• Macron und die politische Philosophie

    Während Angela Merkels vorsichtig-erbarmungsloser Pragmatismus theoretischen Annäherungsversuchen kaum Chancen lässt, lädt die Wahl Emmanuel Macrons zum französischen Staatspräsidenten zur philosophischen Ortsbegehung geradezu ein. Dass Macron dem Liberalismus zu einem unverhofften Sieg verholfen hat, bezweifeln in Frankreich nur wenige. Doch Uneinigkeit herrscht in der Frage, in welche liberale Ahnenreihe sich der ehemalige Philosophiestudent Macron einreiht. (mehr …)
  • Für eine Politik der Geldpolitik. Habermas, Streeck und Draghi

    Europa eignete sich schon immer als Projektionsfläche. Die Europäische Union entstand zunächst ohne Revolution, aber in Folge zweier gewaltiger Kriege. Und sie veränderte sich nach dem Ende des Kalten Krieges noch einmal grundlegend, diesmal unter dem Eindruck einer Revolution. War es eine kontinentale Antwort auf die amerikanische Übermacht?
  • Semesterende

    Nach der ganzen Politaufregung vom Wochenende fiel mir beim Lesen des FAZ-Artikels von Magnus Klaue, dem Kaiser der Antideutschen, dem in Sachen Popkulturdurchdringung und -liebe nur Diedrich Diederichsen das Wasser reichen kann, wieder mal auf (auch wenn’s im Text um Tumult ging und warum die den Islam und Konsum anders doof finden als Klaue): Über Techno kann man eigentlich nur auf Deutsch schreiben und zwar am besten im Ton meiner alten Grundschullehrerin, vor der ich mal antanzen musste, weil ich beim Bäcker im Dorf so salziges Lutschegummi habe mitgehen lasse, jaja kein Wunder, dass man dann zwischenzeitlich in gefährliche Nähe zur Linkspartei, damals noch PDS, Naumburg geriet, diese Diebstähle sind ja die Einstiegsdroge in den Sozialstaatsbetrug, kurzum: das macht der Tim Sweeney mal wieder richtig PRIMA mit seinem Zwei-Stunden-Mix in seiner Sendung Beats in Space: ganz schwül ist die Musik, aber immer schön druckvoll, nicht so plattmachend wie ein Sommerabend, sondern nach vorne drückend, weißte wie, so dass man immer ein bisschen kichern muss, und irgendwann, bei 1h04min spielt er dann ein Lied, das erinnert mich an das Frankreich der achtziger Jahre, das ich gar nicht kenne, aber das dennoch ein Ort der Sehnsucht ist, vergangene Zukunft, die ersten TGVs, in denen man auf dem Walkman so entrückte Edel-Disco-Mucke hört und ganz fest überzeugt ist davon, dass Arbeit des Menschen unwürdig ist und Eleganz seine, ihre, eure Berufung; Nostalgie, sagt ihr? Ja, wer macht denn die neuen ICEs jetzt wieder langsamer im Merkelland, bei uns fahren die TGVs noch locker mit 300 Kilometer pro Stunde, ich werde jetzt auch immer wir sagen, wenn ich über Frankreich und die Franzosen spreche, das habe ich von Sepp „The Depp“ Gumbrecht gelernt, der macht das auch immer so, wenn er die USA dafür lobt, dass sie militärisch und kulturell so viel leisten; und war sonst noch irgendwas? Naja, die letzte Sitzung meiner Vorlesung heute an der Sciences Po über die Ideengeschichte der Grenze, super Truppe mal wieder, angenehmst international, letzte Prüfungstexte zurückgegeben, ein paar bemerkenswerte Rechtschreiboriginalitäten – Fehler gibt’s bei mir in der Montessori-Waldorf-Strukturreform-Schule nicht – kamen zum Vorschein, sind das schon Zeichen für „Asia Rising“, wenn die Studis mir was über den „espace Shenghen“ erzählen wollen? Ich weiß es nicht, was ich aber weiß, ist dass es ein bisschen gehässiger wird im europäischen Abstiegskampf und das manchmal ermüdet, unendlich ermüdet, deswegen gehe ich auch gleichs ins Bett, aber irgendwann gehen Birthe und ich dann nach Asien, am besten nach Japan, Kyushu, um genau zu sein, von dort lässt sich das Ende der Gedichte am besten verfolgen, könnt ihr ja mal drüber nachdenken, wenn ihr den Tim Sweeney-Mix hört, aber ein Haiku war das jetzt nicht, oder?
  • Gegenstrebige Fügung. Zur Verleihung des Ludwig-Börne-Preises an Rüdiger Safranski

    , "-Herr Safranski, niemand hat das Wesen des Deutschen so genau analysiert wie Sie. Was ist in Deutschland los?

    Um es knapp auszudrücken: Es herrscht in der Politik eine moralistische Infantilisierung.

    - Und weniger knapp?

    Deutschland hat nach 1945 als besiegte Nation ihre Souveränität verloren. Bis zum Mauerfall 1989 hatte Westdeutschland außenpolitisch eine bequeme Existenz: Wir standen unter dem Schutzschild der Amerikaner und waren für nichts verantwortlich. Da wir nicht für uns sorgen mussten, wurden wir infantil. Wir wussten nicht mehr, was Außenpolitik bedeutet. Erst 1989 wurde Deutschland wieder souverän und bewegt sich bis heute sehr unsicher auf dem internationalen Parkett. Wir schwanken zwischen ökonomischem Selbstbewusstsein und einem weltfremden Humanitarismus. Unsere Außenpolitik wird zu einer moralischen Mission. (mehr …)

  • Die jungen Antimodernen in Frankreich

    Ariane Chemin hat in Le Monde vor kurzem eine ziemlich interessante Reportage (Paywall) über die junge Rechte in Frankreich veröffentlicht. Der Titel in der Printausgabe – „Les jeunes gens antimodernes“ - spielt auf die französische New Wave-Kultur der frühen achtziger Jahre an. Jene „jeunes gens modernes“ waren unterkühlt, ziemlich sexuell, endlos elegant, ein bisschen zackig. Sie wohnten in damals noch schicken Neubauwohnungen in der Banlieue, fuhren mit dem gerade fertiggestellten TGV und sagten ja zur Technologie. Ich verlinke den entsprechenden Sampler am besten einfach mit. (mehr …)
  • Reflexe. Zur Wiederauferstehung des poststrukturalistischen Popanzes im deutschen Feuilleton

    “C’est que les faits, nous pouvons les tenir à distance. Tandis que les représentations ne sont rien sans nous.”

    Claude Lefort, Le Monde, 9. Mai 1978

    Dass im Feuilleton kräftig ausgeteilt wird, ist zu begrüßen. Nur die Treffsicherheit lässt bisweilen zu wünschen übrig. Liest man die Einlassungen zu französischen Philosophen, die in den letzten Monaten in deutschsprachigen Zeitungen erschienen sind, staunt man nicht schlecht, weil diese Denker überhaupt nicht wiederzuerkennen sind. Es sind groteske Karikaturen, Pappkameraden, die man sich in einer Mischung aus Missgunst und geistiger Trägheit zusammenbaut, um Halt durch Abstoßung in einer unsicheren Gegenwart zu finden. Manche Debatten altern erstaunlich schlecht. Selbst seinem ärgsten Gegner wünscht man nicht, noch einmal die Meilensteine der theory wars der achtziger Jahre abschreiten zu müssen, was einige Journalisten jedoch nicht daran hindert, auf der Klaviatur der alten Affekte gegen die Pariser Theorieproduktion zu spielen. (mehr …)
  • What’s your poison?

    Die Kaputtheit des Literaturbetriebs wird immer wieder gern behauptet. Wie es zu derartigen Verformungen kommt, erfährt man aber seltener. Ein paar dieser Prozesse ließen sich letzten Freitag im Literarischen Quartett beobachten. Ich weiß nicht, inwiefern die Gäste bereits als damaged goods in die Aufzeichnung gingen. Ich wurde aber den Eindruck nicht los, dass sie die Sendung auf jeden Fall zerstörter verließen. Eingeladen war diesmal der Schriftsteller Thomas Glavinic, bei dem man nie genau wusste, ob er nun seine Aufgeregtheit überspielt, den Zuschauern das Privileg erteilt, einen Romancier beim Verfertigen seiner sehr unfertigen Gedanken beobachten zu können oder einfach nur ein kompletter Arsch ist. Das ist natürlich keine Kategorie des Literarischen, aber auf die komme ich später nochmal zurück. Männerproblem: Die Unsicherheit wird durch aggressive Selbstsicherheit überspielt. Die gelegentlichen Blickwechsel zwischen Biller und Glavinic signalisierten diesbezüglich testikuläre Übereinstimmung. Biller gab dann auch– so weit, so bekannt – von Anfang an den Ton an. Den beiden ersten Büchern sprach er die Buchpreiswürdigkeit ab. Sowohl Thomas Melles Die Welt im Rücken, ein literarischer Bericht über die bipolare Störung des Autors, als auch André Kubiczeks Skizze eines Sommers, das Jugenderinnerungen an die und in der DDR thematisiert, seien auf sprachlicher Ebene absolute Katastrophen. Bei Melle fehle zudem der dramatische Spannungsbogen. Dass Ijoma Mangold Melle in der Zeit auf eine Stufe mit Rainald Goetz stellte, konnte Biller natürlich nicht gelten lassen. Der Autor von Irre wurde gleich zweimal von ihm ins Spiel gebracht, stets zum Nachteil der in der Sendung diskutierten Autoren. Bei Kubiczek komme erschwerend eine heute nicht mehr zu rechtfertigende verklärende Sicht auf das SED-Regime hinzu. Genauer: Das Regime kommt im Buch kaum vor, stattdessen schaltet und waltet eine überzuckerte Sehnsucht nach dem Leben damals, das doch vor allem in Ordnung war. Beide Bücher hätten niemals veröffentlicht werden sollen. Volker Weidermann schien angesichts dieser Tiraden zunächst wie in einem Schockzustand. Er war sichtlich bemüht, seinen Affekthaushalt zu kontrollieren, aber darüber drohte ihm kurzzeitig die Kontrolle über die Sendung zu entgleiten. Nein, so stimmt das auch wieder nicht. Vielleicht war es sogar einer seiner besten Aufritte. Als Glavinic jämmerlich daran scheitert, den Inhalt von John Burnsides Wie alle anderen kurz anzureißen, geschweige denn zusammenzufassen, springt Weidermann ein und löst die Aufgabe souverän. Zum allerersten Mal wehrt er sich zudem so erfolgreich wie vehement gegen Billers ständige Unterbrechungen. Irgendwann verbietet er ihm schlicht das Wort. Schließlich der eigentliche Glanzpunkt. Literaturkritik im Fernsehen ist eine Frage des Erzählens und der Pointen. Darin ist Biller den anderen Teilnehmern haushoch überlegen. Alles andere sind Protokolle über die eigenen Gefühlzustände beim Lesen oder deplatzierte Anwandlungen aus dem Germanistikseminar. Konfrontiert mit Billers Tendenz, nicht nur ein Buch, sondern stets auch die Psyche des Autors zu verreißen, sah sich Weidermann zu ein paar Klarstellungen gezwungen. Eine derart hämische Poppsychologie taugt sicher für ein paar provokante Formulierungen, aber den Texten, selbst den schlechten, wird sie nicht gerecht. Doch plötzlich schlug es bei Weidermann um, nach der Zurückweisung von Billers Gestus schließt er sich dessen Urteil in der Sache an: Kubiczek habe ein miserables Buch geschrieben. Ein unerwartetes Überraschungsmoment. Biller lächelt zufrieden. Es fällt dem Literarischen Quartett unendlich schwer, einen eingeschlagenen Diskussionspfad wieder zu verlassen, was sich schon in der vorangegangen Sendung zeigte, als niemand auf die Ablehnung, die Elena Ferrantes Meine geniale Freundin entgegenschlug, etwas Kohärentes zu erwidern wusste. Ähnlich erging es nun Melles Roman. Keiner der Teilnehmer ging auf eine wichtige Besonderheit des Buches ein. Der Erzähler kämpft schreibend darum, sich seine Erinnerungen zurückzuholen, sie sich zu vergegenwärtigen. Melle selbst betont diesen Aspekt in einem Interview, das der Tagesspiegel heute veröffentlichte: „Es ist doch so mit der Erinnerung: Sie kommt allmählich, sie ist selektiv, sie hat fiktive Anteile, auch bei Gesunden, um die jetzt mal so zu nennen. Bei mir als Manisch-Depressivem liegt der Fall nochmal anders, ich glaube, ich bin da in so einer Mittelposition. Ein Chefarzt in der Psychiatrie meinte zu mir, Maniker würden sich an alles erinnern. Eine Kollegin von ihm wiederum, die selbst an der Krankheit leidet, sagt, die Manie sei eine gnädige Krankheit, die kaum Erinnerungen produziere.“ Melles Literarizität beginnt dort, wo Pathologie und (lesen ...)
  • Der Neue am Collège de France: Über den Historiker Patrick Boucheron

    Die Macht ist weder eine bloße Tatsache noch ein absolutes Recht. Sie zwingt nicht, sie überzeugt nicht. Sie nimmt für sich ein – was ihr leichter fällt, wenn sie sich auf die Freiheit beruft anstatt Angst und Schrecken einzuflößen.

    Maurice Merleau-Ponty, „Notiz zu Machiavelli“ (1949)

    Erstaunlich, wie selten Historiker mittlerweile der Wucht der über sie hereinbrechenden Geschichte ausgesetzt sind. Nach den Terroranschlägen, die im Januar 2015 Paris erschüttert haben, verspürte Patrick Boucheron – Historiker des Spätmittelalters, Autor in der Gegenwart und seit Dezember 2015 Inhaber eines Lehrstuhls für die „Geschichte der Machtformen in Westeuropa vom 13. bis 16. Jahrhundert“ am Collège de France – das Bedürfnis, diesem Zusammenstoß zwischen Wissenschaft und Lebenswelt gemeinsam mit dem Schriftsteller Mathieu Riboulet auf den Grund zu gehen. Schon im Titel verspricht Prendre dates eine Verabredung mit der Geschichte, auf die niemand gewartet hat. Diese Chronik der Woche vom 6. bis 14. Januar liefert keine Erklärungen, sondern stellt eher eine Versuchsanordnung dar. Es ist ein Dokument des Schocks, der Trauer, der Ausweglosigkeit – eine „Abraumhalde des konfusen Denkens“. Wer Intellektualität mit abgeklärter Distanz assoziiert, war von der aufgewühlten Intimität dieses Berichts überrascht. (mehr …)
  • In Praise of Offensiveness: 30 Years of Les Inrockuptibles

    Vorbemerkung der Redaktion: Die französische Kulturzeitschrift Les Inrocks (bzw. Les Inrockuptibles) wird dreißig. Das Editorial des aktuellen Chefredakteurs Pierre Siankowski findet sich hier, natürlich in französischer Sprache. (Sein Vorgänger Frédéric Bonnaud ist jetzt Leiter der Cinémathèque Francaise, was über das Standing der Zeitschrift schon einiges sagt.) Danilo Scholz hat seine kleine Hymne an Les Inrocks in englischer Sprache geschrieben. Eine Übersetzung ins Deutsche machen wir als Zeitschrift für europäisches Denken in diesem Fall einfach mal nicht. (ek) (mehr …)
  • Gespräch mit Philippe Descola

    Philippe Descola, 1949 in Paris geboren, ist Inhaber des Lehrstuhls für »Anthropologie de la nature« am Collège de France in Paris. Claude Lévi-Strauss, Descolas Lehrer und von 1959 bis 1982 sein Vorgänger am Collège, vertrat das Fach Ethnologie dort noch unter der Bezeichnung »Anthropologie sociale«. Die heutige Benennung markiert somit, bei aller Kontinuität, auch eine Differenz. (mehr …)