Ekel vor der Einordnung. Björn Höcke bei „Ben ungeskriptet“, Ben Berndt bei „Amann unframed“
Benjamin Berndt gelang Ende April ein medialer Coup. Die viereinhalbstündige Folge seines Podcasts {ungeskriptet} by Ben, im Volksmund: Ben ungeskriptet, in der er dem AfD-Politiker Björn Höcke ein paar Fragen stellt und ihn ansonsten aus seinem Leben erzählen und dabei manchen Scherz, manches Ideologem zum Besten geben lässt, wurde auf YouTube bis heute 5,9 Mio. Mal geklickt, dazu kommen rund 2 Mio. Aufrufe auf Spotify. Doch nicht nur etablierte Zeitungen und alteingesessene Talkshows reagierten schnell, sondern auch eine Frau, die ebenjene gut kennt, sich aber gerade ebenfalls ein wenig freischwimmt: Melanie Amann, ehemalige stellvertretende Chefredakteurin des Spiegel und seit Anfang des Jahres Chefredakteurin Digital der Funke Zentralredaktion. Ihr gelang prompt ihrerseits ein kleiner Coup, als sie zum Auftakt ihres eigenen neuen Podcast-Formats – mit dem nicht nur entfernt an Berndt erinnernden Namen Amann unframed – ein ausführliches Gespräch über das Höcke-Interview führte, und zwar mit dem Skandal-Interviewer selbst.
Der Austausch wurde zur Hälfte bei Ben ungeskriptet und zur anderen bei Amann unframed veröffentlicht. Die Reaktionen auf Amanns Kanälen reichen von Anerkennung bis Ablehnung; die Reaktionen auf Berndts YouTube-Kanal sind im Gros vernichtend. „Wenn ich noch ein mal das Wort ‚Einordnen‘ höre …“, liest man in den Top-Kommentaren (10.589 Likes). Und: „Als mündiger Bürger, würde ich es gern selbst ‚einordnen‘! Danke!“ (12.507 Likes) Und: „Ich brauche keinen ‚Journalisten‘, der mir sagt, was ich denken soll. Ich höre dem Höcke zu, weil ich mir selbst ein Bild machen will.“ (8.755 Likes) Oder: „Ich kann ‚einordnen‘ nicht mehr hören. Das mach ich ganz gerne noch selbst, ohne selbsternannte Moralapostel.“ (6.409 Likes)
Das ist mehr als Ablehnung: Das ist Abscheu. Man hängt sich an der (von Amann in der Tat strapazierten) Vokabel der Einordnung auf und verbindet seinen Ekel direkt mit einer Verteidigung: der Verteidigung des Selbstbilds „als mündiger Bürger“, der seine politische Willensbildung bitte schön in der eigenen Hand behalten will. In der Bundesrepublik Deutschland geht bekanntlich alle Souveränität vom Volke aus, an dieses Bild schließen die Kommentare an. Wo diese nicht beleidigend werden, sollen sie hier auch gar nicht als unverschämt verunglimpft werden: Freilich ist es zu begrüßen, dass man selbst denken will. Und während insbesondere das Fernsehen (von Markus Lanz über Dunja Hayali bis Caren Miosga) mitunter tatsächlich einen recht pädagogischen Eindruck erweckt und während die Bundesregierung zu mehr Leistung und privater Altersvorsorge aufruft, dabei aber selbst die versprochenen Reformen verschleppt, muss sich zwangsweise ein gewisses Gefühl der Ohnmacht einstellen – da ist jedes Vehikel willkommen, um Souveränität zurückzufordern. Das Problem ist nur: Die Medien der Unmittelbarkeit lassen uns an Souveränität gerade einbüßen.
Die Sehnsucht nach Unmittelbarkeit ist keineswegs nur in einem Podcast zu finden, der Wahlkampf für Höcke macht und daran mitverdient – das zeigt sich schon in Amanns eigener Titelwahl. Die inszenierte Rohheit, die als ungeskriptete und rahmenlose, d.h. als ungezähmt-natürliche und damit als von niemandem zu vereinnahmende Authentizität vermarktet wird, trifft den Kern einer so tiefen wie breiten politischen Medienkrise. In ihr wird der Volkswille gegen Institutionen ausgespielt, auf die er angewiesen ist. Denn ohne sie drohen wir einer nur scheinbar ungefilterten Pseudo-Realität aufzusitzen. Bei allen Problemen, die die – sicherlich zu einem guten Teil auch scheinheilige und/oder allzu autoritätsheischende – Mittelbarkeit der etablierten und offen moderierten Medien mit sich bringt: Die Medien der Unmittelbarkeit können hier durchaus als Korrektiv wirken, in ihrer sich längst abzeichnenden Dominanz aber sind sie fatal. Für sich genommen und als bloße Trutzburg gegen die öffentlich-rechtlichen oder gegen sonstige etablierte Medien laden sie zur Entladung von Ressentiments ein. Sonst leisten sie nichts, höchstens noch leisten sie (auch das lässt sich an den Kommentaren unter dem Amann-Video deutlich ablesen) Wahlentscheidungen Vorschub, die reine Gegenwahlen sind. Anders als die Reconquista-Rhetorik auf YouTube und Spotify den Anschein macht, handelt es sich hier gerade um keine souveränen Entscheidungen, sondern um so unsichtbare wie tiefgreifende Vermittlungen einer medialen Infrastruktur der Unmittelbarkeit. Wie funktioniert das? Und wie konnte es dazu kommen?
In seinem jüngst erschienenen Essay Der Fürst und seine Erben hat Peter Sloterdijk für die postdemokratischen Tendenzen unserer Gegenwart die glückliche Formulierung gefunden, mit einer radikal rechten Wahl danke das Volk als Souverän ab. Auf die Medien richtet er sein Interesse dabei nicht (auch wenn er an anderer Stelle gern noch einmal die Gutenberg-Galaxis beschwört), doch lässt sich seine psychologische Begründung der kollektiven Abdankung mit der hier konstatierten politischen Medienkrise verbinden: Das Volk sei, so Sloterdijk, schlicht „seiner politischen Überforderung müde“. Genau hier liegt auch die mediale Krux unserer politischen Gegenwart. Veith Selk hat in seiner Studie Demokratiedämmerung von 2023 unter Rückgriff auf das sog. Sartori-Kriterium, „demzufolge Politik in einer Demokratie auch von Nichtexperten verstanden werden muss“, Kognitionsasymmetrien als eine zentrale Bruchstelle von Demokratien diskutiert. Damit wird niemand als zu dumm und demokratie-unfähig abqualifiziert; vielmehr ist dem Prozess der Demokratisierung eine Tendenz zur Komplexitätssteigerung inhärent, die sich damit beißt, dass wir – zumal in Deutschland und zumal im Jahr 2026 – damit schon recht gut beschäftigt sind, für unseren Lebensunterhalt und für die Volkswirtschaft zu arbeiten (vom Niedergang des Bildungsniveaus, das Selk ausführlich anspricht, zu schweigen).
Auf diese Überforderung ließe sich antworten, indem man sich gleich ganz zurückzieht: indem man ‚unpolitisch‘ lebt und nicht zur Wahl geht. Darin liegt allerdings ein erhebliches Kränkungspotential: Man dankt nicht einmal ab, mit großer Geste, sondern verschwindet schlicht im Exil. Eine attraktive Alternative scheint da die Abwehr der Idee von Überforderung und ihre Umdeutung als ein selbstermächtigendes Sich-Abwenden von öffentlich-rechtlichen und anderen alteingesessenen Medien, was umso leichter fällt, als diese – wie angedeutet – in der Tat einen Hang zur Erziehung und zur arroganten Selbstüberschätzung aufzuweisen scheinen. Auch wenn sie an der politischen Willensbildung natürlich bloß mitwirken sollen (statt sie hierarchisch durchzuführen), ist zumindest der Hang zur Erziehung und ist vielleicht auch ein wenig Arroganz den Medien eingeschrieben. Das quasi-schulische Gefälle lässt sich schwer ganz auflösen, es lässt sich lediglich moderieren – was in Zeiten eines hohen Bildungsniveaus und großer Partizipationsspielräume des souveränen Volkes (das dann Geld, Zeit und Interesse hat, um sich mit der komplexen politischen Wirklichkeit via Medien auseinanderzusetzen) fraglos leichter zu bewerkstelligen wäre.
Demgegenüber ist die Abwehr vermittelnder Medien alter Schule und die Zuwendung zu Kanälen, die die Worte der Politiker:innen ungehindert fließen lassen, eine Selbstbehauptung: Wir haben es im Griff! Und wir wollen nicht belehrt, schon gar nicht umerzogen werden! In den Kommentaren unter Berndts Amann-Video wird zum einen Berndt als Held der Meinungsfreiheit gefeiert. Interessanterweise wird ausgerechnet seine gastfreundliche, geduldig lächelnde Art – wohl auch dank ihrer Kombination mit der politischen Schlagseite seiner Gästeliste und dank seiner Kampfsportvergangenheit, die er mit dem US-amerikanischen Podcaster Joe Rogan teilt – als Freiheitskampf Wallace’schen Ranges wahrgenommen. Zum anderen kommt den Rezipient:innen selbst der Rang von Schöpfer:innen für das Volk zu. Und die Idee, beim Hören von {ungeskriptet} selbst echte und geradezu demiurgische Arbeit zu leisten, wird direkt mit der Abwertung des journalistischen Standes kurzgeschlossen: Journalist:innen, die (wie man einwenden könnte) ihr darstellendes, aber auch einordnendes Handwerk doch gelernt haben, sollen bitte nur darstellen – sie machen in dieser Sichtweise also ständig viel zu viel, sie sind anmaßend.
Das zahlt im politischen Spektrum v.a. auf das Konto der AfD ein, ist sie es doch, die man vom öffentlich-rechtlichen Diskurs gegängelt sieht und der man neue mediale Freiräume gönnt und erstreiten will. Doch der Wunsch nach Unmittelbarkeit durchdringt die gesamte Gegenwartskultur – bis in sehr gebildete und/oder linke Milieus hinein. Dabei mag man den einordnenden Journalismus auch einmal aus anderen Gründen als den genannten durch die Medien der Unmittelbarkeit ersetzen wollen, etwa eher aus Arroganz denn aus abwehrender Selbstbehauptung – und durchaus auch einfach aus der uneingestandenen Lust auf narratives Entertainment (statt auf politische Auseinandersetzung). Ungeachtet der Motivation aber erwächst daraus eine Informationsbringschuld, um das Selbstbild nicht zu gefährden. Je mehr wir daher auf dem Weg zur Arbeit, beim Joggen und beim Wäsche-Waschen – wir haben ja keine Zeit, nutzen diese aber effizient – mitnehmen von den authentischen Ausschnitten der unvermittelten Wirklichkeit, desto besser. Wenn da noch jemand einordnen will, während wir die Wäsche in den Schrank sortieren, ist nicht nur unser Multi-Tasking-Limit erreicht, sondern gleich auch unsere Souveränität angetastet: die politische und die unseres Zeitmanagements. Apropos Zeitmanagement: Wo wir beim Aufsaugen der Informationsflut doch nicht recht hinterherkommen, bekommen wir kurze Clips aus den uferlosen Gesprächen serviert (die neue clip econmy hat – zufällig zeitgleich mit dem Erscheinen des Höcke-Gesprächs – jüngst Charlie Warzel für den Atlantic seziert). Sie gehen nicht nur in aufmerksamkeitsökonomischer Hinsicht aus der Überforderung hervor (und eine Allianz mit dem Kapital ein, wie Warzel nachweist), sondern wirken – rechts wie links wie mittig – in ihrer kurzen, aber wiederum ganz rahmenlosen Ästhetik wie die Welt selbst.
Man konnte das kommen sehen: etwa in den USA, wo die zweite Amtszeit Donald Trumps sicher nicht nur von rechtspopulistischen Podcasts mit knallharter Agenda eingeleitet wurde. Grundsätzlich gutmütige, wenn auch teils etwas krude – vergleichsweise softe, wenn auch durchaus sehr unverantwortliche Podcasts wie die Joe Rogan Experience haben hier ein Wörtchen, besser: sehr, sehr viele Wörtchen mitgeredet. Das haben mit Verspätung auch die Demokraten verstanden und sprechen seither in Formaten wie This Is Gavin Newsom mit allen Möglichen über alles Mögliche. Und auch in Deutschland war der mediale Boden weit vor Berndt oder Amann längst bestellt: Es wird gelabert, was das Zeug hält. Daher bezieht ein ganzes Podcast-Genre seinen pejorativen Namen – doch wer vor den Verlockungen des Laber-Podcasts ganz gefeit ist, werfe die erste Bluetooth-Box.
Nur: Wenn fortwährend Alles gesagt wird, wie es der beliebte unendliche Interview-Podcast der Zeit in jeder seiner gern bei weit über fünf Stunden ins Ziel kommenden Folgen verspricht, wächst die Gefahr, dass am Ende eigentlich eher wenig gesagt wird – sich dazwischen aber einnistet, was besser deutlich zu markieren wäre. Oder, um das verhasste Wort zu gebrauchen: einzuordnen. Bei der Zeit achtet man noch darauf, wo es denn einmal nötig ist (selbst in siebenstündigen Folgen und noch während man sich am ausführlich gelobten Essen gütlich tut). Auch dafür ist die journalistische Ausbildung ja da, die etwa ein Joe Rogan nicht genossen hat. Ihm ist deswegen – genauso wenig wie Ben Berndt – der Mund nicht zu verbieten, und einladen dürfen beide, wen sie wollen. Das kann auch Korrektiv der Etablierten sein, und ja: Rogan und Berndt sind ungleich näher an ihrem Publikum als Markus Lanz an seinem. An ihre Verantwortung zu appellieren und an die – ja: einordnende Funktion der moderierenden Medien zu erinnern, ist in dieser medialen Infrastruktur gleichwohl essenziell. Denn während das weiße Rauschen aus dem Mund unseres Lieblingsschauspielers oder unserer Lieblingssportlerin uns beim Kochen angenehm berieseln kann (oder zu tieferen Einsichten inspirieren: warum denn nicht?), und während auch gegen fest-flauschige Plauderei beim Anbraten von gemischtem Hack wenig einzuwenden ist – davon, dass hier die Einkleidung von Politik ins private Plauschgewand nolens volens vorbereitet wird, vielleicht abgesehen –, wird jenes unmittelbar daherkommende, menschelnde Gesäusel dort zum Problem, wo die schiere Länge, der Modus des Konsums als Hintergrund und Hörgenuss und der Rahmen des Ungerahmten Plaudereien über Rennrad und Remigration ineinanderschieben.
Links und mittig ist man thematisch zwar (noch) nicht bereit, neben Taylor Swift auch launig über Abschiebungen zu sprechen, strukturell aber geht das auch hier in eine ähnliche Richtung. Wenn Heidi Reichinnek (Die Linke) sich Ricarda Lang (Die Grünen) und Rasha Nasr (SPD) in ihren Podcast lädt, wird sich immerhin kürzer – dafür aber „mit Herz“ – ausgetauscht. Derweil sind von der amalgamierenden, unkritischen (das heißt wörtlich: keinen Unterschied machenden) Logik längst nicht nur Podcasts und YouTube-Formate betroffen, sondern auch jede Ausgabe von Caren Miosga am Sonntagabend nach dem Tatort – und damit genau jene alten ‚System-Medien‘, gegen die sich die Fans von Ben Berndt zur Wehr setzen wollen. Christian Lindner stellt man hier reihenweise Fragen zum Jagen (einem seiner Hobbys), und dass Lars Klingbeil gern Gitarre spielt, schreibt Miosgas Redaktion ihr ebenfalls gern ins Skript, um die Atmosphäre vom Skript gerade weg- und zum heimeligen Hotel, das Matze Hielscher seit 2016 als Podcast bewirtet, hinzubewegen. Auch der ungeskriptete Ben Berndt inszeniert sich gern als Gastgeber. Wie er Höcke eingangs mitteilt, sollen die Gäste seinen Podcast stets mit dem Gefühl verlassen: „Das war absolut fantastisch!“ Und auch wir als Konsument:innen fühlen uns doch dort viel mehr zu Gast bei Freunden, wo diese nicht mit anderen Freunden Streit anfangen. Da trifft es sich, dass Miosga politische Härte konsequent wegmassiert (wenn auch ihre kritische Stirnfalte sie von Berndts dauerhaft willkommenheißendem Lächeln hinreichend unterscheidet, um noch das Gegenbild, die unrechtmäßig einordnenden System-Medien, verkörpern zu können).
Das hat für uns den Vorteil, uns halbwegs entspannt (denn dass man sich mit Politik umgibt, ist hart genug) und zu jeder Zeit informieren zu können, um uns dann eine eigene Meinung zu bilden. Dafür müssen die Gäste ausreden dürfen, nur so gelingt unser Zugriff auf ihr Denken – selbst wenn wir gleichzeitig staubsaugen – ohne Filter. Und nur so können wir uns vormachen, dass die Arbeit schon geleistet ist. Nicht nur die Haus- und Erwerbsarbeit, sondern auch die demokratische Arbeit mit der rohen, natürlichen Wirklichkeit. Diese ist bei Berndt freilich ebenso wenig wie bei den Altvorderen zu haben. Auf die mediale Gemachtheit des Effekts von Unmittelbarkeit hat 2024 das auch in Deutschland rezipierte Büchlein Immediacy der amerikanischen Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Anna Kornbluh mit Nachdruck hingewiesen. Die auf die USA fokussierende, epistemologisch grundierte Intervention macht in der Gegenwartskultur einen verschiedenste Medien und v.a. progressive Kunst und Theorie durchdringenden Stil der Unmittelbarkeit aus, der nach Realität, Authentizität und Intimität strebt. Die politischen Talkshows und Podcasts der Gegenwart setzen zwar (etwas) mehr auf (inszenierten) Dialog als die von Kornbluh in der Hauptsache behandelten Ich-Erzählungen, doch lassen auch sie sich hier gut eingliedern. Die Effekte der Kultur der Unmittelbarkeit, so Kornbluh, seien Immersion, das Zurückziehen auf einzelne (Gruppen-)Identitäten und – so der stärkste, allem übergeordnete Vorwurf – ein eklatanter Mangel an (selbst-)kritischer Distanz und Abstraktion. Oder – so ließe sich das auf die Podcasts übertragen, die Deutschland im Frühsommer 2026 unter- und in Atem halten: Einordnung.
Insofern wäre Amann recht zu geben, wenn sie auf Einordnung beharrt und sich der Immediacy so widersetzt. Allerdings ist die ästhetische Verpackung inkonsequent. Dass sie sich in ihrem eigenen (von Funke produzierten) Podcast von aller Rahmung lossagt, schmiegt sich an den Unmittelbarkeitsstil an und zahlt auf jenes Konto ein, auf dem Berndt und Höcke ihr hier ökonomisches, dort politisches Kapital mehren. Sicherlich ist es gut gemeint und wahrscheinlich auch nicht ganz ohne Erfolg, wenn Amann unframed im halb auf Berndts, halb auf ihren eigenen Kanälen veröffentlichten Gespräch einige der Berndt-Hörer:innen für die Medien der Mittelbarkeit zurückzugewinnen sucht. Das Gros der Hörer:innen scheint aber das ungeskriptete Original dem ungerahmten Annäherungsversuch nicht nur vorzuziehen, sondern bekommt entgegen Amanns Hoffnung dank ihr sogar gleich „Lust, mir das Gespräch mit Herrn Höcke nochmal vier Stunden anzusehen“ (4.528 Likes).
Unbestreitbar aber ist, dass sich etwas tun muss: Die Einordnungsrhetorik der als ‚System-Medien‘ Geschmähten lässt die dorthin eingeladenen Rechtspopulisten ohnehin schon erstaunlich sympathisch wirken (Tino Chrupalla hat bei Markus Lanz ja auch viel üben dürfen) und lässt die Anti-Einordnungs-Medien gleichzeitig explodieren. Es wäre allerdings zu fragen, ob ein auf dezidierte Mittelbarkeit und ostentative Distanz setzender Zugang hier nicht ein kontraintuitiver, aber produktiver Ausweg wäre. Wirkt nicht gerade die Miosga-Methode, die Zuschauer:innen durch hölzerne Analogien zwischen Politik und den privaten Hobbies von Politiker:innen bei der Hand zu nehmen, infantilisierend – und ließe sich durch ein Adressieren von Erwachsenen ohne heimelige Hotel-Atmosphäre nicht viel eher signalisieren, dass man die Zuschauer:innen ernst nimmt? Dass man einordnen, aber nicht gleich umerziehen will? Ist die FDP-Kamikaze von 2024 nicht auch ohne Lindners Jagdschein, Klingbeils Koalitionswille 2025 nicht auch ohne seine Gitarre zu verstehen?
Amanns Vermittlung zwischen Vermittlung und rahmenloser Freiheit wiederum leidet an einem inneren Widerspruch, wenn sie unentwegt von Einordnung spricht: Worin oder wohinein ordnet man denn ein, wenn nicht in vorausgesetzten (flexiblen? gern! auszuhandelnden? unbedingt!) Rahmen? Die im Pressetext gar nicht unschlüssig erklärte, aber doch ungeschickte Titelwahl auf den Spuren von {ungeskriptet} wird von den Fans der eingeladenen Gäste denn auch genüsslich aufgegriffen. So heißt es unter dem Video der zweiten Folge Amann unframed – zu Gast ist Harald Martenstein, der die Gelegenheit gleich nutzt, ebenfalls explizit das Volk als Souverän gegen die anmaßenden Medien auszuspielen: „Wie, wirklich WIE kann man diesen Podcast allen Ernstes ‚unframed‘ nennen????“ (1.750 Likes); „Amann unframed …. genau mein Humor“ (1.123 Likes); der Titel sei „die lustigste Satire des Jahres“ (2.130 Likes).
Ein kühles Bestehen auf einer Logik von Kritik statt einer Logik der Einebnung unter dem Deckmantel unvoreingenommener und unmittelbarer Neugier auf alles und jeden ist gleichwohl etwas, das es neben den kaum zurückzunehmenden neuen medialen Infrastrukturen dringend brauchen wird. Und um seine Akzeptanz wird zu kämpfen sein. Vielleicht ließe sich dieses Korrektiv in auch ästhetisch deutlicher vom Unmittelbarkeitsdispositiv abgehobener Gestalt ehrlicher – pardon: vermitteln. Amanns frame-loses Flirten mit der Methode Hielscher/Berndt hat zweifellos das Ziel, sich vom Ruch eines als gleichmacherisches System wahrgenommenen Medienbetriebs freizumachen. Doch wenig überraschend wird das von jenen, die den Demiurgen Berndt feiern, weil er Höcke gütig anlächelt und ihm im Interesse des souveränen Volkes Zeit und Freiraum schafft, als heuchlerisch interpretiert – und als gegen das Interesse des demos gerichtet.
Radikale Mittelbarkeit, bewusst kühle und wenig menschelnde Formate in einer Atmosphäre, die sich von Miosgas Hotel-Lounge unterscheidet: Vielleicht würde das dem Mechanismus ein wenig entgegenwirken, dass in moderierten Formaten jede Einordnung als Umerziehung wahrgenommen wird. Die so erzeugte (selbst-)kritische Distanz könnte uns dann sogar an die Idee erinnern, dass die harte Arbeit, die wir als Volk und also als Souverän verrichten, vielleicht gerade nicht darin besteht, uns permanent und unhinterfragt die rohe Realität in die Ohren fließen zu lassen und von dort direkt zur eigenen Einordnung zu springen. Souverän wäre es, Souveränität abzugeben – wie sollte es anders gehen, wenn wir neben unserem Job als Souverän auch noch einer Erwerbsarbeit nachgehen müssen? Die scheinbar ungeskriptete Beschallung ertragen wir ja nur, weil sie so leicht (v)erträglich ist. Wirkliche Arbeit wäre, das zu erkennen – und dann die Medien für uns arbeiten zu lassen, denn das ist gerade ihre entlastende (und damit demokratische) Funktion.
Der pseudo-souverän zur Schau gestellte Ekel vor der Einordnung führt in die Falle, im Akt der Reconquista der Volkssouveränität eben diese allererst preiszugeben: Die Opposition von geskriptet/ungeskriptet oder framed/unframed ersetzt letztlich die von vielen und teils zu Recht kritisierte Bevormundung durch eine unsichtbare Entmündigung. Die Medien der Mittel- und der Unmittelbarkeit und wir alle, die wir an der Podcast-Rezeption einchecken und glauben, dass wir hier Kunde sind und König bleiben: Wir müssen nun Verantwortung zeigen – und Mut zum Medium. Sonst könnte der stolze Spruch „Das mache ich noch ganz gerne selbst“ zu den letzten Worten werden, die der Volkssouverän unmittelbar vor seiner Abdankung gesprochen haben wird.
Sebastian Brass ist Literatur- und Kulturwissenschaftler und forscht u.a. zu Life Writing, Fiktionstheorie sowie zur Rhetorik literarischer Wertungsgemeinschaften. 2025 erschien seine Dissertation Fakt, Fiktion und Transparenz: Modi autobiographischer Selbstreferenz im 20. und 21. Jahrhundert bei Rombach Wissenschaft
