• Just send your cash

    Am Abend des 29. August 2021 fuhr die britische Schauspielerin Helen Mirren in Venedig mit einem Boot zu einer Modenschau von Dolce & Gabbana. Sehr aufrecht stehend, die Hände um eine kleine Handtasche gefaltet, sah sie aus wie eine Kaiserin: Gewandet war sie in ein Abendkleid aus einer D&G-Kollektion von 2017, dessen goldenes Korsett mit Juwelen besetzt und mit Blumen verziert war und wie ein Teil einer Rüstung wirkte. Der überaus ausladende Rock der Robe fiel in weiten Falten und war mit Motiven aus Renaissancegemälden in prächtigen Rahmungen bedruckt. Mirren, zu diesem Zeitpunkt sechsundsiebzig Jahre alt und mindestens an diesem Abend die anziehendste Frau der Erde, war expressiv geschminkt, später am Abend tanzte sie auf dem Markusplatz mit dem Schauspieler Vin Diesel im Regen und entlockte weltweit all jenen einen Seufzer, die Fotos davon zu sehen bekamen. Die Leute vor Ort fielen vermutlich in Ohnmacht. (mehr …)

  • Andere Leben als meines

    Neulich hat sich Franziska von Hardenberg einen Thermomix gekauft. Der Thermomix ist eine Küchenmaschine mit den Funktionen Reiskochen, Andicken, Dampfgaren, Emulgieren, Kneten, Kochen, Mahlen, kontrolliertes Erhitzen, Mixen, Rühren, Schlagen, Vermischen, Wiegen und Zerkleinern zum Startpreis von 1359 Euro. Franziska von Hardenberg ist eine Unternehmerin, die zunächst einen Blumenversand gründete, diesen jedoch 2017 an Fleurop verkaufte. Seit einiger Zeit betreibt sie einen Schmuckversand, der ihren Aussagen nach Frauen dazu ermutigen soll, den daheim ja doch nur herumliegenden Goldschmuck aus der Familienerbmasse nach Entwürfen der Unternehmerin zu neuen Schmuckstücken umarbeiten zu lassen. Für den Preis des günstigsten Rings im Angebot der Seite »The Siss Bliss« erhält man etwas mehr als einen halben Thermomix. (mehr …)

  • Blümchenkleid und Prügelhose

    Wenn man einem Schlag nicht ausweichen kann oder ihn sogar zu Trainingszwecken auffangen will, ist es gut, die Bauchmuskeln anzuspannen. Ein fester Stand kommt aus der Mitte des Körpers, und je nachdem, wie viel Angst man vor dem Auftreffen der behandschuhten Faust auf den eigenen, zum Schutz erhobenen Armen und Fäusten hat, spürt man auch ein Ziehen genau in der Mitte des Bauches, von da aus, wo das Zwerchfell ist. (mehr …)

  • Ich hab‘ da so eine Stelle

    An der Außenseite meines rechten Handballens ist die Haut aufgerissen. Der Spalt, der am tiefsten ist, entzündet sich manchmal, verschließt sich dann durch das Auftragen von verschiedenen Cremes und der nur leicht missbräuchlichen Anwendung von Cortison wieder, diesen Winter aber bleibt er erneut weitgehend offen. Das viele Händewaschen und Desinfizieren spielt dabei natürlich eine Rolle, tatsächlich jedoch erinnere ich mich an das Auftauchen dieser Problemstelle schon im Jahr 2017. Vielleicht sollte ich damit mal zur Hautärztin gehen. Aber nicht jetzt. (mehr …)

  • Neu sein

    n der Türschwelle zum Badezimmer kann man es zum Beispiel genau sehen: Hier war einmal ein kleines Hindernis, das es für gehbehinderte Personen oder solche, die im Rollstuhl sitzen, schwierig oder unmöglich gemacht hätte, ins Bad zu kommen. Die Blende an der Türschwelle ist dementsprechend abgenommen worden, und der Teil, an dem sie fehlt, ist versiegelt. Neben der Toilette befinden sich zwei große Bügel, die beim Abstützen helfen. In dem einen ist auch der Knopf für die Spülung angebracht. Das kannte ich schon, als ich in die Gastwohnung mit diesem Badezimmer einzog, die mir während eines Forschungsaufenthalts gestellt wird. Die Räume sind sehr groß, und man hat überall viel Platz zum Rangieren, ganz unabhängig von der jeweiligen körperlichen Verfassung, ganz unabhängig davon, ob man Hilfsmittel zum Gehen benutzt oder nicht. (mehr …)

  • Crossy Road (Ein Text über Liebe)

    Ich hatte gefragt, ob er lesen wolle, was ich hier über Crossy Road schreiben würde. Nicht unbedingt. Aber wenn du darin vorkommst? Was ich denn schreiben würde, wollte er wissen.

    Der mir zufällig zugewiesene Name bei Crossy Road lautet »Singender Entdecker 48«, und als solcher erziele ich langsame Lernerfolge dabei, durch hektisches Tippen auf den Touchscreen meines Smartphones Spielfiguren dazu zu nötigen, durch eine Landschaft aus Straßen, Flüssen, Wiesen und Eisenbahnschienen zu hopsen. Crossy Road ist ein Videospiel, das man auf ein Smartphone lädt und das davon handelt, dass wir alle irgendwann sterben werden. Ich spiele es seit unserem Urlaub im Sommer, als er sich mit dem Spiel von seiner Flugangst ablenkte und ich wissen wollte, womit. (mehr …)

  • Wenn schon wieder alles gleichzeitig passiert

    In diesem Sommer schwamm ich zum ersten Mal seit mehreren Jahren wieder im Meer, und zum ersten Mal seit Ende 2019 überhaupt wieder. Ich hatte nicht erwartet, es verlernt zu haben, aber ich war schon Wochen vorher voller Vorfreude darauf, meine Arme und Beine gegen den Wasserwiderstand zu bewegen, das warme Wasser so genau wie möglich an jedem verfügbaren Millimeter Haut zu spüren und den Kopf voran unter Wasser in Richtung Unendlichkeit vorzustoßen. Das wäre doch ein gutes Kolumnenthema, dachte ich, ozeanisches Gefühl trifft körperliche Ertüchtigung, trifft einen spezifischen Moment einer seit eineinhalb Jahren andauernden Pandemie. Das Schwimmen war schön genug, wie auch nicht, fern der Heimat glitzert das Meer besonders prächtig. Aber die erhoffte Überwältigung, Endorphinrauschen, Glückstränen: Sie kamen nicht. (mehr …)

  • Hört die Signale

    Auf Alufolie hatte ich nie besonders geachtet. Als ich aber im Sommer 2016 nach mehrmonatiger Abwesenheit nach Berlin-Neukölln zurückkehrte, fiel sie mir auf einmal überall auf. Ich lernte, dass die Unterlage, auf der man Heroin erhitzt, um es zu rauchen oder in eine Spritze zu ziehen, »Blech« heißt und dass Bleche oft aus Alufolie gebaut werden, da sie hitzebeständig und günstig ist. Seitdem ich das wusste, sah ich Alufolie in den U-Bahnhöfen, in den Hauseingängen, in Fahrstühlen.

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  • Frau A. sein

    Im vergangenen Dezember warf ich eine kleine Flasche Handdesinfektionsgel gegen das Fenster der Nachbarin im ersten Stock. Es war spätabends an einem Dienstag. Zuvor hatte ich vergeblich versucht, die Tür des Hauses aufzuschließen, in dem ich während meiner Arbeitswochen in Essen wohne. Seit März 2020 war ich kaum je dort gewesen, sondern saß in meinem Berliner Arbeitszimmer fest. Entgangen war mir so eine Wurfsendung der Hausverwaltung, die darüber informierte, dass das Haustürschloss gewechselt worden sei, um die ehemalige Mieterin aus dem Souterrain daran zu hindern, wieder ins Haus zu gelangen, aus dem sie nach einer Räumungsklage hatte ausziehen müssen.

    In dem Schreiben stand auch, dass man sich insbesondere abends bei jedem Klingeln überlegen solle, ob man öffnen wolle. Wie ich später hörte, war es zu Ruhestörungen durch Frau A. gekommen, und an diesem Abend im Dezember hielten die anderen Hausbewohner, bei denen ich beschämt, aber entschlossen klingelte, mich vermutlich für Frau A. So öffnete niemand, bis die Nachbarin, an deren Fenster ich mein Desinfektionsgelfläschchen geworfen hatte, sich davon überzeugte, wer hier störte. Nachdem ich meine Lage erklärt hatte, ließ sie mich ins Haus.

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  • Neigungsgruppe Zornebock

    Meinen Zornebock habe ich im Alter von ungefähr vier Jahren im Schwarzwald verbrannt. Mit »Zornebock« beschrieb man in der Familie jenen Dämon, der offenbar von mir Besitz ergriff, wenn ich vor lauter Wut ausdauernd und mit aller Kraft schrie, bis ich am ganzen Körper zitterte. Um diese unguten Zustände zu beenden, wurde während eines Schwarzwaldurlaubs der Zornebock im Kachelofen eines Ferienhauses verbrannt, was mir allerdings erst hinterher mitgeteilt wurde. Bei der Verbrennung war ich so unerwünscht wie der Zornebock bei einer Wanderung am Schluchsee. Dies alles weiß ich nur aus Erzählungen. (mehr …)

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