• Mer.kulturabend: Memoir – Neue Formen von Autobiografie/Autofiktion

    argonautenAm 27. Oktober diskutieren Hanna EngelmeierJan Wilm und Ekkehard Knörer über neue Formen autobiografischen/autofiktionalen Schreibens, die häufig unter dem Genre-Begriff "Memoir" gefasst werden. Ein Anlass ist das Erscheinen von Maggie Nelsons bei Hanser Berlin veröffentlichtem Buch Die Argonauten in der Übersetzung von Jan Wilm. Der Ort: Die Redaktion des Merkur in der Mommsenstraße 27 in Berlin-Charlottenburg. Die Zeit: 19 Uhr. Wegen begrenzter Plätze bitten wir um Anmeldung bei redaktion@merkur-zeitschrift.de
  • Apropos Bewunderung. Zur Debatte um die Verwendung von Eugen Gomringers Konstellation „avenidas“ an der Hausfassade einer Berliner Hochschule

    Die jüngste Debatte um Eugen Gomringers Gedicht avenidas begann mit einem offenen Protestbrief der Studierendenvertretung der Alice-Salomon-Hochschule, der die Wahl des 1953 veröffentlichten und 2011 an der Südfassade der Hochschule angebrachten Gedichts kritisiert. Die Studierenden verlangten vom Akademischen Senat (1) eine Begründung der Gedichtauswahl und (2) eine Diskussion über die Entfernung/Ersetzung an der Hausfassade. Zwar würde sich das Sicherheitsgefühl für Frauen, das in der Umgebung der Hochschule nicht gegeben sei, dadurch nicht erhöhen, jedoch wäre es ein „Fortschritt“, wenn die Wahrnehmung der Frau als Objekt der Bewunderung nicht poetisch an der Hausfassade gefeiert würde, wie dies in avenidas ihrer Meinung nach geschehe. (mehr …)
  • Genderwechsel: Zu Thomas Ostermeiers Inszenierung von Didier Eribons „Rückkehr nach Reims“

    Dokumentarische Filmaufnahmen sind auf den Bühnenhintergrund projiziert. Ansichten der Stadt Reims im Nordosten Frankreichs. Arbeiterviertel und leerstehende Fabrikgebäude. Kulissen also, die Eribon in seinem autobiografischen und soziologischen Buch beschreibt. Thomas Ostermeiers Inszenierungseinfall für die Dramatisierung von Rückkehr nach Reims, die im Sommer in Manchester Premiere hatte und nun in Berlin zu sehen ist: In einem Aufnahmestudio werden Teile von Eribons Text als Off-Kommentar zu den im Hintergrund laufenden Filmbildern eingesprochen. Diskussionen zwischen Schauspielerin, Regisseur und Tontechniker unterbrechen den Sprach- und Bildfluss. Auseinandersetzungen über Kürzungen im Text oder das hier entstehende Verhältnis zwischen Bild und Text. (mehr …)
  • Schnappschuss mit Ruine

    Eineinhalb Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs schaut ein junges Ehepaar vom Kinderzimmer ihrer Nachbarn aus auf eine Ruinenlandschaft. Was da vor ihnen liegt, besteht aus Grundmauern, einigen Fassadenteilen und einer Menge Schutt, der bis in die eingestürzten Kellergeschosse hinunterreicht und an seinen erdhaltigsten Stellen mit Buschwerk und Bäumchen besiedelt ist. Zwischen den vormaligen Häuserblöcken haben sich Trampelpfade gebildet, die teilweise bis in die steinernen Grundrisse der Gebäude hineinführen und dort in irgendwelchen Kellerlöchern enden. Von alldem ist auf dem Foto, wenn überhaupt, nur ein winziger Ausschnitt zu sehen. Doch hat sich in meiner Erinnerung das Bild dieser Ruine so festgesetzt, dass ich es auch ohne fotografische Unterstützung als immer noch gegenwärtig empfinde. Fast die gesamte Kindheit über hatte ich, wann immer ich aus dem Fenster unseres Kinderzimmers schaute, diese in Parzellen unterteilte Backsteinwüste vor Augen; und nichts hätte mich und meine Freunde davon abbringen können, in dieser verbotenen Zone nach Abenteuern zu suchen, also etwas zu tun, das Mama und Papa nicht zu wissen brauchten, wofür Schlupfwinkel aller Art vonnö- ten sind, und eine Ruine ist naturgemäß voll davon. Obwohl der Begriff »Abenteuerspielplatz« noch gar nicht geboren war, darf man in diesem aus unerfindlichen Gründen stehengebliebenen Ruinenviertel einen seiner natürlichen Vorläufer erkennen. (...)

    Möchten Sie weiterlesen?

    Testen Sie jetzt den Merkur im digitalen Probe-Abo. Oder erwerben Sie den Artikel für 2 € als Download in unserem VolltextarchivSie sind schon Digital-Abonnent? Hier einloggen, um weiterzulesen.
  • Der Star von Manhattan

    Erst schien der Gesang mitten aus dem röhrenden Klimakasten an mein Ohr zu dringen, ein feines Schwurbeln, wie ein unrund laufender Ventilator, vielleicht, oder ein winselndes Rad an einem Servicewägelchen im Gang. Dann eine Modulation, ein eindeutig nichtmechanisches Trillern, Maschinen singen nicht, jedenfalls nicht für mich und nicht auf diese Weise. Es ist das Lied eines Vogels, einer Grasmückenart, eines »Warbler«, wie man hier sagt, in den Vereinigten Staaten, in New York, in Manhattan, in meinem Hotel und auf meiner Großhirnrinde. Noch tiefer in mir reagiert mein Nervensystem auf den Gesang, weckt mich auf, zieht meinen Körper hoch, ans Fenster zum Hof. »Warbler«, so denkt es in mir, »ist ein schönes Wort.« Für jemanden wie mich, dessen Instinkte wissen möchten, wo genau der Warbler singt und wie er heißt und was er so macht, ist das eine Einladung, das auf der Stelle herauszufinden, auch wenn die Zeiten dem Reisenden nicht gewogen sein mögen. Meine Sinne kämpfen sich durch die dunkle Watte des Jetlags, meine Hände tasten nach den Plastikperlen des Schnürwerks, mit dem sich die Jalousien bewegen lassen, greifen zu, erwischen irgendwann die richtige, ziehen hoch. Hinter dem Turm des Hotels gibt es vier, fünf schmale Häuser mit Gärten, übriggeblieben aus einer anderen Zeit, aus der auch der einzige Baum stammen muss, der sie überschattet, fünf Stockwerke ist er hoch, in jeder anderen Umgebung imposant. In ihm sitzt die Grasmücke und warblet an den Stadtgeräuschen vorbei. Viele New Yorker Autofahrer glauben an die Kraft des Hupens, Einsatzfahrzeuge der Blaulichtfraktion müssen die Zivilisten mit den Organen von Ozeanriesen übertrumpfen. Ansonsten ist es ruhig. (...)

    Möchten Sie weiterlesen?

    Testen Sie jetzt den Merkur im digitalen Probe-Abo. Oder erwerben Sie den Artikel für 2 € als Download in unserem VolltextarchivSie sind schon Digital-Abonnent? Hier einloggen, um weiterzulesen.
  • »Ganz sündlos, ganz wissend, ganz dumm«. Beobachtungen und Einsichten beim Wiederlesen von Hans Henny Jahnns Romanwerk »Perrudja«

    ch bin alt genug, um mich an ein Seminar über Leben und Werk des Prosadichters Hans Henny Jahnn zu erinnern, das Walter Muschg, eminenter Germanist und auch, wovon er beiläufig erzählte, lange Jahre mit dem Dichter befreundet, in den mittleren 1960er Jahren an der Universität Basel ausgeschrieben hatte. Ein halbes Leben ist seither vergangen, und noch immer kann ich mir manch ein Referat, manch eine angeregte Diskussion und nicht zuletzt die geradezu militante Begeisterung vergegenwärtigen, mit der ich in den wöchentlichen Sitzungen seinerzeit bei der Sache war. Schon als Schüler hatte ich mir im Antiquariat am Basler Münsterberg für einen Franken Jahnns Dreizehn nicht geheure Geschichten gekauft, nachdem ich, stehend, Kebad Kenya und Die Marmeladenesser gelesen hatte. Das schmale Taschenbuch aus der Reihe von Rowohlts Rotations Romanen besitze ich noch heute – ein Bündel engbedruckter Seiten aus holzhaltigem Papier, vom vielen Lesen arg zerschlissen, mit zahlreichen Randnotizen und Unterstreichungen im verstaubten Text. Auf dem Schmutztitel unten rechts hatte ich damals meinen Namen und das Erwerbsdatum notiert: »F. Ingold/1961«. Als ich drei, vier Jahre später, nun als Student der Philosophischen Fakultät immatrikuliert, von Muschgs Seminar erfuhr, empfand ich das, noch immer beeindruckt von jenen »Geschichten«, aber ohne jede Kenntnis von Jahnns großen Erzählwerken, als eine Chance und auch als ein Obligatorium. Ich schrieb mich frühzeitig ein, meldete auch gleich ein Referat an. Das Seminar war rasch ausgebucht, der stickige, niedrige Raum in dem mittelalterlichen Institutsgebäude am Münsterhügel in der Folge stets überfüllt. Doch Interesse und Aufmerksamkeit wurden dadurch nicht beeinträchtigt. (...)

    Möchten Sie weiterlesen?

    Testen Sie jetzt den Merkur im digitalen Probe-Abo. Oder erwerben Sie den Artikel für 2 € als Download in unserem VolltextarchivSie sind schon Digital-Abonnent? Hier einloggen, um weiterzulesen.
  • Universitätsutopien. Ein Experiment in angewandter Literaturwissenschaft

    Peter Szondi hat 1967 ein philologisches Gutachten zu Flugblättern der Kommune 1 und deren Interpretation durch den Staatsanwalt am zuständigen Landgericht vorgelegt. Die Kombination aus philologischer und gutachterlicher Tätigkeit Szondis steht unter der Prämisse, die Textsorten »Flugblatt« und »Anklageschrift« seien für eine Interpretation geeignet, weil das Flugblatt Tropen und Topoi versammelt, die dem philologischen Wissen zugänglich sind, und die Anklageschrift wiederum als Interpretation lesbar und damit kritisierbar ist. Für institutionelle Selbstbeschreibungen (oder ihre Störung) gilt grundsätzlich das gleiche, auch sie sind zuallererst sprachliche Phänomene und damit legitimerweise Gegenstand philologischer Deutungsbemühungen. Die folgenden Überlegungen versuchen, das Szondi’sche Verfahren exemplarisch auf die universitäre Textsorte »Hochschulentwicklungsplan« anzuwenden. Als konkretes Beispiel dient der Hochschulentwicklungsplan der Universität Duisburg-Essen; den institutionellen Kontext bilden die innerorganisationalen Reformen der letzten Jahre. (...)

    Möchten Sie weiterlesen?

    Testen Sie jetzt den Merkur im digitalen Probe-Abo. Oder erwerben Sie den Artikel für 2 € als Download in unserem VolltextarchivSie sind schon Digital-Abonnent? Hier einloggen, um weiterzulesen.
  • Nothing to write home about

    Kürzlich ließ mir ein befreundeter Museologe, ein außergewöhnlich theoriebeschlagener wie praxiserfahrener Mann, einen Text mit kritischen Anmerkungen zu Gegenwart und Zukunft des öffentlichen Museumsbetriebs zukommen. Ausgangspunkt seiner Überlegungen war die Frage, ob die deutschen Völkerkundemuseen die Kolonialgeschichte, der sie ihre Existenz sowie den Großteil ihrer Bestände verdanken, in ihren Schausammlungen hinreichend reflektierten. Die Antwort war ein klares: Nein. In ihrer Grundsätzlichkeit sprengte die Argumentation diesen spezifischen Problemhorizont allerdings schon nach wenigen Absätzen. Mit ihrer zentralen These lief sie vielmehr auf ein radikales Misstrauensvotum gegen die gängige Ausstellungspraxis als solche hinaus: In seiner heutigen – die grundlegenden, wissenschaftlich begründeten Präsentationsweisen des 19. Jahrhunderts weitgehend perpetuierenden Form – sei das Museum nach wie vor wesentlich eine »Disziplinierungsanstalt«, ein Ort, »der unwillkürlich immer und zu allererst von der Beherrschung und Beherrschbarkeit der Welt spricht, indem diese daselbst anhand des Verfügens über die Dinge demonstriert wird«. Das Gegenkonzept: »Anstelle des Präsentierens sollte eine offene Form des Vorzeigens treten, bei der erkennbar wird, wie Dingen eine Bedeutung zugewiesen wird, und dass dies ein im Prinzip offener Prozess bleibt, je nachdem, wer sich mit welche (...)

    Möchten Sie weiterlesen?

    Testen Sie jetzt den Merkur im digitalen Probe-Abo. Oder erwerben Sie den Artikel für 2 € als Download in unserem VolltextarchivSie sind schon Digital-Abonnent? Hier einloggen, um weiterzulesen.
  • Politische Kunst?

    Das Verdikt über die documenta 14 ist gesprochen und fällt ziemlich einhellig aus: »Sie ist in ihrer präpotenten Rechtschaffenheit über weite Strecken langweilig« (Welt vom 7. April). »Immer wieder instrumentalisiert sie historisches Unrecht, um daraus ein wohlfeiles Plädoyer abzuleiten, für mehr Menschenliebe, besseren Minderheitenschutz oder die Abkehr von Nationalismus« (Zeit vom 14. Juni). »Die abgrundtiefe Sehnsucht der documenta 14, moralisch richtig zu liegen, ist ihre größte Schwäche« (FAZ vom 9. Juni). »Die Politisierung, mit der sich fast alle legitimieren zu müssen glauben, inflationiert das Genre, seine Hervorbringungen wirken schnell produziert, illustrativ und seltsam zahnlos« (taz vom 9. Juni). Sprich: Die documenta 2017 ist eine ausgesprochen politische, und deswegen zeigt sie über weite Strecken auch schlechte Kunst. Was aber ist überhaupt »politische Kunst«? (...)

    Möchten Sie weiterlesen?

    Testen Sie jetzt den Merkur im digitalen Probe-Abo. Oder erwerben Sie den Artikel für 2 € als Download in unserem VolltextarchivSie sind schon Digital-Abonnent? Hier einloggen, um weiterzulesen.
  • Eindeutig d14

    Das ursprüngliche Ziel der documenta bestand darin, dem allgemeinen Publikum einen repräsentativen Überblick über die jeweils neueste Kunst zu geben. Im Jahr 1955, dem Jahr der documenta 1, kam Gegenwartskunst in den öffentlichen Museen kaum vor. Wer sich dafür interessierte, musste die wenigen privaten Galerien besuchen, in denen die damals noch so genannten Avantgardekünstler ausstellten. Man musste die Adressen kennen. Es gab Artikel in den Feuilletons und nur wenige Plakate als Reklame. Die heutige Gegenwartskunst stellt auch ein sehr effektives Werbeunterfangen dar: Jede Äußerung von Kunst und jede Äußerung über Kunst ist automatisch Reklame. Auch wer sich überhaupt nicht für Kunst interessiert, begegnet ihr in Berichten über Rekord-Auktionsergebnisse oder in Home Stories über teure Künstler und reiche Sammler. Kaum ein anderes Lebensfeld wird, in Print und Online zusammengenommen, so erschöpfend dargestellt wie die Gegenwartskunst: Nichts ist leichter, als sich einen Überblick über die Produktion eines aktiven Gegenwartskünstlers zu verschaffen. (...)

    Möchten Sie weiterlesen?

    Testen Sie jetzt den Merkur im digitalen Probe-Abo. Oder erwerben Sie den Artikel für 2 € als Download in unserem VolltextarchivSie sind schon Digital-Abonnent? Hier einloggen, um weiterzulesen.