• Auf die Melodie von „A House is Not a Home“ zu singen

    Mit meinen Möbeln habe der Raum aber größer ausgesehen, sagte die Nachmieterin bei der Schlüsselübergabe und lächelte über mein Schlafzimmer wie jemand, dem ein Kleinkind gerade eine Zeichnung überreicht hat, deren Krikelakrak angeblich den Ausflug in den Zoo am letzten Sonntag darstellt. Ich hatte das Bedürfnis, das Zimmer zu verteidigen, das eigentlich nie wirklich meines gewesen war. Es war ja nur gemietet, und für seinen Zuschnitt zu rechtfertigen hätte sich höchstens die Person, die irgendwann entschieden hatte, aus den größeren Räumen eines Altbaus viele kleinere Zimmer zu machen. Mein nunmehr ehemaliges Schlafzimmer sah tatsächlich mickrig und nackt aus. Aber es war besenrein, wie auch die anderen Zimmer, durch die ich eine letzte Runde drehte, bevor ich nach sechzehn Jahren zum letzten Mal die 83 Stufen nach unten in den Innenhof ging. Der Text ist im Juliheft 2021, Merkur # 866, erschienen.) (...)  
  • Thomas Bernhard hat doch Recht

    Im Sommer 2004 betrat ein Freund in dem Moment die Gleise einer Regionalbahnstrecke, als ein Zug kam. Es war sein zweiter Versuch, jetzt nichts mehr dem Zufall zu überlassen, und dieses Mal führte er ihn bis zum Ende aus.

    In jenem Sommer erschien als Lizenzausgabe Thomas Bernhards Roman Der Untergeher, der von der Freundschaft zweier Männer handelt, die im Salzburger Mozarteum gemeinsam mit Glenn Gould studieren und ihr Leben lang ihre Beziehung und ihr Schaffen an ihrem jeweiligen Verhältnis zum unerreichbaren Pianisten Gould messen. »Lange vorausberechneter Selbstmord, dachte ich, kein spontaner Akt von Verzweiflung« ist dem Roman als Motto vorangestellt, dessen einprägsamer »Sagte er, dachte ich«-Drive mich damals so stark in Beschlag nahm, dass ich viel über Bernhard redete und kaum über meinen toten Freund. (mehr …)

  • Der Club ist voll

    Das Video zeigt ein Neujahrskonzert im Festsaal Kreuzberg. Der Entertainer Erobique spielt seinen Song Urlaub in Italien. Seine selbstgedrehte Zigarette ist schon halb aufgeraucht und eher zerfleddert, und er schwitzt, es ist voll, und das Konzert läuft anscheinend schon eine Weile. Die Musik ist elektronisch, biedert sich aber nostalgisch durch Synthie-Sounds an, die man hörte, als Clubs noch Disco hießen. Die Gäste, die in dieser Epoche entweder selbst gerade noch Kinder waren oder diese als die Zeit kennen, in der sich ihre Eltern kennenlernten, sind im Glück: Kindergeburtstag, aber dieses Mal nach 18 Uhr und mit Drogen. (mehr …)

  • Hier müssen Menschen sein

    In der Kriegsgefangenschaft bei den Engländern habe er seinen Geruchssinn verloren. Mein Großvater sei so stark erkältet gewesen – im Winter 1945? Ich weiß es nicht mehr –, dass er in Ermangelung eines Taschentuchs eine leere Konservenbüchse genutzt habe, um sich zu schnäuzen. So lange ich ihn kannte, roch mein Großvater selbst nach CD-Seife, Brisk-Haarcreme und altem Mann. Es war für mich nicht vorstellbar, dass er all diese verschiedenen Düfte, die vor allem als Nachweis von Sauberkeit und Pflege dienten, nicht selbst wahrnehmen konnte.

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  • 2021, dein Gesicht hat Blatternarben

    Bis vor kurzem wusste ich nicht, dass es sich bei Pocken und Blattern um einen Namen für dieselbe Krankheit handelt. Während einer kurzen Wikipedia-Safari rund ums Thema Impfen war ich auf diese allgemein vermutlich gut bekannte Tatsache gestoßen, die unter anderem mit einem Foto aus dem Jahr 1973 bebildert wird, das ein Kind aus Bangladesch zeigt, dessen Gesicht und Oberkörper über und über mit Pusteln bedeckt sind. Pocken alias Blattern gelten seit 1980 als ausgerottet. Der Schock, den das Foto auslöst, geht einher mit der Erleichterung, luftdicht verpackte Vergangenheit zu betrachten. (mehr …)

  • Solidarität heißt Angriff

    Ich finde das Fotografieren von Essen sehr peinlich. Dennoch fotografiere ich in Cafés und Restaurants meine Bestellungen, wenn auch verschämt und so heimlich wie möglich, bevor ich die Bilder dann im Internet der Weltöffentlichkeit präsentiere. Angesichts von Kontaktbeschränkungen und geschlossenen Lokalen fielen in den letzten Monaten alle Hemmungen. Sonntags traf ich mich regelmäßig zum Tortenessen mit einer Freundin bei mir zuhause und knipste drauf los. Bei einer dieser Gelegenheiten arrangierte ich neben den Desserttellern und einer Auswahl von Spielzeugfiguren wie zufällig eine Anthologie, die ich mir erst ein paar Tage zuvor gekauft hatte. Ihr Titel, Die Schwarze Botin. Ästhetik, Polemik, Satire 1976–1980, passte hervorragend zur Farbe der Bekleidung meiner Freundin, und ich erfreute mich an meiner Komposition. (mehr …)

  • Nackt besser aussehen

    Die erste Szene spielt in meiner Küche. Dort stand Pierre am 18. Januar 2020 und erzählte, dass er seine für die kommenden Wochen geplante Konferenzreise nach China absagen werde. Man habe ihn angeschrieben und vom Ausbruch eines neuen Supervirus berichtet, er solle zu Hause bleiben, es sei alles abgesagt. Dann tranken wir Kaffee. (mehr …)

  • Gemischte Gefühle, gemischte Zustände

    Das folgende Gespräch besteht aus drei Akten. Nach einer Tagung über Tagungen im Jahr 2015, die unter anderem in vieler Hinsicht von dem Sozialverhalten handelte, das Menschen auf Tagungen zeigen, fingen wir an, über das nachzudenken, was intern zuerst "die Frauensache" hieß. Die Frauensache entwickelte sich zu einem fortgesetzten Gespräch über Misogynie, vor allem unsere eigene, und wie insbesondere die Nutzung von Twitter dazu führte, dass wir diese internalisierte Misogynie überhaupt als solche bemerkten. Für das Gespräch hilfreich waren viele Personen, die hier größtenteils mit Klarnamen vorkommen, außerdem Skype, Twitter, Telegram, die Audioaufnahmeapp von Kathrin Passigs Handy, unsere "Denkräume"  und Getränke auf der Basis von fermentierter Horngurke. "Fermentierte Horngurke" zu schreiben ist peinlich genug. Die Blödheit in Bezug auf "die Frauensache" ist noch peinlicher. Weil man aber nur aus dokumentierter Blödheit etwas lernen kann, gibt es diesen Text. (mehr …)
  • Bemerkungen zur jüngsten Kanon-Debatte

    David Lodges Roman Ortswechsel (Changing Places) handelt von einem britisch-amerikanischen Austauschprogramm für Akademiker, an dem zwei Professoren der Literaturwissenschaft teilnehmen. Der Roman erschien 1975 und spielt 1969, dementsprechend häufig wird »groovy« gesagt. Philip Swallow, der von seiner britischen Heimatuniversität an die amerikanische »State University of Euphoria« entsandt worden ist, führt unter seinen dortigen Kolleginnen und Kollegen ein Partyspiel namens »Demütigung« ein. Alle Teilnehmenden nennen reihum ein berühmtes Buch, das sie nur dem Namen nach kennen. Jeder Gast, der es wirklich gelesen hat, bringt einen Punkt. Wer am Ende die meisten Punkte erhält, gewinnt dadurch, dass er sich selbst am besten gedemütigt hat. Eines Abends in Euphoria findet bei einer Party eine Runde »Demütigung« statt. Ein besonders ehrgeiziger und unbeliebter Anglist geht aufs Ganze und wirft Hamlet in die Runde, womit er mühelos das Spiel gewinnt.  Dafür wird ihm eine in Aussicht stehende Verstetigung seiner Stelle an der Universität verwehrt, weil die Nachricht die Runde macht, dass es ihm an Grundkenntnissen seines eigenen Faches fehlt. (mehr …)
  • „Das Ich ist eine sehr bewegliche Angelegenheit“. Interview mit Eileen Myles

    Am vergangenen Samstag drängelten sich ungefähr 200 Leute bei drückender Hitze in einen fensterlosen und luftarmen Saal der Berliner Akademie der Künste am Hanseatenweg. Die Aufregung war groß, es war unklar, ob man reinkommen würde. Geboten wurde als Teil des Poesiefestivals Berlin ein Gespräch zwischen der Autorin und Übersetzerin Odile Kennel und Eileen Myles. Eine Stunde Poesiegespräch unter saunaartigen Luftverhältnissen nehmen sicher vor allem jene in Kauf, die Myles' Gedichte oder Bücher wie Chelsea Girls, Inferno oder Cool for you kennen. Diese Bücher sind mit „Prosa“ passend, weil an den Rändern fransig beschreiben, als long form poetry gehen sie auch durch. Vor allem aber stammen sie von einer Person, die Genre- und Genderkonventionen gleichermaßen durchbricht. (mehr …)
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