• Hört die Signale

    Auf Alufolie hatte ich nie besonders geachtet. Als ich aber im Sommer 2016 nach mehrmonatiger Abwesenheit nach Berlin-Neukölln zurückkehrte, fiel sie mir auf einmal überall auf. Ich lernte, dass die Unterlage, auf der man Heroin erhitzt, um es zu rauchen oder in eine Spritze zu ziehen, »Blech« heißt und dass Bleche oft aus Alufolie gebaut werden, da sie hitzebeständig und günstig ist. Seitdem ich das wusste, sah ich Alufolie in den U-Bahnhöfen, in den Hauseingängen, in Fahrstühlen.

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  • Frau A. sein

    Im vergangenen Dezember warf ich eine kleine Flasche Handdesinfektionsgel gegen das Fenster der Nachbarin im ersten Stock. Es war spätabends an einem Dienstag. Zuvor hatte ich vergeblich versucht, die Tür des Hauses aufzuschließen, in dem ich während meiner Arbeitswochen in Essen wohne. Seit März 2020 war ich kaum je dort gewesen, sondern saß in meinem Berliner Arbeitszimmer fest. Entgangen war mir so eine Wurfsendung der Hausverwaltung, die darüber informierte, dass das Haustürschloss gewechselt worden sei, um die ehemalige Mieterin aus dem Souterrain daran zu hindern, wieder ins Haus zu gelangen, aus dem sie nach einer Räumungsklage hatte ausziehen müssen.

    In dem Schreiben stand auch, dass man sich insbesondere abends bei jedem Klingeln überlegen solle, ob man öffnen wolle. Wie ich später hörte, war es zu Ruhestörungen durch Frau A. gekommen, und an diesem Abend im Dezember hielten die anderen Hausbewohner, bei denen ich beschämt, aber entschlossen klingelte, mich vermutlich für Frau A. So öffnete niemand, bis die Nachbarin, an deren Fenster ich mein Desinfektionsgelfläschchen geworfen hatte, sich davon überzeugte, wer hier störte. Nachdem ich meine Lage erklärt hatte, ließ sie mich ins Haus.

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  • Neigungsgruppe Zornebock

    Meinen Zornebock habe ich im Alter von ungefähr vier Jahren im Schwarzwald verbrannt. Mit »Zornebock« beschrieb man in der Familie jenen Dämon, der offenbar von mir Besitz ergriff, wenn ich vor lauter Wut ausdauernd und mit aller Kraft schrie, bis ich am ganzen Körper zitterte. Um diese unguten Zustände zu beenden, wurde während eines Schwarzwaldurlaubs der Zornebock im Kachelofen eines Ferienhauses verbrannt, was mir allerdings erst hinterher mitgeteilt wurde. Bei der Verbrennung war ich so unerwünscht wie der Zornebock bei einer Wanderung am Schluchsee. Dies alles weiß ich nur aus Erzählungen. (mehr …)

  • Auf die Melodie von „A House is Not a Home“ zu singen

    Mit meinen Möbeln habe der Raum aber größer ausgesehen, sagte die Nachmieterin bei der Schlüsselübergabe und lächelte über mein Schlafzimmer wie jemand, dem ein Kleinkind gerade eine Zeichnung überreicht hat, deren Krikelakrak angeblich den Ausflug in den Zoo am letzten Sonntag darstellt. Ich hatte das Bedürfnis, das Zimmer zu verteidigen, das eigentlich nie wirklich meines gewesen war. Es war ja nur gemietet, und für seinen Zuschnitt zu rechtfertigen hätte sich höchstens die Person, die irgendwann entschieden hatte, aus den größeren Räumen eines Altbaus viele kleinere Zimmer zu machen. Mein nunmehr ehemaliges Schlafzimmer sah tatsächlich mickrig und nackt aus. Aber es war besenrein, wie auch die anderen Zimmer, durch die ich eine letzte Runde drehte, bevor ich nach sechzehn Jahren zum letzten Mal die 83 Stufen nach unten in den Innenhof ging. Der Text ist im Juliheft 2021, Merkur # 866, erschienen.) (...)  
  • Thomas Bernhard hat doch Recht

    Im Sommer 2004 betrat ein Freund in dem Moment die Gleise einer Regionalbahnstrecke, als ein Zug kam. Es war sein zweiter Versuch, jetzt nichts mehr dem Zufall zu überlassen, und dieses Mal führte er ihn bis zum Ende aus.

    In jenem Sommer erschien als Lizenzausgabe Thomas Bernhards Roman Der Untergeher, der von der Freundschaft zweier Männer handelt, die im Salzburger Mozarteum gemeinsam mit Glenn Gould studieren und ihr Leben lang ihre Beziehung und ihr Schaffen an ihrem jeweiligen Verhältnis zum unerreichbaren Pianisten Gould messen. »Lange vorausberechneter Selbstmord, dachte ich, kein spontaner Akt von Verzweiflung« ist dem Roman als Motto vorangestellt, dessen einprägsamer »Sagte er, dachte ich«-Drive mich damals so stark in Beschlag nahm, dass ich viel über Bernhard redete und kaum über meinen toten Freund. (mehr …)

  • Der Club ist voll

    Das Video zeigt ein Neujahrskonzert im Festsaal Kreuzberg. Der Entertainer Erobique spielt seinen Song Urlaub in Italien. Seine selbstgedrehte Zigarette ist schon halb aufgeraucht und eher zerfleddert, und er schwitzt, es ist voll, und das Konzert läuft anscheinend schon eine Weile. Die Musik ist elektronisch, biedert sich aber nostalgisch durch Synthie-Sounds an, die man hörte, als Clubs noch Disco hießen. Die Gäste, die in dieser Epoche entweder selbst gerade noch Kinder waren oder diese als die Zeit kennen, in der sich ihre Eltern kennenlernten, sind im Glück: Kindergeburtstag, aber dieses Mal nach 18 Uhr und mit Drogen. (mehr …)

  • Hier müssen Menschen sein

    In der Kriegsgefangenschaft bei den Engländern habe er seinen Geruchssinn verloren. Mein Großvater sei so stark erkältet gewesen – im Winter 1945? Ich weiß es nicht mehr –, dass er in Ermangelung eines Taschentuchs eine leere Konservenbüchse genutzt habe, um sich zu schnäuzen. So lange ich ihn kannte, roch mein Großvater selbst nach CD-Seife, Brisk-Haarcreme und altem Mann. Es war für mich nicht vorstellbar, dass er all diese verschiedenen Düfte, die vor allem als Nachweis von Sauberkeit und Pflege dienten, nicht selbst wahrnehmen konnte.

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  • 2021, dein Gesicht hat Blatternarben

    Bis vor kurzem wusste ich nicht, dass es sich bei Pocken und Blattern um einen Namen für dieselbe Krankheit handelt. Während einer kurzen Wikipedia-Safari rund ums Thema Impfen war ich auf diese allgemein vermutlich gut bekannte Tatsache gestoßen, die unter anderem mit einem Foto aus dem Jahr 1973 bebildert wird, das ein Kind aus Bangladesch zeigt, dessen Gesicht und Oberkörper über und über mit Pusteln bedeckt sind. Pocken alias Blattern gelten seit 1980 als ausgerottet. Der Schock, den das Foto auslöst, geht einher mit der Erleichterung, luftdicht verpackte Vergangenheit zu betrachten. (mehr …)

  • Solidarität heißt Angriff

    Ich finde das Fotografieren von Essen sehr peinlich. Dennoch fotografiere ich in Cafés und Restaurants meine Bestellungen, wenn auch verschämt und so heimlich wie möglich, bevor ich die Bilder dann im Internet der Weltöffentlichkeit präsentiere. Angesichts von Kontaktbeschränkungen und geschlossenen Lokalen fielen in den letzten Monaten alle Hemmungen. Sonntags traf ich mich regelmäßig zum Tortenessen mit einer Freundin bei mir zuhause und knipste drauf los. Bei einer dieser Gelegenheiten arrangierte ich neben den Desserttellern und einer Auswahl von Spielzeugfiguren wie zufällig eine Anthologie, die ich mir erst ein paar Tage zuvor gekauft hatte. Ihr Titel, Die Schwarze Botin. Ästhetik, Polemik, Satire 1976–1980, passte hervorragend zur Farbe der Bekleidung meiner Freundin, und ich erfreute mich an meiner Komposition. (mehr …)

  • Nackt besser aussehen

    Die erste Szene spielt in meiner Küche. Dort stand Pierre am 18. Januar 2020 und erzählte, dass er seine für die kommenden Wochen geplante Konferenzreise nach China absagen werde. Man habe ihn angeschrieben und vom Ausbruch eines neuen Supervirus berichtet, er solle zu Hause bleiben, es sei alles abgesagt. Dann tranken wir Kaffee. (mehr …)

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