• Der Körper als Feind. Eine Antwort auf die Frage: „Was ist Musik?“

    „Im Allgemeinen werden Musikwissenschaftler ja nicht mit Musik identifiziert“, wusste der 2010 verstorbene Musikwissenschaftler Reinhard Brinkmann (Harvard-University) zu berichten, „das hat mich schon immer gestört. Der Komponist Wolfgang Rihm, mit dem ich unlängst sprach, fing auch so an. Wir wissen, sagte er, was Musiker tun: Sie spielen Geige oder Klarinette oder sonst ein Instrument. Und wir wissen, was Komponisten tun: Sie schreiben Musik. Aber was machen Musikwissenschaftler?“ Als Musikwissenschaftler von Profession lautet meine Antwort: Sie erklären Musik oder mit Worten des Züricher Ordinarius Laurenz Lütteken: Das „Kerngeschäft“ der Musikwissenschaft ist „die denkende Auseinandersetzung mit dem wunderlichen Phänomen der Musik“. Die Musikhistoriker, -systematiker und -ethnologen erforschen, was das Erklingende in unserer Welt, sofern es von Menschen in irgend einer Weise geformt ist, als Phänomen in allen uns bekannten medialen Ausprägungen ist, und – so zumindest die Historiker dieser Profession - leiten aus dieser Erkenntnis ab, was sie zu sein habe; also, was ihrer Meinung nach „gute“ Musik ist. Im sogenannten „klassischen“ Genre ist es das, was sich als editionswürdig erweist; also letztlich das, was sich im Repertoire behauptet hat. Und in der Pop- und Filmmusik ist es zwangsläufig das, was erfolgreich ist. Wäre es anders, hätte der Musikwissenschaftler ja die ewige gültige Formel für Hits entdeckt, was dieser nachweislich aber nicht hat. (mehr …)
  • Warten auf

    Während ich diese Kolumne schreibe, hänge ich am Rand des Sommerlochs und baumele mit den Beinen schon darin. Bald wird es mich verschlungen haben. Ein rätselhaftes Phänomen, die Welt fährt angeblich ans Meer, als gäbe es nichts Besseres zu tun, als wäre Sommer noch eine Verheißung und keine Drohung.

    Katastrophen rasen auf uns zu. Aber man muss jetzt erst mal abwarten.

    (Der Essay ist im Augustheft 2019, Merkur # 843, erschienen.)

    (mehr …)
  • Afrikanische Philosophie und die Sprachen Afrikas

    Lassen Sie mich damit beginnen, dass ich die Wichtigkeit der Einzelsprache betone, die wir sprechen oder in der wir schreiben, wenn wir philosophieren. Natürlich ist es nicht kontrovers zu sagen, dass wir ohne Sprache oder außerhalb der Sprache nicht denken können, dass also die Sprache in jeder Phase der Konzeption von Ideen und Argumenten bereits mitarbeitet. Wie ist es aber mit dem Verhältnis nicht zwischen der Sprache im Allgemeinen und dem Denken im Allgemeinen, sondern zwischen philosophischem Denken und der einzelnen Sprache, sei es Griechisch, Französisch, Wolof, Kinyarwanda oder Deutsch? Dazu zwei miteinander verbundene Fragen: Gibt es eine für die Philosophie in ausgezeichneter Weise geeignete Sprache? Gibt es Sprachen, die als untauglich für philosophisches Denken zu gelten haben? Als Philosoph aus Afrika ist man mit diesen Fragen konfrontiert, da sie im Zentrum des Problems der »afrikanischen Philosophie« und ihres Bezugs zu Kolonialismus und Dekolonialisierung stehen.

    (Der Essay ist im Augustheft 2019, Merkur # 843, erschienen.)

    (mehr …)
  • Eric Hobsbawm: Ein Kommunist erklärt die Geschichte

    Eric Hobsbawm war Historiker und Kommunist. Als Historiker hatte er große Erfolge. Als er 2012 im Alter von 95 Jahren starb, wurden fast alle seiner Bücher noch aufgelegt, seine Texte waren in mehr als fünfzig Sprachen übersetzt worden, er selbst genoss weltweites Ansehen. Der Historiker Hobsbawm hinterließ ein beeindruckend umfangreiches Werk, darunter vier breit rezipierte Bände, die die Zeit zwischen 1789 und 1991 umspannen, sowie ein Vokabular, das das Studium der modernen Geschichte revolutionierte: die »Erfindung der Tradition«, »primitive Rebellen«, die »allgemeine Krise« des 17. Jahrhunderts, die »Doppelrevolution«, das »lange 19.« und das »kurze 20. Jahrhundert«.

    (Der Essay ist im Augustheft 2019, Merkur # 843, erschienen.)

    (mehr …)
  • (Supra)Nationales Europa

    Im Vorfeld der Europawahl mehrten sich die Stimmen, die einen beherzten Ausbau der Europäischen Union vorschlagen. Ein jüngeres Beispiel dafür ist der offene Brief von Emmanuel Macron an die »Bürgerinnen und Bürger Europas«, in dem er nicht nur eine »europäische Agentur für den Schutz der Demokratie«, sondern auch einen »europaweiten Mindestlohn« fordert. Viele Intellektuelle erhoffen sich darüber hinaus durch die Erweiterung der Rechte des Europaparlaments und die Etablierung transnationaler Wahllisten eine echte Demokratisierung. Dabei orientieren sie sich oftmals an dem Zusammenschluss der US-amerikanischen Republiken im Jahr 1787 und der in Philadelphia ausgehandelten Unionsverfassung.

    (Dieser Essay ist im Augustheft 2019, Merkur # 843, erschienen.)

    (mehr …)
  • Die Tragik des Protestantismus

    Dass die katholische Kirche derzeit einen beispiellosen Vertrauensverlust erleidet, dürften auch diejenigen nicht leugnen, die den selbstgerechten Gestus mancher ihrer Kritiker problematisch finden. Das große öffentliche Interesse, das die nicht enden wollende Debatte über massenhaften Missbrauch auf sich zieht, lenkt die Aufmerksamkeit davon ab, dass auch der Protestantismus weltweit in einer schweren Krise steckt. Diese Krise hat subtilere Gründe, aber tragische Dimensionen.

    (Der Essay ist im Augustheft 2019, Merkur # 843, erschienen.)

    (mehr …)
  • Pain Killer. Über die Opioid-Krise in Nordamerika

    1996 brachte ein Unternehmen namens Purdue Pharmaceutical ein neues opioides Schmerzmittel namens Oxycontin heraus. Bei einem Festakt, der die Markteinführung begleitete, prophezeite Richard Sackler, ein Spross der Besitzerfamilie von Purdue und zugleich Senior Vice President of Sales, dem Medikament einen spektakulären Aufstieg. »Die Einführung von Oxycontin wird einen Blizzard von Verschreibungen auslösen, der unsere Konkurrenz unter sich begraben wird«, sagte Sackler laut einer kürzlich gegen Purdue eingereichten Klage. »Der Verschreibungsblizzard wird stark, dicht und weiß sein …«

    (Der Essay ist im Augustheft 2019, Merkur # 843, erschienen.)

     

    Der Wirkstoff in Oxycontin ist Oxycodon, ein halbsynthetisches Opiat (ein »Opioid»), das erstmals 1916 in Deutschland synthetisiert wurde. Vor dem Start von Oxycontin wurde Oxycodon jahrelang als Schmerzmittel in verschiedenen Tabletten vermarktet, unter anderem als Percocet (mit Paracetamol gemischt), Percodan (mit Aspirin gemischt) und Roxycodon (rein, in Dosen von 15 bis 30 Milligramm). Andere Opiat-Schmerzmittel, wie das hydrocodonbasierte Vicodin, wurden ebenfalls mit Aspirin oder Paracetamol gemischt und niedrigdosiert vertrieben. Diese Pillen machten süchtig, aber ihr geringer Opiat-Gehalt minderte die Gefahr einer Überdosierung. Wenn die Medikamente über lange Zeit eingenommen wurden, schädigten das Paracetamol und das Aspirin die Leber.

    Oxycontin unterschied sich von den genannten Medikamenten. Für einen chemischen Mechanismus, der die Freisetzung des opioiden Wirkstoffs verlangsamt, erhielt es ein Patent: daher das »Contin« in Oxycontin. Purdue entwickelte Oxycontin nicht angesichts eines dringenden gesundheitlichen Bedarfs in der Bevölkerung, sondern weil der Patentschutz für sein rentabelstes Medikament auslief, eine Morphinpille mit zeitverzögerter Wirkung namens MS Contin. In den meisten Ländern gelten pharmazeutische Patente zwanzig Jahre. Sie ermöglichen es den Herstellern, ein Monopol auf ihre Rezeptur zu wahren und den Wettbewerb mit den Herstellern von Generika zu unterbinden. Wenn ein Patent auf ein beliebtes Medikament ausläuft, fällt sein Preis mitunter um 90 Prozent. Um ihre Monopolstellung zu behalten, nehmen Hersteller häufig geringe Anpassungen an bestehenden Medikamenten vor, um sie neu patentieren und vermarkten zu können. Oxycontin war ein solches Nachfolgemedikament.

    »Mir ist warm, und ich fühle mich absolut wohl«

    Oxycontin löst sich allmählich im Verdauungssystem auf und gibt das Oxycodon langsam in den Körper ab. Anstatt alle paar Stunden ein herkömmliches Schmerzmittel wie Vicodin oder Percocet einzunehmen, sollten Patienten nach Herstellerangaben eine dauerhafte Schmerzlinderung schon dadurch erfahren, dass sie morgens und abends jeweils eine Oxycontin-Tablette einnahmen. Die langsame Entfaltung des Wirkstoffs rechtfertigte die Herstellung von Pillen, die Oxycodon in viel höherer Einzeldosis enthielten als je ein Medikament zuvor: zunächst bis zu 80, einige Jahre später bis zu 160 Milligramm.

    »Es war die reinste Droge, der ich je begegnet bin«, schreibt die Künstlerin Nan Goldin in einer Kolumne für Artforum, die ihrer Oxycontin-Sucht gewidmet ist. Goldin bekam das Medikament nach einer Operation. 40 Milligramm habe sie eingenommen, schreibt sie, und sei davon »über Nacht« süchtig geworden. Im Lauf der Zeit steigerte sie ihre Tagesdosis von drei auf achtzehn Tabletten. Auf die Gefühle, die von Morphinderivaten hervorgerufen werden, spricht nicht jeder gleich an. Für Leute, die seine Wirkung mögen, scheint Oxycontin das Höchste zu sein. »Oxycodon bietet das beste High, das ich in meiner langen Karriere als Drogenkonsument je erlebt habe«, beginnt ein Bericht von »RighteousDopeFiend« auf der Online-Drogenenzyklopädie Erowid. Unter Pseudonym beschreibt der Autor, wie es sich anfühlt, wenn er eine 80-Milligramm-Oxycontin-Tablette geschnupft hat: »Die Oxycodon-Erfahrung ist jemandem, der noch nie Opiate genommen hat, schwer zu vermitteln. Ich persönlich habe das Gefühl, plötzlich alles zu besitzen, was ich mir im Leben wünsche, und vor nichts mehr Angst haben zu müssen. Ich bin geistig und emotional völlig mit mir im Reinen. Alle Anspannung löst sich aus meinem Körper, mir ist warm, und ich fühle mich absolut wohl, so als würde ich neben einem lodernden Feuer sitzen, eingehüllt in eine weiche Kaschmirdecke, sanft vor mich hin schaukelnd. Kommunikation ist angenehm, aber nicht nötig. Wer Oxycodon nimmt, braucht keine Mitmenschen. Ich akzeptiere mich und die Welt, wie wir sind, ohne Widerwillen, völlig zustimmend, beinahe (lesen ...)

  • Von Anywheres und Somewheres. Das „Heimatbedürfnis der einfachen Menschen“ ist ein ahistorisches Konstrukt

    Als der Vorsitzende der rechtspopulistischen Alternative für Deutschland seinen ersten Gastbeitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung schrieb, blieb der Protest nicht lange aus. Alexander Gauland hatte darin die Bildung einer »urbanen Elite« beklagt, die er als neue Klasse bezeichnete. Deren Mitglieder wohnten in Großstädten, sprächen fließend Englisch und zögen »zum Jobwechsel von Berlin nach London oder Singapur«, weswegen die Bindung »an ihr jeweiliges Heimatland« schwach sei. Die Historiker Wolfgang Benz und Michael Wolffsohn erkannten kurz nach der Veröffentlichung von Gaulands Text Parallelen zu einer Ansprache, die Adolf Hitler 1933 vor Arbeitern gehalten hatte. Darin hatte der »Führer« gegen »eine kleine wurzellose, internationale Clique« polemisiert, die überall und nirgends zuhause sei und mal in Brüssel, mal in Berlin lebe. Wolffsohn warf dem AfD-Vorsitzenden vor, dieser habe den hitlerschen Topos von der »Clique« zwar zur »globalistische[n] Klasse« aktualisiert, sich im Übrigen aber sinngemäß bei ihm bedient: »Nach dieser Methode wird aus den Städten Berlin, Brüssel, Paris, Prag, Wien oder London, zwischen denen die Internationalen bei Hitler hin und her ziehen, bei Gauland Berlin, London und Singapur.« Es handle sich daher bei Gaulands Rede um »Hitler light». [2. Michael Wolffsohn, »Adolf Hitler light« – Historiker gehen mit Gauland ins Gericht. In: Tagesspiegel vom 9. Oktober 2018; Wolfgang Benz, Wie Alexander Gauland sich an Hitlers Rede anschmiegt. In: Tagesspiegel vom 10. Oktober 2018.]

    (Der Essay ist im Augustheft 2019, Merkur # 843, erschienen.)

     

    Gauland distanzierte sich von diesem Vorwurf auf bereits vielfach erprobte Weise, indem er behauptete, die Rede Hitlers nicht zu kennen – und nutzte damit einmal mehr die Mechanismen von Provokation und halbherzigem Einlenken. Wenig später fiel Lesern des Berliner Tagesspiegel auf, dass Gauland sich offenbar auch großzügig bei einem Essay bedient hatte, den der Blogger Michael Seemann aka mspro dort zwei Jahre zuvor veröffentlicht hatte. Seemann hatte in seinem Text die Kritik an »der globalen Klasse« jedoch keineswegs selbst vertreten, sondern als Topos der Populisten lediglich referiert, um diesen dann zu kritisieren. Man müsse sich in die Rechtspopulisten und Wutbürger »einmal hineinversetzen, muss den Slogans lauschen und ihre Narrative nachvollziehen. Man muss zwar nicht ihre Ängste, aber ihre Parolen ernst nehmen«, hatte Seemann dort geschrieben. [3. Michael Seemann, Eine andere Welt ist möglich – aber als Drohung. Das Bürgertum hat die Deutungshoheit verloren. In: Tagesspiegel vom 25. Oktober 2016.]

    Diesen Slogans, Ängsten und Parolen zu lauschen ermöglicht nun ein Vortrag, den Gauland im Januar 2019 in den Räumlichkeiten eines völkischen Kleinverlags in Sachsen-Anhalt hielt. (Nachzuhören ist er übrigens auf der weltgrößten Online-Videoplattform – was das Internet angeht, scheint Gauland der »Globalismus« nicht zu stören.) Unter dem Titel Populismus und Demokratie wiederholt er darin im Wesentlichen seine bereits aus der FAZ bekannten Thesen, freilich ohne die Kritik an seinem Artikel zu erwähnen. Als Kronzeugen für seine Schelte der urbanen Eliten ruft er diesmal geschickt sowohl die linke Zeitschrift New Statesman als auch den aus einer jüdischen Familie stammenden britischen Journalisten David Goodhart auf. [4. Gauland zitiert hier eine Rezension des Buchs von David Goodhart: Andrew Marr, Anywheres vs Somewheres: the split that made Brexit inevitable. In: New Statesman vom 17. März 2017.] Goodhart hat eine noch weitere politische Wanderung hinter sich als der ehemals migrationsfreundliche Ex-Christdemokrat Gauland. Vor einigen Jahren wurde der langjährige Redakteur der Financial Times und nach eigenen Angaben ehemalige Marxist vom Literaturfestival in Hay ausgeschlossen, auf dem er fünfzehn Jahre lang als Redner präsent war. [5. Vgl. Sam Jones, David Goodhart’s book on immigration earns him snub from Hay festival. In: Guardian vom 27. Mai 2013.](lesen ...)

  • Eurofaschismus – Wer gegen ihn ist, könnte für ihn sein

    An diesem EU-Wahlkampf fiel auf, wie viele abstrakte Unterstützer Europa hat: Fast alle großen Parteien, Redaktionen, Verwaltungen (»Berlin ist vereint, Europa soll es bleiben. Gib Europa deine Stimme!«) und Unternehmen (Bahn, VW, Spotify, Gesamtmetall und fritz-kola) riefen zur Wahl auf, um »den Rechten« (fritz-kola) das Wasser abzugraben. Ganz abgesehen davon, dass die wichtigste EU-Wahl wohl die deutsche Bundestagswahl ist (und vielleicht noch die französische Präsidentenkür), wo sich entscheidet, was der Rat entscheidet, also diesen demokratietheoretisch unschönen Fleck einmal beiseite gelassen und angenommen, es gäbe bei der EU-Parlamentswahl tatsächlich so viel zu bestimmen, wie alle behaupten, ist es doch seltsam, wie selbstverständlich eine Verwandtschaft von Europa und Liberalismus oder gar Emanzipation vorausgesetzt wird. (mehr …)

  • Platon in Therapie

    Platon ist »der größte Kunstfeind, den Europa bisher hervorgebracht hat«. Nietzsches Verdikt aus der Genealogie der Moral ist zu einer Formel für die ebenso vehemente wie allgemeine Ablehnung von Platons Dichterkritik in der Politeia geworden. Man hat Platon eines »empörenden Angriffs auf Dichtung«, einer »systematischen Vergewaltigung der Kunst« und des Versuchs bezichtigt, »Kunst in ein puritanisches Anhängsel einer autoritären Politik oder absolutistischen Metaphysik zu verwandeln». In seiner Ästhetischen Theorie attestierte Adorno ihm »eine banausische Blindheit gegenüber der Idee der Form, die zentral für Kunst ist«. Neben der Zensur, die Sokrates und seine Gesprächspartner der Literatur im Idealstaat verordnen, wirkt Stalins Kulturpolitik geradezu liberal. Fast die gesamte griechische Dichtung, neben dem Epos auch das Drama und große Teile der Lyrik, fällt der platonischen Kritik zum Opfer. Geduldet ist nur Literatur, die im Einklang mit einem metaphysischen Wahrheitsverständnis die Werte eines totalitären Staats propagiert. Die weitgehende Verbannung der Dichter aus dem Idealstaat ist ein wichtiger Grund für den prominenten Platz, den Popper Platon unter den Feinden der offenen Gesellschaft gab.

    (Der Essay ist im Augustheft 2019, Merkur # 843, erschienen.)

     

    Die Ethik der Politeia wird für die meisten heutigen Leser inakzeptabel bleiben – nicht nur Liberale dürfte die Idee einer Standesgesellschaft mit eugenetischem Programm ebenso abschrecken wie die Unterdrückung von Emotionen, die von den Bürgern gefordert wird. Peter Sloterdijks Anleihen bei Platon in Regeln für den Menschenpark (1999) etwa lösten weitflächig Empörung im deutschsprachigen Feuilleton aus. [2. Zu gegenwärtigen Versuchen, den Begriff des Thymos und damit die platonische Seelenlehre fruchtbar zu machen für die politische Analyse, vgl. die Kritik von Gunnar Hindrichs, Thymos. In: Merkur, Nr. 841, Juni 2019. ] Aber die Ästhetik der Politeia ist nicht nur differenzierter, als allgemein angenommen wird, sondern hat wider den Anschein auch heute noch einen systematischen Wert. Im Licht kognitionswissenschaftlicher Ansätze betrachtet, erweist sich Platons Theorie der Mimesis als reich an Einsichten, die in der Ästhetik und Literaturtheorie lange Zeit ignoriert wurden. Man hat versucht, Platon von den gegen ihn erhobenen Anschuldigungen zu entlasten, indem man seinen Idealstaat als ein theoretisches Konstrukt betrachtete, das bewusst fernab von jeglicher Realität angesiedelt ist. Aber es ist gerade die Praxis, die auf verblüffende Weise Platons Verständnis ästhetischer Erfahrung bestätigt. Ein wichtiger Trend in der gegenwärtigen Psychotherapie beruht – ohne ein Bewusstsein dieser intellektuellen Genealogie – auf ganz ähnlichen Annahmen zur kognitiven Dynamik und ethischen Bedeutung ästhetischer Erfahrung. Die Ästhetik »des größten Kunstfeinds, den Europa bisher hervorgebracht hat«, hat sich, so könnte man sagen, in Therapie begeben und wird dort gerade rehabilitiert.

    Werfen wir zuerst einen kurzen Blick auf die beiden Diskussionen über die Dichtung in der Politeia: Sokrates beginnt seinen Staatsentwurf mit der Erziehung der Wächter. Seine Erörterung der Dichtung als pädagogisches Instrument am Ende des zweiten und zu Beginn des dritten Buchs mündet in die Forderung nach einer allgemeinen Zensur: Dichter dürften Götter nur als gut und verantwortlich für Gutes darstellen, aber keinesfalls im Streit miteinander oder bei der Täuschung von Menschen. Die Unterwelt sei nicht als dunkler Ort zu beschreiben, da dies den Bürgern die Bereitschaft nähme, sich für den Staat zu opfern. Um die Selbstbeherrschung der Wächter zu stärken, müssten sowohl heroische als auch göttliche Figuren Trauer, Lust und Lachen kontrollieren. Auch wer die griechische Literatur vor Platon gut kennt, wird Schwierigkeiten haben, Texte zu finden, die diese Zensur überleben und ein Existenzrecht im Idealstaat genießen.

    Nachdem der Entwurf des Idealstaats fertiggestellt ist, kehrt Sokrates am Ende des letzten Buchs noch einmal zur Dichtung zurück und mustert sie erneut vor dem Hintergrund der inzwischen entwickelten Ideenlehre und Einteilung der Seele. Die Geschichten der Dichter seien nur Abbilder der sinnlich wahrnehmbaren Welt, die selbst nur ein Abbild der Ideen sei. Zweifach entfernt von Sein und Wahrheit sei Literatur ontologisch und epistemologisch minderwertig. Außerdem richte sie sich an den niedrigsten, den begehrenden Seelenteil und (lesen ...)