• Notizen zu Thomas Melles „Die Welt im Rücken“

    Die Welt im Rücken ist ein Buch über das Verhältnis eines Menschen zu sich selbst. Ein Buch, in dem einer Ich sagt und Ich meint, also sich meint, aber dieses Ich ist und ist nicht es selbst. Wenn Thomas Melle, geistig gesund, auf sich blickt als den, der er in seinen manischen Phasen ist, und auch in den depressiven, blickt ein anderer zurück. Und die Blicke treffen sich nicht. Der, der zurückblickt, blickt an dem, der schreibt, vorbei; und im Gegenzug und Gegenblick scheint es, als wäre auch der, der hier beschrieben, der hier aus einem anderen Zustand, halb ein Vergessen, halb ein Lieber-Nicht-Wissen-Wollen, zurückgeholt wird, nicht wirklich zu fassen. Oder nicht als wirklich zu fassen. (mehr …)
  • Rückt Berlin näher an Moskau?

    Das war die Frage, die nach dem inoffiziellen Berliner Einstand des künftigen Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker Kirill Petrenko am späten Abend des Mittwoch letzter Woche auf sozialen Medien gestellt wurde. Das Dirigentenpodium war noch nicht kalt, als kurz nach Mitternacht ein gutes Dutzend Twitternutzer mit Namen wie @rotepille, @NationalFragender oder @NetNewsExpress einen Artikel  bei den die neurechte Klientel bedienenden Deutschen Wirtschafts Nachrichten verlinkten. Dort war zu lesen, eine russische Seele erobere die Berliner Philharmoniker. Auf Google steht der Artikel jetzt gleich neben den im Laufe des Donnerstag und Freitag erschienenen Konzertbesprechungen des lokalen und nationalen Feuilletons. (mehr …)
  • In Erz gegossene Gerundien. Monika Rinck beim Internationalen Literaturfestival Berlin

    Ich bewundere die deutsche Lyrikszene aus sicherer Distanz: die Versenkung in jene Sprachverästelungen, an denen sich kaum auf Bäume klettern lässt; das gegenseitige Zuraunen folgenloser Geheimnisse in geschlossenen, schwach beleuchteten Räumen; die Opfergabe höchster Intelligenz an einen Altar ohne Kirche; das Abtasten der Textränder, der Buchstabenbilder, der Tongefälle; die unerschöpfliche Lust am hintersinnigen Zeilen- und Seitensprung. Vor allem bewundere ich die unendliche Natur- und Gerätekenntnis, die aus deutschen Gedichten der Gegenwart spricht. Als ich in meiner Jugend, vergleichsweise spät, begann, mich für Literatur zu interessieren, war mir schnell klar, dass ich niemals ein Dichter werden konnte, da ich die Namen der Blumen nicht kannte. Und später fiel mir auf, dass mir der praktische Sinn für die Hebelwirkungen fehlte, mit denen ein lyrisches Ich Zeile für Zeile eine rätselhafte Kiste ihrer Verschlossenheit beraubte. (mehr …)
  • „Was mache ich jetzt?“ César Aira im Gespräch

    Der argentinische Autor César Aira - der bekanntlich im Jahr 2020 den Literaturnobelpreis erhält - veröffentlicht viel, keiner dürfte den Überblick haben, 80, 90 Titel, vielleicht mehr. Aira ist also produktiv, ohne im landläufigen Sinn ein Vielschreiber zu sein. Drei Seiten am Tag, höchstens, da gibt es in der Weltliteratur ganz andere Kaliber. Aira allerdings schreibt nicht um. Er plottet nicht. Er fängt einfach an und schaut, wohin die Sprache, die Invention, die Fantasie tragen. Seine Bücher sind kurz, jedes für sich ist ein Experiment. Alles ist in ihnen möglich. Sie beugen sich keinen Regeln des Genres, von einem friedlichen Abendessen geht es vielleicht direkt in einen sehr splattrigen Zombie-Roman. Oder das freundliche ältere Paar, das Pizza austrägt, entpuppt sich als kriminell und/oder transgender. Aira liest alles, kreuz und quer, verehrt Kafka, Lautréamont, Borges sowieso, aber auch die Großen der Detektivliteratur. Experimente sind die Bücher nicht zuletzt für ihn selbst. Er lässt die Welt in sie ein und ist als Autor ein durchlässiger Filter. Ein über die Maßen belesener Filter, der aus der Welt in seinen Büchern eine andere macht. Nur von den (auf die eine oder andere Art) gelingenden Experimenten erhält die Leserin durch Veröffentlichung wirklich Kunde. In Deutschland war Aira lange fast unsichtbar. Jetzt hat sich der Verlag Matthes und Seitz an eine Ausgabe wichtiger Werke in deutschen Erstübersetzungen gemacht - die Bibliothek César Aira. In dieser Woche erscheinen der Roman Eine kurze Episode aus dem Leben eines Landschaftsmalers und der Essayband Duchamp in Mexiko. César Aira hat letzte Woche die Rede zur Eröffnung des Internationalen Literaturfestivals Berlin gehalten. Tags darauf haben wir im Garten des Hauses der Berliner Festspiele mit Aira gesprochen. Es ist nicht möglich, die Freundlichkeit und leise Selbstironie des Autors in der schriftlichen Version zu vermitteln. Auf YouTube finden sich ein paar Videogespräche, hier etwa, die den Mann zeigen, mit dem wir sprachen. Wir danken seinem deutschen Verleger Andreas Rötzer dafür, dass er dieses Gespräch möglich gemacht hat. (ek) (mehr …)
  • Wissenskultur punkt jetzt

    "Was heißt und zu welchem Ende schreibt man Populärwissenschaft?", wird sich Michel Serres Mitte der Neunziger gefragt haben. In gewohnt heiterer und ambitionierter Tonlage versammelt der französische Philosoph 1997 in seinem Thesaurus der exakten Wissenschaften Erkenntnisse und Methoden aus den jungen Spezialdisziplinen der Teilchenphysik, der Gentechnik und den Neurowissenschaften unter dem Vorwand, sie auf verständliche Weise darzustellen, ohne ihre immanenten Komplexitäten zu übergehen. Erfordert die lexikalische Form zunächst vor allem Prägnanz und Knappheit im Ausdruck, lässt er sich in einigen Einträgen dennoch zu ganzen Absätzen mit Anekdoten, Beispielen und scheinbar Randständigem hinreißen: Er ist überzeugt, dass Populärwissenschaft erst gelungen ist, wenn sie es schafft, die Verfahren und Bräuche der Wissenschaften in "umgangssprachliche Erzählungen" zu verwandeln. (mehr …)