• Just send your cash

    Am Abend des 29. August 2021 fuhr die britische Schauspielerin Helen Mirren in Venedig mit einem Boot zu einer Modenschau von Dolce & Gabbana. Sehr aufrecht stehend, die Hände um eine kleine Handtasche gefaltet, sah sie aus wie eine Kaiserin: Gewandet war sie in ein Abendkleid aus einer D&G-Kollektion von 2017, dessen goldenes Korsett mit Juwelen besetzt und mit Blumen verziert war und wie ein Teil einer Rüstung wirkte. Der überaus ausladende Rock der Robe fiel in weiten Falten und war mit Motiven aus Renaissancegemälden in prächtigen Rahmungen bedruckt. Mirren, zu diesem Zeitpunkt sechsundsiebzig Jahre alt und mindestens an diesem Abend die anziehendste Frau der Erde, war expressiv geschminkt, später am Abend tanzte sie auf dem Markusplatz mit dem Schauspieler Vin Diesel im Regen und entlockte weltweit all jenen einen Seufzer, die Fotos davon zu sehen bekamen. Die Leute vor Ort fielen vermutlich in Ohnmacht. (mehr …)

  • In Stein gemeißelt. Kalte Medien schreiben heiße Geschichte

    n Bristol wurde im Sommer 2020 das Denkmal des Sklavenhändlers Edward Colston gestürzt und dem Hafenbecken des Avon überlassen, in Boston eine Statue von Christoph Kolumbus einen Kopf kürzer gemacht. Standbilder von König Leopold II. in Belgien waren nach einem Farbbombenangriff blutrot, ebenso Figuren des Reichskanzlers Bismarck in Hamburg und Köln. Die Empörung richtet sich bei diesen rituellen »Tötungen« von Denkmälern häufig gegen die rassistischen und kolonialistischen Seitenstränge der Geschichte, über die die glorifizierten Darstellungen in Monumenten hinwegzutäuschen versuchen. (mehr …)

  • Geschichten aus der Kammer. Über Fotoautomaten und ihre Wiederholungen

    Die Anordnung unterscheidet sich fundamental vom Selfie: Der Automat ist zwei Meter hoch, zwei Meter lang und einen Meter tief, fest verankert und mit mehreren hundert Kilogramm Gewicht keineswegs mobil oder handheld. Man kann ihn an keine mehr oder weniger aufregenden Orte mitnehmen, die Gefahr tödlicher Unfälle ist dementsprechend gering. Der Hintergrund der Aufnahmen – ob in nostalgischem Schwarzweiß oder in Farbe – bleibt meist das fahle Weiß der Rückwand, manchmal verziert von einem Vorhang, einer bedruckten Tapete, etwa für Olympische Spiele und Weltausstellungen, oder einer nachträglichen digitalen Projektion. (mehr …)

  • Der Romantik-Popanz. Ein Wiedergänger

    on der Romantik auf schiefer Ebene hinab bis zu Hitler: Das Schreckgespenst des romantisch-deutschen Irrationalismus wird derzeit wieder einmal mit großem Gestus mahnend beschworen. Es ist ein leerer Spuk. Denn erstens sind Nationalcharaktere ohnehin nur imaginäre Größen, zweitens ist die Geschichte kein Fatum, dem die Akteure ausgeliefert wären, und drittens ist die Romantik keine typisch deutsche, sondern in ihren ersten Inspirationen eine englische, schottische, deutsche und französische Erscheinung, die sich schnell und in großer Vielfalt und Verschiedenartigkeit über Europa und auch darüber hinaus ausbreitete. (mehr …)

  • Investigative Ästhetik. Ermittlungen gegen die dunkle Epistemologie des Post-Truth-Zeitalters

    Es scheint ein wenig aus der Mode gekommen, Problemkomplexe der Gegenwart mit ästhetischen Konzepten zu adressieren. Schon gar nicht in Erwartung einer besonderen begrifflichen Ressource für etwaige Problemlösungshorizonte. Selbst feuilletonistische Deutungen einschlägiger Topoi der vergangenen Jahre – wie Klimakrise, gesellschaftliche Desintegration, Verschwörungsdenken, Fake News etc. – kamen weitgehend ohne ästhetische Register oder Bezugnahmen aus. (mehr …)

  • Wie reformiert man ein kaputtes Gericht? Rechtskolumne

    Von Europa aus gesehen scheinen die Konfliktlinien der Auseinandersetzung um die Institution der Verfassungsgerichtsbarkeit häufig entlang der Front zwischen progressiven Richtern und Rechtspopulisten zu verlaufen. Beispielhaft ist dafür die Eskalation der Rechtsstaatskrise in Polen, die der Verfassungsblog jüngst in einem fünfteiligen Podcast mit großartiger Akribie aufgearbeitet hat.1 Beispielhaft sind auch die öffentliche Mobilisierung gegen den britischen Supreme Court im Brexit-Konflikt oder die regelmäßigen, wenn auch inzwischen etwas verebbten Empörungswellen gegen allzu integrationsfreundliche Entscheidungen des Europäischen Gerichtshofs. (mehr …)

  • Miami: Die aufregendste Stadt der USA

    Als Miami das letzte Mal relevant war, war die Stadt nicht weiter wichtig. In den achtziger Jahren hatte sie nicht mehr zu bieten als Drogen, Clubs, pastellfarbene Blazer, Jai-Alai-Zockerei und mit Miami Vice vor allem eine sehr erfolgreiche Fernsehserie über all diese Dinge. Doch jetzt ist Miami die wichtigste Stadt in Amerika. Nicht etwa weil es aufgehört hätte, eine frivole, regelfreie Steueroase zu sein, die fest in der Hand heißer Internet-Berühmtheiten ist und wegen des Klimawandels im Meer versinkt. Sie wurde zur wichtigsten Stadt Amerikas, weil die Vereinigten Staaten zu einem frivolen, regelfreien Steuerparadies geworden sind, in dem Mikro-Prominente das Sagen haben und man vor dem Klimawandel kapituliert. (mehr …)

  • Die Erben des Silicon Valley

    ie creatio ex nihilo, die Schöpfung aus dem Nichts, ist einer der Begriffe, bei denen man sofort misstrauisch aufhorcht. Wenn jemand so tut, als habe er etwas aus nichts geschaffen, ist das so gut wie immer ein Indiz dafür, dass eine inkommode Hintergrundgeschichte mehr oder weniger dezent aus dem Blickfeld geschoben werden soll. In der fantastischen Vorstellung, vor uns sei gar nichts da gewesen, steckt eine beträchtliche ideologische Kraft. Immerhin darf der Schöpfer ex nihilo für sich zumindest einen zarten Abglanz göttlicher Macht in Anspruch nehmen. Wertschöpfer, Schöpfer von Arbeitsplätzen werden mit diesem Kniff zu entfernten Verwandten des ganz großen Schöpfers, ihre Legende eine Art Genesis-Erzählung. (mehr …)

  • Arbeiten Tiere?

    Wenn man Wien nach Südwesten verlässt, passiert man zwei Tiergärten. Der erste, in der zu Schloss Schönbrunn gehörigen Parkanlage gelegen, ist ein Zoo im klassischen Sinn: Tiere im Gehege. Der Zoo darf sich rühmen, der älteste der Welt zu sein (und auch der beste Europas, das zugehörige Gütesiegel wurde ihm zuletzt 2018 verliehen). Wie jeder Zoo behauptet auch der älteste und beste, sich Tierwohl, Artenschutz und Wissenschaft verschrieben zu haben. Einige wenige architektonische Restbestände der historischen Menagerie wurden modernisiert, die Anlage darüber hinaus aber neugebaut. (mehr …)

  • Anschwellender Popgesang. Botho Strauß und die Ästhetisierung des Politischen

    Vorspiel auf dem österreichischen Politiktheater

    Zu den vielen Provokationsgesten, mit denen die Popliteratur der späten 1990er Jahre die Aufmerksamkeit auf sich zog, zählte die Behauptung, es handle sich auch bei moralischen oder politischen Problemen um ästhetische Herausforderungen, um Fragen also, die den guten oder schlechten Geschmack betreffen. Christian Krachts Faserland, so ein Bonmot von Florian Illies, habe die »Generation Golf« zu dem Bekenntnis ermutigt, dass ihr die Entscheidung zwischen einer grünen oder blauen Barbour-Jacke schwerer falle als die Wahl zwischen CDU und SPD. »Es wirkte befreiend, daß man endlich den gesamten Bestand an Werten und Worten der 68er-Generation, den man immer als albern empfand, auch öffentlich albern nennen konnte.« (mehr …)