• „Den Debilen markieren … und dann vielleicht klammheimlich schreiben“. Ein Porträt des Arbeiters und Schriftstellers Wolfgang Hilbig

    .."Kann man Vom Nachteil, geboren zu sein schreiben und nachher einen Literaturpreis dafür annehmen?“ E. Cioran

    Nur vierzehn Gedichte und eine nach Zensureingriffen genehmigte Anthologie durfte der 1941 im thüringischen Meuselwitz geborene Schriftsteller Wolfgang Hilbig in seiner Heimat, der DDR, veröffentlichen. Sein erstes Buch, ein Gedichtband, erschien 1979 in Westdeutschland. Die Emigration dorthin gelang ihm 1985. Da hatte er bereits den für ihn verhängnisvollen Ruf, ein DDR-Autor und Arbeiterdichter zu sein, den er sein Leben lang nicht mehr loswerden sollte. Er selbst zog die Bezeichnung „Arbeiter und Schriftsteller“ vor, denn er war der Meinung, dass sie sein „Doppelleben“ angemessener repräsentierte. Aber das interessierte die west-, dann die gesamtdeutschen Literaturkritiker sowie die preise- und stipendienvergebenden Stellen in der BRD und nach der Wiedervereinigung nicht sonderlich. Um ihre Besprechungen und ihre Juryentscheidungen zu legitimieren, brauchten sie einen „Markenartikel“ (Iris Radisch), was eine Ausdifferenzierung erschwerte. Dass der Markenartikel ein „zu lange DDR-Wein“ trinkender Arbeiter im Arbeiterstaat und ein wie ein Schlot rauchender unkorrumpierbarer Schriftsteller im real existierenden Sozialismus in einem war, passte wie die Faust aufs Auge, hätte der Betroffene vermutlich selber gesagt. Er war in seiner Jugend Boxer. Daher seine Boxernase. (mehr …)
  • Musikwissenschaftsdämmerung. Anmerkungen zu einem unzeitgemäßen Fach

    Frühsommerlich anmutende Apriltage in einem ehemaligen Bonner Gutshof. Die Atmosphäre ist familiär, es gibt Schnittchen aller Art, Obst in bunter Auswahl, selbstgebackenen Kuchen und Spezereien. Internationale Referenten sind angereist, allesamt Doktor(inn)en und Professor(inn)en der Musikwissenschaft, illustre Namen. Ein Symposium für Joseph Woelfl (1773–1812), Klaviervirtuose, Sänger, Komponist, Mozart-Schüler, Sparringpartner im öffentlichen Wettstreit mit Beethoven am Klavier, Komponist mit einigem Erfolg. Nach seinem Tod aus der Musikgeschichte ausgeschieden, vergessen, wie die meisten seiner Zeitgenossen. Ein Kleinmeister. Und dennoch bemüht sich das Musikwissenschaftler-Ehepaar Prof. Dr. Hermann Dechant und Prof. Dr. Margit Haider-Dechant, unbeirrt vom Urteil der Historie sein Werk wieder repertoirefähig zu machen. Sie veranstalten Symposien, veröffentlichen einen Almanach, verwalten ein Woelfl-Haus (Tagungsstätte und Museum), gründeten und leiten eine Woelfl-Gesellschaft, geben eine Gesamtausgabe von dessen Werken im eigenen Verlag heraus, veranstalten Konzerte.

    (Der Essay ist im Juliheft 2019, Merkur # 842, erschienen.)

    (mehr …)
  • Zwischen Gesetz und Urteil gibt es keine Hermeneutik. Oder wie 1912 die traditionellen Auslegungsmethoden ihr Ende fanden

    Aber was weiß so ein Rationalist denn vom wirklichen Leben? Carl Schmitt Auf welche Weise wird entschieden? Das ist die reflexive Frage zum Phänomen des Rechtlichen par excellence: dem Urteil. Was passiert da eigentlich, wie kommt es dazu? Die Antwort auf diesen Fragenkomplex bewegt sich zwischen Bindung und Freiheit, zwischen Gesetz und Souveränität, zwischen Deduktion und Dezision. Fangen wir, um die Aufklärung darüber, worum es geht, auf die Spitze zu treiben, mit einem Ende an, dem Ende der Vorstellung des in der Demokratie üblichen Verfahrensgangs bei der Herstellung von Gesetzen und Urteilen. Reden wir zu Beginn von einer Lage, in der Hermeneutik, Aufklärung und Recht sich in der Defensive befinden, so wie heute im Übrigen auch, wenn etwa bajuwarische Diktate zur Ausbreitung kommen. Reden wir zunächst von 1922, also dem Jahr, in dem Carl Schmitt, eine der zentralen Figuren des politischen, literarischen und wissenschaftlichen 20. Jahrhunderts, einen seither weltberühmt gewordenen Satz aufschrieb: »Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet.«

    (Der Essay ist im Juliheft 2019, Merkur # 842, erschienen.)

    (mehr …)
  • Sommeraktion: Lesen Sie den Merkur gratis in Ihrem Lieblingscafé

    Nach dem großen Anklang im letzten Jahr möchten wir auch diesen Sommer wieder zehn Merkur-Jahresabos an die Lieblingscafés unserer Leserinnen und Leser verschenken. Helfen Sie uns, die schönsten Lese-Cafés zu finden. Schreiben Sie uns in die Kommentare, wo Sie gerne lesen und warum der Merkur da nicht fehlen darf. Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge. (mehr …)
  • „Das Ich ist eine sehr bewegliche Angelegenheit“. Interview mit Eileen Myles

    Am vergangenen Samstag drängelten sich ungefähr 200 Leute bei drückender Hitze in einen fensterlosen und luftarmen Saal der Berliner Akademie der Künste am Hanseatenweg. Die Aufregung war groß, es war unklar, ob man reinkommen würde. Geboten wurde als Teil des Poesiefestivals Berlin ein Gespräch zwischen der Autorin und Übersetzerin Odile Kennel und Eileen Myles. Eine Stunde Poesiegespräch unter saunaartigen Luftverhältnissen nehmen sicher vor allem jene in Kauf, die Myles' Gedichte oder Bücher wie Chelsea Girls, Inferno oder Cool for you kennen. Diese Bücher sind mit „Prosa“ passend, weil an den Rändern fransig beschreiben, als long form poetry gehen sie auch durch. Vor allem aber stammen sie von einer Person, die Genre- und Genderkonventionen gleichermaßen durchbricht. (mehr …)
  • Verfahren in der Gelehrtenrepublik

    Eine der weltweit besten Hochschulen, die Zürcher ETH, will die Situation für den wissenschaftlichen Nachwuchs verbessern. Sie rührt an ein Tabuthema und zieht verantwortliche Professoren zur Rechenschaft. „Fehlverhalten muss Konsequenzen haben“, sagte der Prorektor im Interview mit dem Schweizer Online-Magazin Republik. Das klingt nach einem enormen Erfolg für den wissenschaftlichen Nachwuchs, der in Initiativen und Zusammenschlüssen seit Jahren die prekären Bedingungen kritisiert, die, in den europäischen Ländern auf je unterschiedliche Weise, die Arbeit im Wissenschaftssystem vor der Berufung auf eine Professur bestimmen. (mehr …)
  • Liberale gegen Populisten?

    Es gibt derzeit immer mehr von dem, was man »politische Gesprächsleitfäden« nennen könnte, mit aufmunternden Titeln wie Argumentationstraining gegen Stammtischparolen oder Mit Rechten reden. Das lässt den Verdacht aufkommen, hier würde auf eine substantielle politische Herausforderung durch Rechtspopulisten mit rein diskursiven Strategien – deutlicher gesagt: mit purer PR – reagiert; die eigentlichen Probleme der Bürger hingegen gerieten erst gar nicht in den Blick. Verschärft wird der Vorwurf, wenn man die Gegner des Populismus kurzerhand zu »Liberalen« deklariert und ihnen dann vorwirft, ihre Politik erschöpfe sich im Moralisieren (wobei meistens unklar bleibt, was genau denn ein moralisches Argument von einem »moralisierenden« unterscheidet).

    (Der Essay ist im Juniheft 2019, Merkur # 841, erschienen.)

    (mehr …)
  • Thymos

    I

    Seit einigen Jahren wird ein Begriff der antiken Seelenlehre zur Diagnose unserer Gegenwart gebraucht: »Thymos«. Übersetzbar im Bedeutungsfeld von Mut, Tatkraft, Zorn, dient er zur Erklärung von Willensbekundungen gegen Flüchtlinge, die politische Linke, die Presse oder die Bundeskanzlerin. Auch die Veränderung der politischen Sprache fällt unter die Ausübung des Thymos. Vom »Zorn der freien Rede« sprach ja schon Ernst Moritz Arndt, und bereits bei ihm ging dieser Zorn mit der Missachtung einher, die heute zu beobachten ist. All das entspringt einem Gefühl des Mangels, genannt »thymotische Unterversorgung«. Es gründet in der Auffassung, dass Mut, Tatkraft und Zorn, notwendige Faktoren unserer seelischen Verfassung, im politischen Raum keinen Ort mehr fänden, so dass eine Unterversorgung eingetreten sei, die sich in jenen Phänomenen Luft verschaffe. Die lange Zeit stillgestellten Bürger wehrten sich endlich. So gesunde der Seelenhaushalt – und mit ihm das Gemeinwesen, das seit alters als ein Bild der Seele verstanden werden kann.

    (Der Essay ist im Juniheft 2019, Merkur # 841, erschienen.)

    (mehr …)
  • Griechische Tragödie. Zu Bernd Wittes Studie »Moses und Homer«

    Im August 1794 schreibt Schiller an Goethe, dieser sei ein griechischer Geist. »Wären Sie als ein Grieche, ja nur als ein Italiener geboren worden, wäre Ihr Weg unendlich verkürzt, vielleicht ganz überflüssig gemacht worden.« Nun sei er aber als Deutscher zur Welt gekommen, und es bleibe ihm daher keine Wahl, als »gleichsam von innen heraus und auf einem rationalen Wege ein Griechenland zu gebären«.

    (Der Essay ist im Juniheft 2019, Merkur # 2019, erschienen.)

    (mehr …)
  • Paneuropa, Löberitz. Dankesrede zur Verleihung des Heinrich-Mann-Preises

    Wer über Wegbereiter der europäischen Einigung reden will, hat mit Heinrich Mann leichtes Spiel. Am deutlichsten zeigt sich das in den Essays der zwanziger Jahre. Einsatz für die Aussöhnung mit Frankreich? Check. Europa als Friedensprojekt? Check. Kultureller Austausch als Eckpfeiler internationaler Zusammenarbeit? Check.

    Zudem kannte Heinrich Mann die richtigen Leute. Er stand in Kontakt mit Richard Coudenhove-Kalergi, jenem japanisch-österreichischen Gründer der Paneuropa-Union, dem Historiker längst einen Ehrenplatz in der Vorgeschichte der Europäischen Union zugewiesen haben. (mehr …)