Blitz und Donner – Christian Krachts Frankfurter Poetikvorlesungen als werkbiographische Zäsur

Zwei Stunden vor Beginn stellten wir uns in die Schlange, die es da noch gar nicht gibt. Wir waren die ersten, direkt vor der Tür zum Audimax der Frankfurter Goethe-Universität. Das war vielleicht etwas übereifrig, aber man kann ja nicht wissen, zu welcher Mobilisierung der Kracht-Fanclub in der Lage sein würde. Bei Alexander Kluge drängten sich vor ein paar Jahren einige Zuhörer sogar auf dem Boden. Also lieber auf Nummer sicher gehen und gleich zu Beginn der Frankfurter Kracht-Woche den Heimvorteil ausnutzen.

Wenn jemand so selten in der Öffentlichkeit auftritt wie der Schweizer Autor Christian Kracht, dann bekommt sein sporadisches Erscheinen leicht etwas Feiertägliches, die Spannung war entsprechend hoch. Wie würde Christian Kracht, der sein Werk so hartnäckig unkommentiert lässt, das Format der Frankfurter Poetikvorlesung bedienen? Der Social-Media-Vorlauf hatte eine Weiterführung seines im Gegenzug vielkommentierten hyperironischen Versteckspiels vermuten lassen. Am Vorabend der ersten Vorlesung postete Kracht auf Instagram ein Foto des Covers von „The Sweeniad“. Der britische Kolonialbeamte Victor Purcell veröffentlichte diese T.S-Eliot-Parodie 1958 unter dem Pseudonym Myra Buttle. “At great, possibly tiring length“ solle das Buch in seiner Vorlesung besprochen werden, versprach Kracht. Doch vorerst kam alles etwas anders.

Denn auch zu Beginn der ersten Vorlesung schien Kracht wieder allen voraus zu sein, kommentierte er doch sein Autorenfoto vom Vorlesungsplakat etwas kokett und so, als habe er die Twitter-Diskussionen dazu mitgelesen: Er freue sich, dass überhaupt jemand gekommen sei angesichts dieser „absurden, knausgårdesken“ Präsentation seiner selbst. In einem solchen selbstironischen Tonfall ging es aber nicht weiter; auch wenn das Publikum deutlich dazu bereit war, sich verzaubern zu lassen und über die selbstreferentiellen Pointen des Meisters zu lachen. So wurde Krachts vorauseilende Entschuldigung für seinen schlechten Vortragsstil (“wie ein autistischer Säugling”) ebenso belacht wie seine autobiographische Selbstbeschreibung als zarter, blonder Sonderling im kanadischen Internat, wo ihm der Spitzname “Heidi” verliehen wurde. Als Kracht sein lebensgeschichtliches Bekenntnis damit auf die Spitze trieb, dass er den eigenen sexuellen Missbrauch durch den Reverend des Internats, Keith Gleed, schilderte, lachte keiner mehr. Im manieriert-distanzierten Duktus seiner letzten beiden Romane beschrieb Kracht, wie Gleed ihn gezwungen habe, sich auszuziehen und sich zu Schlägen auf Krachts Po selbst befriedigt habe.

Die schockierende Beichte wird zum poetologischen Argument: Kracht inszenierte sie als Selbsterkenntnis über die “Geschichten hinter den Geschichten”, als Einsicht in die verborgenen Bedingungen des eigenen Schreibens. Diese seien ihm selbst erst vor einigen Monaten offenbar geworden – zu dem Zeitpunkt nämlich, als Ende 2017 der Missbrauch von mindestens 30 weiteren Jungen durch Gleed der Öffentlichkeit bekannt wurde; für Kracht der Beweis, dass er sich den Vorfall nicht nur eingebildet habe. Die Einsicht führt zu einem Re-Reading der eigenen Texte, das die erste Vorlesung entfaltet. Mit Walter Benjamin gesprochen, spürt er in seinen Texten dem Donner nach, der auf den erkenntnishaften Blitz folge.

Männlichkeiten standen im Mittelpunkt der Vorlesung, die eigene und die seiner Figuren, in denen sich das bislang unbewusste Trauma bereits spiegelte. Kracht gelangte dabei zu einem rührenden Mix aus Schwäche und Stärke, für den die physische Präsenz des Autors zentral war, der Körper diente der Beglaubigung des Klartextes. Es war kein Zufall, dass Kracht sein Bekenntnis mündlich vortrug und sich damit nicht in die lange Reihe der Bekenntnisschreiber einreihte. Sprach Kracht einigen seiner Figuren mit Klaus Theweleit einen seelischen “Körperpanzer” zu, so trug er physisch gleichsam selbst einen: Die altbekannte grüne Wachsjacke sowie einen karierten Schal (den gleichen, der auch das langsam notorische Autorenfoto ziert) behielt er die ganze Zeit an, die runde Brille verbarg das Gesicht. Kein Zufall weiterhin, dass Kracht einen seiner raren Auftritte, dem daher maximale Aufmerksamkeit sicher war, für diesen Knalleffekt nutzte. Inmitten seines Nachhalls musste man gut aufpassen, um zu bemerken, dass bei alldem typische Gesten und Topoi der Form ‚Poetikvorlesung‘ abgearbeitet wurden: die “Angst” vor der Aufgabenstellung, die Ehrung der Institution (die Einladung könne nicht abgelehnt werden), die Selbstlektüre, die literaturhistorische Verortung, die Rezitation eigener und fremder Texte. Dadurch wird die Vorlesung zusammengehalten, formal wie auch auktorial.

Die Selbstentblößung im Rahmen seiner Poetikvorlesung war nämlich auch mit einer Machtgeste des Autors Christian Kracht verbunden. Nicht nur präsentierte er den langersehnten biographischen Schlüssel zu seinem Werk. Selbsthermeneutisch überreichte er den An- und Abwesenden auch weitere autor-adäquate Lesarten seiner Romane. Für jeden nannte er zwei theoretische bzw. literarische Bezugsgrößen: z.B. Erich Kästner und Thomas Mann für Imperium, Mishima Yukio und Georges Bataille für Die Toten. Unzählige künftige Dissertations- und Masterarbeitsthemen dürfte der Autor damit diktiert haben.

Auffällig waren außerdem zwei weitere Kataloge, die Kracht zur Selbstinterpretation vortrug. So begründete er seine selbstgewählte “Emigration”, die den drei Frankfurter Vorlesungen ihren Titel gibt, mit einer Flucht vor der deutschen, historisch belasteten Sprache. Diese wolle er lieber nur durch die Ferne gefiltert wahrnehmen, wenngleich er auch dort nicht ganz von ihr loskomme. Ein erster Katalog enthielt von Kracht geschätzte Autorinnen und Autoren deutscher Sprache: eine skurrile Mischung aus W.G. „Max“ Sebald, Christoph Ransmayr, Clemens Setz, Marie-Luise Scherer, Alice Schwarzer, Ernst Jünger, Eckhart Nickel, Ingeborg Bachmann uvm. In einem zweiten Katalog stellte Kracht den deutschen Schriftstellern US-amerikanische Fernsehserien gegenüber. Im Zimmer eines freundlichen Assistenzlehrers der “kanadischen Prügelanstalt” habe er mit seinen elf oder zwölf Jahren stundenlang fernsehen dürfen, wenn er wieder einmal unfähig bzw. unwillens war, dem Unterricht beizuwohnen. Zum Kanon seiner, wie Kracht es nannte, “éducation sentimentale” gehören u.a. Happy Days, Leave It To Beaver, Get Smart, Star Trek, Flipper, Mission Impossible und The Love Boat.

Mit der Handreichung dieser Fülle von Referenzen wird Krachts Poetikvorlesung bei allem Eingeständnis von Verletztlichkeit und Schwäche auch eine Geste der Souveränität. Der Autor will seinen Interpreten, den Journalisten, Literaturkritikern und -wissenschaftlern seine Texte aus der Hand nehmen. Genug habe er von den ständigen Zuschreibungen, vom Popliteratur-Schmäh, den unzähligen Dandy- und Camp–Analysen. Seine Poetikvorlesung steht ganz im Zeichen der Wiederaneignung des eigenen Werkes. Nur konsequent erscheint so, dass Kracht zum Abschluss seines Vortrags die letzten Seiten aus Faserland vorlas, als wollte er dem Publikum vorführen, dass kein Text mehr derselbe sein wird nach diesem Abend. Eine werkbiographische Zäsur ist markiert. Ab sofort gibt es eine prä- und eine post-Frankfurt-Lesart Christian Krachts. Obwohl der Autor jeder offiziellen Video- und Ton-Aufzeichnung widersprochen hatte und sich zu einer Publikation der Vorlesungen bislang nicht geäußert hat, wird seine Biographie in Zukunft unzählige Kracht-Lektüren prägen. Vor biographistischen Lesarten, die Krachts Texte beflissentlich nach Traumaspuren absuchen, graust uns bereits. Wie die Literaturwissenschaft allerdings mit Krachts biographischer Entblößung umgehen wird, ist mit Spannung zu erwarten.

Krachts erste Vorlesung endete mit anhaltendem Applaus, nachdem es während der Vorlesung so ruhig war wie selten. Einige der annähernd 1200 Zuhörerinnen und Zuhörer erhoben sich am Ende sogar von ihren Sitzen. Als “bewegend” bezeichnen erste Medienberichte und Meinungsbekundungen in sozialen Netzwerken den Abend. Wir müssen uns anschließen: Selbst wenn man (wie wir von uns denken) mit allen postmodernen Wassern gewaschen ist, war es schwer, sich Krachts Auftritt zu entziehen. Der Exzess des Gehemmten zog alle Anwesenden in seinen Bann.


1 Kommentare

  1. Laubeiter sagt:

    Ich verstehe den Text so, als gingen die beiden AutorInnen davon aus, dass die vom Autor in seiner Vorlesung berichtete Episode auf den Autor so stark gewirkt haben müsse, dass sich Spuren ihrer Nachwirkung auf den Autor in seinen Texten finden lassen dürften. Das ist Küchenpsychologie, finde ich, aus zwei Gründen. Erstens wundere ich mich über die Annahme, eine Episode könne Ursache sein für die Wahl von Form und Inhalt eines Autors. Zweitens wundere ich mich über die Annahme, die vom Autor berichtete Gewalt stelle das Ende der Fahnenstange dar. Was spricht dafür, der Autor hätte an diesem Tag dem Publikum bereits seinen psychischen und physischen Tiefpunkt offenbart?

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