• Popkolumne. Teenage Kicks

    Bruce Springsteen wird siebzig Jahre alt in diesem September. Datiert man den Anfang der Popgeschichte auf das Auftauchen von Elvis Presley, so ist diese etwa im gleichen Alter. Elvis’ berühmter Auftritt in der Ed Sullivan Show, der von etwa 60 Millionen Zuschauern gesehen wurde, fand im September 1956 statt. Springsteen sitzt als Sechsjähriger vor dem Fernsehgerät. Diese Korrelation von Pop- und Lebensgeschichte hat Springsteen immer als eine glückliche Fügung verstanden. Er sei »just at the right time« geboren, betont er an verschiedenen Stellen. In seiner Autobiografie Born to Run (2016) und der bei Netflix zu sehenden Show Springsteen on Broadway erzählt er, wie die Begegnung mit Elvis zum Wendepunkt eines noch jungen Lebens wird. Mit diesem Anblick, mit dieser Musik habe sich nicht nur sein kindlicher Vorstellungshorizont, sondern ganz Amerika verändert. »There was a joyous demand made, a challenge, a way out of this dead-to-life world, this small-town grave with all the people I dearly loved and feared buried in it alongside of me.«1 (mehr …)
  • Die Bewerbung. Eine Kulturtechnik des 19. Jahrhunderts

    Kaum etwas ist uns heute so selbstverständlich wie die Anforderung, Bereitschaft, Erwartung, Fähigkeit, Notwendigkeit und Zumutung, sich zu bewerben. Obwohl es sich bei der Bewerbung offenkundig um eine fundamentale Kulturtechnik der modernen Arbeitsgesellschaft handelt, obwohl also mehr oder weniger alle Angehörigen dieser Gesellschaft über ein bestimmtes Maß an Bewerbungswissen und eine gewisse bewerbungspraktische Geübtheit verfügen (sollen und müssen), wurde ihrer Entstehung bisher kaum Aufmerksamkeit geschenkt. Bestenfalls finden sich hier und da journalistische Erkundungen der »Bewerbungswüste« der jüngsten Zeit. Darin wird das Bild einer absurden »Übergangsindustrie« gezeichnet, in der Gurus und Coaches eine Menge Geld verdienen und die Stellensuche zu einer »komplexen Technik, wenn nicht gar Wissenschaft geworden« ist.  (mehr …)
  • Mission Possible. Die Realität der Apollo 11

    Als vor fünfzig Jahren der erste Mensch den Mond betrat, war dies das Ergebnis einer fast unübersehbaren Vielzahl von Balanceakten. Sie konnten gelingen, weil lange vorher, um 1810, ein gewisser Johann Gottlieb Friedrich Bohnenberger das Gyroskop erfunden hatte. Wie für die Luft- und Raumfahrt im Ganzen kann man auch von der Mondexpedition ohne Erwähnung dieses Balance-Instruments par excellence nicht reden. Ausgehend davon soll es im Weiteren dann selbstverständlich auch um die Bilanz gehen, die immer schon on board ist, wenn man im Englischen von balance spricht: um eine Bilanzierung also des Balanceakts, den die Apollo vollbrachte. Zu beginnen ist aber mit einem Loblied auf die Bohnenberger-Maschine. (mehr …)
  • Farbenspiele. Oder wie eine Metaphysik des Diesseits aussehen könnte

    Farben! Es scheint so viele von ihnen zu geben; manchmal wirbt Computersoftware damit, dass sie eine Million verschiedener Farben darzustellen vermöge, was eine andere Art ist zu sagen: unendlich viele. Und doch ist ihr Umkreis ganz offensichtlich begrenzt. Die reinen Farben lassen sich komplett durch die Übergänge des Regenbogens abdecken, alle Unendlichkeit hat hier bloß im Infinitesimalen statt. Man hat sich darauf geeinigt, dass es sieben Großfarben seien, die sich hier angeben lassen. Ich misstraue dieser Zahl; in meinen Augen fehlt es dem Indigo zwischen Blau und Violett an Dignität, es soll bloß die unschöne Zahl Sechs vermeiden helfen. (mehr …)
  • Was bleibt? Sieben Befunde zur DDR-Literatur

    Der DDR-Literatur-Bleibetest: Wie lesen Studierende in Österreich heute Ankunft im AlltagChrista T. oder Der fremde Freund? Wie lese ich es, mehr als dreißig Jahre nach der ersten Lektüre und auf einem anderen Kontinent lebend, und was lässt sich dazu überhaupt sagen, in einer Vorlesung in Graz, im Sommersemester 2019? Gleicht dieser Gegenstand DDR-Literatur mittlerweile einem Gerät, dessen Gebrauchsweise vergessen ist? Mir wurde einmal ein metallisches, schweres, zangengroßes Ding in die Hand gegeben, das Markierungen, Zahlen, Striche usw. und vier Ausstülpungen aufwies – wie ich es auch drehte, es blieb ein Rätsel. Verhält es sich mit der DDR-Literatur ähnlich? Offenbar nicht. Die Studierenden lesen die Texte durchaus mit einiger Begeisterung, und auch ich bin nicht gelangweilt. Und das ist der erste Befund. (mehr …)
  • Bemerkungen zur jüngsten Kanon-Debatte

    David Lodges Roman Ortswechsel (Changing Places) handelt von einem britisch-amerikanischen Austauschprogramm für Akademiker, an dem zwei Professoren der Literaturwissenschaft teilnehmen. Der Roman erschien 1975 und spielt 1969, dementsprechend häufig wird »groovy« gesagt. Philip Swallow, der von seiner britischen Heimatuniversität an die amerikanische »State University of Euphoria« entsandt worden ist, führt unter seinen dortigen Kolleginnen und Kollegen ein Partyspiel namens »Demütigung« ein. Alle Teilnehmenden nennen reihum ein berühmtes Buch, das sie nur dem Namen nach kennen. Jeder Gast, der es wirklich gelesen hat, bringt einen Punkt. Wer am Ende die meisten Punkte erhält, gewinnt dadurch, dass er sich selbst am besten gedemütigt hat. Eines Abends in Euphoria findet bei einer Party eine Runde »Demütigung« statt. Ein besonders ehrgeiziger und unbeliebter Anglist geht aufs Ganze und wirft Hamlet in die Runde, womit er mühelos das Spiel gewinnt.  Dafür wird ihm eine in Aussicht stehende Verstetigung seiner Stelle an der Universität verwehrt, weil die Nachricht die Runde macht, dass es ihm an Grundkenntnissen seines eigenen Faches fehlt. (mehr …)
  • Der Körper als Feind. Eine Antwort auf die Frage: „Was ist Musik?“

    „Im Allgemeinen werden Musikwissenschaftler ja nicht mit Musik identifiziert“, wusste der 2010 verstorbene Musikwissenschaftler Reinhard Brinkmann (Harvard-University) zu berichten, „das hat mich schon immer gestört. Der Komponist Wolfgang Rihm, mit dem ich unlängst sprach, fing auch so an. Wir wissen, sagte er, was Musiker tun: Sie spielen Geige oder Klarinette oder sonst ein Instrument. Und wir wissen, was Komponisten tun: Sie schreiben Musik. Aber was machen Musikwissenschaftler?“ Als Musikwissenschaftler von Profession lautet meine Antwort: Sie erklären Musik oder mit Worten des Züricher Ordinarius Laurenz Lütteken: Das „Kerngeschäft“ der Musikwissenschaft ist „die denkende Auseinandersetzung mit dem wunderlichen Phänomen der Musik“. Die Musikhistoriker, -systematiker und -ethnologen erforschen, was das Erklingende in unserer Welt, sofern es von Menschen in irgend einer Weise geformt ist, als Phänomen in allen uns bekannten medialen Ausprägungen ist, und – so zumindest die Historiker dieser Profession - leiten aus dieser Erkenntnis ab, was sie zu sein habe; also, was ihrer Meinung nach „gute“ Musik ist. Im sogenannten „klassischen“ Genre ist es das, was sich als editionswürdig erweist; also letztlich das, was sich im Repertoire behauptet hat. Und in der Pop- und Filmmusik ist es zwangsläufig das, was erfolgreich ist. Wäre es anders, hätte der Musikwissenschaftler ja die ewige gültige Formel für Hits entdeckt, was dieser nachweislich aber nicht hat. (mehr …)
  • Warten auf

    Während ich diese Kolumne schreibe, hänge ich am Rand des Sommerlochs und baumele mit den Beinen schon darin. Bald wird es mich verschlungen haben. Ein rätselhaftes Phänomen, die Welt fährt angeblich ans Meer, als gäbe es nichts Besseres zu tun, als wäre Sommer noch eine Verheißung und keine Drohung.

    Katastrophen rasen auf uns zu. Aber man muss jetzt erst mal abwarten.

    (Der Essay ist im Augustheft 2019, Merkur # 843, erschienen.)

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  • Afrikanische Philosophie und die Sprachen Afrikas

    Lassen Sie mich damit beginnen, dass ich die Wichtigkeit der Einzelsprache betone, die wir sprechen oder in der wir schreiben, wenn wir philosophieren. Natürlich ist es nicht kontrovers zu sagen, dass wir ohne Sprache oder außerhalb der Sprache nicht denken können, dass also die Sprache in jeder Phase der Konzeption von Ideen und Argumenten bereits mitarbeitet. Wie ist es aber mit dem Verhältnis nicht zwischen der Sprache im Allgemeinen und dem Denken im Allgemeinen, sondern zwischen philosophischem Denken und der einzelnen Sprache, sei es Griechisch, Französisch, Wolof, Kinyarwanda oder Deutsch? Dazu zwei miteinander verbundene Fragen: Gibt es eine für die Philosophie in ausgezeichneter Weise geeignete Sprache? Gibt es Sprachen, die als untauglich für philosophisches Denken zu gelten haben? Als Philosoph aus Afrika ist man mit diesen Fragen konfrontiert, da sie im Zentrum des Problems der »afrikanischen Philosophie« und ihres Bezugs zu Kolonialismus und Dekolonialisierung stehen.

    (Der Essay ist im Augustheft 2019, Merkur # 843, erschienen.)

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  • Eric Hobsbawm: Ein Kommunist erklärt die Geschichte

    Eric Hobsbawm war Historiker und Kommunist. Als Historiker hatte er große Erfolge. Als er 2012 im Alter von 95 Jahren starb, wurden fast alle seiner Bücher noch aufgelegt, seine Texte waren in mehr als fünfzig Sprachen übersetzt worden, er selbst genoss weltweites Ansehen. Der Historiker Hobsbawm hinterließ ein beeindruckend umfangreiches Werk, darunter vier breit rezipierte Bände, die die Zeit zwischen 1789 und 1991 umspannen, sowie ein Vokabular, das das Studium der modernen Geschichte revolutionierte: die »Erfindung der Tradition«, »primitive Rebellen«, die »allgemeine Krise« des 17. Jahrhunderts, die »Doppelrevolution«, das »lange 19.« und das »kurze 20. Jahrhundert«.

    (Der Essay ist im Augustheft 2019, Merkur # 843, erschienen.)

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