• Der Club ist voll

    Das Video zeigt ein Neujahrskonzert im Festsaal Kreuzberg. Der Entertainer Erobique spielt seinen Song Urlaub in Italien. Seine selbstgedrehte Zigarette ist schon halb aufgeraucht und eher zerfleddert, und er schwitzt, es ist voll, und das Konzert läuft anscheinend schon eine Weile. Die Musik ist elektronisch, biedert sich aber nostalgisch durch Synthie-Sounds an, die man hörte, als Clubs noch Disco hießen. Die Gäste, die in dieser Epoche entweder selbst gerade noch Kinder waren oder diese als die Zeit kennen, in der sich ihre Eltern kennenlernten, sind im Glück: Kindergeburtstag, aber dieses Mal nach 18 Uhr und mit Drogen. (mehr …)

  • Hier müssen Menschen sein

    In der Kriegsgefangenschaft bei den Engländern habe er seinen Geruchssinn verloren. Mein Großvater sei so stark erkältet gewesen – im Winter 1945? Ich weiß es nicht mehr –, dass er in Ermangelung eines Taschentuchs eine leere Konservenbüchse genutzt habe, um sich zu schnäuzen. So lange ich ihn kannte, roch mein Großvater selbst nach CD-Seife, Brisk-Haarcreme und altem Mann. Es war für mich nicht vorstellbar, dass er all diese verschiedenen Düfte, die vor allem als Nachweis von Sauberkeit und Pflege dienten, nicht selbst wahrnehmen konnte.

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  • 2021, dein Gesicht hat Blatternarben

    Bis vor kurzem wusste ich nicht, dass es sich bei Pocken und Blattern um einen Namen für dieselbe Krankheit handelt. Während einer kurzen Wikipedia-Safari rund ums Thema Impfen war ich auf diese allgemein vermutlich gut bekannte Tatsache gestoßen, die unter anderem mit einem Foto aus dem Jahr 1973 bebildert wird, das ein Kind aus Bangladesch zeigt, dessen Gesicht und Oberkörper über und über mit Pusteln bedeckt sind. Pocken alias Blattern gelten seit 1980 als ausgerottet. Der Schock, den das Foto auslöst, geht einher mit der Erleichterung, luftdicht verpackte Vergangenheit zu betrachten. (mehr …)

  • Solidarität heißt Angriff

    Ich finde das Fotografieren von Essen sehr peinlich. Dennoch fotografiere ich in Cafés und Restaurants meine Bestellungen, wenn auch verschämt und so heimlich wie möglich, bevor ich die Bilder dann im Internet der Weltöffentlichkeit präsentiere. Angesichts von Kontaktbeschränkungen und geschlossenen Lokalen fielen in den letzten Monaten alle Hemmungen. Sonntags traf ich mich regelmäßig zum Tortenessen mit einer Freundin bei mir zuhause und knipste drauf los. Bei einer dieser Gelegenheiten arrangierte ich neben den Desserttellern und einer Auswahl von Spielzeugfiguren wie zufällig eine Anthologie, die ich mir erst ein paar Tage zuvor gekauft hatte. Ihr Titel, Die Schwarze Botin. Ästhetik, Polemik, Satire 1976–1980, passte hervorragend zur Farbe der Bekleidung meiner Freundin, und ich erfreute mich an meiner Komposition. (mehr …)

  • Nackt besser aussehen

    Die erste Szene spielt in meiner Küche. Dort stand Pierre am 18. Januar 2020 und erzählte, dass er seine für die kommenden Wochen geplante Konferenzreise nach China absagen werde. Man habe ihn angeschrieben und vom Ausbruch eines neuen Supervirus berichtet, er solle zu Hause bleiben, es sei alles abgesagt. Dann tranken wir Kaffee. (mehr …)

  • Gemischte Gefühle, gemischte Zustände

    Das folgende Gespräch besteht aus drei Akten. Nach einer Tagung über Tagungen im Jahr 2015, die unter anderem in vieler Hinsicht von dem Sozialverhalten handelte, das Menschen auf Tagungen zeigen, fingen wir an, über das nachzudenken, was intern zuerst "die Frauensache" hieß. Die Frauensache entwickelte sich zu einem fortgesetzten Gespräch über Misogynie, vor allem unsere eigene, und wie insbesondere die Nutzung von Twitter dazu führte, dass wir diese internalisierte Misogynie überhaupt als solche bemerkten. Für das Gespräch hilfreich waren viele Personen, die hier größtenteils mit Klarnamen vorkommen, außerdem Skype, Twitter, Telegram, die Audioaufnahmeapp von Kathrin Passigs Handy, unsere "Denkräume"  und Getränke auf der Basis von fermentierter Horngurke. "Fermentierte Horngurke" zu schreiben ist peinlich genug. Die Blödheit in Bezug auf "die Frauensache" ist noch peinlicher. Weil man aber nur aus dokumentierter Blödheit etwas lernen kann, gibt es diesen Text. (mehr …)
  • Bemerkungen zur jüngsten Kanon-Debatte

    David Lodges Roman Ortswechsel (Changing Places) handelt von einem britisch-amerikanischen Austauschprogramm für Akademiker, an dem zwei Professoren der Literaturwissenschaft teilnehmen. Der Roman erschien 1975 und spielt 1969, dementsprechend häufig wird »groovy« gesagt. Philip Swallow, der von seiner britischen Heimatuniversität an die amerikanische »State University of Euphoria« entsandt worden ist, führt unter seinen dortigen Kolleginnen und Kollegen ein Partyspiel namens »Demütigung« ein. Alle Teilnehmenden nennen reihum ein berühmtes Buch, das sie nur dem Namen nach kennen. Jeder Gast, der es wirklich gelesen hat, bringt einen Punkt. Wer am Ende die meisten Punkte erhält, gewinnt dadurch, dass er sich selbst am besten gedemütigt hat. Eines Abends in Euphoria findet bei einer Party eine Runde »Demütigung« statt. Ein besonders ehrgeiziger und unbeliebter Anglist geht aufs Ganze und wirft Hamlet in die Runde, womit er mühelos das Spiel gewinnt.  Dafür wird ihm eine in Aussicht stehende Verstetigung seiner Stelle an der Universität verwehrt, weil die Nachricht die Runde macht, dass es ihm an Grundkenntnissen seines eigenen Faches fehlt. (mehr …)
  • „Das Ich ist eine sehr bewegliche Angelegenheit“. Interview mit Eileen Myles

    Am vergangenen Samstag drängelten sich ungefähr 200 Leute bei drückender Hitze in einen fensterlosen und luftarmen Saal der Berliner Akademie der Künste am Hanseatenweg. Die Aufregung war groß, es war unklar, ob man reinkommen würde. Geboten wurde als Teil des Poesiefestivals Berlin ein Gespräch zwischen der Autorin und Übersetzerin Odile Kennel und Eileen Myles. Eine Stunde Poesiegespräch unter saunaartigen Luftverhältnissen nehmen sicher vor allem jene in Kauf, die Myles' Gedichte oder Bücher wie Chelsea Girls, Inferno oder Cool for you kennen. Diese Bücher sind mit „Prosa“ passend, weil an den Rändern fransig beschreiben, als long form poetry gehen sie auch durch. Vor allem aber stammen sie von einer Person, die Genre- und Genderkonventionen gleichermaßen durchbricht. (mehr …)
  • Selbsteinlieferung oder: Vorlass nach Marbach!

    Am 22. Mai 2017 twitterte @nouveaubeton ein Spiegel-Selfie, das ihn (René Weisel, Autor von Theaterstücken, Prosa, vor allem aber trollende Twitter-Persönlichkeit) in einem blauen Pullover mit Rundhalsausschnitt zeigt, aus dem der Kragen eines weißen Hemds hervorlugt. Das Foto wurde in einer Art Flur aufgenommen und mit dem Hinweis versehen: »Wer diesen Pullover findet, schicke ihn bitte ungewaschen nach Marbach.«

    Interessant an diesem Selfie ist zunächst die, wenn auch parodistische, Anerkennung der Institution »Marbach« – gemeint ist natürlich das Deutsche Literaturarchiv (DLA) – als maßgebliche Autorität dafür, ob ein Autor archivwürdig ist, sodann die Persiflage auf deren Zwecksetzung, also das Sammeln und Bewahren von allen möglichen Objekten, die im Zusammenhang mit einem wie immer gearteten literarischen Werk stehen, und schließlich die Frage nach der Selbstdokumentation von Autorinnen und Autoren, die hier im Format des Selfies stattfindet. Selfies finden viele Leute ebenso lächerlich wie die Information, ein Autor (und in der Tat handelt es sich fast ausschließlich um Männer, die bislang einzige Selbsteinlieferin ist Sybille Lewitscharoff) habe seinen Vorlass nach Marbach gegeben.

    Eine entscheidende Ähnlichkeit zwischen Selbsteinlieferung und Selfie liegt im Narzissmus-Vorwurf, mit dem sich sowohl Autorinnen und Autoren von Selfies als auch von Vorlässen auseinandersetzen müssen – das ist zumindest der Gegenstand der Persiflage. Dabei interessiert weniger, ob dieser Vorwurf verfängt (das Selfie normalisiert sich mittlerweile relativ unbehelligt von weiterer Kulturkritik in den Status eines Standardselbstporträts hinein – wenn es ihn nicht schon immer besaß),[2. Zumindest die Standardisierung von Selfie-Posen wird schon von Lev Manovich erforscht (http://selfiecity.net/#selfiexploratory).] als die medienhistorische Pointe, dass man schon Narziss als dem Namensgeber der neurotischen Selbstliebe zu Unrecht vorgeworfen hat, er sei durch das erotische Verhältnis zu sich selbst asozial oder gar todgeweiht. Tatsächlich liebt Narziss ja gar nicht so sehr sich selbst, sondern ein Gerät (um nicht zu sagen: ein Medium) – den Spiegel, zu dem ihm die Wasseroberfläche wird, in der er sich betrachtet.[3. Das hat Marshall McLuhan schon 1964 in Understanding Media (Die magischen Kanäle) so gesehen. Das Kapitel über »Narzißmus als Narkos« trägt den Obertitel »Verliebt in seine Apparate«. McLuhans Narziss entwickelt ein intimes Verhältnis zu seinen Geräten, das dem der Gottesverehrung nicht unähnlich ist und es so erträglich macht, dass Technologie uns selbst zu »Servomechanismen«, also gewissermaßen zu Dienern unser Medien macht. Den Hinweis auf McLuhans Narziss-Interpretation verdanke ich Christiane Lewe.] Wohlwollend betrachtet, könnte der Vorgang einer Selbsteinlieferung darauf hindeuten, dass die Abgabe des eigenen Vorlasses an ein Archiv weniger von der Liebe zur eigenen Person als der zu Arbeitsmaterialien zeugt, mit denen andere vielleicht mehr anfangen können als man selbst.

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  • Schreibszene Frankfurt 1987/2017

    Zu Beginn des Wintersemesters 2016/2017 finde ich im Bibliothekszentrum Geisteswissenschaften der Goethe-Universität Frankfurt durch Zufall ein Buch. Literatur in Frankfurt. Ein Lexikon zum Lesen. Herausgegeben von Peter Hahn mit Fotos von Andreas Pohlmann, erschienen 1987 im athenäum Verlag, 692 Seiten. Von den 692 Seiten bestehen 600 aus Selbstvorstellungen von Autorinnen und Autoren, Büchermachern, Projektemacherinnen, Redakteurinnen usw. Neben den Portraits stehen jeweils eine kurze, selbstverfasste autobiographische Notiz und eine Auswahlbibliographie. Diese Literaturangabe regelt, wer dabei sein kann – im wesentlichen Leute über 30, das scheint auch damals schon die Grenze einer lexikonwerten bibliographischen Existenz zu sein. Aber oberhalb dieser Grenze sind alle dabei, 147 Personen sind „alle“. „Das Problem, wer als Autor zu gelten habe, wurde formal gelöst. Auch – weil es sich niemals anders lösen ließe.“ (S.11). Wer in Frankfurt schreibt (egal was), ist Autor. Auf die doppelseitige Selbstbeschreibung folgt stets ein zweiseitiger Text, Polemik, Lyrik, Essay oder Romanauszug: alles dabei. Nach den Portraits sind noch Aufsätze beigegeben, über die Frankfurter Verlagslandschaft, die Buchmesse, die Poetikvorlesung, den Adorno-Preis usw. Den Schluss des Buches bildet eine Sammlung von anonymen Zitaten von denjenigen, die nicht bereit waren, Teil des Buches zu werden, und ein Transkript eines Telefonats, das Peter Hahn mit Marcel Reich-Ranicki führte, dessen Abneigung gegen das Buch („das überflüssigste Buch“) ebenso groß war wie der Begehr, darin vertreten zu sein. (mehr …)