• Zwanzig Jahre Inkubationszeit

    Das Berufsbild des Schellenknechts ist mittlerweile landläufig eher unbekannt. Schellenknecht konnte man beispielsweise in der Frühen Neuzeit werden, wenn man sich in den Dienst eines städtischen Leprosiums stellte und für die dort internierten Aussätzigen allerhand Aufgaben übernahm, beispielsweise Spenden sammeln oder die Arbeit eines Küsters verrichten oder auch verstorbene Lepröse begraben. Ankündigen musste er sich mit Schellen, so wie die Leprakranken vor ihrem Erscheinen mit einer hölzernen Klapper warnten. (mehr …)

  • Die Sache mit den Postkarten. Eine moralische Geschichte

    Sie hat es mir erzählt, als schon nichts mehr zu reparieren war, in dem Eiscafé, das wegen der Hygiene dauernd durchgelüftet wurde, der Wind fuhr vom Hinterhof zur Straßenseite und zurück, man fragte sich, wieso man in dieser Jahreszeit noch Eis essen sollte.

    Ich nenne sie Smeralda, so heißt sie nicht, aber es ist ein Vorname mit acht Buchstaben, und darauf kommt es an. (mehr …)

  • Von der Hegemonie des Hochdeutschen, Sprachvarietäten und Klasse

    Dialekte gab es immer, aber erst in der jüngeren Sprachgeschichte, seit Ende des 19. Jahrhunderts, begann man im deutschsprachigen Raum mit ihrer Bewertung. Es verbreitete sich der Glaube, in Norddeutschland, besonders um die Gegend von Hannover, werde das »bessere« Deutsch, das Hochdeutsche, gesprochen. (mehr …)

  • Couch Guy

    Das Jahr 2021 war für die meisten Menschen nicht leicht, aber für den Studenten Robert McCoy, besser bekannt unter dem Spitznamen »Couch Guy«, muss es besonders schwer gewesen sein. Am 21. September 2021 überraschte seine Freundin ihn an der University of Virginia mit einem Besuch. Das hätte ein normaler privater Moment sein können, aber wir leben in einer Zeit, in der jeder private Moment das Potential hat, digital vergesellschaftet, also zu einem Ereignis zu werden, an dem zahlreiche Menschen teilhaben, die ohne soziale Medien damit nicht das Geringste zu tun hätten. (mehr …)

  • Sokratismus. Philosophie als Engagement

    Im Frühjahr 1954 hielt Hannah Arendt an der University of Notre Dame eine Reihe von Vorträgen unter dem Titel Philosophie und Politik. Das Problem von Handeln und Denken nach der Französischen Revolution. Der Untertitel der Veranstaltung verhieß zwar eine Beschäftigung mit der Gegenwart, wurde jedoch von Arendt selbst nicht allzu ernst genommen, wie sich am dritten Vortrag zeigt. Sokrates – Apologie der Pluralität widmet sich dem historischen Moment, den Arendt als den Beginn der Entfremdung zwischen Politik und Philosophie identifiziert: der Verurteilung des Sokrates. (mehr …)

  • (True) Crime und (Public) History

    Ein Buch, das es nicht geben sollte titelte die Süddeutsche Zeitung am 11. Februar 2022.1 Gemeint war The Betrayal of Anne Frank: A Cold Case Investigation der kanadischen Schriftstellerin Rosemary Sullivan. Sullivan, eine mehrfach ausgezeichnete Biografin, dokumentiert darin die Untersuchung eines internationalen Ermittlerteams, das behauptete, herausgefunden zu haben, wer die Familie Frank 1944 an die deutschen Besatzer verriet. Zunächst eher neutral aufgenommen, geriet das Buch zweifelhafter Recherchemethoden und mangelnden historischen Hintergrundwissens wegen zunehmend in die Kritik. (mehr …)

  • Als Calder peinlich war. Ästhetikkolumne

    Wer im grauen Berliner Winter 2021/2022 die Neue Nationalgalerie betrat – diese lichte, von Ludwig Mies van der Rohe entworfene und 1968 fertiggestellte Halle –, fand sich inmitten einer Ansammlung bunter Stahlskulpturen wieder. Nach jahrelanger Renovierung feierte das Museum seine Wiedereröffnung mit einer Ausstellung des amerikanischen Bildhauers Alexander Calder. Calder, ein Heros der künstlerischen, und Mies van der Rohe, ein Heros der architektonischen Nachkriegsmoderne, das passte wohl einfach zu gut zusammen. (Zwar war Mies auch ein politischer Opportunist, der sich vor dem Krieg bei den Nationalsozialisten anbiederte, aber egal.) (mehr …)

  • Angstlust. Eine Ansteckung aus der Vergangenheit

    28. Dezember 2020, Zürich. Vor dem Supermarkt auf der Limmatbrücke steht ein dünner Mann mit Trainingshosen und weit aufgerissenen Augen und fängt plötzlich an zu schreien, auf Italienisch: »Vi sarete tutti morti«, immer wieder. Die Passanten weichen ihm höflich aus (er trägt keine Maske) und gehen weiter. Der schreiende Mann hat ja Recht, wir werden alle sterben. Aber weil das vermutlich nicht gleich jetzt geschieht, trotz der neuen ansteckenden Krankheit, bringen wir vorher noch unsere Nachweihnachtseinkäufe nach Hause. Was für eine Geschichte wollte er erzählen? (mehr …)

  • Befreiungspsychologie. Frantz Fanon und der Glaube an Gewalt als Therapie

    Sie hatten es auf ihn abgesehen. Daraus sprachen Furcht und Anerkennung zugleich. Frantz Fanon war Psychiater, er kannte sich aus mit der Ambivalenz von Gefühlen. In die Schusslinie war er allerdings aufgrund seiner revolutionären Aktivitäten in Algerien geraten. Die Kette der Ereignisse, die das zur Folge hatte, setzte mit einem Vorfall im Mai 1959 ein: Fanon war unterwegs zu einem Stützpunkt von algerischen Aufständischen an der marokkanischen Grenze, als der Fahrer die Kontrolle über den Wagen verlor und Fanon aus dem Auto herausgeschleudert wurde, wobei er schwere Rückenverletzungen erlitt. Manche behaupteten, die Straße sei vermint gewesen; andere meinten, das Auto sei präpariert worden. (mehr …)

  • Video: Philip Manow über Carl Schmitt | Zweite Lesung

    Der Politikwissenschaftler Philip Manow nimmt sich noch einmal Carl Schmitts Essay „Die Einheit der Welt“ vor, der 1952 im Merkur erschienen ist. Ein Text, der in der Reihe „Zweite Lesung“ schon einmal besprochen wurde, damals mit Danilo Scholz, zu dem es aber noch einiges zu sagen gibt. (mehr …)