• „Was in der Welt vorgeht: um ehrlich zu sein, muss ich Dir sagen, dass meine primitive, allererste Reaktion ist, das Ganze unheimlich interessant zu finden“: Anne Weils Briefe an Hannah Arendt

    In Dissertationsverteidigungen von Freunden wurde, eher mechanisch Trends folgend als aus politischer oder intellektueller Leidenschaft heraus, die Frage gestellt: Wo ist hier Gender in ihrer Promotion? Und wo das Postkoloniale? Der Forschungsgegenstand gab dazu wenig her, die Diskussion war dürftig, dazwischen lähmte peinlich berührtes Schweigen den Saal. Nee, so nicht. (mehr …)
  • Zug um Zug ins Paradies

    Der Straßenkampf lässt sich auch ganz unverfänglich propagieren. Bereits der Name der französischen Website Lundi matin weckt eher Assoziationen an gediegenes Frühstücksradio. Die Seite ist minimalistisch, aber mit einem nicht zu verkennenden Willen zur Eleganz gestaltet. Die Autoren orientieren sich an einem selbstverliebten Ethos journalistischer Gelassenheit, das im Moment seiner existentiellen Krise augenzwinkernd wiederbelebt wird. Inhaltlich aber geht es knallhart zur Sache: Es finden sich Berichte zum Vorgehen der Polizei gegen Demonstranten, embedded reporting aus dem Schwarzen Block, ätzende Kritik an den Akteuren der parlamentarischen Politik, Editorials zur Lage der antikapitalistischen Linken weltweit, mit allen philosophischen Wassern gewaschene Strategietexte ebenso wie Gerichtsreportagen über die Prozesse, die Kampfgenossen durchzustehen haben. (mehr …)
  • Riss und Respekt

    In manchen Kreisen ist man pikiert darüber, wenn nun jeder Schulz oder Scholz seinen Ernst Jünger zitiert. But I can’t help it.

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  • Das Europa der Alten

    Es ist wahrscheinlich, dass auch wir noch unsere Tugenden haben, ob es schon billigerweise nicht jene treuherzigen und vierschrötigen Tugenden sein werden, um derentwillen wir unsere Grossväter in Ehren, aber auch ein wenig uns vom Leibe halten. Wir Europäer von übermorgen […]  – mit aller unsrer gefährlichen Neugierde, unsrer Vielfältigkeit und Kunst der Verkleidung, unsrer mürben und gleichsam versüssten Grausamkeit in Geist und Sinnen, – […] wie wenig wir uns auch sonst altmodisch und grossväterhaft-ehrbar dünken mögen, in Einem sind wir dennoch die würdigen Enkel dieser Grossväter, wir letzten Europäer mit gutem Gewissen: auch wir noch tragen ihren Zopf. – Ach! Wenn ihr wüsstet, wie es bald, so bald schon – anders kommt!

    Friedrich Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse

    In wohl keinem Land der EU wird die intellektuelle Europadebatte in solch einem Ausmaß von den Siebzig- und Achtzigjährigen dominiert wie in Deutschland: Man ist alt und man ist unter sich. An die Öffentlichkeit dringen Texte, die nicht selten wie Gesprächsprotokolle aus dem greisen, weisen Elfenbeinturm wirken. In der illustren Runde finden sich regelmäßig Jürgen Habermas, Dieter Grimm und Heinrich August Winkler zusammen. Als Quotenjungspund darf sich Herfried Münkler kurz zu den Geronten gesellen; ihm wird zumindest bei Winkler ein Platz eingeräumt. "Nachgeborene (allesamt über fünfzig), die sich wie Ulrike Guérot und Robert Menasse für mehr oder anderes als den postklassischen Nationalstaat interessieren oder als Journalisten Merkels kurzlebige Politik der offenen Grenzen begrüßten, stehen schnell im Verdacht, zu den „falschen Freunden Europas“ zu gehören, so Winklers Formulierung im Spiegel vom 21. Oktober."  (Nichts verunsichert mich so sehr wie die deutsche Ordinarienuniversität und ihre Atavismen. Ihre Rituale, ihre Hierarchien, ihr Habitus, ihr Entre-soi, ihre Codes. Es ist Korporatismus der unangenehmeren Sorte, der sich der Öffentlichkeit nicht aussetzt, sondern sich ihr überstülpt. Dieter Grimm spricht ohnehin lieber vom „Publikum“. Ich halte das kaum aus, will die Leute sofort von ihrem Podest stürzen, fühle stark den Drang, mich daneben zu benehmen. Affekte des Dorfkindes und Bauernenkels: Make Germany Thomas Müntzer again.) In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 15. November 2017 war es an Dieter Grimm, einem international renommierten Kenner des EU-Rechts, Emmanuel Macrons Forderung nach einem „souveränen“ Europa zurückzuweisen. Im Anschluss an seine in Europa ja – aber welches? vorgebrachten Überlegungen führt Grimm zunächst eine sinnvolle Unterscheidung zwischen Souveränität und Hoheitsrechten ein. [2. Dieter Grimm, Europa ja – aber welches? Zur Verfassung der europäischen Demokratie, München: C. H. Beck, 2016, S. 49-70.] Die Mitgliedstaaten der Europäischen Union können einzelne Hoheitsrechte abtreten, ohne dass ihre Souveränität daran Schaden nimmt, wie auch das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum Lissabon-Vertrag bekräftigte. Wer anderes behauptet, liege schlicht „falsch“, schreibt Grimm. Und damit war das Thema scheinbar abgehakt. Doch wird man den Eindruck nicht los, hier werden Rückzugsgefechte geführt.. Dass die EZB –  also eine Zentralbank, der kein europäischer Staat gegenübersteht – seit ein paar Jahren als Lender of last resort agiert, wäre für viele Theoretiker des postklassischen Nationalstaates vor zehn Jahren noch unvorstellbar gewesen. Heute versucht man sich zu beruhigen. Draghi habe höchstens ein monetäres Hoheitsrecht an sich gezogen, aber doch keinen Souveränitätspol ausgebildet. Dass die Mitgliedsstaaten diese Volte veranlasst hätten, lässt sich nicht behaupten. Im Juni 2015 registrierte Habermas in der Süddeutschen Zeitung, dass Entscheidendes vor sich ging. Draghi simulierte eine „Fiskalsouveränität […], die er gar nicht besaß“. Die EZB „musste vorpreschen, weil die Regierungschefs unfähig waren“. Es ist seltsam, dass bei Fragen zur Lage der EU und der Eurozone, die auf dem ganzen Kontinent kontrovers diskutiert werden, der Verweis auf das Karlsruher Orakel mit großer Selbstverständlichkeit Letztgültigkeit beansprucht, und zwar nicht nur für die deutsche Europapolitik, sondern für die Auseinandersetzung über die EU tout court. Grimm sieht das Bundesverfassungsgericht oft in Notwehr handeln, weil der Europäische Gerichtshof in Luxemburg sich über Jahrzehnte als Motor der europäischen Integration verstand und die Verträge zu Lasten der Mitgliedstaaten auslegte. So fällten die europäischen Richter 1963 und 1964 weitreichende Urteile, die europäisches Recht zunächst für unmittelbar anwendbar in den Staaten der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft erklärten und ihm anschließend sogar ein Vorrecht gegenüber nationalem Recht einräumten. (lesen ...)
  • The Web and the Breach

    Katsuya Tomita’s Bangkok Nites is the most beautiful film I’ve seen this year. It’s a groundbreaking study of the phenomenology – not only the structures – of globalisation, and that rarest of things: a piece of art that is resolutely of its time, while making the world appear wholly new. A former truck driver who shot his first films either during weekends or holidays, Tomita spent four years in Bangkok with his collective Kupplung, a gang of friends and self-declared “tribe of filmmakers”. They focused on Thaniya Road, a well-known street where sex workers cater to the needs of Japanese clients. There are no professional actors in Bangkok Nites. No sex scenes are shown. (mehr …)
  • Der Staat: Anmerkungen zum politischen Denken in Frankreich

    Ein Armutszeugnis für Frankreich: Dem Land will es nicht gelingen, sich von seinem Staatsglauben loszusagen, stellte die Zeit im Juli 2017 resigniert fest. Wo die Soziale Marktwirtschaft hierzulande mit ihrer lässigen Ausgeglichenheit punktet, wütet in Frankreich ein übergriffiger und aufgeblasener Staat, der sich ständig einmischt und seine Bürger fortwährend entmündigt. Derart außer Kontrolle sei der zentral von Paris aus gesteuerte Staatsapparat, dass Frankreich sich längst aus der europäischen Mitte verabschiedet habe und sich – von Hamburg aus betrachtet – in unerwarteter Gesellschaft wiederfindet: »Es ist schwer, dem Etatismus zu entkommen. In Russland, Venezuela, Frankreich und besonders natürlich in der Türkei.« Beamte, Intellektuelle, Politiker – sie alle tragen eine Mitverantwortung dafür, dass ein korpulenter Leviathan noch die zarteste Regung zivilgesellschaftlicher Eigeninitiative unter sich begräbt. (mehr …)
  • Macron und die politische Philosophie

    Während Angela Merkels vorsichtig-erbarmungsloser Pragmatismus theoretischen Annäherungsversuchen kaum Chancen lässt, lädt die Wahl Emmanuel Macrons zum französischen Staatspräsidenten zur philosophischen Ortsbegehung geradezu ein. Dass Macron dem Liberalismus zu einem unverhofften Sieg verholfen hat, bezweifeln in Frankreich nur wenige. Doch Uneinigkeit herrscht in der Frage, in welche liberale Ahnenreihe sich der ehemalige Philosophiestudent Macron einreiht. (mehr …)
  • Für eine Politik der Geldpolitik. Habermas, Streeck und Draghi

    Europa eignete sich schon immer als Projektionsfläche. Die Europäische Union entstand zunächst ohne Revolution, aber in Folge zweier gewaltiger Kriege. Und sie veränderte sich nach dem Ende des Kalten Krieges noch einmal grundlegend, diesmal unter dem Eindruck einer Revolution. War es eine kontinentale Antwort auf die amerikanische Übermacht?
  • Semesterende

    Nach der ganzen Politaufregung vom Wochenende fiel mir beim Lesen des FAZ-Artikels von Magnus Klaue, dem Kaiser der Antideutschen, dem in Sachen Popkulturdurchdringung und -liebe nur Diedrich Diederichsen das Wasser reichen kann, wieder mal auf (auch wenn’s im Text um Tumult ging und warum die den Islam und Konsum anders doof finden als Klaue): Über Techno kann man eigentlich nur auf Deutsch schreiben und zwar am besten im Ton meiner alten Grundschullehrerin, vor der ich mal antanzen musste, weil ich beim Bäcker im Dorf so salziges Lutschegummi habe mitgehen lasse, jaja kein Wunder, dass man dann zwischenzeitlich in gefährliche Nähe zur Linkspartei, damals noch PDS, Naumburg geriet, diese Diebstähle sind ja die Einstiegsdroge in den Sozialstaatsbetrug, kurzum: das macht der Tim Sweeney mal wieder richtig PRIMA mit seinem Zwei-Stunden-Mix in seiner Sendung Beats in Space: ganz schwül ist die Musik, aber immer schön druckvoll, nicht so plattmachend wie ein Sommerabend, sondern nach vorne drückend, weißte wie, so dass man immer ein bisschen kichern muss, und irgendwann, bei 1h04min spielt er dann ein Lied, das erinnert mich an das Frankreich der achtziger Jahre, das ich gar nicht kenne, aber das dennoch ein Ort der Sehnsucht ist, vergangene Zukunft, die ersten TGVs, in denen man auf dem Walkman so entrückte Edel-Disco-Mucke hört und ganz fest überzeugt ist davon, dass Arbeit des Menschen unwürdig ist und Eleganz seine, ihre, eure Berufung; Nostalgie, sagt ihr? Ja, wer macht denn die neuen ICEs jetzt wieder langsamer im Merkelland, bei uns fahren die TGVs noch locker mit 300 Kilometer pro Stunde, ich werde jetzt auch immer wir sagen, wenn ich über Frankreich und die Franzosen spreche, das habe ich von Sepp „The Depp“ Gumbrecht gelernt, der macht das auch immer so, wenn er die USA dafür lobt, dass sie militärisch und kulturell so viel leisten; und war sonst noch irgendwas? Naja, die letzte Sitzung meiner Vorlesung heute an der Sciences Po über die Ideengeschichte der Grenze, super Truppe mal wieder, angenehmst international, letzte Prüfungstexte zurückgegeben, ein paar bemerkenswerte Rechtschreiboriginalitäten – Fehler gibt’s bei mir in der Montessori-Waldorf-Strukturreform-Schule nicht – kamen zum Vorschein, sind das schon Zeichen für „Asia Rising“, wenn die Studis mir was über den „espace Shenghen“ erzählen wollen? Ich weiß es nicht, was ich aber weiß, ist dass es ein bisschen gehässiger wird im europäischen Abstiegskampf und das manchmal ermüdet, unendlich ermüdet, deswegen gehe ich auch gleichs ins Bett, aber irgendwann gehen Birthe und ich dann nach Asien, am besten nach Japan, Kyushu, um genau zu sein, von dort lässt sich das Ende der Gedichte am besten verfolgen, könnt ihr ja mal drüber nachdenken, wenn ihr den Tim Sweeney-Mix hört, aber ein Haiku war das jetzt nicht, oder?   roter punkt_20px Hat Ihnen der Artikel gefallen? Bleiben Sie auf dem Laufenden. Abonnieren Sie unseren Newsletter.
  • Gegenstrebige Fügung. Zur Verleihung des Ludwig-Börne-Preises an Rüdiger Safranski

    , "-Herr Safranski, niemand hat das Wesen des Deutschen so genau analysiert wie Sie. Was ist in Deutschland los?

    Um es knapp auszudrücken: Es herrscht in der Politik eine moralistische Infantilisierung.

    - Und weniger knapp?

    Deutschland hat nach 1945 als besiegte Nation ihre Souveränität verloren. Bis zum Mauerfall 1989 hatte Westdeutschland außenpolitisch eine bequeme Existenz: Wir standen unter dem Schutzschild der Amerikaner und waren für nichts verantwortlich. Da wir nicht für uns sorgen mussten, wurden wir infantil. Wir wussten nicht mehr, was Außenpolitik bedeutet. Erst 1989 wurde Deutschland wieder souverän und bewegt sich bis heute sehr unsicher auf dem internationalen Parkett. Wir schwanken zwischen ökonomischem Selbstbewusstsein und einem weltfremden Humanitarismus. Unsere Außenpolitik wird zu einer moralischen Mission. (mehr …)