädagogische Grundkurse in Staatsbürgerkunde und American pragmatism. (mehr …)
  • American Theory

    Was »Theory« oder »Theorie« heißt, mag ein verwickelter Strang aus vielen Fäden sein, am besten fasst man, wovon dabei die Rede ist, vielleicht so: Es geht, wenn von »Theory« die Rede ist, um die Verwendung und Analyse von Konzepten wie Sprache, Gesellschaft, Gender, race oder Lektüre durch Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaftler, und zwar im Rahmen spekulativer Interpretationssysteme. »Theory« war bislang noch selten Gegenstand historischer Forschung, so sehr ihre Bedeutung als philosophisch und kulturell wichtige Erscheinung der amerikanischen Universität der Jahre (in etwa) von 1965 bis 2000 inzwischen anerkannt ist. Die Vertreter von »Theory« waren keine große Hilfe bei der Historisierung, wegen ihres »Widerstands gegen die Techniken, die Historiker zur Historisierung ihrer Gegenstände verwenden«.1 Sogar da, wo jemand, wie etwa Jason Demers, darauf verzichtet, europäische Ursprungsgeschichten und synoptische Geschichten zu erzählen, wird »Theorie« oft als etwas mit europäischer Herkunft behandelt.2 Was geschähe jedoch, stellte man die vier Jahrzehnte übergreifende, vieldimensionale Geschichte von »Französischer Theorie« in Amerika in Rechnung? Sieht man sich genauer an, wo und wie diese in den Vereinigten Staaten in Szene gesetzt worden ist, wird klar, dass man das ganze Phänomen auch in »Amerikanische Theorie« umbenennen könnte. (mehr …)
  • Die Sorge um die Sorgewirtschaft im Globalen Britannien

    Im Jahr 2018 ging einer der jährlichen Preise für britische Wohltätigkeitsorganisationen, ein Charity Times Award, an The Care Workers’ Charity.1 Die 2009 gegründete Organisation verdankt ihren Platz in der Ruhmeshalle britischer Wohltätigkeit einer einfachen Vision: dass keine Pflegekraft im Vereinigten Königreich allein sein solle in der finanziellen Not. Bei der Care Workers’ Charity können sich Pflegekräfte um Beihilfen zwischen 500 und 2000 Pfund bewerben, wenn sie in eine Krise geraten oder Ausgaben für Grundbedürfnisse wie Heiz- oder Gesundheitskosten nicht alleine stemmen können. Die Arbeit dieser Organisation ist seit der Preisverleihung nicht weniger wichtig geworden. Zwischen März 2020 und April 2021 hat sie allein aus einem Covid-19-Notfallfonds fast 1,8 Millionen Pfund ausgezahlt, knapp 200 000 Pfund wurden seit Januar 2020 aus dem, nun ja, »normalen« Krisenfonds verteilt. (mehr …)
  • Digitales Theater (Sebastian Hartmann): Über Medienverhältnisse in der Krise

    Mit der Schließung der Häuser in den bisher zwei »Lockdowns« standen die Stadt- und Staatstheater in Deutschland vor einem Problem. Viele Intendanten reagierten mit Klagen, dass sie von der Politik als nicht systemrelevantes Freizeitvergnügen einsortiert wurden, in einem Atemzug mit Freizeitparks und Bordellen, nicht als das für die Gesellschaft überlebenswichtige Essential, als das sie sich sehen.  Geklagt wurde auf vergleichsweise hohem Niveau, jedenfalls soweit es die Intendanten betraf, denn die staatlichen Gelder, die in die Hochkultur (zum Glück) reichlich fließen, wurden weiter gezahlt. Dank Kurzarbeit sahen die Bilanzen mancher Theater im Lockdown am Ende sogar besser aus, als sie es mit laufendem Betrieb getan hätten. In Existenznot also gerieten die Theater keineswegs, anders als viele Soloselbständige der freien Szene. (mehr …)
  • Eine unheimliche Überschneidung: Hannah Arendt und Philip Roth

    Die Schriftstellerin Lisa Scottoline veröffentlichte 2014 einen aufschlussreichen Essay in der New York Times über zwei Seminare, die sie in den 1970er Jahren an der University of Pennsylvania bei Philip Roth belegt hatte. Eines davon befasste sich mit der Literatur des Holocaust, auf der Lektüreliste stand Hannah Arendt. (mehr …)
  • Die Todesmaschine

    Ich bin es inzwischen gewohnt. Nach jedem Vorfall in Haiti, ganz egal welcher Art, versucht man, mich zu erreichen. Früher verschwendete ich noch wahnsinnig viel Zeit darauf, den Journalisten zu erklären, dass ich weit weniger wisse als sie. Mit ruhiger, gesetzter Stimme formulieren sie ihre Anfrage noch einmal. Es ist ihre Art, mir mitzuteilen, dass sie mir nicht glauben. (mehr …)