• Video: Danilo Scholz im Gespräch | Zweite Lesung

    Danilo Scholz empfiehlt zur Zweiten Lesung „Die Einheit der Welt“ von Carl Schmitt aus dem Jahr 1952. Wegen seines nationalsozialistischen Hintergrunds sorgte die Veröffentlichung des Textes bei Merkur-Autoren und -Lesern für Empörung. Eigentlich ist es ein nüchternes Essay. Doch bei genauer Lektüre wird das Problematische an Schmitts Denken erkennbar. (mehr …)
  • Doppelgesichter und Verräter

    Die Szene ist heutzutage hervorragend aufbereitet. Da gibt es die lesbische Rechtsradikale, den untreuen CSU-Moralapostel, die betrügerischen Saubermänner in hohen politischen Ämtern, die steuerflüchtenden Steuerfahnder. Und die Anwältin im politischen Prozess, die ihre Rolle wechselt und plötzlich nicht mehr Nebenklagevertretung macht, sondern Verteidigung, und von ihrer Mandantin folgerichtig entlassen wird.

    Das hat aber kein System, werden Sie protestieren, das ist der passiert, irgendwann, im Verlauf von fünf Jahren kann viel passieren. Sie hat sich in dem Prozess einfach der anderen Partei zugewandt, ohne es zu merken. Ja, aber was hat denn dann System? Beziehungsweise was für ein System steckt hinter den anderen Doppelgesichtern, den Zweigleisigen, den zwischen öffentlicher und privater Moral Unterscheidenden, manchmal auch zwischen der einen öffentlichen und der anderen öffentlichen Moral? Ist es eine derzeit vorherrschende grundsätzliche Disposition, die uns unsere eigenen ethischen Verlautbarungen nicht auf uns selbst zurückbeziehen lässt – oder sind wir alle vom Phänotypus Doppelagent oder Verfassungsschützer angesteckt? Ich verbitte mir das »Uns«, werden Sie sagen, dieses falsche »Wir« ist schon Teil des Problems. Eben, sage ich. Und fahre fort.

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  • Jana

    Nein, du musst mich nicht umarmen. Ich bin nicht so der Typ für Umarmungen. Also, ich wollte weitererzählen: Im April 2014 bin ich beim Inline-Bladen gestürzt und hatte einen Bruch im rechten Oberschenkel. Einige Zeit lief ich an Krücken, schau, dieses Foto ist noch vor der Operation. Die Operation selbst ist gut verlaufen, keine Probleme, weißt du. Aber vorsichtshalber bekommt man danach standardmäßig Antibiotika. Nicht mal besonders viel, einfach, was so normal ist. Aber mein Körper reagierte darauf mit einem Schock. Teile meiner Nerven im Magen und in der Speiseröhre, auch im Dünn- und Dickdarm und in der Blase sind dadurch abgestorben.

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  • Historiker des »schwarzen Atlantik«. C. L. R. James und Eric Williams

    Der Aufstieg der Globalgeschichte seit der Jahrtausendwende kann als eine der wichtigsten Entwicklungen in den Geschichtswissenschaften seit der sozialgeschichtlichen Hausse der siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts angesehen werden. Nicht zuletzt destabilisierte die neue Richtung eine der zentralen Grundlagen der akademischen Geschichtsschreibung: den lange kaum hinterfragten Fokus auf den Nationalstaat als zentrale Untersuchungseinheit. Die Grenzen überschreitende Mobilität von Menschen, Waren und Ideen wurde hingegen zu einem zentralen Telos der globalhistorischen Betrachtung der Vergangenheit.

    Auch in der neu entfachten historischen Beschäftigung mit dem Kapitalismus tritt eine globale Perspektive unübersehbar hervor.[2. Vgl. Friedrich Lenger, Die neue Kapitalismusgeschichte. Ein Forschungsbericht als Einführung. In: Archiv für Sozialgeschichte, Bd. 56, 2016.] In diesem Kontext werden die Rückwirkungen der mit Sklavenarbeit betriebenen Plantagenökonomie in den beiden Amerikas auf Produktion und Konsumtion im nordatlantischen Raum wieder neu vermessen, etwa in Sven Beckerts viel beachtetem Buch über den »König Baumwolle«.[3. Sven Beckert, King Cotton. Eine Globalgeschichte des Kapitalismus. München: Beck 2014.] Eher beiläufig verweist Beckert auf zwei mehrere Dekaden alte Studien von karibischen Intellektuellen und Historikern, die gleichsam als Globalgeschichte avant la lettre gelten können: Cyril Lionel Robert James’ 1938 veröffentlichte Studie Black Jacobins. Toussaint L’Ouverture and the San Domingo Revolution und das sechs Jahre später publizierte Buch Capitalism and Slavery aus der Feder von Eric Williams.

    Beide Werke beschrieben die Verflechtungen der kapitalistischen Welt, die große, vielschichtige Bedeutung der Sklavenproduktion für den nordatlantischen Raum und die Entwicklung des Kapitalismus in einer Eindringlichkeit, die sie nicht nur als historiografische Meilensteine ausweist, sondern ihnen bis heute Aktualität verleiht.[4. Vgl. Frederick Cooper, Africa in the World. Capitalism, Empire, Nation-State. Cambridge/Mass.: Harvard University Press 2014.] Beide Autoren stammten von der britischen Karibikinsel Trinidad. Wie viele der schwarzen Diaspora-Intellektuellen, die sich im 20. Jahrhundert mit der Frage nach der Bedeutung der Sklaverei bei der Schaffung der modernen Welt beschäftigten, begriffen auch James (1901–1989) und Williams (1911–1981) ihre Studien dezidiert als politische Intervention.[5. Vgl. Patrick Manning, The African Diaspora. A History through Culture. New York: Columbia University Press 2009.] Ihre Biografien schließlich verweisen auf unterschiedliche Pfade des Antikolonialismus, die sich zunächst kreuzten, in der Folge jedoch politisch zunehmend auseinanderliefen.

    Sklaverei und Kapitalismus

    Saint-Domingue war vermutlich die einträglichste Kolonie der Geschichte. Zum Zeitpunkt der Französischen Revolution erzeugte die Insel mit ihren achttausend Plantagen und einer halben Million Sklaven nicht weniger als zwei Drittel des französischen Außenhandels. Doch kurz darauf, zwischen 1791 und 1804, mündete eine Sklavenrevolte in eine echte nationale Revolution, aus der Haiti als erster »schwarzer Nationalstaat« hervorgehen sollte. Die haitianischen Revolutionäre richteten ihr politisches Handeln an den Idealen der Französischen Revolution aus. Deren Verheißung von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit und Gerechtigkeit suchten sie in der Karibik zu verwirklichen. Oder, wie Toussaint L’Ouverture, der führende Kopf dieser Revolution, das Ziel im Verfassungsentwurf von 1800 zusammenfasste: Alle Menschen in Saint-Domingue sollten »frei« und »Franzosen« sein.[6. Vgl. Laurent Dubois, Avengers of the New World. The Story of the Haitian Revolution. Cambridge/Mass.: Harvard University Press 2004.]

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  • 1968: Revolte und Regression

    Wo man Geschichte nach Generationen ausmisst, vereint sich oft publizistischer Geschäftssinn mit analytischer Trägheit. Bei der Achtundsechzigergeneration (gemeint: die 1940er Geburtsjahre) ist das ein wenig anders. Wer sich unter diesem Titel versammelt, beweist ausgeprägtes Jahrgangsbewusstsein, empfindet sich von einem klar definierbaren Zeitgeist besessen oder beschwingt und akzeptiert die Zahl als Gruppenidentität. Mit Sicherheit werden Veteranen der Revolte die Buchhandlungen und Bibliotheken 2018 wieder um einige Regalmeter Erinnerungsliteratur erweitert haben. Angesichts dieses Chors wohl meist lieblich tönender Bilanzen vermisst man schon jetzt eine Stimme wie die von Panajotis Kondylis (1943–1998). Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks hatte der griechisch-deutsche Gelehrte mit grimmiger Prägnanz formuliert, warum nicht 1968, sondern 1989 das Offenbarungsjahr der sogenannten Achtundsechziger Westdeutschlands sei: In Massen hätten diese sich auf der nun »endgültig ermittelten richtigen Seite der Geschichte« versammelt. »Pikanterweise befinden sich darunter Leute, die noch gestern die Entfremdungsideologeme im Munde führten und die ›Manuskripte‹ des jungen Marx unterm Arm hielten, aber in der Atmosphäre von 1989 den längst fälligen letzten Schritt zur Versöhnung mit dem ›System‹ taten. Ethische und politische Inspirationsquelle war auch in diesem Fall die normative Kraft des Faktischen. Nach dem Schiffbruch der Utopie des Ostens machten sich die domestizierten Überbleibsel der ›Linken‹ die Utopie des Westens pauschal zu eigen, und ohne viel Federlesens tauschten sie den ›Antifaschismus‹ gegen den ›Antitotalitarismus‹ aus. Sie werden sich zum zweiten Mal nacheinander getäuscht haben, sollte die Globalisierung westlicher Wirtschaftsform und Ethik nicht die Verwirklichung der entsprechenden Utopie, sondern gewaltige Verteilungskämpfe und Katastrophen planetarischen Ausmaßes nach sich ziehen.«

    Von der Weltrevolution in die Nischenwelt

    Jahrelang hatten die (Ex)Revoluzzer wie ihr Land auf Kosten der gut weggesperrten Deutschland-, ja Welthälfte gelebt. Der Kollaps der Zweiten Welt wurde als Vorspiel zum Ansturm der Dritten auf die selige Insel erlebt. Doch wäre es übertrieben, das Frösteln speziell der westdeutschen Ex- oder Postlinken im östlich einströmenden Zugwind als »Verrat an 1968« zu deuten. Sehnsucht nach Weltenweite bei gleichzeitiger Abdichtung gegen banale Realitäten, ob per Theoriegebraus, Drogentrip, Symbolpolitik, ist eine Konstante bundesdeutscher Emanzipationsmentalität. Was der Studentenbewegung der Jahre 1967 bis 1969 den Impuls gab, spiegelte eher westdeutsche Nachkriegsbesonderheiten als die weltweiten Umbrüche wider. Ein Unbehagen am puren Leistungsprinzip, mit moralischen Empörungs- und kulturellen Erweckungsgesten drapiert, lag nahe. Typische Sinnirritationen eines Daseins in entfalteter Konsumgesellschaft also, durch die Sauerstoffarmut eines Frontstaatdaseins verstärkt.

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  • Im Ring des Schweigens und der Worte. Zu einem Buch über das deutsch-jüdische Jerusalem

    »Grunewald im Orient« – zwei Metaphern bilden den schönen Titel des Buches, das Thomas Sparr über einen Ort und seine Menschen geschrieben hat. Sie stehen für zwei Städte, zwischen denen viele der Geschichten, die hier erzählt werden, sich abspielen: Berlin und Jerusalem.

    Der Kabbalah-Forscher Gershom Scholem gab ihnen eine ikonische Deutung. Von Berlin nach Jerusalem nannte er seine Jugenderinnerungen, die zu seinem achtzigsten Geburtstag erschienen. Das war 1977, und da war vieles schon zu Ende. Scholem blickte auf ein erfülltes Leben zurück, doch während er seine Erinnerungen schrieb, war er nicht mehr so hoffnungsfroh, wie er es 1923 gewesen war, im Jahr seiner Einwanderung. Zwar las er seinen Lebensweg zwischen den beiden Städten noch immer als eine aufsteigende Linie, aber was sich seither ereignet hatte, hüllte alles in ein dunkleres Licht.

    Zwischen Berlin und Jerusalem laufen auch das Leben – und das Sterben – der Dichterin Else Lasker-Schüler ab. Es ist eine andere Geschichte, die wir da hören, und vollends versinkt sie ins Schweigen, als der Literaturwissenschaftler Peter Szondi 1970 die Einladung Gershom Scholems ablehnt, von Berlin nach Jerusalem zu kommen. Sparr spannt einen großen Bogen, und hinter dem Portal seiner Metaphern öffnet sich ein weiter Raum.

    Das Buch erzählt von einem Stadtteil Jerusalems, der nach dem Ersten Weltkrieg gebaut wird. Die Herrschaft der Osmanen ist beendet, Palästina ist jetzt englisches Mandatsgebiet und steht nach der Balfour-Deklaration auch den Zionisten offen. Jenseits der Altstadtmauern, die längst zu eng geworden sind, weitet Jerusalem sich nach Westen aus. Die Engländer haben Erfahrung mit den verrußten Städten der Industriellen Revolution, sie bringen das Gegenmodell einer Gartenstadt mit, und junge Zionisten aus Deutschland nehmen die Idee begeistert auf.

    So entsteht das westliche Wohnviertel Rechavia. »Es liegt an der Hauptstraße des neuen Jerusalem«, heißt es in einem Werbeprospekt aus dem Jahr 1930. »Rechavia ist eine Gartenstadt. Von jedem Grundstück werden zwei Drittel für Gemüse- und Blumengärten, für Anpflanzungen und freien Luftzug abgenommen. Es zieht weite Kreise an, die durch ihre Geschäfte mit der Stadt verbunden sind und in einem Viertel mit Gärten und frischer Luft wohnen wollen.«

    Vieles fließt hier zusammen. In Europa haben die Probleme der Urbanisierung den Gegensatz von »Stadt« und »Natur« bewusst gemacht, und schon der Berliner Grunewald hat hier seinen Ursprung. Wie Jerusalem wächst auch Preußens Hauptstadt um 1900 über ihr östliches Kerngebiet hinaus, der Kurfürstendamm wird gebaut, und an seinem Ende entsteht ein vornehmes Villenviertel. Die Prachtstraße des neuen Westens mündet in die »Natur« einer Gartenstadt. Die Jerusalemer nehmen sich das zum Muster.

    Für die Zionisten kommt noch etwas anderes hinzu. Sie haben sich die »Urbarmachung der Wüste« zum Ziel gesetzt, die Wiederbelebung des Landes Israel. Ein Beispiel ist die intensive Landwirtschaft der Kibbuzim, die seit der Jahrhundertwende zum Siedlungsprogramm der jüdischen Nationalbewegung gehört, und auch Jerusalem, aus zionistischer Sicht lange eine Steinwüste, soll wieder zum Leben erwachen.

    Ein neuer Pioniergeist erfüllt das Land, er wird von jugendlichen Einwanderern getragen. »Es war eine Welt nur von jungen Menschen, es gab keine Alten unter uns«, schreibt die Architektin Lotte Cohn in ihren Erinnerungen. »In die Wirklichkeit hineingetragenes Jugendleben. Wer das nicht miterlebt hat, kann sich kaum vorstellen, was für ein Charme auf dieser engen Welt lag.«

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  • Zeitfluchten Europas

    Der Koalitionsvertrag von CDU und SPD beginnt ebenso wie die vorangegangenen Sondierungspapiere mit Adressen in Richtung Europa – mit Dankesworten, Selbstermahnungen, Zielsetzungen: »Deutschland hat Europa unendlich viel zu verdanken« – »Europa muss sein Schicksal mehr als bisher in die eigenen Hände nehmen« – »Nur gemeinsam hat die EU eine Chance, sich in dieser Welt zu behaupten«. Damit wird zum einen, ohne die Differenz zwischen geografischem und politischem Begriff zu beachten, verhalten ein »Europe first« in Aussicht gestellt und damit ein internationales Zusammenhalten, das das Prinzip nationaler Selbstbehauptung auf höherer Stufe wieder einführt. Zum anderen wird eine Einigkeit im Mikrokosmos der Gespräche und Kontrakte demonstriert, die das Europa-Thema, für das sowohl Merkel als auch Schulz und Nahles stehen, als Marke der neuen Koalition aushängt. Die EU, der politische Kitt zwischen den Mitgliedstaaten, ist also auch innenpolitisch zum Kitt der großen Parteien, ein flexibler gemeinsamer Bezugspunkt geworden.

    In der Grammatik der meisten europäischen Sprachen ist es das Verb, das allen anderen Elementen – Subjekten, Objekten – ihre Rolle zuweist und durch das Tempus auch die Zeitlichkeit der Aussage bestimmt. In diesem Sinn wäre »Europa« das Verb in der Grammatik des aktuellen politischen Diskurses. Und das passt zu einem semantischen Befund, der sich anhand des Koalitionsvertrags aufzeigen lässt. Dort nämlich liegt der Semantik von »Europa« ein beliebiges Wandeln von Zeitformen zugrunde: Nie kann oder soll Europa in der Gegenwart verortet werden, vielmehr bewegt es sich immer in einer Drift aus der (Nachkriegs)Vergangenheit in eine diffuse Zukunft, in der hehre Werte verwirklicht sein sollen.

    Bisweilen erreicht die Verzeitlichung absurde Ausmaße: »Die Europäische Union muss ihre Werte und ihr Wohlstandsversprechen bewahren und erneuern«, heißt es im Vertrag. Gesellschaftlicher Wohlstand wird hier nicht geplant, gewährleistet oder verteilt, sondern versprochen, und selbst dieses Versprechen kann jederzeit verloren gehen und muss deshalb bewahrt und regelmäßig erneuert werden. Aus dem Zeitkomplex »Europa« ergeben sich weniger Situationen und Lagebeschreibungen als Fluchtlinien: transitorische und instabile Übergänge zwischen War- und Soll-Zuständen.

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  • Theaterkolumne. Of Color

    Ende 2017 absolvierte ich einen Workshop zu »Critical Whiteness und diskriminierungssensiblen Theaterpraxen«. Veranstaltungen mit solchen Titeln wenden sich offenbar gezielt an Menschen mit Abitur. An Leute also, die nicht selten davon überzeugt sind, recht gut zu wissen, was Rassismus ist und dass diese hässliche Sache mit ihnen nichts zu tun hat. So ging es auch mir. Ich ahnte aber schon, woher der Wind weht, als die Leiterin des Berliner Theatertreffens Yvonne Büdenhölzer uns, den sieben aktuellen Mitgliedern der Theatertreffenjury, vorschlug, diesen Workshop auf Kosten der Berliner Festspiele zu besuchen.

    Hatten wir nicht den dumpfen Schlaf der Diskriminierungsunsensiblen geschlafen, als wir Claudia Bauers Theateradaption des autobiografisch grundierten Dresden-Romans 89/90 von Peter Richter zum repräsentativen Theatertreffen einluden? Dabei sucht Bauers Wendeoratorium, das die Umbruchzeit aus der subjektiven Erinnerungsperspektive holt und mithilfe eines Leipziger Chors »vergesellschaftet«, gerade auch nach den Ursachen rechter, nationaler Gesinnungen. Keiner von uns hatte jedoch die folgende Szene für zumindest erwähnenswert gehalten: Gleich dreimal hintereinander, also quasi im Loop, kündigt ein Schauspieler an, jetzt »einen N*** abseilen«, sprich: scheißen zu gehen – woraufhin ein anderer ihn dreimal mit den Worten »Du Nazi!« zurechtweist. Die Crew der Festspiele, die aufgrund einer langjährigen, stürmischen Vorgeschichte in Sachen Diskriminierung bereits entsprechende Seminare durchlaufen hatte, forderte die Regisseurin kurz vor der zweiten Berliner Vorstellung auf, die Stelle zu ändern oder zumindest mit einer Triggerwarnung zu versehen.

    An jenem Abend ging die Sache glimpflich aus. Die beanstandete Sequenz von Schauspieler Roman Kanonik wurde gebeept, und die einzige Zuschauerin of color lobte sogar im anschließenden Publikumsgespräch die Inszenierung dafür, dass sie sich mit dem bereits kurz nach der Wende nationalistisch aufgeheizten Klima in der sächsischen Hauptstadt beschäftigt. Claudia Bauer und ihr Team fühlten sich jedoch gemaßregelt, zensiert und missverstanden – was mir nachvollziehbar erscheint, die inkriminierte Passage entstammt schließlich der Romanvorlage, wo sie das Sprechklima der Wendezeit wiedergibt –, ließen es aber mit einer kurzen Klarstellung (gegen Zensur, für die Freiheit der Kunst) in der festspieleigenen Publikation theatertreffen-blog auf sich beruhen. Und nun, ein halbes Jahr später, waren wir dran.

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  • Kulturerbe als »Shared Heritage«? (I) – Kolonialzeitliche Sammlungen und die Zukunft einer europäischen Idee

    Je suis comme vous – Ich bin wie ihr. Mit dieser Botschaft entzückte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron am 28. November 2017 die Jugend in Ouagadougou, der Hauptstadt von Burkina Faso. Angereist mit dem Anspruch, die Beziehungen Frankreichs zu den Ländern Afrikas neu zu definieren, gab sich Macron bescheiden. Seine Rede sollte zeigen, dass es Zeit für ein neues Miteinander »auf Augenhöhe« sei.

    Rhetorisch fundierte Macron sein Anliegen mit zwei Strategien: Erstens achtete er darauf, Afrika nicht als Objekt europäischer Wünsche und Ansprüche zu bagatellisieren. Sein Besuch gelte nicht »Afrika«, dem Kontinent, der vor allem das Produkt europäischer Zuschreibungen ist, sondern den Ländern Afrikas. Diese Vorlage, mit der er die einzelnen Länder Afrikas als individuelle Staatswesen ernst nahm, ergänzte der Präsident um eine Geste der Solidarisierung: »Ich bin wie ihr aus einer Generation, die Afrika nicht als kolonisierten Kontinent erlebt hat. Ich gehöre zu einer Generation, die eine ihrer schönsten politischen Erinnerungen mit dem Sieg Nelson Mandelas im Kampf gegen die Apartheid verbindet – ein Kampf, angetrieben von einer panafrikanischen Solidarität von Algier bis Rabat, von Luanda bis Conakry. Das ist die Geschichte unserer Generation.«

    Das »Wir«, das Macron vor der Jugend an der Universität Ouaga I beschwor, war ein generationelles Wir. Ein Wir, das die grundlegende Trennlinie verwischen sollte, die bislang den Blick vieler Menschen auf die Welt strukturiert: die ethnische Grenze. Er wollte nicht über Franzosen und Afrikaner reden (was er de facto die ganze Zeit machte), sondern eine neue französische, eine neue europäische Politik betreiben, die aus einem postkolonialen Geist entsteht. Ein solcher Geist, das machte Macron in Ouagadougou klar, ist der Geist der jungen Generation, die – wie er – jetzt an die Hebel der Macht kommt.

    Anerkennung und generationelle Vergemeinschaftung: Wer diese beiden Strategien nutzt, um eine neue Politik zwischen Frankreich oder Europa und Afrika zu begründen, muss früher oder später über die aktuellen Ungleichheiten und Folgelasten aus der Vergangenheit reden, und er muss zeigen, was diese Generation eint und wo sie gemeinsame Interessen verfolgt, die alte nationale oder kontinentale Unterschiede überwinden können. Zum Symbol seiner ernsten Absichten wählte Macron ein Feld, das seit einigen Jahren die Beziehungen zwischen Europa und Afrika kompliziert: das Kulturerbe.

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  • Verhasst – verehrt – vergessen. Die Novemberrevolution in der deutschen Erinnerungsgeschichte

    Unser Blick auf die Vergangenheit folgt der Aufmerksamkeitsökonomie eines Geschichtsmarkts, der geradezu zwanghaft auf die Magie runder Jahrestage fixiert ist. Die Zugkraft des hundertsten Jubiläums sorgte dafür, dass Geschichtsschreibung und Öffentlichkeit sich in den vergangenen Jahren in beeindruckender Intensität mit dem Ausbruch des Weltkriegs von 1914 befassten. Die hundertjährige Wiederkehr ließ im vergangenen Jahr den Roten Oktober 1917 in Russland in den Fokus rücken und in seinem Gefolge nun immer deutlicher auch den Grauen November 1918 in Deutschland. Um inhaltliche Zusammenhänge schert die jubilarische Aufmerksamkeitsökonomie sich wenig; ihre Fokusbildung folgt kalendarischen Fixpunkten, und sie richtete sich 2013/14 auf den Weg in den Großen Krieg, ohne sein revolutionäres Ende 1918 in den Blick einzubeziehen, während sich wiederum die aktuelle Neubesinnung auf 1918/19 weitgehend losgelöst von den Debatten um die Urkatastrophe von 1914 zu entwickeln scheint. Wäre es nach der innerdisziplinären Entwicklungslogik der Zeitgeschichte gegangen, stünde die historische Aufarbeitung der Novemberrevolution wohl kaum auf dem Tagungskalender.

    Der Aufmerksamkeitssog der Jubiläen stellt allerdings auch Erkenntnischancen bereit. Schließlich ist Geschichte nie zu Ende erzählt, jedes Ereignis, jede Entwicklung, jede Episode kann jederzeit unvermutet in neuem Licht erscheinen. Umso wichtiger ist es, sich zunächst einmal Klarheit über die bisherige Erinnerungsgeschichte, ihre narrativen Leitbegriffe und Deutungsmuster zu verschaffen. Was die Novemberrevolution angeht, fällt dabei eines sofort ins Auge: Sie ist bis heute eine verschämte Revolution geblieben, eine Revolution, die keine Glorifizierung erfahren hat, keine Aufnahme in den Ruhmestempel der deutschen Demokratiegeschichte, eine Umwälzung ohne Anhänger, eine »Revolution, die niemand wollte«.[2. Andreas Wirsching, Die paradoxe Revolution 1918/19. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, Nr. 50–51 vom 1. Dezember 2008.]

    Der Topos der bedrohten Ordnung

    Das gilt bereits für die politischen Akteure der Umbruchszeit selbst, und zwar von dem Moment an, an dem die Revolution in Kiel ausbrach und in den Folgetagen wie ein Flächenbrand das ganze Reich erfasste. Während der Zugfahrten, auf denen die sozialdemokratischen Protagonisten in den Tagen der revolutionären Auflösung der alten Ordnung von ihren Heimatorten aus ihren politischen Wirkungsstätten entgegeneilten, war nichts von dem revolutionären Feuer zu spüren, das Lenin im Jahr zuvor von Zürich nach Petrograd begleitet hatte. Die Atmosphäre atmete den Geist widerstrebend übernommener Verantwortung.

    Einer Aufforderung des SPD-Parteivorsitzenden Philipp Scheidemann folgend, langte am 4. November 1918 Gustav Noske, von Berlin kommend, in Kiel an, erschöpft vom Streit um eine nicht korrekt gelöste Fahrkarte und in der sorgenvollen Einschätzung, »daß die Lage sich gefährlich gestaltet hatte«.[3. Gustav Noske, Von Kiel bis Kapp. Zur Geschichte der Deutschen Revolution. Berlin: Verlag für Politik und Wirtschaft 1920.] Als Scheidemann zwei Tage später Hermann Müller zur Unterstützung Noskes nach Kiel beordern wollte, winkte Müller ab, weil ihm »die Zeit für den 1-Uhr-Mittagszug zu knapp zu sein schien« und er die Aufgabe zu beschwerlich fand: »Ohne mich mit dem nötigen Kleingepäck versehen zu haben, wollte ich nicht abfahren, da ich in Berücksichtigung der gährenden [sic!] Zeit nicht wußte, wie lange mein Kieler Aufenthalt dauern würde.« [4. Hermann Müller, Die Novemberrevolution. Erinnerungen. Berlin: Bücherkreis 1928.] Als er die Reise dann doch unternahm und unterwegs in Hamburg strandete, registrierte Müller besorgt: »Nach dem, was ich am Abend hörte, war zu befürchten, dass in Hamburg die Wellen der Revolution weiter nach links schlagen würden, als das mit der Lage Deutschlands verträglich war«, um sich bei näherem Augenschein wieder zu beruhigen: »Die Ordnung wurde durch Soldaten, die die rote Binde kenntlich machte, aufrechterhalten.« Im selben Sinne argumentierte auch der Diplomat und Schriftsteller Harry Graf Kessler, der im Auftrag der Regierung Max von Badens am 7. November in Magdeburg eintraf, um den dort inhaftierten polnischen Nationalrevolutionär Józef Piłsudski nach Berlin zu geleiten. Dem Magdeburger Stadtkommandanten riet er, »die Truppen möglichst wenig vorzuschicken, da sie die Bevölkerung irritierten, und nicht einmal kämpfen würden; besser sei, die Ordnung wenn möglich durch die Gewerkschaften und die sozialdemokratische Organisation aufrecht zu erhalten«.[5. Harry Graf Kessler an Fritz von Schöler am 12. November 1918. In: Ders., (lesen ...)