Abend der Wunder. Maxim Znak, Maria Kolesnikova und Herta Müller sprechen in Berlin über die Macht von Briefen und Büchern

Am Beginn der Lesung von Zekamerone zählt Katharina Raabe vom Suhrkamp-Verlag die Wunder auf, die an diesem Nachmittag im Gorki-Theater zusammenkommen. Am Anfang stand ein Manuskript, das der belarussische Schriftsteller und Jurist Maxim Znak 2022 mithilfe eines gewöhnlichen Strafgefangenen aus einem Minsker Untersuchungsgefängnis geschmuggelt hatte. 2023 las Hertha Müller im Gorki-Theater die Geschichten aus dem Gefängnis, die inzwischen in einem strahlend orangenen Band in der Edition Suhrkamp erschienen waren. Znak hatte die Nachricht über die Lesung mit der Nobelpreisträgerin noch per Brief in seiner Zelle erreicht, bevor er und die ebenfalls inhaftierte Maria Kolesnikova für mehr als drei Jahre vollständig von der Außenwelt abgeschirmt wurden. Nun sitzen die Musikerin und ihr Anwalt gemeinsam mit Herta Müller auf der Bühne und strahlen.

Ein weiteres Wunder ist, wie die beiden Köpfe der belarussischen Revolution des Jahres 2020 fünf Jahre hinter Gittern nutzten, um ihre innere Haltung als Menschen zu stärken. Sie zerbrachen nicht an der Gewalt des belarussischen Strafsystems, in dem nach der Niederschlagung der Proteste über 1300 politische Gefangene festgehalten wurden. Eine wichtige Rolle spielten dabei Briefe und Bücher. In den Monaten vor der Verbannung in den Strafkarzer erreichten Znak und Kalesnikova noch Tausende Briefe von Anhängern im ganzen Land. Selbst als sie wussten, dass ihre eigenen Briefe nicht mehr zugestellt werden, schrieben sie weiter. Es sei den Wärtern aber nicht gelungen sie einzuschüchtern, erklärt Kolesnikova. Um so wichtiger sei es gewesen, trotzdem jeden Tag zu schreiben, um den Wärtern zu zeigen, wie ungerecht ihre Taten sind.

Angesichts der Monotonie im Gefängnisalltag ist die Bibliothek ein Knotenpunkt. Maxim Znak führte eine Liste über 1.596 gelesene Bände. Zu seinen prägenden Lektüren gehören die NS-Lagerberichte von Viktor Frankl, Schriften von Erich Fromm, die GULag-Literatur von Alexander Solschenizyn sowie Michail Bulgakows Meister und Margarita. Das Neue Testament las Znak mehrfach. Maria Kolesnikova berichtet von überraschenden Lektüren unter den 700 Werken, die sie im Gefängnis las. Selbst das Buch Der Teufel trägt Prada habe ihr geholfen, über ein Leben nachzudenken, in sie keine Uniform tragen muss. Das Buch lenke den Blick auf die Möglichkeit von Schönheit, die außerhalb der Strafkolonie selbstverständlich scheint.

Herta Müller erzählt im Gespräch, wie sie sich in Rumänien vor Verhören des Geheimdienstes aufwendig anzog und schminkte, um ihre eigene Angst nicht zu zeigen. „Man hat schon ein bisschen gesiegt. Ich wollte dem Vernehmer das nicht gönnen.“ Sie erinnert daran, dass Uniformpflicht und das Rasieren zu den Nadelstichen des Systems gehören, mit denen der Mensch seiner Persönlichkeit beraubt werden soll: „Bei uns dienen Gefängnisse der Resozialisierung. In Diktaturen dienen sie der Zerstörung des einzelnen Menschen.“ Maxim Znak erklärt, man müsse zunächst Orwell und Kafka gelesen haben, um das System in Belarus zu verstehen. „Auch bei uns ist vorgesehen, dass das Gefängnis der Resozialisierung dient.“ Deshalb gebe es auch Bibliotheken, doch seien die Bestände nach 2020 analog zu den Rechten der Insassen weiter beschnitten geworden: „Die Bibliothek sieht normal aus, aber der Bibliothekar entscheidet willkürlich, was er an wen ausgibt.“

Maxim Znak erzählt, wie er selbst in der Isolationshaft im Karzer, in dem es nur eine Betonbank gibt, weiter schrieb. Zuvor hatte er seine Gedanken noch auf Papier festhalten können. Insgesamt beschrieb er 5000 Blatt mit Entwürfen für neue Bücher. „All meine neuen Romane, meine neuen Lieder und meine neuen Werke entstanden in der Isolationshaft, in der ich keinen Stift und kein Papier hatte. Wenn man 16 Stunden Zeit hat, kann man schon etwas schaffen.“ Bei der im Dezember 2025 von einem amerikanischen Unterhändler erwirkten Freilassung von über hundert politischen Gefangenen musste er die Manuskripte zurücklassen. Auch Maria Kolesnikova schrieb in Haft zwei Bücher. Beide Entwürfe verblieben in der Hand der Gefängnisverwaltung. Fröhlich lachend erklärt sie, sie plane aus Trotz, statt der beiden zurückgelassenen Bücher vier zu verfassen: „Eines wird von den Protesten 2020 handeln. In einem zweiten möchte ich meine eigenen Entscheidungen erklären.“ Maria Kolesnikova hatte 2020 während der Deportation in die Ukraine ihren Pass zerrissen und verblieb deshalb in Belarus. Seit ihrer Freilassung setzt sie sich für einen engeren Dialog der Europäischen Union mit Alexander Lukaschenka ein, um die verbliebenen 837 politischen Gefangenen zu befreien.

Höhepunkt des Nachmittags ist die Weltpremiere einer neuen Erzählung von Maxim Znak, die im Band Die Kolonisten im Suhrkamp-Verlag erscheinen wird. Herta Müller liest das Portrait, in dem Znak mit wenigen Strichen die Begeisterung eines Eishockey-Fans zeichnet, der von seiner Zelle aus im Dialog mit einem Wärter seiner Sport-Leidenschaft nachgeht. Am Ende greift Znak zur Gitarre und spielt ein Lied, das er im August 2020 in Minsk vor 70.000 Menschen gesungen hatte. Er ruft darin auf, unter allen Umständen Mensch zu bleiben und die Wahrheit zu sagen. Dass im Gorki Theater mitten in Berlin die belarussische Sprache erklingt als wäre das das Selbstverständlichste der Welt, ist auch ein Wunder.