Notizen zu Thomas Melles „Die Welt im Rücken“

Die Welt im Rücken ist ein Buch über das Verhältnis eines Menschen zu sich selbst. Ein Buch, in dem einer Ich sagt und Ich meint, also sich meint, aber dieses Ich ist und ist nicht es selbst. Wenn Thomas Melle, geistig gesund, auf sich blickt als den, der er in seinen manischen Phasen ist, und auch in den depressiven, blickt ein anderer zurück. Und die Blicke treffen sich nicht. Der, der zurückblickt, blickt an dem, der schreibt, vorbei; und im Gegenzug und Gegenblick scheint es, als wäre auch der, der hier beschrieben, der hier aus einem anderen Zustand, halb ein Vergessen, halb ein Lieber-Nicht-Wissen-Wollen, zurückgeholt wird, nicht wirklich zu fassen. Oder nicht als wirklich zu fassen.

Das Buch ist ein Gewaltakt. Eine Gewalttat gegen sich selbst als Versuch einer Heilung. Heilung heißt Wiedergewinnung eines früheren Zustands, der von der Krankheit nicht infiziert ist. Und Melle weiß, dass diese Heilung unmöglich ist. Er kann eine Grenze sehen, sie behaupten, sie spüren, und natürlich existiert sie, zwischen dem Gesunden, der er jetzt ist, der jetzt schreibt, der dieses Buch verfasst hat, und dem anderen, den anderen, die er auch ist, rettungsweise lässt sich zurecht immerhin sagen: die er war. Die er nicht mehr ist. (Und wenn er ganz großes Glück hat: auch nicht mehr sein wird.) Das Problem mit dem Ich, jedem Ich, meinem auch und deinem, ist jedoch: Es ist voller Geschichten, die man nicht abspalten kann. Oder nur zu sehr hohen Preisen. Der, der man war, ist man – so oder so oder so – eben immer noch auch. Man hat nicht nur die Welt im Rücken, sondern auch das unrettbare Ich.

Das war ich nicht, sagt der Melle, der schreibt. Doch, du warst das, muss er sich sagen. Du hast das getan. Das Recht kann das anders konstruieren, man kann dann Wörter wir „zurechnungsfähig“ verwenden, die Medizin kann das anders konstruieren, dann sagt man „krank“ oder „gesund“. Das Ich, davon zeugt das Buch, kann um diese Grenzen immer nur ringen. Das Buch ringt um diese Grenzen, indem Melle sich darin selbst beschreibt, als den, den das Ich akzeptiert, akzeptieren zu lernen muss. Es wäre so schön, den Blick abwenden zu können. Es wäre ein Traum, das hinzukriegen, was David Graeber als Utopie einer schuld(en)verseuchten Welt als neu zu entdeckende Tradition ins Feld geführt hat: ein Jubilee, das alle Schuld verbrennt und vergisst. Neustart. Die Welt im Rücken ist der Versuch eines Jubilee, nachdem jetzt anders, wenn auch natürlich nicht ganz von vorne, weitergemacht werden kann. Ich – nochmal anders.

Das klingt alles nach Theorie, nach Theorien, mit denen wir, Melle, du und ich, an den Unis „theoretifiziert“ (Melle) worden sind. Aber Melle lebt und schreibt um sein Leben. Das ist kein Spaß. Und er treibt das Buch als Text über sein Leben, als Text, der eingesteht, dass Rettung für dieses Leben in Teilen nur im Text möglich ist, er treibt sich in diesem Buch an eine Grenze. An Grenzen. Grenzen der Selbstkonfrontation. Er will sein Leben zurück, aber das Große, das Größte an diesem großen Buch ist der Verzicht darauf, Kontrolle haben zu wollen. Das ist zu unscharf formuliert. Denn prima facie geht es schon genau darum: Sich in eine Position zurückzuschreiben, die dieses Ich so weit es geht in die Gesellschaft zurück integriert. (Die diesem Ich, das seinen Namen, seine Reputation zertrümmert hat, neuen Kredit gibt.)

Das ist ja die Doppelseite des Wahns: Man fällt nicht nur aus sich heraus, in ein anderes, nie wieder ganz integrierbares Ich, sondern man fällt auch von beiden Seiten aus der Gesellschaft; von der eigenen Seite her, und von der der Gesellschaft. Wie oft stehen die Menschen ratlos, das kennt man als Teil der Gesellschaft: Wie verhält man sich nur zu den Irren; Wegsehen, auf die andere Straßenseite wechseln; oder wenn man nah dran, der Betroffene zu vertraut und verwandt ist, wenn man sich nicht entziehen kann oder weiß, dass man es nicht darf: an Ärzte verweisen, in die Geschlossene bringen. Ein Wunder und ein erstaunliches Glück ist es, dass Thomas Melle Freunde hat, dass ihm Freunde bleiben, dass Menschen da sind, die ihn sich zum Nächsten machen, noch da, wo das, was er tut, offensichtlich jenseits der Grenzen dessen ist, was man erträgt. Er hatte immer auch Menschen im Rücken.

Wir (dieses Wir inkludiert auch den manischen Melle, wenn ich mich recht entsinne) hatten einmal am Rande miteinander zu tun; persönlich kenne ich Thomas Melle nicht. Anders als er Knausgard, glaube ich ihm allerdings jedes Wort. Es liegt vielleicht daran: Man tritt mit diesem Buch bei der Lektüre in ein Vertrauensverhältnis, das nichts Aufgenötigtes hat. Es ist – im Vergleich mit den autobiografischen Pakten, die man zu schließen gelernt hat – doch etwas Besonderes daran. Und das hat mit dem Selbstverhältnis Melles zu Melle zu tun. Er ist ohne Vorwurf: an die Krankheit, den manischen Irren, der ihm das eigene Leben immer wieder verlegt, hintertrieben, zerstört und in Trümmer gelegt hat. Trauer ist das, was dominiert. Nüchtern beschreibt er das andere Ich, trauert um das Leben, das nicht war, nicht sein konnte, nicht werden kann.

Trauer als eine Form der Akzeptanz, frei von Wut, eine Offenheit dafür, sich mit sich, weil es nicht anders geht, zu arrangieren. Keine Versuche, über den Schmerz, die Pein, das Peinliche sich mit der literarischen Potenz, die Melle fraglos besitzt, hinwegzuschreiben. Er schreibt sehr gut, das ist überhaupt nicht die Knausgardsche Strategie sprachlicher Rohheit (die auch eine rhetorische ist, eh klar), aber es gelingt ihm, die Virtuosität nie überschießen zu lassen, obwohl das als Mimikry an den Wahn nahe läge, in anderen Büchern hat er das auch stärker versucht. Hier aber weiß er um die Grenzen dieser Form von Mimikry. Die virtuose Nüchternheit kommt der Sache näher, ist ehrlicher, offener, in ihrer Virtuosität wiederum auch ehrlicher darin, dass die enorme Belesenheit Melles sehr wohl ihren Platz finden kann, das Buch ist voller Zitate, Verweise, grundiert vom Wissen um literarische Texte und um Theorien, in denen Fälle, die dem Melle zum Fall werdenden Melle nicht fern liegen, schon vorgeformt und vorgedacht sind. Der Ehrlichkeit, mit der Die Welt im Rücken einen erschüttert, nimmt das kein Jota. So oder so kommt man aus der Sprache nicht raus. Wie man sich in ihr aber von sich selber nicht wegschreibt, sondern so nahe kommt, wie es unter den vorliegenden schwierigsten Bedingungen nur geht, das führt das Buch vor. Melle hat in einer manischen Phase seine komplette Bibliothek verkauft und verschleudert. Natürlich hat er auch sie noch immer im Rücken. Zum Glück. Er kann schließlich jede Hilfe gebrauchen.


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